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Die Welt, stückweise entzaubert

Der kanadische Philosoph Charles Taylor über Säkularisierung und ihre Auswirkungen, Religion als Modethema und die beste Gesellschaft die erfunden werden kann.

Religion und Säkularisierung lautet das Thema, das Charles Taylor im letzten Monat nach Wien brachte. Der Philosoph mit einem besonderen Naheverhältnis zu deutschen Denkern, beschäftigt sich mit der Wiederkehr der Religionen in einer Gesellschaft, die diese schon für obsolet erklärt hatte.

Furche: Nach einer langen Periode der Nicht-Beachtung spielt die Religion in der akademischen Philosophie wieder eine wichtige Rolle. Wie sehen Sie diese Konjunktur?

Charles Taylor: Man könnte von einer Wiederkehr der Religion im universitären Diskurs sprechen. So haben etwa Philosophen wie Jürgen Habermas, Hilary Putnam und Gianni Vattimo auf die Bedeutung der Religion in den letzten Jahren hingewiesen. Es ist heute fast eine Mode geworden, über Religion zu schreiben. Das erklärt sich daraus, dass auch die universitäre Philosophie verschiedenen Modeströmungen unterworfen ist, die alle zehn oder zwanzig Jahre wechseln. Im Gegensatz zur akademischen Welt war die Religion in all den Jahren ein fixer Bestandteil der Gesellschaft. Freilich erfuhr sie eine Bedeutungsverschiebung. Sie präsentiert sich als spiritueller Pluralismus, sowohl im Inneren des Christentums als auch außerhalb. Während vor fünfhundert Jahren die Religion noch einen festen Platz im gesellschaftlichen Gefüge und im Alltag der Menschen hatte, ist sie heute eine Option unter vielen.

Furche: Für Habermas ist die christliche Religion nicht mehr eine Disziplinierungsmethode, „um die heftige Neigung des Menschen zum Wohlergehen zu zähmen“ (Alexis de Tocqueville), sondern die Entfaltung „einer Sensibilität für ein verfehltes Leben und die Deformation entstellter Lebenszusammenhänge“. Können Sie diesen Anspruch nachvollziehen?

Taylor: Für mich birgt die Religion eine Qualität, die in den kapitalistischen Gesellschaften verloren gegangen ist; nämlich die Liebe zum Menschen, so wie er ist. Diese Solidarität mit dem schwachen Menschen ist speziell in der gegenwärtigen Situation, die von „neuer Armut“ und gnadenloser Härte gegenüber Asylanten geprägt ist – ein besonderer Vorteil der Religion. Sie entfaltet einige Einsichten in die Moral, die noch nicht in eine säkulare Sprache übersetzt sind. Eine ähnliche Funktion hat die Religion gegenüber den Biowissenschaften wie der Gentechnik oder dem Klonen von Lebewesen. Der Widerstand gegen diese Technik, den Menschen neu zu schaffen, kommt hauptsächlich von religiöser Seite.

Furche: Der amerikanische Philosoph Hilary Putnam unterschied ein „Diktiermodell“ der Religion, das dem Fundamentalismus entspricht, und einem „Partnerschaftsmodell“. Können Sie dieser Unterscheidung etwas abgewinnen?

Taylor: Ich sehe diese Problematik ähnlich wie Putnam. Im Westen passt das Diktiermodell nicht mehr, während dieses autoritäre Modell, das keine Toleranz zulässt, im Islam häufig anzutreffen ist. Aber auch im Hinduismus findet man das Diktiermodell, allerdings in zwei Ausformungen: Auf der einen Seite der theologische Fundamentalismus, der strikte Regeln aufstellt und das Leben der Menschen totalitär bestimmt. Auf der anderen Seite der kulturelle Nationalismus der hinduistischen Bharatiya Janata Party (BJP) mit ihrem Konzept der Hindutva, das Indien nach rein hinduistischen Prinzipien organisieren möchte und andere Religionen kategorisch ausschließt.

Hier zeigt sich deutlich der Unterschied zwischen Diktiermodell und Partnerschaftsmodell. Das erste Modell bedient sich gewalttätiger Methoden und predigt Hass und Intoleranz; für das zweite steht Gandhi – wohl der frömmste Hindu, der paradoxerweise dem Attentat eines Fundamentalisten zum Opfer fiel.

Furche: Die europäische Säkularisierung, also der Ablösungsprozess von der christlichen Religion, ist das Thema eines umfangreichen Buches, das im Oktober im Suhrkamp Verlag unter dem Titel „Ein säkulares Zeitalter“ erscheinen soll. Wie lautet der Grundgedanke des Buches?

Taylor: Wenn wir von der Gegenwart als einem „säkularen Zeitalter“ sprechen, ist das mit der Vorstellung eines Ablösungsprozesses der christlichen Religion verbunden. Der von der Religion geprägte Wertekanon, der Jahrhunderte gültig war, verlor an Bedeutung. Ich spreche daher von einer Subtraktionstheorie, von einer Geschichte, „in der der Unglaube nach dem Verlust des Glaubens kam“. Es ist klar, dass der Prozess der Säkularisierung die Sichtweise auf den Menschen veränderte. Die Idee war, dass es dem Menschen nach dem Verschwinden der Religion erst möglich war, sein Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten, also authentisch zu leben. Die Reaktion darauf war ambivalent: Einerseits empfand man diesen Prozess als Befreiung und als einzigartige Möglichkeit, sich von den Ketten der religiösen Dogmatismen zu befreien, andererseits beklagte man den Verlust der religiösen Werte und befürchtete den Zustand einer allgemeinen sittlichen Anarchie; der Mantel der Religion verdeckte Chaos, Sünde und Zerstörung. Ich bin gegen die Subtraktionstheorie. Die Vorstellung, dass die Menschen, die authentisch leben wollten, dies aber nicht konnten, weil es die Kirche nicht erlaubte, ist ein Unsinn, eine grobe Vereinfachung.

Furche: Sie beschreiben die Säkularisierung als einen vielschichtigen Prozess, der nicht telelogisch darauf aus war, die religiöse Welt zu entzaubern. Könnten Sie einige Segmente dieser komplexen Entwicklung skizzieren?

Taylor: Es gibt zwei Formen der Entzauberung. Die erste betrifft rituelle Praktiken, die die Welt auf eine magische Weise interpretieren, dass zum Beispiel der Blitz von geistigen Kräften gesteuert wird. Die Entzauberung dieser magischen Welt hat die christliche Religion geleistet, sowohl von katholischer als auch protestantischer Seite. Später kam noch der Versuch hinzu, den Menschen zu einem disziplinierten Wesen zu machen, das noch dazu wirtschaftlich erfolgreich ist. Max Weber hat diese Entwicklung der Herausbildung der protestantischen Ethik, die durch die Reformation erfolgte, gut beschrieben. Die Reformation hat die Welt endgültig entzaubert. Der disziplinierte Unternehmer, der immerzu spart, war das Ergebnis der Entwicklung, einen ganz neuen Menschentypus zu formen, und das hat der verzauberten Welt den Todesstoß versetzt. (Vgl. dazu Seite 24 dieser FURCHE, Anm. Der Redaktion)

Furche: Ein weiterer Abschnitt der Säkularisierung war laut Ihren Ausführungen der Deismus. Welche Rolle spielte diese Theorie?

Taylor: Eine wichtige Etappe der Säkularisierung ist die Konzeption einer Ordnung, die der göttlichen Vorsehung folgte, ohne dass Gott notwendigerweise in den Lauf der Welt eingreift. Gott wird bloß für die Erschaffung der Welt verantwortlich gemacht, um dann nicht mehr aufzutauchen. Gott fungiert gleichsam als Architekt sowohl der kosmischen als auch der gesellschaftlichen Ordnung.

Furche: Was sind die wesentlichen Elemente, die die gegenwärtige säkulare Epoche bestimmen?

Taylor: Für mich bedeutet Säkularisierung die Gleichberechtigung von verschiedenen Lebens- und Glaubensformen. Das schließt natürlich aus, dass eine Religion die Oberhand über die Gesellschaft hat; es ist aber auch gewährleistet, dass nicht eine säkular-laizistische Philosophie an die Macht kommt, die die Religion ausschließt. Eine Gesellschaft, die sich bereit erklärt, diese Gleichberechtigung anzuerkennen, wäre der wahre Zweck der Säkularisierung. Solch eine Gesellschaft wäre vielleicht eine der besten, die jemals in der Geschichte der Menschheit erfunden wurde.

* Das Gespräch führte Nikolaus Halmer

Quellen des Selbst

Die Entstehung der neuzeitlichen Identität, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1999, 912 Seiten, kt., e 20.60

Ein säkulares Zeitalter

Suhrkamp Verlag Frankfurt a. M., September 2009, 1100 Seiten, geb., e 70,–

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