Konservatismus - © Foto: iStock/izusek

Wie linke Identitätspolitik Liberale zu Konservativen macht

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Die Werte europäischer Kultur verdienen es, gegen linke Identitätspolitik verteidigt zu werden. Ein Gastkommentar zur Grundsatzfrage: Was ist heute konservativ?

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Die Werte europäischer Kultur verdienen es, gegen linke Identitätspolitik verteidigt zu werden. Ein Gastkommentar zur Grundsatzfrage: Was ist heute konservativ?

Konservativ geworden, ohne von Natur aus dazu zu neigen: So beschreibt Alain Finkielkraut, irritiert durch Gender, Critical Race und Postkoloniale Theorie, seine Zugehörigkeit zu den Werten der europäischen Kultur. Er meint – eingebettet in die europäische Geschichte – Aufklärung, Menschenrechte und die sich aus ihnen entfaltende Emanzipation aller Bürgerinnen und Bürger mit universalem Anspruch. Sich als konservativ entdeckende säkulare, liberale Europäer scheinen mir ein Phänomen allgemeiner Bedeutung. Heute relevanter als der eher deskriptiv denn überzeugt rückwärtsgewandte Blick Christian Moser-Sollmanns auf den katholischen Konservativismus im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Und wichtiger als der ob einer postegalitaristischen Nebenbemerkung Moser-Sollmanns entsetzte Aufschrei Peter Huemers im Geist hypertropher Maximierung der 1970er Sozialstaatsideologie.

Was ist das Beste für das Gemeinwohl?

Moser-Sollmanns Behauptung, der Mensch müsse Gott mehr als dem Menschen gehorchen, um demokratiepolitisch von liberalen Abwegen umzukehren, und das Gute und Richtige tun, ohne moralisch zu argumentieren, ist angesichts der unumkehrbaren Tatsache multireligiöser und multiethnischer Gemeinwesen falsch. Wir müssen versuchen, uns in direkt- und indirektdemokratisch strukturierten Diskussionsprozessen rational auf das Beste für das Gemeinwohl und das Wohl jedes Einzelnen zu einigen. Demut vor Gottes Schöpfung hat nie geschadet, aber wenn jeder mehr seinem vermeintlichen Gott als dem hoffentlich in moralischer Argumentation erzielten Kompromiss folgt, zerfällt das Gemeinwesen in anarchistischen Tribalismus.

Die Gefahr gibt es heute, jedoch weniger durch manierliche Konservative als militante linke Identitätspolitik. Eine ihrer Ikonen, Kimberlé Crenshaw, lehnt für die Gleichstellung Schwarzer klassische Emanzipationspolitik ab, weil ihnen damit weiße Normen aufgezwungen würden. Sie fordert schwarze Gegenkultur. Die ähnlich prominente Linda Martín Alcoff bestreitet, dass Menschen Limitierungen durch ihre jeweilige ethnische und kulturelle Lebensform zwecks gemeinsamer Verständigung transzendieren könnten. Als angeblich einzigem Ausweg aus einem Rassismus globaler Dominanz macht sie sich daher für eine Ent-Westlichung der politischen Kultur stark. Die Möglichkeit individueller Emanzipation wird bestritten oder ist Verrat. Und Susan Arndt, ein kleineres Kaliber, behauptet in der Zeit, von der Aufklärung und ihrer angeblich auf weiße Männer reduzierten Idee der Menschenrechte führen Kontinuitäten vom Kolonialismus über den Nationalsozialismus in die Gegenwart.

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