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Kultivierter DISKURS

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Was Säkularisierung bedeuten kann. - Vier Vorschläge zu einer produktiven Auseinandersetzung in der "postsäkularen Gesellschaft".

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Was Säkularisierung bedeuten kann. - Vier Vorschläge zu einer produktiven Auseinandersetzung in der "postsäkularen Gesellschaft".

Bis in die 1960er-Jahre schien die Sache klar: Modernisierung führt notwendiger Weise zu Säkularisierung im Sinne von Religionsverlust; Religion ist eine Illusion und Aberglaube, der durch Wissenschaft, Aufklärung und naturalistische Weltbilder verdrängt werden wird; die Entwicklungen in Europa zeichnen den Weg für den Rest der Welt vor. Thesen dieser Art sind seit einem Aufsatz von Jeffrey K. Hadden (1987) in der Religionssoziologie umstritten. Viele sprechen von einer weltweiten resurgence of religion (Wiederkehr der Religion) und verweisen auf Phänomene wie fundamentalistische Strömungen oder neue Formen der Religiosität oder religiöser Innerlichkeit, die mit Innerweltlichkeit oft Hand in Hand gehen. Jürgen Habermas verwendet den Begriff der "postsäkularen Gesellschaft". Er meint damit, dass Massenimmigration, die Rückkehr der Religionsgemeinschaften in die Öffentlichkeit und weltweite Konflikte, die medial als religiöse dargestellt werden, "der Mehrheit der europäischen Bürger die Relativität der eigenen säkularen Bewusstseinslage im Weltmaßstab vor Augen führen" ("Die Dialektik der Säkularisierung", Blätter für deutsche und internationale Politik 4/2008).

Was Säkularisierung bedeuten kann

Säkularisierung kann vieles bedeuten. Ihre Kernbedeutung ist die funktionale Differenzierung von religiöser und säkularer Sphäre, die landläufige "Trennung von Kirche und Staat, von Religion und Politik". Davon sind - zweitens - der Verlust der Religion und - drittens - die Privatisierung von Religion zu unterscheiden. Der Soziologe José Casanova betonte, dass Modernisierungsprozesse oft mit weitgehendem Funktionsverlust und der Individualisierung der Religionen einhergehen, nicht aber notwendigerweise mit einem Bedeutungsverlust des Religiösen.

Konflikte innerhalb der europäischen pluralistischen und "postsäkularen" Gesellschaften sind vorprogrammiert: etwa zwischen Traditionalisten, Multikulturalisten, "Aufklärungsfundamentalisten", religiösen Fundamentalisten, liberalen Säkularisten und Laizisten. Die Themen reichen von der Kopftuchdebatte über Fragen der Integration, dem Religionsunterricht in Schulen bis zu den Ursachen des dschihadistischen Terrors. Viele Konflikte können meiner Meinung nach durch vier Elemente eines kultivierten Diskurses zumindest entschärft werden.

Erstens: Alle Beteiligten einigen sich auf eine "gelehrte Unwissenheit", ein scio nescio (ich weiß, dass ich nichts weiß), auf einen theoretischen Agnostizismus. Sie sind sich der Grenzen auch ihrer eigenen Erkenntnis bewusst; Erkenntnis endet dort, wo unsere Erfahrung aufhört. Rousseau lässt den savoyischen Vikar in seinem "Glaubensbekenntnis" sagen: "Es ist nicht meine Absicht, mich hier in metaphysische Diskussionen einzulassen, die mein und dein Fassungsvermögen übersteigen und im Grunde zu nichts führen." Das lässt Platz für verschiedene Formen des Glaubens in jenem Bereich des Metaphysischen. Das selbstreflexive Motto aller Beteiligten lautet: "Auch meine eigenen Gedanken ohne Inhalt sind leer." Die Trennungen in wissenschaftliche Disziplinen werden wechselseitig anerkannt. Der Jurist Alberico Gentili forderte in der Frühen Neuzeit sinngemäß: "Mögen sich die Theologen aus Fachgebieten heraushalten, die nicht die ihren sind." Das gleiche Prinzip gilt wechselseitig für alle anderen Wissenschaftler.

Dilettieren im wissenschaftlichen Diskurs

In den letzten Jahrzehnten ist diese Form der Säkularisierung - nämlich der Trennung in verschiedene wissenschaftliche Bereiche - immer häufiger in Frage gestellt worden. Manche Biologen dilettieren dann beispielsweise auf dem Gebiet der Religionsphilosophie, vertreten einen militanten Atheismus und glauben, diesen mit "wissenschaftlichen" Beweisen begründen zu können. Manche Theologen pfuschen auf dem Gebiet der Naturwissenschaften und präsentieren unter dem Titel intelligent design vorgeblich wissenschaftliche Gottesargumente.

Zweites Element: Alle üben Toleranz als Respekt vor anderen metaphysischen Weltbildern und Religionen, solange diese die Regeln und Normen des demokratischen Rechtsstaates akzeptieren. Sie verzichten auf Beleidigungen und Beschimpfungen. Atheisten wie Richard Dawkins unterlassen es, Religion als "Wahn","Virus" oder "Geisteskrankheit" zu bezeichnen und religiöse Erziehung vor dem 17. Lebensjahr als "Kindesmissbrauch". Theisten nennen Atheisten nicht "Ungläubige", die zum moralischen Handeln unfähig seien etc. Auch hier ist der Ton in den letzten Jahren schärfer geworden.

Drittes Element: Aufgrund der Grenzen unserer Erkenntnis verzichten alle Beteiligten auf psychologische Unterstellungen. Auch hier hat sich meiner Meinung nach das Meinungsklima verschlechtert: es ist teilweise üblich geworden, gläubigen Menschen eine Glaubensneurose, einen "Gotteswahn" oder eine andere psychische Erkrankung zu unterstellen. Viele kontern mit der Behauptung, wer etwa die islamische Religion kritisiere, leide unter "Islamophobie" oder einer Krankheit namens "Gotteskomplex" (Horst-Eberhard Richter). Europäer unterstellen gerne Muslimen, dass sie die Regeln und Normen des demokratischen Rechtsstaates prinzipiell nicht akzeptieren und außerdem lügen und sich verstellen. Viele Muslime wiederum unterstellen Europäern gerne eine Kreuzzugsmentalität oder einen Hass auf alles Muslimische.

Viertes Element: Alle verzichten wechselseitig auf Spekulationen über die Ursachen verschiedener Phänomene. Beispiele wären Sätze wie "Religion führt immer zu Gewalt" oder "die europäische, atheistische Moderne führt notwendiger Weise zu Materialismus, Terror, Hiroshima und Holocaust." Thesen dieser Art sollten wenn überhaupt, dann als Wahrscheinlichkeitsaussagen oder Vermutungen formuliert werden. Wörter wie "immer" oder "notwendigerweise" sind überflüssig. Alle Beteiligten bemühen sich generell um differenziertes Denken.

Gerechte Anwendung von Prinzipien

Ich behaupte nicht, dass mit diesen vier Richtlinien alle Konflikte aus der Welt geschafft werden. Viele offene Probleme werden bestehen bleiben. Etwa: soll der formale Rechtsstaat alle kulturellen Aspekte in der Rechtssprechung eliminieren, oder wäre diese Eliminierung auch wieder Ideologie? Soll dieser Rechtsstaat auch kulturelle Aspekte vorsichtig miteinbeziehen, und wo genau verläuft die Grenze dieser Einbeziehung? (siehe etwa Katharina Mittelstaedt, "Richter gegen Brandstetter", Der Standard, 11. Jänner 2017). Wiegt die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund mehr als die religiösen Interessen der Eltern? Nicht die Prinzipien oder Normen sind das eigentliche Problem, sondern deren gerechte Anwendung. In einem demokratischen Rechtsstaat findet diese Suche nach gerechter Anwendung im Idealfall "mit Hilfe des deliberativen und inklusiven Verfahrens einer demokratischen Willensbildung" statt (Jürgen Habermas).

Ich gebe gerne zu: Ich träume. Von Aufklärung, Bildung und Kultivierung. Von Toleranz, Humanität und vernünftigen Idealen. Von dem, was Kant die "erweiterte Denkungsart" nannte. Von einem "komplementären Lernprozess" aller Beteiligten, wie Habermas Säkularisierung definiert. Im Weg stehen wahrscheinlich unsere Lust am Polemisieren, an psychologischen Unterstellungen und unser Dasein als moderne Höhlenmenschen: mit Vorurteilen, Filterblasen, "alternativen Fakten", Echokammer-Effekten in den sozialen Netzwerken und dem Tunnelblick der zeitgenössischen digital tribes.

Der Autor ist u. a. Lehrbeauftragter für Philosophie an der Uni Wien und schreibt an einem Buch über Islam, Aufklärung, Moderne und die erweiterte Denkungsart.

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