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Ein Raubmörder, der den Tresor seines Opfers nicht aufbringt

Blanker Terror ist "politisches Abenteurertum“: Nach diesem Befund des großen Strategen Mao Zedong und den Erfahrungen mit Bin Laden gefährdet Terrorismus die politische Struktur stabiler Demokratien nicht.

"Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich / Damon, den Dolch im Gewande: / Ihn schlugen die Häscher in Bande, / ‚Was wolltest du mit dem Dolche? Sprich!‘ / Entgegnet ihm finster der Wüterich. / ‚Die Stadt vom Tyrannen befreien!‘ / ‚Das sollst du am Kreuze bereuen.‘“

So zeichnet Schiller in der "Bürgschaft“ den "revolutionären“ Terroristen: Einzelgänger, der Zeitpunkt, Ort und Waffe für den Schlag gegen den "strukturellen“ Terror von oben bestimmt. Der überraschende Angriff verbreitet Unsicherheit, die Tat Schrecken: Immer reagieren die Mächtigen "oben“ mit verschärftem Terror, wie auch auf dem Höhepunkt der "grande terreur“ 1794 in der Französischen Revolution. Das terroristische Rezept: alles durchdringende Überwachung durch ein unsichtbares Netz von Spitzeln sät allgemeines Misstrauen und verhindert daher "Verschwörungen“

In dieses Bild passt der Terrorismus im Irak nicht, denn dort tobt ein unentschiedener Bombenkrieg zwischen sunnitischen und schiitischen Banden, der heuer 5600 Opfer gekostet hat, allein im Oktober deren 975, davon 852 Zivilisten. Dahinter steckt der uralte Streit unter den Muslimen um das rechtmäßige Erbe Mohammeds, denn der Prophet hatte vor seinem Tod 632 keinen Nachfolger bestimmt.

Schneise des Grauens

Terror war immer eine Waffe schwacher Kräfte. Deshalb zählt "selektiver Individualterror“ auch zur Taktik jeder Guerilla. Ziele sind Repräsentanten des Regimes und Sabotageakte, um dem Volk klarzumachen, dass niemand unverwundbar ist. Spektakuläre Terrorakte sind "Propaganda der Tat“, deren Wirkung in der Öffentlichkeit "Bekennerbriefe“ noch verstärken.

Nach diesem Rezept operierte die deutsche RAF vor allem in den 1970er-Jahren, um das deutsche "Proletariat“ zu befreien. 34 ermordete Prominente und Sabotageakte rissen zwar eine Schneise des Grauens, doch das deutsche "Proletariat“ ließ sich nicht befreien. Gleiches gilt für Italiens "Rote Brigaden“. Beide Terrorbanden inspirierten die lateinamerikanischen "Stadtguerillas“ und strebten wie diese eine kommunistische Gesellschaft "ohne Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“ an. Doch sie schwammen nicht auf einer "revolutionären Flut“, die Lenin so beschrieb: "Die oben können nicht mehr, wie sie wollen, und die unten tun nicht mehr, wie sie sollen.“ Dieser gravierende Fehler unterlief sogar der Revolutionsikone Che Guevara. Er hatte nämlich behauptet, dass man eine "revolutionäre Flut“ nicht abwarten dürfe, denn "ein Aufstand schafft sie“. Damit scheiterte er im Kongo und in Bolivien kläglich.

RAF, Stadtguerillas und Che Guevara haben zwar die Schriften des großen und erfolgreichen chinesischen Guerilla-Strategen Mao Zedong studiert, aber augenscheinlich missachtet. Für Mao ist Terror nur Teil der Guerilla, die mit einer "Kristallisationsparole“ beginnt, also mit Agitation gegen einen Unterdrücker - im Fall Maos gegen die Japaner in China. Terror soll dem Volk und dem Gegner klar machen, dass ein Unterdrücker nie sicher ist und in einem Krieg ohne Fronten enorme Kräfte verschleißt. Parallel dazu läuft die "Organisation der Massen“, damit der irreguläre Kämpfer im Volk "wie ein Fisch im Meer“ untertauchen, aber die eigenen Kräfte erhalten kann. Die organisierten Massen garantieren den Guerillas Versorgung, Logistik und umfassende Information. Steht die "Organisation“, folgt die "Militarisierung“, nämlich die Bildung eines "Volksheeres“, das den Unterdrücker in einem "lang andauernden Krieg“ materiell und moralisch derart abnützt, dass er den Krieg verliert. Terror allein erreicht das nicht und ist für Mao nur "politisches Abenteurertum“.

"Krieg gegen den Terrorismus“

"Herkömmlicher“ Terror von unten versetzte demokratischen Gesellschaften durchaus schmerzliche Schläge, veränderte sie aber nicht. Diesen Frust wollten Bin Laden und seine Al-Kaida mit einer neuen Strategie beheben: nicht mehr "selektiver“, sondern "summarischer“ Terror, der massenhaft Opfer fordert, in wirtschaftlich wichtigen Zentren maximale Zerstörung anrichtet, den moralischen und materiellen Nerv der "imperialistischen Ungläubigen“ trifft und ihnen - als "Teilerfolg“ - wenigstens enorme Sicherheitskosten aufzwingt. Der 11. September 2001 bildete den Auftakt und ersten Höhepunkt dieser Strategie. Es folgten blutige Anschläge 2002 auf Bali, 2004 in Madrid, 2005 in London oder 2008 in Mumbai - in Summe fast 4000 Tote.

9/11 schockierte die USA, denn es war der erste militärische Angriff auf das US-Festland. Daraufhin erkläre Präsident Bush jr. dem "Terrorismus den Krieg“. Das erwies sich zwar als höchst populär, doch ebenso als aussichtslos wie der Versuch, mit verbundenen Augen Heckenschützen in einem Tunnel zu fassen. Offensichtlich missachtete Bush die Erfahrung des legendären Lawrence of Arabia, der 1918 wesentlichen Anteil am Sturz des osmanischen Reiches hatte: "Der Soldat kontrolliert nur, worauf er sein Gewehr richten kann.“ Die Bilanz in Afghanistan sieht entsprechend aus: ungeheure Kosten und Rückzug einer moralisch und materiell ausgezehrten Nation.

In Bushs "Krieg gegen den Terrorismus“ übernahm die 1952 zum weltweiten Überwachen, Abfischen und Auswerten elektronischer Kommunikation gegründete NSA eine Schlüsselrolle. Völkerrecht und "Völkerfreundschaften“ hin oder her - Hauptsache ist die Sicherheit der USA. Denn der "summarische“ Terrorist versteckt sich längst nicht mehr wie bei der deutschen RAF hinter falschem Namen in "konspirativen Wohnungen“ oder schäbigen Garagen. Er beherrscht elektronische Kommunikation und Verwischen von Spuren, ist operativ in Kleinstgruppen organisiert, strategisch von einer hoch mobilen Zentrale aus gesteuert und taktisch ausgezeichnet vorbereitet. Daher sammelt die NSA im globalen Lauschangriff u. a. lückenlos "Meta-Daten“: Wo und wann bewegt sich ein Verdächtiger, mit wem trifft er sich wann und wo, wohin reist er mit welchem Verkehrsmittel, wo bewegt er sich dort, wann kehrt er wie zurück? "Dreieckspeilung“ soll ein "Personennetz“ aufdecken. Das ist ebenso zeitaufwändig wie mühsam. Deshalb veröffentlichen Sicherheitsdienste Erfolge auch sehr unkonkret: Ein Terrorakt sei verhindert worden - ohne Wer, Wann, Wo und Wie. Konkrete Angaben nützen der Bevölkerung kaum, wohl aber dem Terrornetzwerk.

Schaden angerichtet, Ziel verfehlt

In Summe hat Terrorismus die politische Struktur demokratischer Staaten nicht verändert. Also gleicht der Terrorist einem Raubmörder, der den Tresor seines Opfers nicht aufbringt: zwar Schaden angerichtet, aber Ziel verfehlt.

Bleibt die Frage, warum die NSA E-Mails des Peppi Maier, Telefonate der Bundeskanzlerin Merkel oder Google "summarisch“ abfischt. Sind sie denn Teilhaber oder Handlanger des "summarischen Terrorismus“? Oder ist der "Krieg gegen den Terrorismus“ nur Tarnung der grenzen- und hemmungslosen politischen und wirtschaftlichen Spionage?

* Der Autor ist ehem. Redakteur der "Salzburger Nachrichten“

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