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Katholisch oder säkular?

Es gibt in einem säkularen Europa Chancen für die Religion im Allgemeinen und die katholische Kirche im Besonderen, ist der Frankfurter Religionsphilosoph Thomas M. Schmidt überzeugt.

Wie wird die Zukunft der Kirche in einem säkularen Europa aussehen? Der in Frankfurt am Main lehrende Philosoph und Theologe Thomas M. Schmidt sieht Chancen - und befürwortet Perspektivenwechsel.

Die Furche: In den letzten eineinhalb Jahren ist die Qualität der Debatten zu Religion und Säkularismus im deutschen Sprachraum deutlich schärfer geworden. Ist das ein Zurück zum Kulturkampf?

Thomas M. Schmidt: Ich glaube, das hat nicht nur mit Religion zu tun. Moderne Gesellschaften müssen sich immer wieder neu definieren und bestimmen, und da braucht man ein Gegenüber, von dem man sich abgrenzen kann. Das war bis in die 1970er Jahren der Sozialismus, der ist keine Alternative mehr, und so scheint die einzige Konkurrenz zum liberalen Rechtsstaat die Religion zu sein; deswegen mobilisiert diese Alternative so aggressive Energien. Zudem ist Religion in den westlichen Demokratien wieder viel sichtbarer als noch vor wenigen Jahren. Das hat mit den Kulturen der Migranten zu tun. Die zweite und dritte Generation tritt selbstbewusst auf und zeigt die Symbole ihres kulturellen Hintergrunds - und dazu gehören auch religiöse Symbole wie Kopftuch oder Moschee. So tritt Religiosität wieder deutlicher auf und macht jene nervös, die meinten, dass Religion im Absterben begriffen ist.

Die Furche: Ist nicht das Staatskirchentum tatsächlich Kontrahent des Rechtsstaats?

Schmidt: Wenn Sie an die Beschneidungsdebatte denken, scheint es, dass verschiedene Rechtsgüter gegeneinander stehen. Das Recht einer religiösen Gemeinschaft, über sich selbst und die Regeln der Mitgliedschaft zu bestimmen, scheint gegen liberale säkulare Güter wie körperliche Unversehrtheit, individuelle Selbstbestimmung oder Recht des Kindes zu verstoßen. Ich glaube aber, die Dramatik resultiert daraus, dass es dort, wo es ein Staatskirchenrecht gibt, Privilegien der christlichen Kirchen gibt. Das alarmiert diejenigen, die meinen, dass säkulares Recht gegenüber der Religion verteidigt werden muss, weil sie immer noch die Vorstellung haben, es gibt eine starke Kirche, die die säkulare Gesellschaft dominiert. Hier werden Kriege nachgespielt, die eigentlich längst geschlagen sind, alte Debatten der Aufklärung.

Die Furche: Die katholische Kirche scheint ihre Strukturen zu ändern - der Papst tritt zurück, geistliche Missbrauchstäter werden weltlichen Gerichten ausgeliefert. Wie wird das weitergehen?

Schmidt: Schwer zu sagen: werden jene dominieren, die auf die Krise der katholischen Kirche produktiv reagieren und Strukturveränderungen herbeiführen wollen, oder jene, die nach einer Wagenburg-Mentalität rufen? Es gibt Erosionsprozesse, etwa die Umstrukturierung der Pfarrgemeinden aufgrund des Priestermangels. Dadurch verlieren viele Gemeinden gerade in den urbanen Zusammenhängen, in denen wir leben, ihre klassische Struktur. Es wird in vielen Großstädten nur eine Handvoll katholischer Gemeinden überleben, und das bedeutet eine elementare Veränderung traditioneller Religiosität: es gibt vor Ort keine Pfarre mehr.

Die Furche: Ist diese Tendenz umzukehren?

Schmidt: Man müsste erst einmal an die Fragen des Weihepriestertums herangehen - die Abschaffung des Zölibats, die Frauenordination. Wir haben darüber schon vor 50 Jahren beim II. Vatikanum geredet. Das Drehen an einer Stellschraube wie dem Zölibat wird nicht alle Probleme lösen, aber an einer solch hochsymbolischen Stelle sollte man anfangen, zumal es ja erkennbar nicht nur um Symbolik geht. Dies ist eine auf den Priester zentrierte Kirche, und wo der Priester fehlt, fehlt auch die klassische Form von Kirchlichkeit.

Die Furche: In der globalen Welt werden die Menschenrechte als ethische und rechtliche Instanz immer wichtiger. Der Vatikan hat die Deklaration der Menschenrechte bisher nicht unterzeichnet …

Schmidt: Es ist eine grundlegende Frage wie Religion - und gerade die katholische ! - mit den modernen Prinzipien der Autonomie, der vernünftigen Selbstbestimmung umgeht. Die Menschenrechte sind ja nur ein besonders deutlicher Ausdruck dieser Idee, dass die Maßstäbe, nach denen wir verbindlich leben wollen, durch vernünftige Einsicht und durch gemeinsame Absprachen uns selbst auferlegt werden können; wir brauchen kein höheres Wesen, das uns vorschreibt, wie wir zu leben haben. Das beißt sich mit dem religiösen Selbstverständnis, dass Ethik immer im Willen Gottes oder in einer von Gott gestifteten Natur wurzelt. Da muss man einen Ausgleich finden, und ich bemängle, dass dafür in der offiziellen Theologie und Kirchenleitung zu wenig intellektueller Mut herrscht. Es gab immer wieder Phasen in der katholischen Theologie, in denen man von einer autonomen Moral und der Autonomie des Verstandes sprach. Es gibt eine Philosophie und Theologie der Menschenrechte vor allem im Protestantismus, doch solche Stimmen sind im Moment in der katholischen Kirche nicht dominant. Natürlich ist eine christliche Liebesethik etwas anderes als ein vernunftrechtlicher Menschenrechts-Gedanke, da muss man die Differenz sehen, aber auch die Entsprechung. Was wir alle wollen - einen respektvollen, gewaltfreien Umgang miteinander - das entspricht sich doch sehr.

Die Furche: Die Menschenrechte bestimmen ja auch die internationalen Beziehungen.

Schmidt: Die Alternative zu den Menschenrechten wäre, dass man rechtlich verbindliche Regelungen nur innerhalb der Nationalstaaten hat, transnational hätten wir dann nur Hauen und Stechen, Interesse, Krieg und Konkurrenz, die wir bestenfalls in den Griff bekommen könnten, wenn es einen Weltstaat gäbe - und da der utopisch ist, bleiben Konkurrenz und ökonomisch-militärische motivierte Bündnisse. Doch in der Idee der Menschenrechte und in der tatsächlichen Implementierung von Menschenrechts-Gerichtshöfen haben wir schon so etwas wie den Kern einer über die Staaten hinausgehenden, verbindlichen Rechtsstruktur.

Die Furche: Gibt es eine positive Bestimmung von Religion unter säkularen Vorzeichen?

Schmidt: Gewöhnlich redet man von den vielen Optionen der Moderne und dem Stress der Unbestimmtheit; Religion dagegen sei begrenzend, wähle aus und entscheide für mich. Ich drehe den Spieß um: Religion besteht nicht darin, zu moralisieren und die Freiheit zu begrenzen, sondern sie auf die Spitze zu treiben. Denn die Moderne ist keineswegs entgrenzend: wenn ich am Wirtschaftsleben teilnehme, ein Mitglied der Sozialversicherungssys-teme bin, in pädagogische Zusammenhänge eintrete, legen mich immer schon Systeme fest, auf eine bestimmte Weise zu agieren. Religion nimmt mich aus dieser engen Pflicht innerweltlicher Systeme heraus und entgrenzt. Religion hat immer mit Unbestimmtheit zu tun - so müssen wir etwa therapeutisch und psychologisch geschult sein, um Menschen zu trösten, und erst dann kommt vielleicht das Besondere der Religion hinzu.

Die Furche: Religion als unbestimmte Größe - wo bleibt da der Inhalt und die Semantik?

Schmidt: Natürlich wird gebetet, gibt es Bekenntnisse, auch die Dogmen sind eine Semantisierung. Aber es ist nicht so, dass erst etwas für wahr gehalten wird, und dann praktizieren wir dies, sondern es ist genau umgekehrt. Religiöse Inhalte sind funktional zu verstehen. Sie sind Semantisierung der grundlegenden Funktion von Religion, nämlich die Unbestimmtheit zu bearbeiten. Dogmen, Gebete, Liturgie sind essenzielle Bestandteile religiöser Praktiken, dadurch wird eine bestimmte religiöse Praktik unterscheidbar von der anderen. Nur beginnen wir nicht mit diesen Abgrenzungen. Sie drücken aus, was in Religion geschieht; aber sie begründen nicht religiöse Praxis.

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