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REVUE IM AUSLAND

„U nsere Sünde“ — mit diesem Wort kennzeichnet Andr6 Millard in einem Leitartikel der „T e mo i g nag e Chretien"vom 6. Mai 1949 das Versagen des französischen Bürgertums und insonderheit der französischen Christen in bezug auf eine Lösung de in Frankreich seit langem brennend gewordenen Wohnungsproblems.

„1940 wohntet in Frankreich 10 Prozent aller Familien in Einraumwohnungen, 26 Prozent aller Familienwohnungen beherbergten mehr als zwei Personen pro Zimmer. Der Krieg hat 560.000 Wohnungen zerstört und weitere 540.000 schwer beschädigt. 1% Millionen Flüchtlinge suchen ein Dach über dem Kopf. Die meisten Stadtbauten sind 60 bis 70 Jahre alt und entsprechen in keiner Weise den sanitären Erfordernissen. 100.000 Personen verlassen jährlich das Land, um in die Stadt zu ziehen. — In den nächsten zehn Jahren müßten mindestens 300 000 Wohnungen neu gebaut werden, in 15 Jahren zudem noch- 250.000 Wohnungen."… „Nun ist nichts wirklich Bedeutendes.im Wohnbau der letzten-Jahre geleistet worden." … „Eine fiebernde, tiefe Unzufriedenheit und Unruhe läuft durch das Land. Die Revolte der Obdachlosen und Schlechtbehausten, die Hilferufe der Verlobten und Jungverheirateten, die Mühsal der Frauen, die man, ohne Abhilfe zu schaffen, zwingt, in Heimen zu leben, die Gefängnissen gleichen, das Leiden der Kinder, die Tuberkulose, der Alkoholismus, di Prostitution und das Irregehen der Jugend …" Eine Kettenreaktion von Übeln, wurzelhd in dieser Wohnungsmisere —, wann, so fragt Millard, wird sich unser christliches Gewissen rühren? Es scheint nun aber noch keineswegs so weit zu sein. Als etwa vor zwei Jahren das „Institut catholique“ in Paris, die weltangesehene Stätte höherer Bildung und Wissenschaft, einen Appell zur Meldung von Wohnstellen.für seine Studierenden erließ, liefen einige wenige Antworten ein. Der Autor verweist auf die Unsitte vieler französischer .Bürger, die sich „christlich“ nennen und ohne Bedenken zwei Wohnungen besitzen, von denen sie eine nur wenige Wochen des Jahres benützen. „Andererseits wurden christliche Arbeiter bestraft, die im Zuge einer Hilfsaktion für obdachlose Familien leerstehende Häuser und Wohnungen beschlagnahmten und jene in diese einließen.“ — Starres Festhalten an seinen „Rechten“ und Positionen, eine soziale Apathie, ein Nichthören und Nichtsehenwollen der Zeitnot gegenüber charakterisiert nach Millard dieses späte Bürgertum.

Deutscher Osten — 1945

„Christ und Weit", das protestantische in Stuttgart erscheinende „Informationsblatt", veröffentlicht eine Artikelserie, die in Deutschland beträchtliches Aufsehen erregt, über das Schicksal Ostdeutschlands im Frühjahr 1945. Die Bevölkerung Ostpreußens und des „Warthegaues“, Danzigs und Pommerns mußte im Sturm der Kriegsereignisse Furchtbares erdulden, da Hitlers Befehle des „eisernen Durchhaltens bis zum letzten Mann" alle örtlichen Maßnahmen, die auf eine Räumung der bedrohten Gebiete abzielten, immer wieder durchkreuzten, ja strikte verboten.

„So stießen die sowjetischen Panzerkeile in eine erst in letzter Minute aufgescheudite Wanderung des Volkes auf allen Straßen und Verkehrswegen hinein und überwälzte diese. Tausende, Abertausende kamen so ums Leben. Kinder und Greise, Frauen und Gebrechliche erfroren zu Häuf auf den Trecks, auf den ungeschützten Transporten. Schreckens-

Szenen in den wenigen Häfen, vor den letzten auslaufenden Schiffen. Frauen werfen ihre Kleinkinder über Bord, ihren am Ufer stehenden Verwandten zu, weil nur Flüchtlinge ohne Kindern aufgenommen werden. Viele fallen ins Eiswasser, ertrinken. Bei der Torpedierung der größten Fluchtschiffe, der ehemaligen KdF- Dampfer, durch sowjetische U-Boote kommen Zehntausend ums Leben."

Vergebens suchen dichte Ketten von Feldpolizei die flüchtenden Soldaten zu stellen und sie in eine nicht mehr existierende Frontlinie zurückzutreiben. Aus einen. Danziger Tagebuch („Christ und Welt“ vom 21. April 1949), 17. März 1945: „Man sieht Gehängte an den Bäumen mit Schildern vor der Brust: ,Ich hänge hier, weil ich dem Befehl meines Transportführers nicht Folge leistete', ,Ich hänge hier, weil ich ohne Erlaubnis meine Einheit verließ … Es werden Luftwaffenhelfer von 15 Jahren erhängt, weil sie einen kurzen Besuch bei ihren noch in Danzig lebenden Eltern machen wollten.“

Ein apokalyptisches Verderben bricht über Stadt. um Stadt, Land um Land herein. Aus dem Tagebuch eines dänischen Kapitäns: „Es war, als ob ganz Pommern in eine einzige Glut getaucht sei. Bis zu uns auf See hinaus leuchtete der blutrote Schein der Flammen die ganze Küste entlang, und so, als ob weder Stadt noch Dorf verschont geblieben wäre. Ich habe in diesen Wochen viel gesehen. Aber hier war es, als ob die Höll selbst ihre Glu tofen auf gemacht hätte, und man konnte nur ahnen, was darin geschah …"

Während Ostdeutschland untergeht, träumt man in Berlin, im Führerhauptquartier, phantastische Träume von Rache, „Befreiung“, Vergeltung. Noch einmal, zum letztenmal, will man durch den Mythos die Wirklichkeit eliminieren und liquidieren. Groteskes Beispiel — der Fall Kol-

berg. 1806 hatte Nettelbeck Kolberg gegen eine napoleonische Übermacht, erfolgreich verteidigt. Im März 1945 befiehlt Hitler den Bürgern Kolbergs, die Stadt — mit 3000 Mann aus Ersatz- und Volkssturmeinheiten — gegen die andrängenden russischen Panzerarmeen zu halten! Als Hilfe sendet er Kolberg in einem Sonderflugzeug einen kurz zuvor im Auftrage der Göbbels- Propaganda mit großem Aufwand hergestellten Veit-Harlan-Film über den Kampf des alten Kolberg 1806. E i n F i 1 m — als letzte Waffe gegen sieben russische Armeen! Vielleicht enthüllt diese Tatsache von einzigartiger symbolischer Wucht am sichtbarsten die illusionäre Magie des Reiches, das sich tausendjährig wähnte.

Kampf um Deutschland — 1949

„Das Reich der Mitte“, so heißt der Leitartikel der Pariser weltpolitischen Zeitschrift „O e d i p e“ vom 6. Mai 1949. Es geht um Deutschland. Deutschland ist, wie es in einem hier folgenden Artikel heißt, heute „der Schlüssel des Krieges oder des Friedens“. Das ist das große Ereignis der Weltpolitik heute, ein progressives Geschehen, daß es in seiner eigenen Dynamik in Klugheit einzusehen und richtig zu bewerten gelte. „Oedipe“ erklärt: „Deutschland gewinnt wieder seine klassische Gestalt als das Reich der Mitte.“ Noch stehen die großen Fragen,offen: Werden die Amerikaner es akzeptieren, daß sich die deutsche Wirtschaft nach dem Osten orientiert? Werden die Russen das politische Übergewicht des mächtig aufstrebenden deutschen Westen anerkennen?

Das in Bonn geeinte Westdeutschland — legt die Pariser Zeitschrift dar — bereitet sich intensiv auf seine internationale politische Rolle vor. Hinter diesem Anliegen und Ereignis treten die Probleme der inneren Politik zurück, wenn sie auch letztlich keineswegs an Schärfe verlieren. Bedeutsam ist nun das eine:

„Niemand ist weiter entfernt vom Gedanken, mit den Sowjets zu paktieren, als die sozialistischen Führer und die Gewerkschaftler des deutschen Westens: die Idee eines politischen Rapallo erscheint gegenwärtig als absurd. Sosehr es aber gewiß ist, daß es hier keinen Deutschen gibt, der bereit ist, den Verlust der Ostprovinzen hinzunehmen, sosehr liegt es doch in der Natur der Dinge, daß sich das industrielle Deutschland und das agrarische (Ost-) Europa ergänzen. Gegen diesen inneren Zusammenhang wird auf die Dauer nicht anzukämpfen sein. Es wird aber von der Einsichtskraft der Menschen abhängen, ob dieser ein freundliches oder ein feindliches Gesicht offenbaren wird. Es hängt von den Westmächten ab, ob sie jenes Verstehen und jenes starke Selbstvertrauen wiederfinden, ohne das alle Kulturen zugrunde gehen, so daß der deutsche Januskopf bewogen wird, sich dem Westen zu öffnen, um sich von ihm inspirieren zu lassen, und sich dem Osten zuwendet, um in ihn hinein .auszustrahlen …"

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