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Randhemerkungen zur woche

„VOLLSTÄNDIGE ÜBEREINSTIMMUNG ZWISCHEN ITALIEN UND GROSSBRITANNIEN“ wurde nach dem offiziellen Schlußkommuniqui bei den Gesprächen De Gasperis und Sforzas in London erzielt. Bedeutsam war dieser Besuch vor allem als Beginn einer neuen Phase in den Beziehungen zwischen den beiden Staaten, deren Antagonismus im Fragenkomplex Mittelmeer — Afrika auch mit dem Sturz des Faschismus und dem Ende des zweiten Weltkriegs nicht aufgehoben war, sondern die Beziehungen beider Länder weiter belastete. De Gasperi und sein Außenminister, die beide seit Jahren mit Umsicht, Takt und Geduld die im eigenen Land auf starke gefühlsmäßige Gegnerschaft stoßende Wiederannäherung an England betrieben, sehen ihr Wirken so endlich auch äußerlich von Erfolg gekrönt. Ungelöst bleibt nur noch immer das dornige Triestiner Problem, das seit dem Tito-Kominform-Konflikt und der Anlehnung Jugoslawiens an den Westen zwar seine ideologische Schärfe verloren hat, dafür aber praktisch noch schwerer lösbar geworden ist. Die gerade im Zusammenhang mit den Londoner Gesprächen mehrfach unterstrichenen Thesen der britischen Außenpolitik — einerseits Festhalten an der Erklärung vom März 1948 (Rückgliederung des gesamten Territoriums an Italien), andererseits Wunsch nach direkten Verhandlungen Rom — Belgrad — offenbaren in ihrem inneren Widerspruch die ganze Schwierigkeit, in der sich die westliche Diplomatie in dieser Frage heute befindet. Triest, der Hafen des alten Österreich und damit neben Wien einst die Stadt des ganzen Reiches, ist so ein bis in die Gegenwart hineinreichendes Mahnmal, das durch seine ungelöste Problematik die Staatskanzleien immer wieder daran erinnert, welchen ungeheuren Fehler man einst mit der Zerschlagung der Donaumonarchie begangen hat.

DIE WÄCHTERIN DER MEERENGEN — die Türkei — sieht sich im Westen nach Hilfe um. Die russischen Außenstellungen sind nähergerückt. In der Ausweisung von 350.000 Mohammedanern aus Bulgarien sieht die Türkei die Hand Moskaus. Sie betrachtet selbst den im Jahre 1939 mit Frankreich und Großbritannien abgeschlossenen Allianzvertrag nicht als genügende Deckung. Als die Türkei und Griechenland im Frühjahr 1950 den zwölf Atlantikpaktmächten das Ansuchen um Beitritt stellten] erhoben die skandinavischen Staaten mit Rücksicht auf Moskau Einspruch. Indessen hat Amerika der Türkei wohl Instruktoren und Waffenlieferungen zur Verfügung gestellt, aber in Ankara ist man dadurch nicht beruhigt und macht geltend, daß geographisch weniger exponierte Länder, wie die Niederlande und Italien, sich eines wirksameren Beistandes erfreuen können. Besprechungen türkischer Militärs mit dem Kommandanten der USA-Flottenkräfte im Ostatlantik und Mittelmeer, Admiral Car-ney, haben nun zu einer Verständigung über eine gemeinsame Verteidigung des östlichen Mittelmeers geführt. Doch Ankara wünscht vertraglich bindende Abmachungen und hat die USA eingeladen, dem Allianz-vertrag vom Jahre 1939 formell beizutreten. Der Türke verweist nicht mit Unrecht darauf, daß es wenig Sinn hat, im atlantischen Verteidigungspakt einen Sektor für das westliche Mittelmeer vorzusehen, während gegen einen Angriff vom Ostmittelmeer nicht vorgebaut werde.

DIE PRESSEFREIHEIT ist ein großes Gut. Doch was einzelne weitverbreitete amerikanische Blätter aus ihr. machen, ist Verbrechen. Ihre Kriegskombinationen schwelgen in Vorstellungen von Atombombenverheerungen, Rasieren europäischer Städte, Veranstaltungen der „verbrannten Erde“ nach koreanischer Methodik. Man kann nicht annehmen, daß diese Phantasien aus Angst und Verirrung entstanden wären, die Verbreiter sind recht weit vom Schuß. Was sind die Motive? Sie wären der Erforschung wert. Nicht zum erstenmal hätte die Rüstungsindustrie ihre Hände im Zeitungsgeschäft. Es ist erfreulich, daß die ehrenhafte öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten mit scharfer Kritik auf die Exzesse der Vorkriegsverdiener, die es eilig haben, reagiert.

DER POLITISCHE MORD ist noch immer eines der erschreckendsten Symptome für die Abgründe der Menschennatur. In derselben Woche, in der in den USA ein Gericht den Ausführenden des mißglückten Attentats gegen Präsident Truman, den portorikanischen Nationalisten Oscar Col-lazo, zum Tode verurteilte, drückten auf der anderen Seite der Erdkugel, im Iran, ölinteressen, weltpolitische Intrigen und sektiererischer Fanatismus einem jugendlichen Wirrkopf die tödliche Waffe in die Hand, mit der er den Ministerpräsidenten General Ali Rasmara niederstreckte, und nur wenige Tage später fiel der Rektor der Universität Teheran unter den Kugeln eines jugendlichen Attentäters. Die' pathetische Äußerung des Mörders Ali Ras-maras bei seiner Verhaftung „Warum verkauft ihr mein Land und zwingt mich so zu meiner Tat?“ offenbart wieder einmal jene verhängnisvolle Mischung von nationalistischer Phraseologie, jugendlicher Romanlik, überkompensierten Minderwertigkeitskomplexen und Sendungsbewußtsein, die für die politischen Attentäter aller Zeiten und Völker kennzeichnend ist. Man wird an jenen unglückseligen, schwärmerischen Gymnasiasten Gavrilo Princip erinnert, der vor mehr als einem Menschenalter in Sarajevo die verhängnisvollen Schüsse abgab, die eine Weltkatastrophe auslösten, deren Folgen die Völker der Erde bis heute noch nicht überwunden haben. Auch er ivar damals ein Werkzeug anderer dunkler Mächte, die im Hintergrund standen und seinen Idealismus -mißbrauchten. Denn neben der Tragödie des Opfers solcher politischer Attentate steht immer auch die Tragödie des Attentäters — die Tragödie des von dunklen Mächten mißbrauchten Idealisten. *

RUND 350.000 WOHNUNGEN wurden im vergangenen Jahr in Westdeutschland gebaut. Mit dieser gewaltigen Zahl übertrifft Deutschland alle europäischen Länder. Selbst der sozialistische Wohlfahrtsstaat England hat es nur auf rund 220.000 Wohneinheiten gebracht und bleibt als zweiter in der Statistik weit hinter dem deutschen Aufbau. Trotzdem ist die deutsche

Leistung nicht als Wunder zu bezeichnen, sondern nur als eine, wenn auch vorbildliche — Selbstverständlichkeit. Der deutsche Bauwille ist nämlich von Parteidoktrinen gänzlich unbelastet und über alle Schichten, Klassen und Parteien gleichmäßig verteilt. Die katholische Siedllingsgenossenschaft baut ebenso wie die sozialistische oder die unpolitische, und Staat, Gemeinden, Länder, Banken, Industrie und Privatleute sind „ungehemmt“ an der Finanzierung beteiligt. 1,36 Milliarden DM betrug die im vorigen Jahr im Wohnungsbau investierte Summe, wovon 6&0 Millionen auf den öffentlich geförderten sozialen Wohnbau entfielen. Die Beschaffung solcher riesiger Summen — es handelt sich um ungefähr acht Milliarden Schilling — war möglich, da das wirtschaftliche Denken dabei gesund ist: die Mietzinse sind normal, so daß die Kredite sich bezahlt machen und der öffentliche Kreditgeber die Gelder des Steuerzahlers nicht als Geschenk an den Wohnungswerber vergibt. Man hat den gesunden Standpunkt beibehalten, daß für eine Leistung — und sei es auch eine Wohnung — ein angemessenes Entgelt entrichtet werden muß. Die Lehre des Vergleichs: In Deutschland bezahlt man die Neubauwohnung mit einem angemessenen Zins, in Österreich bezahlt man die Doktrin mit Wohnungsnot.

FÜR JEDEN STUDENTEN DIE VERPFLICHTUNG, ein J ahr an einer ausländischen Hochschule zu studieren, sieht ein in der französischen Nationalversammlung in Vorbereitung befindliches Gesetz vor. Begründung: die Hochschulzeit sei nicht nur dazu da, dem künftigen Akademiker Wissen, sondern auch Erfahrung zu vermitteln; Erfahrungen aber werden am besten durch Reisen und längeren Aufenthalt im fremden Land erworben. Die kategorische Maßnahme der französischen Gesetzgebung lädt ein, auch bei uns in Österreich Umschau zu halten. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges beginnen hier die Studenten dank zählreicher fremder Stipendien in weit größerer Zahl als früher an ausländische Hochschulen zu wandern. Doch der Kreis dieser Glücklichen ist dennoch sehr eng gezogen. Um so erfreulicher wäre die Ncu-belebung einer alten, durch viele Widrigkeiten unserer Zeit außer Übung gekommenen Sitte. Noch vor einigen Jahrzehnten war es keine Seltenheit, daß die Hochschüler innerhalb Österreichs die Universitäten wechselten. Besonders die inkorporierten Studenten ließen es sich ungern entgehen, wenigstens ein Semester bei einer Schioesterverbindung in einer anderen Hochschulstadt zu hospitieren. Die Bekanntschaft neuer Lehrer, neuer Kollegen und eines anderen Teiles ihrer Heimat waren ein Gewinn, der im späteren Berufsleben gute Zinsen trug. Diese:x alten Brauch wäre jetzt, da viele Hindernisse der Kriegs- und Nachkriegszeit weaaeiallen sind. Ernev.eruna zu wünschen.Leben hatte nur einen Inhalt und ein Ziel: den Kampf für Israels Staat und Volk. Mein Gefühl war dabei, daß dieser Kampf ihn Waffen anwenden ließ, die anzuwenden er unter ruhigeren Verhältnissen gezögert hätte.“

Die Pressekonferenzen zeigten es ihm auch stärker an, daß das Mißtrauen gegen ihn „gewachsen war. Oft finden wir Ahnungen eingestreut, daß der für die Menschlichkeit Kämpfende mit dem Verlust seines Lebens zu rechnen habe. „Ich begann zu ahnen, wie exponiert meine Stellung war. Ich begann auch zu verstehen, daß alle meine Versuche, objektiv zu denken und zu handeln, ohne Zweifel von unzuverlässigen und fanatischen Skribenten mißverstanden und mißdeutet werden würden...“ Damals näherte er sich schon seinem Schicksal.

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