Christen sollten - um der Zukunftsfähigkeit eines politischen Europa willen - für einen Gottesbezug in der Europäischen Verfassung eintreten.

Das Thema christlicher Zukunftsverantwortung ist bedeutsam genug, dass es nah an historischer Erinnerung gehalten wird.

In einem Brief vom 18. September 1979 schreibt Jacob Taubes, der jüdische Religionsphilosoph, an Carl Schmitt, den Juristen des 3. Reiches ("Der Führer schützt das Recht"), gleichwohl eine rechtsphilosophische Jahrhundertgestalt:

"Just als Erzjude weiß ich zu zögern den Stab zu brechen. Weil in all dem unaussprechlichen Grauen wir vor einem bewahrt blieben. Wir hatten keine Wahl: Hitler hat uns zum absoluten Feind erkoren. Wo aber keine Wahl besteht, auch kein Urteil, schon gar nicht über andere. Was nicht heißt, dass es mich nicht umtreibt zu verstehen, was eigentlich ... geschehen ist - wo die Weichen in die Katastrophe (unser und die Ihrige) gestellt wurden."

Unter die katastrophischen Weichenstellungen rechnet Taubes die Rede vom "positiven Christentum im Naziprogramm, einer Deckformel, unter der dann eine "Theo-Zoologie des Rassenwahns" entworfen wurde, die in Wahrheit eine theologische Besetzung des Politischen war, die totalitäre Verneinung der Differenzierung von geistlich und weltlich.

Religion: In den Diskurs!

Der totalitäre Angriff auf die Moderne war durchschlagend, weil eine entscheidende modernitätskritische Ressource im nationalsozialistischen Kult umbesetzt und okkupiert wurde: die jüdisch-christliche Überlieferung. Diese Erfahrung führte eine Reihe der bedeutendsten Politiker nach 1945 zu einer Orientierung des Politischen am christlichen Wertekanon und zum Aufbau eines Gesellschaftsmodells, das als Soziale Marktwirtschaft auf dem christlichen Menschenbild aufruhte.

Spätestens seit dem 11. September hat die Frage des Verhältnisses von Geistlich und Weltlich wieder weltgeschichtlich-existenzielle Bedeutung gewonnen. Als Antwort auf einen mörderischen Fundamentalismus wie auf eine entfesselte Globalisierung sehe ich grundsätzlich keine andere Antwort als die europäische der differenziert kritischen Bezugnahme des Religiösen und des Weltlichen aufeinander.

Es geht darum, im öffentlichen, politischen Raum die Orientierung an humanen Werten und Normen kritisch wie selbstkritisch zu artikulieren und angemessen zu verständigen. Politisch vorrangig ist die in kritischem Dialog einzulösende Verpflichtung der verschiedenen europäischen Traditionsstränge auf Humanität. Gerade weil das Christentum von der unvertretbaren Autonomie des einzelnen Individuums überzeugt ist, bleibt es intuitiv empfänglich für Gefährdungen der Freiheit. Gerade weil der christliche Glaube universalistisch ist - Gottes Offenbarung gilt allen Menschen -, ist er immer wieder Aufbruch zu neuer, unteilbarer Solidarität. Individualität und Universalität des Heils sind die Pfandmarken, die das Christentum für eine humane europäische Gesellschaft hinterlegt.

Entscheidend ist, dass Religion sich nicht weiter defensiv privatisiert und auch nicht aus der öffentlichen Verantwortung entlassen wird. Die Prozesse der Globalisierung lösen Ängste aus, die auch in "modernen" Gesellschaften fundamentalistische oder nationalistische Gegenreaktionen bewirken. Religion darf diese Reaktionen nicht ethnisch anheizen oder metaphysisch legitimieren. Dann aber ist sie in öffentliche Verantwortung zu nehmen, muss also im Diskurs mit aufklärerischen Traditionen gebunden bleiben.

Religion in öffentlichem Diskurs! - dies scheint mir die aus historischen Erfahrungen einzig begründbare Architektur christlicher Verantwortung für die Zukunft zu sein.

Gott: In die Verfassung!

Für das politische Europa wurde zu Recht das universalistische Erbe reklamiert und in der Menschrechts-Charta als unverzichtbar erklärt. Wer dem zustimmt, sollte das aber auch in der Form tun können, die der großen Mehrheit der europäischen Bevölkerung wesentlich ist: im Gottesbezug. Das möchte ich in drei Thesen begründen:

1. Der Gottesbezug einer Verfassung ist für pluralistische und säkulare Gesellschaften eine Bürgschaft gegen Totalitarismen.

Dies scheint mir in zweifacher Hinsicht von humaner Bedeutung zu sein. Einmal ist gar nicht klar, ob nicht demokratische Prozeduren und ihr legitimatorischer Prozeduralismus dahin tendieren - gleichsam subjektlos, demokratisch analphabetisch -, am Ende totalitär zu werden. Wer garantiert eigentlich, dass die prozedural legitimierte Entscheidung nicht doch in die gentechnologische Manipulation und Unterwerfung des uns anvertrauten Menschen fuhrt? Zum anderen: Die beschleunigten Entwicklungen der wissenschaftlich-technischen Welt sind heute so tief greifend, dass sie unmittelbar und radikal in das normativ überlieferte Konzept menschlicher Freiheit und gerechter Gesellschaften eingreifen.

Die amerikanische Politiktheoretikerin Agnes Heller, Inhaberin des Hannah-Arendt-Lehrstuhls in New York, hat die bürgschaftliche Bedeutung des Gottesbezugs in einer Verfassung im Bild des "leeren Stuhls" entfaltet:

,,Der leere Stuhl [der Gottesbezug] wartet auf den Messias. Wenn jemand diesen Stuhl besetzt, kann man sicher sein: es handelt sich dabei um einen pervertierten oder verlogenen Messias. Wenn jemand den Stuhl wegnimmt, dann ist die Vorführung zu Ende, und der Geist wird die Gemeinde verlassen. Die Politik kann diesen unbesetzten Stuhl nicht gebrauchen; aber solange man diesen Stuhl belässt, wo er ist, genau dort im Zentrum des Raumes, wo er in seiner warnenden, vielleicht sogar pathetischen Leere fixiert bleibt, müssen die politischen Handlungsträger sein Dasein immer noch in Rechnung stellen."

Ein solcher gottesbezüglicher Verweis übersteigt jeden demokratischen Konsens und wird ihn kritisch zu befragen suchen auf seine menschenrechtliche Substanz. Hierfür hat öffentliche Religion in der Moderne zu bürgen.

2. Der Gottesbezug einer Verfassung ist identitätsstiftender Aufruf der Vergangenheit.

Dabei geht es nicht um die Wiederherstellung vormoderner Gesellschaftsformationen, das wäre die traditionalistische Variante oder der fundamentalistische Exzess des 11. September. Es geht vielmehr um die Bewahrung europäischen Gedächtnisses.

Dieses Gedächtnis ist Vergegenwärtigung fremden Leids. Insofern ist der Gott einer europäischen Verfassung allemal der Gott, der in Auschwitz angerufen wurde, der Gott, in den Muslime der Reconquista in Spanien hineingestorben sind, der Gott, der sich den von europäischen Kolonialmächten Ermordeten zugewandt hat.

Der Schrei des "Sch'ma Jisrael" in Auschwitz hallt durch ganz Europa und ist bis heute nicht verhallt. Diese Anrufung des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs, der der Gott und Vater Jesu Christi ist, diese Anrufung aus den Gaskammern zur Privatsache zu erklären, halte ich für einen späten, grausamen Zynismus.

Um der Würde dieses Gedächtnisses, in dem Christen, Juden und Muslime eine gemeinsame Identität zu formulieren hätten, muss es einen Gottesbezug in der Verfassung geben: um der Autorität der Leidenden willen, wie Johann Baptist Metz immer wieder eingeschärft hat.

3. Der Gottesbezug einer Verfassung ist Anrufung einer anderen Zukunft Europas.

Damit meine ich vor allem den normativen Verweis auf jenen menschenrechtlichen Universalismus, von dem Europa sich selbst zu oft dispensiert hat: Die Verspätung Europas in Jugoslawien, das koloniale Gestikulieren einzelner westeuropäischer Politiker gegenüber Osteuropa, der ökonomische Ruin Afrikas geben von solcher Politik bis heute Zeugnis.

In einem Gottesbezug der Verfassung wäre eine andere Zukunft Europas angerufen, eine zumindest, die Zukunft nicht als bloße Verlängerung der Gegenwart begreift.

Der Entwurf eines politischen Europa sollte die Zukunft nicht durch Ausblenden der Herkunft unterbieten: nicht seines universalen Erbes, nicht seiner konkreten Geschichte, auch ihrer dunklen Seite. Das politische Europa braucht kulturelle Integration. Diese erinnerungslos zu konstruieren, halte ich für einen Fehler. Gewiss, Herkunft ist ambivalent und also kritisch anzueignen. Diese aber wäre in öffentlicher Verständigung zu erarbeiten.

Das wäre meine Vision kultureller Integration und Zukunftsfähigkeit eines politischen Europa: ein herkünftiges, ein zukunftsfähiges Europa. Kein Konstrukt.

Der Autor ist Bischof von Hildesheim und Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Union.

Redaktionell gekürzter Auszug aus dem Vortrag, den Homeyer am 21. Mai in Wien - beim katholischen Laienkongress "Christen auf dem Bauplatz Europa" im Rahmen des Mitteleuropäischen Katholikentags - gehalten hat.

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