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"Religion ist mehr als Vertröstung"

Die Vorstellung, dass Modernisierung notwendig zur Säkularisierung führt, ist zusammengebrochen, meint der Soziologe Hans Joas im Furche-Gespräch.

Die Furche: Herr Professor Joas, der große deutsche Soziologe Max Weber, dem Sie als Leiter des "Max-Weber-Kollegs" in Erfurt ja in gewisser Weise verpflichtet sind, gilt als "Vater" des Säkularisierungstheorems, d.h. als "Vater" jener These, dass gesellschaftliche Modernisierung mit einem Niedergang der Religion einhergeht. Nun wird neuerdings allerorten von einer "Wiederkehr der Religion" gesprochen. Hat sich Max Weber also geirrt?

Hans Joas: Ich glaube nicht, dass wir es mit der Wiederkehr eines zuvor gänzlich verschwundenen Phänomens zu tun haben. Vielmehr hat sich die öffentliche Aufmerksamkeit beträchtlich verlagert - und das ist etwas völlig anderes. Es hat weder eine dramatische Zunahme der Kirchenmitgliedszahlen noch der Gottesdienstbesuchszahlen gegeben, die zur Annahme einer Wiederkehr von Religion im Sinne konfessioneller Religion berechtigen. Was wir hingegen feststellen können, ist eine seit dem 11. September 2001 enorm gestiegene Aufmerksamkeit für Religion in der Öffentlichkeit, speziell für die Zusammenhänge von Religion und Politik bzw. von Religion und Gewalt.

Die Furche: Was sind die Gründe dieser neuen Aufmerksamkeit für Religion?

Joas: Zwei Gründe liegen meines Erachtens auf der Hand: Zum einen hat der islamistisch begründete Terrorismus eine höhere Aufmerksamkeit auch für die religiöse Dimension in politischen Konflikten gebracht. Zum anderen hat die Debatte um die Frage einer europäischen Identität zu einer neuen Sensibilisierung beigetragen. Dazu zählt natürlich auch die Frage einer möglichen EU-Mitgliedschaft der Türkei und die Frage eines Gottesbezuges in einer europäischen Verfassung. Tiefer liegen zwei andere Gründe: So erleben wir derzeit den öffentlichen Zusammenbruch der lange Zeit selbstverständlich geltenden Vorstellung, dass Modernisierung notwendig zu Säkularisierung führt.

Wo dies nicht augenscheinlich der Fall war, wie z. B. in den USA, hat man von Ausnahmen oder von bloßen Verzögerungen gesprochen. Diese Auffassung hat in den Sozialwissenschaften sehr viel von ihrer Glaubwürdigkeit verloren. Die Auswirkungen dieser Entwicklung auf das konkrete religiöse Leben sind jedoch offen. Ein versteckter Grund liegt meines Erachtens im, Ende der Postmoderne'. Das heißt, wir erleben das Ende einer intellektuellen Strömung, die propagierte, dass kulturelle Vielfalt als solche bereits etwas, Gutes' darstelle. Gerade in Konfrontation mit überbordender Gewalt und Grausamkeit wird diese These heute in Frage gestellt, indem man erneut nach den Grundlagen unserer Wertvorstellungen fragt.

Die Furche: Bedeutet das also, dass wir in einer "postsäkularen" Gesellschaft leben, von der Jürgen Habermas zuletzt sprach?

Joas: Ich bin äußerst skeptisch gegenüber diesem Begriff. Wenn man ihn benutzt, sagt man damit ja auch zugleich, dass es eine säkulare Gesellschaft gegeben hat - und man unterstellt, dass sich etwas Maßgebliches verändert habe seither. Nur, wann soll dieser Zeitpunkt gewesen sein? Meines Erachtens kann sich der Begriff weder auf eine dramatische Veränderung der Gläubigenzahlen noch auf eine ernsthaft veränderte Stellung der Religion im politischen Bereich stützen.

Überspitzt formuliert könnte man fragen, ob der Begriff nicht gerade von jenen verwendet wird, die nicht zugeben wollen, dass sie sich bisher mit der Säkularisierungsthese getäuscht haben. Ich bin überzeugt, dass wir in Zukunft wesentlich genauer die Religionsentwicklung in jedem Land, in jeder Region betrachten müssen. Allein schon die europäische Religionsentwicklung ist viel zu komplex und differenziert, um über den Kamm einer einzelnen These geschoren zu werden.

Die Furche: Welche Schlüsse könnte die Theologie aus diesen soziologischen Beobachtungen ziehen?

Joas: Die Theologie sollte von der Vorstellung Abstand nehmen, dass es einen "therapeutischen Weg zum Glauben" gebe. Seelsorgerische Arbeit kann niemals so ablaufen, dass ich einen anderen Menschen mit rationalen Argumenten von den Vorteilen oder gar von der Notwendigkeit des Glaubens überzeuge und er dies dann als seinen Glauben bezeichnet.

Was man sich da aneignen würde, bliebe immer eine Art magische Verzerrung des Religiösen, der Glaube bliebe letztlich nur ein Mittel zur Verwirklichung vorgefasster Zwecke - und gerade nicht etwas, was mich einerseits hinreißt und andererseits mir ganz neue Perspektiven eröffnet.

Das ist aber gerade die zentrale Eigenschaft aller Hochreligionen: die Dezentrierung des eigenen bisherigen Wollens auf das Wollen Gottes: "Nicht mein Wille geschehe, sondern der deine".

Die Furche: Das heißt, Glaube und Religion nicht als "Lösungsmodell", sondern als Anstoß zur eigenen Horizonterweiterung?

Joas: Ja, ein Schlüsselbegriff ist für mich der Begriff der Selbsttranszendenz. Wo immer Religion durch vorschnelles Trösten ein solches Selbst-Übersteigen verhindert, verrät sie ihre eigenen Traditionen und trägt zu einer Minderung der Erfahrungsintensität im Leben bei. Glaube ist keine "Kontingenzbewältigungstechnik", er leitet vielmehr dazu an, anders mit Kontingenz umzugehen. Nehmen wir zum Beispiel das Paul Gerhardt-Lied O Haupt voll Blut und Wunden. Darin wird die Erfahrung beschrieben, dass uns in der Todesangst die Tatsache tröstet, dass auch Jesus Christus am Kreuz in Todesangst verfallen ist. Und da frage ich: Wieso soll es mich eigentlich trösten, wenn ich in Todesangst weiß, dass auch andere Menschen unter Todesangst leiden?

Das Potenzial christlicher Religion liegt darin, dass ich nicht bloß vertröstet werde, sondern dass mir der Blick auf Christus am Kreuz zeigt, dass Gott selbst in der Gestalt von Jesus Christus erlebt hat, was ich erlebe: Gottverlassenheit. Ich kann mich also eines Gottes versichern, der sogar für mein Gefühl der Gottverlassenheit vollstes Verständnis hat: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

Darin wird Religion gerade nicht zur Kontingenzbewältigungstechnik, sondern sie bietet einen viel tiefer gehenden Trost: Ich darf mich in meiner Gottverlassenheit von Gott getragen wissen. Im Übrigen ist es eine fatale Fehleinschätzung zu glauben, dass Menschen wegen eines Übermaßes an Leiden gläubig werden - im Gegenteil: Glaube sensibilisiert erst für bestimmtes Leiden und für dessen Wahrnehmung, nämlich für das Leiden des Anderen. Denn Glaube leitet zu einer Wahrnehmungsdezentrierung an.

Die Furche: Hat die neue Aufmerksamkeit für Religion auch mit einer gewissen Faszination für Kirche als "unzeitgemäße" Institution zu tun?

Joas: Natürlich hat die Person Johannes Pauls II. eine ungeheure Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Und das vor allem deshalb, weil er zwei Dinge auf sich vereinte, die in der Katholischen Kirche in der Regel nur sehr selten zusammenkommen: persönliches Charisma und Amtscharisma.

Mit dem körperlichen Verfall kam noch eine Art Leidenscharisma hinzu. Gleichzeitig hat sich in dieser Zeit die Bedeutung der Bildmedien immer mehr erhöht - und es hat sich herausgestellt, dass bestimmte katholische Formen für die Bildmedien optimal geeignet sind. Das irgendwie ja immer noch barocke Ritual scheint sich aufgrund seiner enormen Theatralik gerade gegenüber dem Protestantischen wesentlich besser zur Aufmerksamkeitsgewinnung zu eignen. Dennoch bedeutet erhöhte Aufmerksamkeit und sinnliche Faszination noch nicht ein erhöhtes Maß an inhaltlicher Zustimmung.

Die Furche: Wie könnte die Kirche diese neue Aufmerksamkeit Ihrer Meinung nach am besten nützen? Sollte der Papst beispielsweise - wie mancherorts zu hören ist - sich in die Rolle eines "Sprechers des Westens" begeben?

Joas: Nein, eine solche Rolle wäre fatal! Eine Identifizierung von "Westen" und "Christentum" unterschlägt die globale Vision des Christentums. Das Christentum ist keine westliche Angelegenheit, und in einer Zeit, in der das Christentum vor allem außerhalb Europas und Nordamerikas expandiert, ist die Abwegigkeit dieser Vorstellung umso größer.

Der Papst hat durchaus eine Chance, zum Sprecher aller Christen zu werden - aber gerade wenn er diese Chance ergreifen sollte, dürfte er kein Sprecher des Westens sein, sondern müsste ganz stark die Anliegen der außereuropäischen Welt gerade auch gegenüber den europäischen Christen repräsentieren.

Das Gespräch führte Henning Klingen.

Der Soziologe Hans Joas, der soeben eine Gastprofessur an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien beendet hat, ist Dekan des Max-Weber-Kollegs an der Universität Erfurt. Der 1948 geborene Wissenschafter habilitierte sich 1981 an der Freien Universität Berlin. Nach Gastprofessuren in Tübingen, Chicago, Toronto nahm er einen Ruf an die Universität Erlangen-Nürnberg an. 1990 wurde er Professor an der Freien Universität Berlin. Gastprofessuren in Uppsala, Madison und New York folgten, bevor er 2002 nach Erfurt kam.

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