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Europa bleibt geprägt vom christentum

Sein Buch "Gott. Eine kleine Geschichte des Größten" wurde ein Bestseller. Nun war Manfred Lütz als Eröffnungsredner beim Pfingstdialog zu Gast, wo er über "Die Werte, die Wahrheit und das Glück" sprach. Die FURCHE bat den streitbaren deutschen Theologen und Arzt zum Interview. Das Gespräch führte Rudolf Mitlöhner

Wenn vom "Geschmack Europas" die Rede ist, drängt sich unweigerlich die Frage nach der Rolle der lange prägenden Religion auf.

Die Furche: Herr Lütz, schmeckt dieses Europa noch nach Gott, nach Religion? Hat das noch etwas zu tun mit dem Geschmack Europas?

Manfred Lütz: Zunächst muss man sich fragen, wie man Europa versteht: Versteht man es bloß geografisch, dann ist Europa der Inbegriff aller Völker und aller Kulturen der Welt; es leben in diesem geografischen Raum "Europa" heute Menschen aus allen Völkern der Erde, aus allen Völkern Asiens, Afrikas, Australiens, Amerikas, Ozeaniens. Und daher leben auch alle Kulturen in Europa. Deshalb ist jeder Versuch, Europa auf einen Begriff zu bringen, angreifbar. Ich glaube aber, wir müssen die Identität Europas aus seinen geistigen Wurzeln verstehen. Und zu diesen geistigen - und auch geistlichen - Wurzeln Europas zählt sicherlich die christliche Tradition, die sich auf die jüdische und die antike Tradition bezieht.

Die Furche: Geschmack kann man ja auch anders verstehen, etwa als Geschmack, den man selbst hat. In diesem Sinne hat es in früheren Zeiten zum "guten" oder "richtigen Geschmack" gehört, sich religiös zu verstehen. Dieses Selbstverständnis aber ist Europa abhanden gekommen.

Lütz: Ich bin gegen diese allgemeine Jammerei. Jede Zeit hat ihr Selbstverständnis, und ich finde, Österreich ist eines der katholischsten Länder der Welt. In Österreich sind die frommen Katholiken so fromm wie kaum woanders. Und die antikirchlich Gesinnten so heftig gegen die Kirche wie in kaum einem anderen Land. Auch das ist eine starke emotionale Bindung. Der Papst etwa ist immer ein starker Aufreger. Wirklich emanzipiert hätte man sich, wenn man mit mehr Gelassenheit diesen Dingen gegenüberstünde. Oder wenn es eine tiefer gehende intellektuelle Auseinandersetzung über religiöse Dinge gäbe. Aber das sehe ich nicht.

Die Furche: Wo kann man das von Ihnen genannte jüdisch-christliche Erbe heute noch schmecken, außer in der Kultur, im Musealen?

Lütz: Museal ist etwas fürs Archiv, aber Kultur ist etwas, das uns auch heute noch prägt. Der Mensch ist ein kulturelles Wesen, und wir sind von diesen geistigen Wurzeln geprägt. Wir können sie noch so sehr archivieren oder ins Museum stellen - sie prägen uns. Und man hat nur die Wahl: entweder unreflektiert davon geprägt zu sein oder sich geistig damit auseinanderzusetzen. Man entrinnt den jüdisch-christlichen Wurzeln Europas nicht.

Die Furche: Hätten Sie es für wünschenswert gehalten, dass man diese Wurzeln, dieses Erbe, in einer Präambel zu einem europäischen Verfassungsvertrag explizit benennt?

Lütz: Ich bin gelassen bei dieser Frage. Ich glaube eigentlich, gerade atheistische Europäer müssten am Gottesbezug in der europäischen Verfassung interessiert sein. Denn dieser Gottesbezug bedeutet nicht, dass man in die Verfassung noch Spezialinteressen einzelner Grüppchen hineindrückt. Ins deutsche Grundgesetz ist der Gottesbezug hineingekommen, weil man nach den schrecklichen Erfahrungen in der Nazi-Zeit zum Ausdruck bringen wollte, dass es über allem, was politisch passiert, immer noch eine Instanz gibt, die davon unabhängig von uns Rechenschaft fordert. Der Gottesbezug in der Verfassung heißt: Politik ist nicht alles! Man kann nicht alles machen, es gibt Grenzen, die einfach in der Würde des Menschen liegen. Und das erkennen inzwischen auch nicht-christliche Politiker bei uns. Gregor Gysi, der Fraktionschef der Linken in Deutschland und Atheist, hat gesagt, er habe Angst vor der gottlosen Gesellschaft, weil dieser die Solidarität abhanden zu kommen drohe. Das zeigt sehr viel Bewusstsein von der kulturellen Identität Europas. Jürgen Habermas hat gesagt, wir müssten den religiösen Bürger im säkularen Staat wieder als religiösen Bürger ernst nehmen und dies als Ressource nützen. An anderer Stelle hat Habermas gesagt, wir bräuchten "rettende Übersetzungen" der Gottebenbildlichkeit des Menschen, um den Begriff der Menschenwürde, den zentralen Begriff unserer säkularen Gesellschaftsordnung, zu fundieren. Auch Habermas ist also klar, dass allein durch einen "gewaltfreien Diskurs" im Philosophieseminar der Begriff der Menschenwürde - nicht zuletzt angesichts der bioethischen Debatten heute - nicht zu retten sein wird.

Die Furche: Das hieße, dass es gerade für ein Gebilde wie die EU, die sich per se mit ihrer Identität immer ein bisschen schwerer tut als ein Nationalstaat, hilfreich hätte sein können, diese Wurzeln zu benennen?

Lütz: Ja, aber das sollte eher von Nicht-Gläubigen, von Agnostikern und Atheisten kommen. Wenn die Kirchen sich da in den Vordergrund drängen, wird das schnell als Klientelpolitik missverstanden, als wollten die sozusagen ihren lieben Gott da unterbringen. Das wäre lächerlich. Ich kann in Europa auch katholisch sein ohne einen Gottesbezug in einem Vertragstext. Wozu brauche ich persönlich einen Gottesbezug in einer Verfassung? Den habe ich ja selbst. Aber ich glaube, für die Gesellschaft ist eine Erinnerung daran wichtig, dass es eine Bezugsgröße außerhalb von Machtkonstellationen gibt, eine Bezugsgröße, die unabhängig von Mehrheiten Verantwortung fordert. So verstanden ist auch für Atheisten der Gottesbezug überhaupt nicht kränkend, und das sagen viele von ihnen selbst.

Die Furche: Viele diagnostizieren eine Wiederkehr der Religion - wie sehen Sie das?

Lütz: Ich glaube, die Religion war nie ganz weg. Sie ist zum Teil weg geschrieben worden. In der öffentlichen Wahrnehmung gibt es im Zusammenhang mit der katholischen Kirche nur vier Themen: Sexualmoral, Frauenpriestertum, Zölibat und Papst. Das sind aber alles Themen, welche die Sterbeprüfung nicht bestehen. Auf dem Sterbebett wird mich das alles nicht interessieren. Dort treibt mich einzig Luthers Frage um: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Wir müssen wieder über die entscheidenden geistlichen Dimensionen reden. Es gibt reiche, geistig-spirituelle Wurzeln Europas, die im Grunde unentdeckt sind. Stattdessen suchen sich die Leute irgendwelche ostasiatischen Schnittblumen, die sie dann hier einpflanzen - und dann wundern sie sich, dass sie nicht richtig gedeihen …

Die Furche: Das ist eben die Frage: werden diese Wurzeln jetzt wieder sukzessive freigelegt, oder ist das eine Illusion und ein Wunschdenken von Kirchen und kirchennahen Institutionen?

Lütz: Ich glaube beides. Es geht darum, nüchtern die Phänomene zu beobachten. Wir sehen jede Menge Aufbrüche und Bewegungen. In Österreich werden die sehr schnell in eine konservative Kiste gesteckt, was aber völlig absurd ist; in Deutschland ist das nicht mehr so ausgeprägt. Diese Rechts-Links-Strickerei ist intellektuell nicht sehr anregend. Wir müssen die jungen Menschen aufrecht, redlich und echt die geistlichen Wurzeln Europas wieder entdecken lassen. Was sie daraus für Schlüsse ziehen, bleibt letztlich ohnedies ihnen überlassen. Die Kirche muss aufpassen, dass sie nicht immer nur moralisch daherkommt. Und die Gesellschaft muss aufpassen, dass sie die Kirche nicht auf moralische Fragen reduziert. Wenn jeder Bischof als erstes gefragt wird, ob er für die Pille ist oder dagegen, dann zeugt das nicht von kenntnisreichem, niveauvollem Journalismus. Die Kirche ist keine Moralanstalt.

Die Furche: Gibt es so etwas wie eine europäische Leitkultur?

Lütz: Wenn man nicht völlig auf ein geistiges Verstehen verzichten will, dann muss man versuchen, einen Blick auf die Kultur Europas zu werfen. Aber es darf nicht arrogant wirken. Zu sagen: "Wir sind die christlich-europäische Kultur und zeigen den anderen, wo es langgeht", wäre falsch. Aber es ist wichtig, sich aufgeschlossen mit den eigenen Wurzeln, vor allem den christlichen, auseinanderzusetzen.

Die Furche: Es geht ja in der Diskussion nicht nur darum, retrospektiv diese Wurzeln aufzuzeigen, sondern es verbindet sich damit ein offensives Konzept, nämlich dieses Erbe verstärkt in den Diskurs einzubringen. Das macht manchen Angst, andere meinen, genau das sei notwendig, wenn Europa sich nicht im Diffusen verlieren will.

Lütz: Wir müssen aufpassen, dass wir aus diesem Konservativ-Progressiv-Denken rauskommen. Es hilft nichts, wenn die Konservativen bloß überheblich die Abendland-Fahne schwenken. Es ist aber auch nicht viel besser, wenn sich die Progressiven immer nur an die Brust früherer Jahrhunderte schlagen. Wenn manche Katholiken den Eindruck erwecken, die Kirche sei 2000 Jahre in die Irre gegangen, bis endlich das II. Vatikanische Konzil gekommen sei, kann das dem gescheiten Atheisten nur ein müdes Lächeln entringen. Gerade neuere Forschungen zeigen aber, dass eine solche Sichtweise historischer Unsinn ist. Gewiss, es gab manche Schatten. Doch aufs Ganze gesehen haben das Christentum und das christliche Europa die Menschheit bereichert. Nur wissen das offenbar am wenigsten die europäischen Christen.

Gott. Eine kleine Geschichte des Größten.

Von Manfred Lütz

Pattloch 2007.

297 S., geb., e 19,95

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