#

Die Gefahr aus dem Nichts

Terror Trauer  - © Foto: Pixabay
Religion

Schlagworte und Dogmen

1945 1960 1980 2000 2020

Von "Aufklärung“ bis "Satire“: Auch die großen Wörter, die viele nun im Mund führen, bedürfen der Hinterfragung. Der Diskurs dazu beginnt erst.

1945 1960 1980 2000 2020

Von "Aufklärung“ bis "Satire“: Auch die großen Wörter, die viele nun im Mund führen, bedürfen der Hinterfragung. Der Diskurs dazu beginnt erst.

Charakteristisch für den Diskurs nach den Pariser Anschlägen ist dessen Beschlagwortung. Diese findet auf allen Seiten statt. Doch auch diejenigen, die die hehren Wörter guter Zeitgenossenschaft im Mund führen, und die überzeugt sind, die Humanität hochzuhalten, sind nicht davor gefeit, flotten Sagern aufzusitzen und sich damit den Mühen der Auseinandersetzung zu entziehen. Menschenrechte, Meinungs- und Religionsfreiheit sind keineswegs eindimensionale Prinzipien. Sie müssen sich vis-à-vis den Bedürfnissen, Freiheits- und Respektsverlangen des jeweils Anderen bewähren. Wenn der Gebrauch der Freiheit den Anderen verletzt, so kann das nicht bloß mit dem Verweis auf das absolute Gut ebendieser Freiheit abgetan werden. In den aktuellen Auseinandersetzungen scheinen zu lösende Probleme dieser Preisklasse viel zu kurz zu kommen. Intellektuelle Redlichkeit verlangt aber, diese Fragen zu benennen. Vier Beispiele aus den letzten Tagen:

1 Jeder Glaube an das Irrationale - also jede Religion - nährt die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen irrational handeln. Beim Islam wird das zur Gefahr: mangels einer zeitgemäßen Form, in der er gelebt wird. So lautet die Conclusio des dieswöchigen Leitartikels von Christian Rainer im Profil.

Der hier unübersehbare Generalverdacht gegenüber der Religion im Allgemeinen und dem Islam im Besonderen ist Ausdruck eines Zeitgeistes, der angesichts der Morde von Paris wohlfeil scheint. Das Problem heißt Religion, lautet der Subtext. Dass Religion aber Teil der Lösung sein könnte, leugnet diese Spielart Religionskritik, der sich der Islam natürlich zu stellen hat. Wie das Christentum auch.

2 Was darf die Satire? Alles. Der Schlusssatz des Aufsatzes, den Kurt Tucholsky 1919 im Berliner Tagblatt publizierte, wurde in den letzten Tagen wie ein unhinterfragbares Dogma zitiert. Dabei setzt sich Tucholsky in seinem Text auch mit der Frage, was gute Satire ist, auseinander: Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.

Natürlich muss die Welt auch schlechte Satire aushalten, und im Zweifelsfall ist eine gezeichnete Gemeinheit hinzunehmen und rechtfertigt schon gar keine Auslöschung von Menschenleben. Aber die kollektive Fraglosigkeit dieser Tage gibt zu denken. Derartige ungestellte Fragen - was Verspottung anrichten kann, und wo Respekt vor dem, was anderen heilig ist, angesagt bleibt, oder wo sogar Respektlosigkeit notwendig wird - könnten auf die Gesellschaft zurückfallen, wenn der Schock und die Trauer nicht mehr im Vordergrund stehen.

Und wir müssen nun nicht immer gleich aufbegehren ("Schlächtermeister wahret eure heiligsten Güter!“), wenn einer wirklich einmal einen guten Witz über uns reißt. Boshaft kann er sein, aber ehrlich soll er sein. So schreibt Tucholsky weiter, aber auch in solchem leidenschaftlichen Plädoyer für die Satire sind Kriterien versteckt, die es zu bedenken gilt - und die mitnichten jeder Verhöhnung das Wort reden.

Freiräume sind nötig. Grenzen auch

Es gibt Gründe, auch im Freiraum der Narren, die Wahrheiten ungeschminkt aussprechen dürfen, Grenzen zu setzen. Tucholsky, der bekanntlich als Verfemter des NS-Regimes starb, verfasste seinen Aufsatz vor dem Grauen der braunen Diktatur. Nach den ikonografischen Entsetzlichkeiten etwa der antisemitischen Stürmer-Karikaturen, darf aber auch die Satire nicht mehr alles. Im Übrigen ist die genannte Bildsprache in der antiisraelischen Agitation im arabischen Raum bis heute präsent. Man kann diese Fragen aus dem Diskurs nicht ausblenden.

3 Das zentrale Merkmal der Aufklärung ist, alles hinterfragen zu dürfen. Das Licht der Vernunft soll in jeden Winkel scheinen, um Unterdrückung, Aberglaube, Intoleranz und Vorurteile zu überwinden. Dies schreibt Markus Becker, Wissenschaftsressortleiter bei Spiegel-Online in einem Kommentar zu den Attentaten von Paris.

"Aufklärung“ ist gleichfalls ein Dogma des säkularen Diskurses, insbesondere dem Islam wird vorgeworfen, nicht - wie etwa das Christentum - durch das "Feuer der Aufklärung“ gegangen zu sein. Das stimmt schon.

Doch auch vor einer Verabsolutierung der Aufklärung gibt es historische Warnungen: Die Französische Revolution, die als ein politischer Durchbruch der Aufklärung gilt, endete im Terror-Regime.

Der aufgeklärte Gestus, dessen sich der smarte Zeitgenosse befleißigt, ist aber längst keine Garantie, dass die Werte der Aufklärung nachhaltig wirksam sind. Religionen sind rückständig, so die Aussage eines pervertierten Gestus. Der Islam gilt dabei als noch reaktionärer - siehe oben.

Eine freiheitliche Demokratie braucht Blasphemie, so lautet die Zuspitzung Beckers: Denn Blasphemie stellt Dogmen infrage. Und Dogmen - seien es religiöse oder politische - sind mit ihrem absoluten Wahrheitsanspruch der natürliche Feind des kritischen Denkens. Dass aber auch "Aufklärung“ dogmatisiert werden kann - solchem Diskurs entzieht sich dieser Kommentator wohlweislich.

4 Da der orthodoxe Islam … die göttlichen Gesetze über jede bürgerlich-säkulare Verfassung stellt, können diese Gemeinschaften den Rechtsstaat nur auf Zeit anerkennen. Moderner Rechtsstaat und orthodoxer Islam schließen sich gegenseitig aus. Solches schrieben Anfang Jänner die Freidenker Gerhard Engelmayer und Michael Ley in der Presse.

Forderungen an die Muslime aufgrund ähnlicher Behauptungen sind seit Jahr und Tag üblich: Sie müssten den Vorrang des Rechtsstaates über die Religion glaubhaft anerkennen. Kanzleramtsminister Josef Ostermayer merkte etwa im Oktober 2014 zum Entwurf des Islamgesetzes an, dessen klares Prinzip sei, dass staatliches Recht Vorrang vor religiösem Recht hat. Fürs Funktionieren eines Gemeinwesens klingt solche Forderung ja plausibel. Aber auch hier ist Hinterfragung nötig: Der säkulare Staat kann sich nicht anmaßen, sich über die Weltanschauung seiner Bürger zu stellen. Um es zuzuspitzen: Es dürfte durchaus Common Sense sein, dass der Staat von seinen bekennenden christlichen Bürgerinnen und Bürgern nicht etwas verlangen kann, was im Widerspruch zu ihren religiösen Überzeugungen steht.

Bei den Muslimen soll das anders sein? Keine Frage, dass es da zu Kollisionen kommen kann. Doch solche zu benennen, gehört zu einer differenzierten Auseinandersetzung, die europaweit nötig ist. Diese Diskussion hat nach den Attentaten von Paris aber noch gar nicht richtig begonnen.

Die Freiheit des Wortes, auch des gezeichneten, ist eine der größten zivilisatorischen Errungenschaften. Aber es gibt Freiheit nicht im leeren Raum: Man kann das freie Wort nicht hochhalten, ohne sich mit seinen Wirkungen auseinanderzusetzen.

Charakteristisch für den Diskurs nach den Pariser Anschlägen ist dessen Beschlagwortung. Diese findet auf allen Seiten statt. Doch auch diejenigen, die die hehren Wörter guter Zeitgenossenschaft im Mund führen, und die überzeugt sind, die Humanität hochzuhalten, sind nicht davor gefeit, flotten Sagern aufzusitzen und sich damit den Mühen der Auseinandersetzung zu entziehen. Menschenrechte, Meinungs- und Religionsfreiheit sind keineswegs eindimensionale Prinzipien. Sie müssen sich vis-à-vis den Bedürfnissen, Freiheits- und Respektsverlangen des jeweils Anderen bewähren. Wenn der Gebrauch der Freiheit den Anderen verletzt, so kann das nicht bloß mit dem Verweis auf das absolute Gut ebendieser Freiheit abgetan werden. In den aktuellen Auseinandersetzungen scheinen zu lösende Probleme dieser Preisklasse viel zu kurz zu kommen. Intellektuelle Redlichkeit verlangt aber, diese Fragen zu benennen. Vier Beispiele aus den letzten Tagen:

1 Jeder Glaube an das Irrationale - also jede Religion - nährt die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen irrational handeln. Beim Islam wird das zur Gefahr: mangels einer zeitgemäßen Form, in der er gelebt wird. So lautet die Conclusio des dieswöchigen Leitartikels von Christian Rainer im Profil.

Der hier unübersehbare Generalverdacht gegenüber der Religion im Allgemeinen und dem Islam im Besonderen ist Ausdruck eines Zeitgeistes, der angesichts der Morde von Paris wohlfeil scheint. Das Problem heißt Religion, lautet der Subtext. Dass Religion aber Teil der Lösung sein könnte, leugnet diese Spielart Religionskritik, der sich der Islam natürlich zu stellen hat. Wie das Christentum auch.

2 Was darf die Satire? Alles. Der Schlusssatz des Aufsatzes, den Kurt Tucholsky 1919 im Berliner Tagblatt publizierte, wurde in den letzten Tagen wie ein unhinterfragbares Dogma zitiert. Dabei setzt sich Tucholsky in seinem Text auch mit der Frage, was gute Satire ist, auseinander: Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.

Natürlich muss die Welt auch schlechte Satire aushalten, und im Zweifelsfall ist eine gezeichnete Gemeinheit hinzunehmen und rechtfertigt schon gar keine Auslöschung von Menschenleben. Aber die kollektive Fraglosigkeit dieser Tage gibt zu denken. Derartige ungestellte Fragen - was Verspottung anrichten kann, und wo Respekt vor dem, was anderen heilig ist, angesagt bleibt, oder wo sogar Respektlosigkeit notwendig wird - könnten auf die Gesellschaft zurückfallen, wenn der Schock und die Trauer nicht mehr im Vordergrund stehen.

Und wir müssen nun nicht immer gleich aufbegehren ("Schlächtermeister wahret eure heiligsten Güter!“), wenn einer wirklich einmal einen guten Witz über uns reißt. Boshaft kann er sein, aber ehrlich soll er sein. So schreibt Tucholsky weiter, aber auch in solchem leidenschaftlichen Plädoyer für die Satire sind Kriterien versteckt, die es zu bedenken gilt - und die mitnichten jeder Verhöhnung das Wort reden.

Freiräume sind nötig. Grenzen auch

Es gibt Gründe, auch im Freiraum der Narren, die Wahrheiten ungeschminkt aussprechen dürfen, Grenzen zu setzen. Tucholsky, der bekanntlich als Verfemter des NS-Regimes starb, verfasste seinen Aufsatz vor dem Grauen der braunen Diktatur. Nach den ikonografischen Entsetzlichkeiten etwa der antisemitischen Stürmer-Karikaturen, darf aber auch die Satire nicht mehr alles. Im Übrigen ist die genannte Bildsprache in der antiisraelischen Agitation im arabischen Raum bis heute präsent. Man kann diese Fragen aus dem Diskurs nicht ausblenden.

3 Das zentrale Merkmal der Aufklärung ist, alles hinterfragen zu dürfen. Das Licht der Vernunft soll in jeden Winkel scheinen, um Unterdrückung, Aberglaube, Intoleranz und Vorurteile zu überwinden. Dies schreibt Markus Becker, Wissenschaftsressortleiter bei Spiegel-Online in einem Kommentar zu den Attentaten von Paris.

"Aufklärung“ ist gleichfalls ein Dogma des säkularen Diskurses, insbesondere dem Islam wird vorgeworfen, nicht - wie etwa das Christentum - durch das "Feuer der Aufklärung“ gegangen zu sein. Das stimmt schon.

Doch auch vor einer Verabsolutierung der Aufklärung gibt es historische Warnungen: Die Französische Revolution, die als ein politischer Durchbruch der Aufklärung gilt, endete im Terror-Regime.

Der aufgeklärte Gestus, dessen sich der smarte Zeitgenosse befleißigt, ist aber längst keine Garantie, dass die Werte der Aufklärung nachhaltig wirksam sind. Religionen sind rückständig, so die Aussage eines pervertierten Gestus. Der Islam gilt dabei als noch reaktionärer - siehe oben.

Eine freiheitliche Demokratie braucht Blasphemie, so lautet die Zuspitzung Beckers: Denn Blasphemie stellt Dogmen infrage. Und Dogmen - seien es religiöse oder politische - sind mit ihrem absoluten Wahrheitsanspruch der natürliche Feind des kritischen Denkens. Dass aber auch "Aufklärung“ dogmatisiert werden kann - solchem Diskurs entzieht sich dieser Kommentator wohlweislich.

4 Da der orthodoxe Islam … die göttlichen Gesetze über jede bürgerlich-säkulare Verfassung stellt, können diese Gemeinschaften den Rechtsstaat nur auf Zeit anerkennen. Moderner Rechtsstaat und orthodoxer Islam schließen sich gegenseitig aus. Solches schrieben Anfang Jänner die Freidenker Gerhard Engelmayer und Michael Ley in der Presse.

Forderungen an die Muslime aufgrund ähnlicher Behauptungen sind seit Jahr und Tag üblich: Sie müssten den Vorrang des Rechtsstaates über die Religion glaubhaft anerkennen. Kanzleramtsminister Josef Ostermayer merkte etwa im Oktober 2014 zum Entwurf des Islamgesetzes an, dessen klares Prinzip sei, dass staatliches Recht Vorrang vor religiösem Recht hat. Fürs Funktionieren eines Gemeinwesens klingt solche Forderung ja plausibel. Aber auch hier ist Hinterfragung nötig: Der säkulare Staat kann sich nicht anmaßen, sich über die Weltanschauung seiner Bürger zu stellen. Um es zuzuspitzen: Es dürfte durchaus Common Sense sein, dass der Staat von seinen bekennenden christlichen Bürgerinnen und Bürgern nicht etwas verlangen kann, was im Widerspruch zu ihren religiösen Überzeugungen steht.

Bei den Muslimen soll das anders sein? Keine Frage, dass es da zu Kollisionen kommen kann. Doch solche zu benennen, gehört zu einer differenzierten Auseinandersetzung, die europaweit nötig ist. Diese Diskussion hat nach den Attentaten von Paris aber noch gar nicht richtig begonnen.

Die Freiheit des Wortes, auch des gezeichneten, ist eine der größten zivilisatorischen Errungenschaften. Aber es gibt Freiheit nicht im leeren Raum: Man kann das freie Wort nicht hochhalten, ohne sich mit seinen Wirkungen auseinanderzusetzen.