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Die Gefahr aus dem Nichts

Vietnam - © Foto: Getty Images  / Dick Swanson/The LIFE Images Collection
Wissen

Drogen bei Krieg und Terror

1945 1960 1980 2000 2020

Drogen können Menschen zu mörderischen Kampfmaschinen machen. Das zeigt die jahrtausendealte Geschichte des Krieges – ebenso wie die langjährige Serie des islamistischen Terrors.

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Drogen können Menschen zu mörderischen Kampfmaschinen machen. Das zeigt die jahrtausendealte Geschichte des Krieges – ebenso wie die langjährige Serie des islamistischen Terrors.

Ein geheimnisumwitterter Führer: der „Alte vom Berge“. Und eine Gefolgschaft, die ihm bis zur Selbstaufopferung ergeben ist: Wenn hier zu Meuchelmorden angestiftet wird, dann mit Aussicht auf das Paradies. Dass in der Geschichte der Assassinen ein Muster für den islamistischen Terror unserer Zeit zu finden ist, darauf haben in den letzten Jahren viele Autoren hingewiesen. Seit dem Mittelalter ist diese Geschichte von Mythen und Legenden umrankt. Sie dreht sich um die schiitisch-islamische Glaubensgemeinschaft der Nizariten, mit denen die christlichen Kreuzfahrer im Nahen Osten in Kontakt gekommen sind.

„Die Unseren wie auch die Sarazenen nennen dieses Volk Assassinen, ohne dass wir wissen, wovon dieser Name abgeleitet ist“, berichtete der Chronist Wilhelm von Tyrus im 12. Jahrhundert. Doch der Name ist vielsagend: Sprachforscher erkennen darin den Begriff „Haschaschin“, was umgangssprachlich so viel wie „Haschischleute“ bedeutet. Denn die Assassinen sollen ihre Mitglieder mithilfe von Haschisch (Cannabis) zum Töten animiert haben. Unter dem Einfluss dieses „Phantasticums“ – ein Begriff des Drogenforschers Louis Lewin, der das Cannabis den „Sinnestäuschungsmitteln“ zugeordnet hat – wurden die jungen Männer in üppige Gärten mit hübschen Haremsdamen gebracht: So sollten sie einen Vorgeschmack himmlischer Freuden erhalten. Einer anderen Version zufolge wurden die Jünger zuvor mit Opium betäubt, sodass sie meinten, im Paradies zu erwachen. Zurück in der irdischen Welt, waren sie jedenfalls dazu bereit, waghalsige Auftragsmorde durchzuführen.

Die Dschihadisten-Droge

„Selbst wenn diese Geschichte nicht ganz wahr sein sollte, aufschlussreich ist sie allemal“, sagt der Wiener Historiker Ilja Steffelbauer. „Die Verbindung von Terror und Drogen steht hier im Zeichen des Betrugs. Naiven Jünglingen wird das Paradies vorgegaukelt. Der Rausch bindet sie an die Strategien einer mörderischen Sekte.“ Drogen kommen aber auch unmittelbar bei Terroraktionen zum Einsatz. Das zeigt sich in der jüngsten Geschichte der islamistischen Anschläge: 2015 etwa haben die Attentäter in Paris und Sousse (Tunesien) auf das Aufputschmittel Ferretylin zurückgegriffen.

Ein geheimnisumwitterter Führer: der „Alte vom Berge“. Und eine Gefolgschaft, die ihm bis zur Selbstaufopferung ergeben ist: Wenn hier zu Meuchelmorden angestiftet wird, dann mit Aussicht auf das Paradies. Dass in der Geschichte der Assassinen ein Muster für den islamistischen Terror unserer Zeit zu finden ist, darauf haben in den letzten Jahren viele Autoren hingewiesen. Seit dem Mittelalter ist diese Geschichte von Mythen und Legenden umrankt. Sie dreht sich um die schiitisch-islamische Glaubensgemeinschaft der Nizariten, mit denen die christlichen Kreuzfahrer im Nahen Osten in Kontakt gekommen sind.

„Die Unseren wie auch die Sarazenen nennen dieses Volk Assassinen, ohne dass wir wissen, wovon dieser Name abgeleitet ist“, berichtete der Chronist Wilhelm von Tyrus im 12. Jahrhundert. Doch der Name ist vielsagend: Sprachforscher erkennen darin den Begriff „Haschaschin“, was umgangssprachlich so viel wie „Haschischleute“ bedeutet. Denn die Assassinen sollen ihre Mitglieder mithilfe von Haschisch (Cannabis) zum Töten animiert haben. Unter dem Einfluss dieses „Phantasticums“ – ein Begriff des Drogenforschers Louis Lewin, der das Cannabis den „Sinnestäuschungsmitteln“ zugeordnet hat – wurden die jungen Männer in üppige Gärten mit hübschen Haremsdamen gebracht: So sollten sie einen Vorgeschmack himmlischer Freuden erhalten. Einer anderen Version zufolge wurden die Jünger zuvor mit Opium betäubt, sodass sie meinten, im Paradies zu erwachen. Zurück in der irdischen Welt, waren sie jedenfalls dazu bereit, waghalsige Auftragsmorde durchzuführen.

Die Dschihadisten-Droge

„Selbst wenn diese Geschichte nicht ganz wahr sein sollte, aufschlussreich ist sie allemal“, sagt der Wiener Historiker Ilja Steffelbauer. „Die Verbindung von Terror und Drogen steht hier im Zeichen des Betrugs. Naiven Jünglingen wird das Paradies vorgegaukelt. Der Rausch bindet sie an die Strategien einer mörderischen Sekte.“ Drogen kommen aber auch unmittelbar bei Terroraktionen zum Einsatz. Das zeigt sich in der jüngsten Geschichte der islamistischen Anschläge: 2015 etwa haben die Attentäter in Paris und Sousse (Tunesien) auf das Aufputschmittel Ferretylin zurückgegriffen.

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Die als „Captagon“ bekannte Substanz gilt als „Dschihadisten-Droge“: Das illegale Präparat dämpft nicht nur Hunger, Schmerz und Angst, sondern auch die Empathie, die Kritikfähigkeit und das Risikobewusstsein, wie der Wiener Psychiatrie-Professor Thomas Stompe erläutert: „Es kommt zur Enthemmung, die Gefahr für das eigene Leben wird gering geschätzt.“ Und grauenvolle Taten, wie sie die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) auch medial inszeniert, können so leichter durchgeführt werden.

Zugleich verdeutlicht die Verbreitung von „Captagon“, wie der Krieg den Drogengebrauch anheizt (und umgekehrt). Im Syrien-Krieg diente das Präparat nicht nur dazu, das Durchhaltevermögen zu steigern, sondern auch dazu, den Ankauf von Waffen mitzufinanzieren. Mehrere Bürgerkriegsfraktionen haben daran verdient. Ein Großteil der Drogenproduktion wird aus der Hafenstadt Latakia verschifft: 2019 stoppten die griechischen Behörden eine Lieferung von 33 Millionen Tabletten; heuer im Juli wurden bei einer Drogenrazzia in Italien sogar 84 Millionen sichergestellt – insgesamt 14 Tonnen Pillen, geschätzter Wert: eine Milliarde Euro. Dass der IS in den Drogenhandel mit involviert war, gilt als unbestritten.

Rasende Berserker

In Kriegszeiten haben Rauschmittel seit jeher Hochkonjunktur. Schon Alexander der Große soll seine Soldaten vor der Schlacht großzügig mit Opium versorgt haben, und die Wikinger könnten sich mithilfe eines halluzinogenen Pilzes in rasende Berserker verwandelt haben. „Schließlich müssen im Krieg zwei menschliche Urängste überwunden werden: die vor dem eigenen Tod und die vor dem Töten anderer“, bemerkt Steffelbauer, Autor des Buches „Der Krieg: Von Troja bis zur Drohne“ (Brandstätter 2017). „In vielen Armeen war es üblich, sich vor dem Kampf Mut anzutrinken. Die Schnapsration der britischen Infanterie in der Schlacht von Waterloo etwa kennen Historiker bereits sehr genau.“

Ideologie kann selbst wie eine Droge wirken: Sie bietet ein Refugium, senkt die Hemmschwelle und lindert den Schmerz. Und sie verändert die Sicht auf die Welt.

Die Geschichte des Drogengebrauchs im Krieg verschärft sich im 20. Jahrhundert, denn nun wird es möglich, hochwirksame Substanzen aus Naturstoffen zu isolieren oder „künstlich“ im Labor zu erzeugen. Nur allzu rasch finden sie den Weg ins Militär. Für die Blitzkriege gegen Polen und Frankreich etwa pumpten die Nazis ihre Soldaten voll mit Methamphetamin – so wie „Captagon“ ein synthetisch hergestelltes Aufputschmittel. Bemerkenswert ist das breite Spektrum an Drogen, die in Kriegen und Terroranschlägen zum Einsatz gekommen sind: Es reicht von enthemmenden Stoffen wie Alkohol oder Amphetaminen über Schmerz- und Beruhigungsmittel bis hin zu Psychedelika.

Dass manche Attentäter einen wahren „Drogencocktail“ in sich tragen, zeigte etwa der Terroranschlag in Mumbai von 2008: Blutproben lieferten Hinweise auf Kokain, LSD und Steroide. „Letztendlich geht es um die Realitätsverzerrung“, sagt Stompe. Für den Psychiater spielen Drogen bei Terroranschlägen allerdings nur eine untergeordnete Rolle: Unter Terroristen finde sich ein harter Kern, der stark ideologisch motiviert sei. Sie erfüllen ihre „Aufgabe“ selbst unter Einsatz des Lebens. Es gebe aber auch Mitläufer, die im letzten Augenblick einen Rückzieher machen könnten. Drogen können ihnen helfen, auftauchende Zweifel zu übergehen. „Wichtiger als chemische Hilfsmittel ist jedoch die Ideologie mit ihren starken Feindbildern“, sagt Stompe. „Das konnte man ja auch schon im Nationalsozialismus beobachten. Weite Teile der Bevölkerung waren damals überzeugt, dass die Juden eine reale Bedrohung darstellen, und haben deren Vernichtung mitgetragen.“

In gewisser Weise kann Ideologie selbst wie eine Droge wirken: Sie bietet ein Refugium, senkt die Hemmschwelle und lindert den Schmerz. Und sie verändert die Sicht auf die Welt. „Von dieser Umwertung der Werte versuchen sich Terroristen oft selbst zu überzeugen, indem sie Manifeste schreiben“, bemerkt Steffelbauer. Der Historiker weist darauf hin, dass es abseits von ideologischer Verblendung und Drogengebrauch eine weitere Strategie gibt, um die Tötungshemmung zu überwinden: psychologische Schulung. „Soldaten müssen heute nicht mehr unter Drogen gesetzt werden, weil es ein spezielles Training für das Töten gibt.“ Ähnliches wird freilich auch in Terroristen-Camps vermittelt. Der Attentäter von Wien hat eine solche „Ausbildung“ nicht durchlaufen. „Sonst hätten wir wohl eine noch höhere Opferzahl zu beklagen gehabt“, so Steffelbauer.

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