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Gleichheit in Großeuropa

György Konrád, einer der bedeutendsten Schriftsteller und Intellektuellen Ungarns, der einen großen Teil seiner Familie im Holocaust verlor, schildert die kulturelle und politische Bühne seines Landes und erwartet ein neues Europa der Vielfalt.

Die Furche: Wo steht die ungarische Gesellschaft, die Kultur heute, bald eineinhalb Jahrzehnte nach der sogenannten Wende: Gibt es noch Spuren des Totalitarismus?

György Konrád: Des Totalitarismus vielleicht nicht, aber von einem gewissen Etatismus, und das ist eine ziemlich lange Tradition, dass man etwas von oben erwartet und uns der Staat als guter, wohlwollender Vater unterstützen soll. Und irgendwie bleibt ja die Unterstützung der Kultur auch weiterhin eine Aufgabe des Staates. Diese allgemeine Privatisierungstendenz, von der ich auch in Österreich höre, halte ich für eine Modewelle, denn es gibt Tätigkeiten, die nicht weitergeführt werden könnten, wenn sie unbedingt zur Eventkultur gehören müssten. Obwohl ich es gar nicht mag, wenn der Nationalstaat allzu schwer auf der Kultur sitzt, gibt es doch einige Aufgaben wie Unterricht oder Gesundheitswesen, die spezifisch für den Staat sind.

Die Furche: Hat sich der Stellenwert der Kultur seit 1989 verändert?

Konrád: Man könnte sagen, dass es eine Wellenbewegung gibt. Zuerst kam es zu einem großen Absturz der anspruchsvollen Literatur und es kam die anspruchslose. Als die Buchpreise sich dem europäischen Niveau annäherten, haben die Menschen mit einer gewissen Überraschung bemerkt, dass ein Buch mehr kostet als ein Glas Bier, und da früher diese Äquivalenz herrschte, war das irgendwie wie eine Beleidigung. Doch langsam haben sie sich daran gewöhnt. Man könnte sagen, der Tiefpunkt ist längst hinter uns, und es geht ziemlich bergauf; die Auflagen sind so hoch wie in einem westeuropäischen Staat von ähnlicher Größe, aber ganz große Schichten, die Bücher gerne lesen möchten - Lehrer oder Universitätsstudenten -, können sie nicht kaufen. Doch die Bibliotheken funktionieren. In der Kleinstadt, in der ich meine Kindheit verbracht habe, war in der Stadthalle während des kommunistischen Systems eine Polizeikommandantur, inzwischen ist daraus eine Bibliothek geworden. Und dort sind Kinder und Jugendliche, die mit Computern arbeiten, Titel recherchieren, Internetbeziehungen schaffen, an Wettbewerben teilnehmen. So würde ich sagen, dass es keine trostlose Landschaft ist.

Die Furche: Das kommunistische System hatte ja auch Auswirkungen auf die Gesellschaftskultur: Rückzug ins Privatleben, wenig Möglichkeit der Selbstorganisation. Sind davon Spuren geblieben?

Konrád: Es gab eine Abstoßbewegung vom staatlichen, öffentlichen Leben weg ins Private, aber es gab auch eine andere Seite: Da es in dieser Zeit nicht so leicht war, zu einem anständigen Einkommen zu kommen und die Familien doch irgendwie ähnlich leben wollten wie z. B. die österreichischen Nachbarn, haben sie mehr Stunden gearbeitet; sie haben sich selbst ausgebeutet, und es war normal, dass ein Mann zwölf, dreizehn Stunden arbeitet: acht an seinem Arbeitsplatz und noch vier oder fünf irgendwo zu Hause, in einem Atelier usw. Das war natürlich nicht ohne nachträgliche Wirkungen auf den Gesundheitszustand, und die überraschend frühe Sterblichkeit der Männer ist noch eine statistische Eigenart in Ungarn. Man könnte also sagen, dass es nicht nur eine Weg-vonder-Politik-Haltung war, sondern mehr pragmatisch.

Heute gibt es verschiedene politische Kreise, es herrscht relativ große Pluralität, von rechts bis links gibt es politische Zusammenkünfte, und wenn die Schriftsteller gerne teilnehmen möchten, dann haben sie viele Einladungen. Und natürlich gibt es eine Presse, die die Menschen herauszieht aus ihren ruhigen Ecken.

Die Furche: Was ist charakteristisch für die heutige politische Szene?

Konrád: Dass die Gesellschaft ziemlich polarisiert ist und etwa 50 Prozent in diese und 50 Prozent in die andere Richtung wählen. Die Polarisierung geht bis zum Familientisch, und vor den letzten Wahlen war es der Fall, dass Ehepaare miteinander ständig gestritten haben, weil der eine Partner die sozial-liberale, der andere die christ-national-konservative Seite wählen wollte. Wenn man die Vergangenheit der handelnden Personen kennt, dann ist es sehr komisch, welche Gruppenbezeichnungen sie aufgenommen haben und wie sie Schlittschuh laufen von einer geistig-politischen Familie in die andere.

Die Furche: Wie gehen eigentlich die Kirchen mit ihrer Vergangenheit um, mit ihrer Zusammenarbeit mit dem Staatskirchenamt?

Konrád: Das war eine politische Diskussionsfrage, weil die Partei, die irgendwie eine Fortsetzung zur demokratischen Opposition ist und die auch mir ziemlich nahe steht, die SZDSZ, die liberale Partei, wollte, dass alle diesbezüglichen Dokumente geöffnet werden sollten. Und da natürlich alle anderen Parteien irgendwelche Interessen in diesem Spiel haben - denn sie waren nicht so heroisch gegen das Regime -, so gab es jetzt einen Deal zwischen den Sozialisten und FIDESZ (Bund der Jungen Demokraten), dass Kirchenleute und - ich weiß nicht warum - Gewerkschaftsfunktionäre nicht durchleuchtet werden. Und die Kirche war an diesem Deal natürlich sehr interessiert.

Die Furche: Wird über den Anteil des Christentums, der katholischen Kirche am Antisemitismus gesprochen? Stellt man sich dieser Verantwortung?

Konrád: Es gab eine Schrift von den Bischöfen, es war ein schöner Text, aber vieles konnte man nicht erfahren, und diese Ereignisse folgen meistens erst nach den Initiativen des Vatikans.

Historische Tatsache ist, dass der katholische Primas, Kardinal Jusztinián Serédi, eine Rede im Parlament gehalten hat, wo er für das erste Judengesetz plädierte, und das hat auch der Erste Bischof der Kalvinisten getan, László Ravasz, übrigens ein bedeutender Theologe. Jusztinián Serédi hat später etwas Gutes getan: Er hat einen Brief geschrieben, den die Priester in den Kirchen verlesen sollten. Damals waren die Juden aus der Provinz schon nach Auschwitz deportiert worden. Im Brief stand, dass man die Konvertierten, die zum katholischen Glauben übergetreten waren, nicht deportieren solle, und die, die nicht konvertiert und bereits deportiert waren, menschlich behandelt werden sollten. Dieser Brief wurde spät geschrieben und ist bei den Priestern nicht angekommen, weil ein Mitarbeiter des Erzbischöflichen Ordinariats 3.200 Kuverts auf dem lokalen Postamt aufgegeben hat. Natürlich hat die Post das sofort gemeldet und nichts getan.

Es ist auch Tatsache, dass es herausragende Kirchenpersonen gab, die Menschen gerettet haben in ihrem Bereich, z. B. der Abt von Pannonhalma, der Benediktiner Krizosztom Kelemen, oder ein Vilmos Apor, der Bischof in Györ war. Es gibt einzelne schöne Geschichten, und es gibt auch katholische Kirchenfunktionäre, für die in der Allee der Gerechten unter den Völkern in Jerusalem ein Baum gepflanzt wurde, aber man könnte nicht sagen, dass die Kirche als Institution tapfer war, und eben diese Eigenschaft ist weiterhin geblieben. Aber es gab auch Ausnahmen. Ich hatte zum Beispiel in den sechziger, siebziger Jahren ein Häuschen gemietet von einem Benediktiner, von seiner Pfarrei - dort haben wir verschiedene Samisdat-Sachen geschrieben, und es gab ein großes Einverständnis, eine Sympathie und Gemeinsamkeiten zwischen ihm und anderen Benediktinern und uns; aber das waren auch Individualgeschichten.

Die Furche: Wie beurteilen Sie die Rolle der Kirchen heute? Es gab Verlautbarungen der katholischen Kirche vor Wahlen, es gibt einen reformierten Bischof, der ziemlich weit rechts steht, es gibt den Konnex zur Politik...

Konrád: Ich bin nicht begeistert, wenn die kirchliche Würde allzu eng mit einer Partei verbunden ist und man fühlt, wie verschiedene politische Kalkulationen im Hintergrund stehen. Aber es gibt eben unterschiedliche Kirchenführer, auch solche, die eine europäisch-humanere Haltung praktizieren.

Die Furche: Gibt es heute noch Antisemitismus in Ungarn?

Konrád: Ich finde nicht, dass es heute Stimmung gibt, Maßnahmen gegen Juden zu befürworten. Aber in Sportstadien schreibt die große Menge der Kahlköpfe immer etwas gegen Juden, es gibt auch ein Lied, das man dort singt: "Der Zug fährt ab nach Auschwitz."

Die Furche: Schreitet da niemand dagegen ein, wird das toleriert?

Konrád: Die Polizisten versuchen etwas zu tun, die Leute werden meistens dafür bestraft, wenn sie nicht nur andere, sondern auch die Polizisten schlagen (lacht). Es gibt nach dem Kommunismus eine juristische Schwierigkeit, Gesetze zu schaffen, die Wörter verurteilen und bestrafen, denn davon wollten wir uns befreien. Und viele liberale ehemalige Oppositionelle haben sehr heftig dagegen argumentiert, dass Wörter, die nicht in direktem Zusammenhang stehen mit aggressivem Handeln, mit Gewalt gegen eine Person, strafbar sein sollen. Damit habe ich vieles gemeinsam, jetzt aber denke ich, vielleicht soll man Menschen, die so etwas tun, mindestens symbolisch bestrafen; und wenn sie auch nur einen Forint zahlen müssen, hat das Urteil doch einen moralischen Wert.

Die Furche: Nächstes Jahr steht die Aufnahme Ungarns in die Europäische Union bevor. Was erwarten Sie davon?

Konrád: Ich erwarte viel Gutes, ich erwarte, dass die Kommunikation zwischen den Intellektuellen und den jungen Generationen in den verschiedenen europäischen Ländern natürlich sein wird, man wird ein gewisses europäisches Heimatgefühl haben, man wird stolz sein auf Wien und auf Lissabon oder auf ein italienisches Dorf. Und irgendwie wird die staatliche Orientierung der Sympathie oder der Antipathie weniger ernst sein, mehr das persönliche Verführt-Sein von Schönheiten, die man irgendwo erfahren hat. So denke ich, man wird ein wenig persönlicher sein. Die Ängste, dass man uniformer sein wird, teile ich nicht, denn man ist es schon ziemlich.

Und ich denke: Wer heute eine Unterstützung oder ein Sponsoring haben will, der muss etwas Eigentümliches vorzeigen; dann wird ein Dorf irgendwelche Traditionen und damit mehr Sympathie kriegen. Es ist nicht so, dass man einander immer ähnlicher sein will, denn das kann man nicht so gut verkaufen. Die Tendenzen verlaufen parallel und gegeneinander. Es gibt eine große Vereinigung - und es gibt eine große Differenzierung. Aber was eigentümlich ist, bleibt immer ein Kapital der Menschen.

Die Furche: Wie stehen Sie zu der von Jürgen Habermas begonnenen Debatte über eine europäische Identität?

Konrád: Ich war nicht begeistert von diesem Text. Ich plädiere für Großeuropa und denke, darin soll es keine erste oder zweite Klasse geben, denn eben das ist die Novität der europäischen Integration, dass man Gleichheit hat, unabhängig davon, ob das ein großer Staat ist oder ein kleiner Staat, unabhängig davon, wie alt unsere Staatsbürgerschaft in der EU ist.

Das Gespräch führte Cornelius Hell.

Nächster Länderschwerpunkt:

Slowakei am 6. November in der Furche.

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