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Die Stunde des "spontanen" Terroristen

1945 1960 1980 2000 2020

Das Terrorattentat von Nizza zeigt einen neuen Typus des Täters. Statt mit indoktrinierten Fanatikern haben wir es nun mit vorbestraften Kleinkriminellen zu tun, die ansatzlos Massaker anrichten. Ein großes Problem für die Sicherheitsbehörden.

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Das Terrorattentat von Nizza zeigt einen neuen Typus des Täters. Statt mit indoktrinierten Fanatikern haben wir es nun mit vorbestraften Kleinkriminellen zu tun, die ansatzlos Massaker anrichten. Ein großes Problem für die Sicherheitsbehörden.

Selten in den vergangenen Monaten schätzte der französische Premierminister Manuel Valls einen Sachverhalt so gut ein, wie am vergangenen Freitag, als er nach dem Attentat von Nizza mitteilte, dass Frankreich noch lange unter dem Terror leiden werde. Tatsächlich hatte der Regierungschef ausgesprochen, was sich seit seit geraumer Zeit immer mehr verdichtet: Nizza, davor Brüssel, davor Paris, davor Charlie Hebdo. Diese Anschläge haben gemeinsam, dass die Behörden kaum Chancen haben, ein Verbrechen zu verhindern. Es wird selbst nach den Taten immer schwerer, den islamistischen Hintergrund der Terroristen nachzuweisen, wie etwa im Fall des Täters von Nizza.

Mohammed Lahouaiej Bouhlel war weder Salafist noch Fundamentalist noch ein verirrter IS-Kämpfer. Statt Moscheen zu besuchen war er eher auf Kontaktportalen im Internet zu finden, er trank Alkohol und aß Schweinefleisch, liebte es, Selfies von sich in knappen Shirts zu verschicken. Er tat also alles, was Islamisten ein Greuel ist - und das im Übermaß.

Dennoch passierte der Anschlag, mit 85 Toten einer der folgenschwersten der vergangenen Monate. Nizza zeigt jedenfalls eine neue Strategie der Terrororganisation, was die Auslese und die Anleitung der Terroristen betrifft. Der "Glaube" des "Soldaten", seine militärisch-terroristische Ausbildung, seine Treue zur Gruppe, scheinen unerheblich geworden zu sein. Was zählt, ist allein die Tat und die Opferzahl. Der Attentäter hat sich, wenn überhaupt, erst in den letzten Tagen seines Lebens radikalisiert.

Terror der Gauner

Bei Mohammed Bouhlel handelt es sich also nicht um einen disziplinierten "Soldaten", als den ihn die Propagandaabteilung des Islamischen Staats bezeichnet hat. Er war auch nicht mit dem Attentäter von Würzburg zu vergleichen, der offensichtlich in intensivem Kontakt mit dem IS stand.

Bouhlel war vielmehr ein frei agierender Krimineller, der offenbar keinerlei besondere Eignung aufzuweisen hatte, als den Willen zu töten. Es mag seltsam klingen, aber einer wie er war bisher in der Logik islamistischen Terrors als Attentäter nicht denkbar. Bis Nizza nicht. Das Attentat stellt die Erfahrung und die Radikalismus-Forschung auf den Kopf.

Denn nach bisherigen Erkenntnissen stand im Zentrum solcher Anschläge immer der indoktrinierte Glaube, sei es nun an eine religiöse oder eine politische Gruppe. Das war schon bei den berüchtigten Assassinen vor eintausend Jahren so. Sie waren für die Außenwelt bloß berüchtigte Mörder, nach innen aber ein straff organisierter Geheimbund, der auf Tradition und einem gruppeneigenen Ehrbegriff basierte.

Das politische Attentat war Teil der assassinischen Strategie, sich gegen die Eroberungsversuche der Seldschuken zur Wehr zu setzen. Dafür zu sterben, war jungen Männern aufgetragen. Sie wurden monatelang unterwiesen und trainiert, ehe sie zu ihren Missionen aufbrachen, die darin bestanden, prominente Feinde zu erstechen und sich danach zu ergeben. Marco Polo berichtet, dass sie vor ihren Missionen in eine Gartenanlage gebracht wurden, die das Paradies vorstellen sollte. Dort wurden sie bewirtet und von Frauen umsorgt, ein Garten, in den sie nach ihrem heldenhaften Tod zurückkehren sollten. Das war zumindest das Versprechen. Das Selbstopfer wurde als heiliges Ritual betrachtet, der eigene Tod als Verpflichtung.

Ab dem Jahr 1200 gerieten die Assassinen in Vergessenheit, der politische Mord wurde ab da mit weniger persönlichem Risiko ausgeführt, shakespearesche Hinterlist schlug sozusagen das Selbstopfer des Mörders. Erst die japanische Armee hat im 2. Weltkrieg das Konzept des Kamikaze-Fliegers entwickelte, jener Selbstmordpiloten, die 36 Kriegsschiffe versenkten und Hunderte Marines das Leben kosteten.

Die Kamikaze waren auf den Kaiser eingeschworen, ihr Tod galt als Heldentat, doch wie die Abschiedsbriefe dieser zumeist jungen Flugschüler zeigen, wurden viele von ihnen durch eine menschenverachtende Befehlskultur in Mord und Selbstmord gezwungen. Und auch die Nachahmer fehlten zunächst. Zwischen 1945 und 1980 gab es kein Suizid-Attentat.

Das Paradies als Lohn von Märtyrerschaft und Terror ist laut dem US-Islamismusexperten Karl Kaltenthaler von der Case Western Reserve University erst wieder mit dem Kampf der Palästinenser gegen Israel ins Zentrum der strategischen Überlegungen gerückt. Es bildet nach Kaltenthalers Studie "The Rationality of Radical Islam" das Zentrum der Überlegungen von Gruppen wie Hamas und Hezbollah. Durch den "spiritullen Anreiz" der Seelenrettung lassen sich Menschen rekrutieren. Doch selbst in den Terrororganisationen des Nahen Ostens sind Selbstmordattentate nur in Ausnahmefällen erlaubt. Immerhin gilt sowohl die Ermordung Unschuldiger als auch Selbstmord im Koran als schwere Sünde. Entsprechend streng legten Terror-Geistliche, wie Scheich Fadlallah von der Hezbollah den Rahmen von Suizidattentat fest: "Das Selbstmartyrium ist nicht gestattet, wenn die Operation nicht die Aussicht hat, den Feind tief zu erschüttern. Der Gläubige darf sich nicht in die Luft sprengen, wenn das Resultat nicht den Verlust der Seele des Gläubigen aufwiegt. Diese Akte sind nicht zufällige Unfälle, sie müssen durch Regeln geleitet sein."

Entsprechend selektiv erfolgte auch die Auswahl der Attentäter. In seinem Buch "The Strategic Logic of Suicide Terrorism" beschreibt der Politikwissenschafter Robert Pape von der Chicago University die Vorbereitungen eines Anschlags der Hamas auf eine Diskothek in Tel Aviv, bei dem am 1. Juni 2001 21 Menschen starben. Der Attentäter Saeed Hotari war davor monatelang in speziellen Koran-Kursen auf seine Funktion gedrillt und auf seine Tauglichkeit getestet worden. So wurde die Nervenstärke des zukünftigen Attentäters getestet, indem man ihn mit Totengewändern in ein Grab legte und dort mehr als zwölf Stunden im Gebet verbringen ließ.

Der Islam und der Terror

Die Al Kaida wiederum setzte auf ihre Auswahl in den Terrorcamps in Afghanistan und Pakistan. Dort wurde den meisten Freiwilligen Kampfverhalten und Taktik antrainiert, einigen wenigen aber spezielle theologische Kurse verabreicht, die sie zu Führern von Terrorteams machten. Unter den letztgenannten befand sich auch Mohammed Atta, der Drahtzieher der 9/11-Angriffe.

Ähnliche Ausbildungen wurden auch den Selbstmordattentätern der Tamil Tiger auf Sri Lanka zuteil, wenn auch auf Basis marxistischer Lehren. Wie überhaupt der Suizidattentäter kein religiöses Motiv benötigt, jede starke Ideologie erfüllt den gleichen Zweck. Von 1980 bis 2003 bestätigen das auch die Statistiken. Sekuläre Selbstmordattentäter übersteigen da noch die Zahlen der religiös motivierten Suizid-Terroristen (222 zu 154). Mit dem Irakkrieg ändert sich das dramatisch. Von 133 Attentaten seither wurden 101 Islamisten zugeordnet.

Die Benennung sei gleichwohl irreführend, so der Terrorexperte Michael Doran vom Hudson Institute. Das wirkliche Handlungsmotiv von Terroristen seien weder Religion noch politischer Glaube. Ausschlaggebend sei die Erfüllung einer Pflicht für die Gruppe und/oder für eine Nation.

Das Attentat von Nizza zeigt da eine neue Charakteristik. Es ist der erste Anschlag, bei dem der "auserwählte" Aggressor von durchstrukturiertem Fanatismus im Sinn traditioneller Terrornetzwerke weit entfernt war. Gut möglich, dass in Nizza finanzielle Anreize bereits den Irrglauben als Motiv ersetzt haben. Oder einfach das Vorbild und die Botschaften des IS im Internet die Tat auslösten - ohne jeden direkten Kontakt zum Täter. "Wir müssen mit dem Terror leben", hat Premierminister Manuel Valls gesagt. Vermutlich auch mit dem Typus des spontanen Terroristen.