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Randbemerkungen ZUR WOCHS

„DIE REPUBLIK BRAUCHT KEINE CHEMIE!" meinten die zuständigen Mitglieder des „Wohlfahrtsausschusses“ anno 1793 in Paris, als der geniale Lavoisier um Auischub seiner aus politischen Gründen ~verfügten Hinrichtung bat. Er bat unter dem Hinweis auf die Wichtigkeit seiner geistigen Tätigkeit iür die wahre Wohlfahrt der Gesellschaft, er bat um ein paar Wochen und Monate Zeit, um seine in Gang befindlichen Untersuchungen zu beenden. Der Konvent Marats und Robespiertes hatte keine Zeit, die Wohlfahrt des Staates zwang ihn, von derlei Rücksichtnahmen und Sentimentalitäten Abstand zu nehmen. Seit den Tagen der Jakobiner, in den geistigen Wurzeln allerdings schon viel weiter zurückreichend, ist dieses Argument der um die jeweilige „Wohlfahrt“ Besorgten gleich geblieben. Bis zu der grausig- humorvollen Bemerkung eines berühmten bulgarischen Hundertjährigen, der einer kommunistischen Zeitung gegenüber erklärte, „Sterben sei Sabotage an der Volksdemokratie“. Man kann das jeweilige „Ganze" Wohlfahrt, Volksdemokratie, „Reich und Führer“ oder sonstwie nennen. Die Oesterreich i sehen Industriellen haben auf ihrer letzten Verbandssitzung dafür den Namen „Produktivität“ gewählt, als sie sich gegen ein Herzensanliegen des katholischen Volkes, den 8. De z e mb er (Mariä unbefleckte Empfängnis) als staatlich anerkannten Feiertag Wiederaufleben zu lassen, aus- sprachen. Produktivität! Ein gutes, ein lobenswertes Wort (auch „Wohlfahrt“ war ein solches). Und im Namen dieser Göttin der Vernunft, der Wirtschaft und der Produktivität haben sie einen bemerkenswerten Spruch gefällt: „Sie fordern die gesetzliche Interessenvertretung der Wirtschaft auf, diese neue Belastung mit Entschiedenheit abzuwehren". Und dann folgt die Aufrechnung eines „unproduktiven Lohnaufwands“ von 80 Millionen Schilling. Die Entscheidung des Parlamentsklubs der Volkspartei vom 19. Mai, sich für die Wiedereinführung dieses Feiertags einzusetzen, wird mit Schweigen übergangen. Eine merkwürdige Gleichheit der Motive und Begründungen drängt sich auf, die die Stellungnahme der österreichischen Industriellen mit fast wörtlich gleichlautenden Beschlüssen aus einer politischen Himmelsrichtung verbindet, die höchst anrüchig erscheinen dürfte.Wir denken hierbei an den in der kommunistischen ungarischen Regierungspresse abgedruckten Beschluß der Werktätigen, den Ostermontag, Pfingstmontag und zweiten Weihnachtstag aus Gründen der Produktivitätssteigerung abzuschaffen. Soweit stimmt die Parallele aufs Wort. Was allerdings nicht stimmt, ist die Pointe: Im Zuge des „neuen Kurses" hat die kommunistische ungarische Regierung diese Feiertage w i e d e r eingeführt. P. S. Zum Thema Lavoisier und Wohlfahrtsausschuß: Wenige Monate nach der Hinrichtung Lavoi- siers, für dessen geistige Tätigkeit keine Zeit gewesen war, landeten die Herren vom Wohlfahrtsausschuß nahezu vollzählig selbst auf der Guillotine.

DIE SPALTUNG DER ITALIENISCHEN MONARCHISTEN kann möglicherweise . sehr positive Folgen haben für eine innenpolitische Konsolidierung Italiens. Der bisherige Vorsitzende dieser Partei, Achille Lauro, gleichzeitig ihr wichtigster Geldgeber (er ist Reeder), trat aus der Partei aus, weil sie die demokratische Linie verlassen habe. Seiner neuen Partei traten sofort alle Senatoren, Stadträte und Abgeordneten des Gebietes von Neapel bei. wo Lauro auch Bürgermeister ist. Die Monarchistenpartei verfügte bisher im Abgeordnetenhaus über 40 Sitze. Ihre Stellung gegen die Democristiani hat jener die parlamentarische Mehrheit gekostet und die gesamte Regierungsarbeit ungemein erschwert. Lauro dürfte, im Gegensatz zum Parteisekretär Covelli, eher geneigt sein zu einer Zusammenarbeit mit den Democristiani, er vertritt deren Europapolitik und will für eine konstruktive Zusammenarbeit gegen den italienischen Kommunismus eintreten.

EINE ACHTKOPF1GE LABOUR-DELEGATION

wird im kommenden Herbst auf Einladung des rotchinesischen Außenministers zu einem zweimonatigen Besuch nach China gehen. Diese geplante Reise nach Peking hat beträchtliches Aufsehen erregt in Amerika, auch in England selbst. Die Beziehungen Englands zu Rotchina waren zwar immer besser als die der USA, die chinesischen Kommunisten hatten es aber in den letzten Jahren nicht fehlen lassen an demütigenden Gesten an die Adresse Londons. So hatten sie die Entsendung einer englischen diplomatischen Mission nach Peking nicht beantwortet durch die Besetzung einer neuen chinesischen Botschaft in London. Edens Bemühungen, Tschu En Lai und Molotow in Genf zu Teilzugeständnissen an Frankreich und den Westen zu bewegen, waren naturgemäß nur geringe Erfolge zuteil geworden, was wieder auf die Beziehungen Englands zu den USA und ihrer Asienpolitik Rückwirkungen hatte. — Nicht wenige Weltblätter sehen im Projekt dieser Labour-Reise einen Vorstoß Churchills, der damit demonstrieren wolle, daß beide englische Parteien heute auf dem Standpunkt stehen, der Westen müsse zu einer

Art motius vivendi mit China kommen. Die personelle Zusammensetzung der Delegation (sechs gemäßigt-konservative Labour-Männer, die antikommunistisch sind, nur Bevan als enfant terrible und dazu der Pazifist Franklin) ließe sich jedenfalls in diesem Sinne deuten. Die USA haben auf diese Geste viel rithiger reagiert, als manche ihrer Freunde und Feinde erwarteten.

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GUATEMALA, indianischer Name für „Ort der Holzhaufen", ist in den letzten Wochen zu einem Ort der Wafienhaüfen und abgeworfener Fiugzeuggrüße (einstweilen noch Propaganda- zettel) geworden; auf dem Atlantik jagt die Kriegsmarine der Vereinigten Staaten nach Schiffen mit Kriegsmaterial. Es wäre übertrieben, den Gerüchten, Guatemala bedrohe den Panamakanal, Glauben zu schenken; schließlich sind die 2,8 Millionen Einwohner des Landes für den über 1200 km entfernten, hochgeschützten Kanal keine materielle Gefahr. Diese liegt ganz wo anders. Sie ist — in einem anderen Zusammenhänge, aber darum nicht weniger treffend — auf der letzten panamerikanischen Konferenz gekennzeichnet worden. Was nämlich für manche Teile Südamerikas gilt, trifft auch für Guatemala zu: den besten Vorspann für revolutionäre totalitäre Ideen liefern die sozialen Verhältnisse, die Lohn- und Bodenfrage. Auf dem Gebiete, das nur um ein Fünftel größer als Oesterreich ist, leben in der Mehrzahl Indianer, daneben Mischlinge, Ladinos und eine dünne Ueberschicht Weiße. Bereits zwischen den letzten Weltkriegen wurde in gründlichen Untersuchungen festgestellt, daß, abgesehen von einem Lohngefä’le zwischen atlantischer Seite und pazifischer, die allgemeinen sozialen Verhältnisse unbefriedigend sind. In der Umgebung von Coban haben die Kaffeepflanzer große Ländereien von der Regierung gekauft, den Eingeborenen zwar erlaubt, darauf zu verbleiben, aber die Bedingung daran geknüpft, eine bestimmte Anzahl von Tagen, 6 bis 12 im Monat, für den Grundbesitzer zu arbeiten. Früher hatte der „Colono" (der auf dem Pflanzerbesitz Arbeitende) sogar noch Frondienste zu leisten (alle Monate ein halber Tag Wegearbeit ü. a.), erst neuerdings wurde diese „Regelung" durch bezahlte Arbeit abgelöst. Auf der pazifischen Seite ist der „Ranchero" nicht selten an seinen Herrn hoch verschuldet, obschon Frau und Kinder mit- arbeiten. Es ist also allerhand reformbedürftig und kein Wunder, daß bodenreformatorische Vorgänge (Enteignung der United Fruit Company) starken Widerhall finden. Es wäre also zunächst angezeigt, die ideellen Waffen zu entschärfen; dann bleiben die östlichen (über Stettin verfrachteten) sogenannten „Maschinen" ohne Bedienung.

DIE SPANNUNG IN PAKISTAN ist im Wachsen. Nach der Wahlniederlage der bisher in beiden Landesteilen führenden, ursprünglich westpakistanischen Moslemliga in der bengalischen Osthälfte des Landes, wurde dort eine neue Regierung eingesetzt, die aber keine lange Lebensdauer hatte. Denn die Zentralregierung in Karachi verhängte über den bengalischen Landesteil den Ausnahmezustand, setzte die neue Regierung ab und ersetzte sie durch einen Gouverneur. Pakistanische Truppen bezogen schlagartig vor allen öffentlichen Aemtern der bengalischen Hauptstadt Dakka Posten, es kam zu blutigen Unruhen. Wie bei jedem Staatsstreich wurde sofort eine strenge Pjessezensur verhängt. Die Zentralregierung sprach von „Verrat", von „zersetzenden Kräften" und „feindlichen Agenten", von „Umtrieben zur Errichtung eines selbständigen Ostpakistan". Und hier liegt die Wurzel von Unruhen und Gegenwirkung. Ostpakistan, das vom anderssprachigen und anders gearteten Westteil 2000 Kilometer entfernt ist, sträubt sich gegen die von Karachi aus betriebene Zentralisierung. Fast die ganze ostpakistanische Industrie, nahezu alle Schlüsselstellungen in Wirtschaft und Verwaltung des Ostteiles sind in Händen zugewanderter Westpakistaner. — Eine ernste Störung im politischen Gleichgewicht dieses volkreichsten islamischen Staates könnte der Nahostverteidigung abträglich sein, die bekanntlich auf die beiden Eckpfeiler Türkei und Pakistan gegründet ist. Bisher ist nicht zu erkennen, daß der Abschluß des amerikanisch-pakistanischen Militärabkommens zu den erwähnten Unruhen beigetragen hätte. Man vermutet aber Wechselwirkungen zwischen dieser Bewegung und den im nahen indischen Industrierevier einflußreichen Kommunisten. — Die Freisetzung ehemaliger Kolonialgebiete scheint zu deren weiterer Aufspaltung und zu allerhand Neubildungen zu führen. Sowjetchina zum Beispiel hat in Jünrtan eine „autonome Thai-Region" gegründet und propagiert von dort aus ein einheitliches Land "der Thai, eines Volksstammes, der sowohl in Nordburma wie in Siam wie in Teilen Französisch-Indochinas siedelt. Der neue Staat würde also, und hier wird der Zweck deutlich, gleich drei bisher antikommunistische Staaten aufsprengen

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