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In der Welt der Medien wird heftig über die Terroranschläge von New...

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In der Welt der Medien wird heftig über die Terroranschläge von New York und die US-Bomben gegen Afghanistan diskutiert. Meist geht es nur um die Frage, welche der Opfer mehr Bedauern und Trauer verdienen.

Vielleicht wurden sie tatsächlich überschätzt, die Taliban-Kämpfer, die jetzt scharenweise überlaufen, schnell aus den Städten und Dörfern in den unwegsamen Bergen des Hindukusch verschwinden, verjagt oder einfach massakriert werden. Noch ist jedenfalls nicht klar, warum sich das Blatt so rasch gewendet hat und die - anfangs armselig wirkende - Nordallianz in Afghanistan in kürzester Zeit von Sieg zu Sieg stürmen konnte. Ob die gezielten Bombardements der Amerikaner den Boden bereiten konnten, oder ob noch andere Maßnahmen im Spiel waren wie Bestechungen, die den Zerfall der Herrschaft der rabiaten Koran-Schüler beschleunigt haben, wird sich erst herausstellen. Das ist nur eine der vielen offenen Fragen in diesem Krieg, von dem es in den vergangenen Wochen auch sonst nicht viel Verlässliches zu berichten gab, wie die Reporter "vor Ort" allabendlich zugeben mussten. Umso mehr finden wir moralische Bekenntnisse und Positionen, meist bezogen aus der eigenen Gefühlswelt.

Die große Frage in diesen Tagen ist, was nach der militärischen Konfrontation kommt. Nach dem Sieg über die verhassten Gotteskrieger wollen die siegestrunkenen Kommandanten der Nordallianz jetzt auch politisch die Fäden in die Hand nehmen. Wie allerdings aus Militärführern eines Zweckbündnisses, deren Truppen in der Vergangenheit einander ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung auch bekämpft, ausgeplündert, verraten oder vernichtet haben, jetzt vernünftige und moderate Politiker werden sollen, ist den meisten Beobachtern ein Rätsel.

Machtgierige Clans

Noch bevor sie richtig begonnen haben, werden die Bemühungen um eine stabile Post-Taliban-Ordnung da und dort bereits als aussichtslos angesehen. "Im neuen Afghanistan wird niemand niemanden akzeptieren" ätzte beispielsweise ein hochrangiger Vertreter des pakistanischen Sicherheitsdienstes in Anspielung auf die alten Feindschaften zwischen den Kommandanten. Zu machtgierig und zerstritten wären die Clans, die Stämme und ihre Anführer, die verschiedenen Ethnien. Zu viele Rechnungen unter ehemaligen Rivalen wären noch offen. Keine Macht also für niemand, weil man sich nicht einigen wird?

Der Weg zum Frieden und zu einer gerechten Ordnung wird schwierig. Triumphierende Warlords denken in anderen Kategorien als friedenssehnsüchtige, frisch rasierte Männer oder von Baumwollverhüllungen und Gesichtsgittern befreite Frauen. Aber zumindest für ein paar Tage werden jetzt Vertreter der Stämme, der politischen Gruppen und der Exil-Afghanen - eingeladen von den Vereinten Nationen - auf dem Bonner Petersberg beieinander sitzen und klären, wie sie das zersplitterte, ausgehungerte Land auf einen gemeinsamen Weg bringen wollen.

Es sind die ersten friedlichen Bilder seit dem Grauen des 11. September. Widerlegen sie die These "Terror ist nicht mit militärischen Mitteln zu besiegen", wie sie von einer nicht unbeträchtlichen Schar europäischer Intellektueller vehement propagiert worden war?

Es ist populär, die Amerikaner für ihre militärische Machtdemonstration zu kritisieren. Der brasilianische Bestsellerautor Paulo Coelho zum Beispiel verurteilte kürzlich in Berlin anlässlich des Verleihung des Kultur-Bambi 2001 mit einem gängigen Argument die US-Bombardements. "Man versucht uns einzureden, dass der Einmarsch in Afghanistan dem Kampf gegen das Böse diene. In Wahrheit wird aber dadurch nur neues Böses erzeugt - und unschuldige Menschen sterben". Coelho sprach damit vielen aus dem Herzen. Was die bessere Strategie gewesen wäre? Das vermochte auch er nicht zu sagen.

Dabei wurde dieser Krieg offensichtlich anders geführt als andere zuvor. Man hatte via CNN den Eindruck vermittelt bekommen von sorgsam durchdachten, chirurgisch geplanten Operationen mit möglichster Einschränkung von Kollateralschäden. Die Bombardements hatten nicht Zivilisten zum Ziel, sondern die (vermuteten) Kommunikationszentren, Waffendepots und Versorgungsplätze der Taliban - im Gelände, in den Bergen, an den Pässen. Der ganze Krieg schien sehr begrenzt zu sein, ohne blinden Rachedurst, und nicht etwa nur als bloße "Vergeltungsaktion".

In vielen Menschen regt sich trotzdem eine gefühlsmäßige Abneigung. Ist das wirklich nur so, weil heutzutage Krieg immer als widerwärtig empfunden wird? Oder spielt mehr mit - zum Beispiel ein spezieller Anti-Amerikanismus oder ein besonderes Mitgefühl mit einer seit Jahren von (Bürger-)Krieg und Vernichtung geknüppelten Bevölkerung?

Die in den Medien vorgeführten Diskussionen mit Experten und prominenten Zeitgenossen zeigt zwar eine tiefe Kluft zu Politik und Militär. Die Argumente beschränken sich meist dennoch darauf, dass die einen den anderen nur ihre Befindlichkeiten zu Gewalt und Krieg mitteilen, dass Zensuren verteilt, Zitate zerzaust, Haltungen abschätzig niedergemacht werden. Sind Sie für oder gegen das Bombardement in Afghanistan?

Ein "Aufruf" von 113 französischen Intellektuellen enthielt zum Beispiel harsche Kritik und eine deutliche Distanzierung von den Regierung Chirac: "Das ist nicht unser Krieg!" Jede abgeworfene Bombe bringe nur neue Terroristen hervor. Die Unterzeichner mussten sich daraufhin massiv den Vorwurf anhören, sich nicht eindeutig und scharf genug gegen die Terrorakte am 11. September in New York und Washington gewandt zu haben und "eisige Gefühllosigkeit" an den Tag zu legen. Einige der Unterzeichner fühlten sich daraufhin verpflichtet, das angemessene Mitgefühl nachzuliefern ...

So und ähnlich läuft in vielen Medien ein intellektuelles Hick-hack über die "richtige" Einschätzung der amerikanischen Jagd nach Osama Bin Laden und seiner Helfershelfer.

Neue Kriegslust

Einen neuen Akzent setzte die "Neue Zürcher Zeitung" mit einem Artikel über "emotional correctness". Der Autor regte sich über jene deutschen Intellektuellen und Medien auf, denen es kalt den Rücken hinunterlief bei der Proklamation der "uneingeschränkten Solidarität" mit den Amerikanern. Und auch angesichts der ganz offensichtlichen Steigerung des rot-grünen Selbstwertgefühles, weil Deutschland nun wieder als Großmacht in Erscheinung tritt. Ist es wirklich so verwunderlich, dass mancher schon das Säbelrasseln im Hintergrund zu hören vermeint? Der Schweizer Autor fühlt sich jedenfalls angesichts der Ängste, Einwände, der Beschäftigung mit der politischen Botschaft der Terroranschläge an die deutsche Friedensbewegung der achtziger Jahre erinnert. Er spricht von einem geradezu "pfäffischen Denken" der deutschen Kritiker, weil sie Sorge haben, dass auch in Deutschland wieder schlafende Löwen oder sonstige Tiere geweckt werden könnten.

Nun seien jedem seine moralischen Beurteilungen unbenommen, aber in einer Attitüde der Überlegenheit den anderen zu sagen, welche Gefühle sich gehören und welche Gefühle korrekterweise unterbleiben sollten - das ist leicht. Vor allem für jemanden, der vom Problem selbst nicht betroffen ist. Die Schweiz steht ja bekanntlich auch nicht vor der Frage, ob sie sich in Afghanistan die Finger schmutzig oder gar blutig machen soll oder nicht, sondern pflegt weiterhin ihre merkwürdige Mischung aus Zivilmilitarismus (Gewehr im Kleiderschrank und so), Geschäftemacherei und sich ansonsten aus allem Heraushalten.

Was soll überhaupt dieser Begriff "emotional correctness"? Nehmen wir einmal an, er ist sinnvoll. Was ist denn nun die "korrekte" Gefühlsregung beim Anblick der berstenden Türme des World Trade Centers in New York oder jetzt der Berichte aus Afghanistan? So wie uns bestimmte Fernsehbilder und -berichte vom "sauberen Krieg" vorgesetzt werden, sollen wohl jetzt auch "saubere Emotionen" vorgeschrieben werden. Auch eine Art von Unmenschlichkeit.

Natürlich rührt es einen an, wenn jemand wie die indische Schriftstellerin Arundhati Roy ("Der Gott der kleinen Dinge"), ihren Gram, ihre Wut und Empörung im Spiegel, in der FAZ und Zeit und anderen Blättern hinausschreibt und -schreit und die USA verdammt für ihre Bombardements in Afghanistan, für ihre jahrelange Unterstützung terroristischer Systeme oder Militärdiktaturen und für ihre Bigotterie. Auf den Terrorismus mit Krieg zu reagieren, werte diesen erst richtig auf, ist sie überzeugt. Bezahlen müßten in New York wie in Afghanistan die unschuldigen Opfer. Wie habe sich eine so feinsinnige Literatin so flammend gegen George Bush und so wenig einfühlsam für die Opfer und Trauernden äußern können, mußte sich Arundhati Roy kürzlich im Zeremoniensaal der Pariser Sorbonne fragen lassen.

"Die Anschläge vom 11. September waren die monströse Visitenkarte einer aus den Fugen geratenen Welt. Die Botschaft könnte, wer weiß, von Usama Bin Ladin stammen und von seinen Kurieren übermittel worden sein, aber sie könnte durchaus unterzeichnet worden sein von den Geistern der Opfer von Amerikas alten Kriegen" schrieb sie Ende September in der FAZ. Das sind schreckliche Argumente. Bin Ladins Terrorbotschaft, unterzeichnet von den Opfern aus Amerikas unfriedlichen Vergagenheit. Solche Sätze sind eine Zumutung. Man mag sie moralisch ablehnen, aber sie präsentieren uns andere Sichtweisen präsentieren, die es - wohl nicht ohne Grund - auch gibt. Und sie zeigen, dass viele Menschen aus dieser ganz anderen Perspektive heraus wohl auch andere Gefühlsregungen verspüren, wenn sie vor CNN-Bildern sitzen.

"Die Ermordeten werden erst erlöst sein, wenn die Täter bestraft sind" rief George Bush in der ersten Gefühlsaufwallung nach dem 11. September seinen Landsleuten zu (Peter Huemer in einer Hörfunksendung, unter Berufung auf CNN). Afghanistan sei erst der Anfang, ließ der Präsident zu "thanksgiving" dieser Tage auch die 101. Luftlandedivision in Fort Campbell (Kentucky) wissen. "Wir werden das Böse in den kommenden Jahren in der ganzen Welt bekämpfen, und wir werden siegen", rief er unter dem Jubel Tausender Soldaten. Wo, blieb offen, aber immer näher rückt der Irak als nächstes Ziel in den Vordergrund.

Selten nimmt die aktuelle Weltpolitik das menschliche Wissen und Gewissen so sehr in Anspruch wie in diesen Wochen und Monaten. Dies gilt auch für all jene, die ihre Sicht und ihre Positionen der Öffentlichkeit vorstellen.

Wir in Österreich streiten uns da lieber um ganz andere Dinge. Wie gut, dass wir neutral sind! Oder? Zwar haben sich heimische Politiker auch zur Solidarität im Kampf gegen den Terrorismus bekannt. Aber die Stunde der Wahrheit hat für uns noch nicht geschlagen.

Schwierige Rolle

"Die Anschläge vom 11. September waren die monströse Visitenkarte einer aus den Fugen geratenen Welt. Die Botschaft könnte, wer weiß, von Osama Bin Laden stammen und von seinen Kurieren übermittelt worden sein, aber sie könnte durchaus unterzeichnet worden sein von den Geistern der Opfer von Amerikas alten Kriegen" schrieb sie Ende September in der FAZ. Das sind schreckliche Argumente. Bin Ladens Terrorbotschaft, unterzeichnet von den Opfern aus Amerikas unfriedlicher Vergagenheit. Solche Sätze sind eine Zumutung, keine Frage. Man mag sie moralisch ablehnen - aber sie präsentieren uns eine Sichtweise, die es (wohl nicht ohne Grund) eben auch gibt. Sie zeigen, dass Menschen aus dieser ganz anderen Perspektive heraus dann auch völlig andere Gefühlsregungen verspüren, wenn sie vor CNN-Bildern sitzen. Die Konfrontation mit dieser Sicht ist aber zumutbar, weil sie zum Nachdenken zwingt.

"Die Ermordeten werden erst erlöst sein, wenn die Täter bestraft sind" rief doch auch George Bush in der ersten Gefühlsaufwallung nach dem 11. September seinen Landsleuten zu (Peter Huemer in einer Hörfunksendung, unter Berufung auf CNN). Sind solche Sätze weniger schrecklich? Afghanistan sei erst der Anfang, ließ uns der Präsident kürzlich wissen, ausgerechnet zu "thanksgiving". "Wir werden das Böse in den kommenden Jahren in der ganzen Welt bekämpfen, und wir werden siegen". Wo, blieb offen, aber immer näher rückt der Irak als nächstes Ziel in den Vordergrund.

Es ist lange her, dass die Weltpolitik das menschliche (Ge-)Wissen so sehr in Anspruch genommen hat wie jetzt. Da ist es verführerisch, sich in ein Schwarz-Weiß-Denken hineinfallen zu lassen. Jene, die ihre Sicht und ihre Positionen der Öffentlichkeit dazu vorstellen, sind sichtlich davor auch nicht gefeit. Und wir? Zwar haben sich heimische Politiker zur Solidarität mit den USA im Kampf gegen den Terror bekannt. Aber die Stunde der Wahrheit hat für uns auch noch nicht geschlagen.

In der Welt der Medien wird heftig über die Terroranschläge von New York und die US-Bomben gegen Afghanistan diskutiert. Meist geht es nur um die Frage, welche der Opfer mehr Bedauern und Trauer verdienen.

Vielleicht wurden sie tatsächlich überschätzt, die Taliban-Kämpfer, die jetzt scharenweise überlaufen, schnell aus den Städten und Dörfern in den unwegsamen Bergen des Hindukusch verschwinden, verjagt oder einfach massakriert werden. Noch ist jedenfalls nicht klar, warum sich das Blatt so rasch gewendet hat und die - anfangs armselig wirkende - Nordallianz in Afghanistan in kürzester Zeit von Sieg zu Sieg stürmen konnte. Ob die gezielten Bombardements der Amerikaner den Boden bereiten konnten, oder ob noch andere Maßnahmen im Spiel waren wie Bestechungen, die den Zerfall der Herrschaft der rabiaten Koran-Schüler beschleunigt haben, wird sich erst herausstellen. Das ist nur eine der vielen offenen Fragen in diesem Krieg, von dem es in den vergangenen Wochen auch sonst nicht viel Verlässliches zu berichten gab, wie die Reporter "vor Ort" allabendlich zugeben mussten. Umso mehr finden wir moralische Bekenntnisse und Positionen, meist bezogen aus der eigenen Gefühlswelt.

Die große Frage in diesen Tagen ist, was nach der militärischen Konfrontation kommt. Nach dem Sieg über die verhassten Gotteskrieger wollen die siegestrunkenen Kommandanten der Nordallianz jetzt auch politisch die Fäden in die Hand nehmen. Wie allerdings aus Militärführern eines Zweckbündnisses, deren Truppen in der Vergangenheit einander ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung auch bekämpft, ausgeplündert, verraten oder vernichtet haben, jetzt vernünftige und moderate Politiker werden sollen, ist den meisten Beobachtern ein Rätsel.

Machtgierige Clans

Noch bevor sie richtig begonnen haben, werden die Bemühungen um eine stabile Post-Taliban-Ordnung da und dort bereits als aussichtslos angesehen. "Im neuen Afghanistan wird niemand niemanden akzeptieren" ätzte beispielsweise ein hochrangiger Vertreter des pakistanischen Sicherheitsdienstes in Anspielung auf die alten Feindschaften zwischen den Kommandanten. Zu machtgierig und zerstritten wären die Clans, die Stämme und ihre Anführer, die verschiedenen Ethnien. Zu viele Rechnungen unter ehemaligen Rivalen wären noch offen. Keine Macht also für niemand, weil man sich nicht einigen wird?

Der Weg zum Frieden und zu einer gerechten Ordnung wird schwierig. Triumphierende Warlords denken in anderen Kategorien als friedenssehnsüchtige, frisch rasierte Männer oder von Baumwollverhüllungen und Gesichtsgittern befreite Frauen. Aber zumindest für ein paar Tage werden jetzt Vertreter der Stämme, der politischen Gruppen und der Exil-Afghanen - eingeladen von den Vereinten Nationen - auf dem Bonner Petersberg beieinander sitzen und klären, wie sie das zersplitterte, ausgehungerte Land auf einen gemeinsamen Weg bringen wollen.

Es sind die ersten friedlichen Bilder seit dem Grauen des 11. September. Widerlegen sie die These "Terror ist nicht mit militärischen Mitteln zu besiegen", wie sie von einer nicht unbeträchtlichen Schar europäischer Intellektueller vehement propagiert worden war?

Es ist populär, die Amerikaner für ihre militärische Machtdemonstration zu kritisieren. Der brasilianische Bestsellerautor Paulo Coelho zum Beispiel verurteilte kürzlich in Berlin anlässlich des Verleihung des Kultur-Bambi 2001 mit einem gängigen Argument die US-Bombardements. "Man versucht uns einzureden, dass der Einmarsch in Afghanistan dem Kampf gegen das Böse diene. In Wahrheit wird aber dadurch nur neues Böses erzeugt - und unschuldige Menschen sterben". Coelho sprach damit vielen aus dem Herzen. Was die bessere Strategie gewesen wäre? Das vermochte auch er nicht zu sagen.

Dabei wurde dieser Krieg offensichtlich anders geführt als andere zuvor. Man hatte via CNN den Eindruck vermittelt bekommen von sorgsam durchdachten, chirurgisch geplanten Operationen mit möglichster Einschränkung von Kollateralschäden. Die Bombardements hatten nicht Zivilisten zum Ziel, sondern die (vermuteten) Kommunikationszentren, Waffendepots und Versorgungsplätze der Taliban - im Gelände, in den Bergen, an den Pässen. Der ganze Krieg schien sehr begrenzt zu sein, ohne blinden Rachedurst, und nicht etwa nur als bloße "Vergeltungsaktion".

In vielen Menschen regt sich trotzdem eine gefühlsmäßige Abneigung. Ist das wirklich nur so, weil heutzutage Krieg immer als widerwärtig empfunden wird? Oder spielt mehr mit - zum Beispiel ein spezieller Anti-Amerikanismus oder ein besonderes Mitgefühl mit einer seit Jahren von (Bürger-)Krieg und Vernichtung geknüppelten Bevölkerung?

Die in den Medien vorgeführten Diskussionen mit Experten und prominenten Zeitgenossen zeigt zwar eine tiefe Kluft zu Politik und Militär. Die Argumente beschränken sich meist dennoch darauf, dass die einen den anderen nur ihre Befindlichkeiten zu Gewalt und Krieg mitteilen, dass Zensuren verteilt, Zitate zerzaust, Haltungen abschätzig niedergemacht werden. Sind Sie für oder gegen das Bombardement in Afghanistan?

Ein "Aufruf" von 113 französischen Intellektuellen enthielt zum Beispiel harsche Kritik und eine deutliche Distanzierung von den Regierung Chirac: "Das ist nicht unser Krieg!" Jede abgeworfene Bombe bringe nur neue Terroristen hervor. Die Unterzeichner mussten sich daraufhin massiv den Vorwurf anhören, sich nicht eindeutig und scharf genug gegen die Terrorakte am 11. September in New York und Washington gewandt zu haben und "eisige Gefühllosigkeit" an den Tag zu legen. Einige der Unterzeichner fühlten sich daraufhin verpflichtet, das angemessene Mitgefühl nachzuliefern ...

So und ähnlich läuft in vielen Medien ein intellektuelles Hick-hack über die "richtige" Einschätzung der amerikanischen Jagd nach Osama Bin Laden und seiner Helfershelfer.

Neue Kriegslust

Einen neuen Akzent setzte die "Neue Zürcher Zeitung" mit einem Artikel über "emotional correctness". Der Autor regte sich über jene deutschen Intellektuellen und Medien auf, denen es kalt den Rücken hinunterlief bei der Proklamation der "uneingeschränkten Solidarität" mit den Amerikanern. Und auch angesichts der ganz offensichtlichen Steigerung des rot-grünen Selbstwertgefühles, weil Deutschland nun wieder als Großmacht in Erscheinung tritt. Ist es wirklich so verwunderlich, dass mancher schon das Säbelrasseln im Hintergrund zu hören vermeint? Der Schweizer Autor fühlt sich jedenfalls angesichts der Ängste, Einwände, der Beschäftigung mit der politischen Botschaft der Terroranschläge an die deutsche Friedensbewegung der achtziger Jahre erinnert. Er spricht von einem geradezu "pfäffischen Denken" der deutschen Kritiker, weil sie Sorge haben, dass auch in Deutschland wieder schlafende Löwen oder sonstige Tiere geweckt werden könnten.

Nun seien jedem seine moralischen Beurteilungen unbenommen, aber in einer Attitüde der Überlegenheit den anderen zu sagen, welche Gefühle sich gehören und welche Gefühle korrekterweise unterbleiben sollten - das ist leicht. Vor allem für jemanden, der vom Problem selbst nicht betroffen ist. Die Schweiz steht ja bekanntlich auch nicht vor der Frage, ob sie sich in Afghanistan die Finger schmutzig oder gar blutig machen soll oder nicht, sondern pflegt weiterhin ihre merkwürdige Mischung aus Zivilmilitarismus (Gewehr im Kleiderschrank und so), Geschäftemacherei und sich ansonsten aus allem Heraushalten.

Was soll überhaupt dieser Begriff "emotional correctness"? Nehmen wir einmal an, er ist sinnvoll. Was ist denn nun die "korrekte" Gefühlsregung beim Anblick der berstenden Türme des World Trade Centers in New York oder jetzt der Berichte aus Afghanistan? So wie uns bestimmte Fernsehbilder und -berichte vom "sauberen Krieg" vorgesetzt werden, sollen wohl jetzt auch "saubere Emotionen" vorgeschrieben werden. Auch eine Art von Unmenschlichkeit.

Natürlich rührt es einen an, wenn jemand wie die indische Schriftstellerin Arundhati Roy ("Der Gott der kleinen Dinge"), ihren Gram, ihre Wut und Empörung im Spiegel, in der FAZ und Zeit und anderen Blättern hinausschreibt und -schreit und die USA verdammt für ihre Bombardements in Afghanistan, für ihre jahrelange Unterstützung terroristischer Systeme oder Militärdiktaturen und für ihre Bigotterie. Auf den Terrorismus mit Krieg zu reagieren, werte diesen erst richtig auf, ist sie überzeugt. Bezahlen müßten in New York wie in Afghanistan die unschuldigen Opfer. Wie habe sich eine so feinsinnige Literatin so flammend gegen George Bush und so wenig einfühlsam für die Opfer und Trauernden äußern können, mußte sich Arundhati Roy kürzlich im Zeremoniensaal der Pariser Sorbonne fragen lassen.

"Die Anschläge vom 11. September waren die monströse Visitenkarte einer aus den Fugen geratenen Welt. Die Botschaft könnte, wer weiß, von Usama Bin Ladin stammen und von seinen Kurieren übermittel worden sein, aber sie könnte durchaus unterzeichnet worden sein von den Geistern der Opfer von Amerikas alten Kriegen" schrieb sie Ende September in der FAZ. Das sind schreckliche Argumente. Bin Ladins Terrorbotschaft, unterzeichnet von den Opfern aus Amerikas unfriedlichen Vergagenheit. Solche Sätze sind eine Zumutung. Man mag sie moralisch ablehnen, aber sie präsentieren uns andere Sichtweisen präsentieren, die es - wohl nicht ohne Grund - auch gibt. Und sie zeigen, dass viele Menschen aus dieser ganz anderen Perspektive heraus wohl auch andere Gefühlsregungen verspüren, wenn sie vor CNN-Bildern sitzen.

"Die Ermordeten werden erst erlöst sein, wenn die Täter bestraft sind" rief George Bush in der ersten Gefühlsaufwallung nach dem 11. September seinen Landsleuten zu (Peter Huemer in einer Hörfunksendung, unter Berufung auf CNN). Afghanistan sei erst der Anfang, ließ der Präsident zu "thanksgiving" dieser Tage auch die 101. Luftlandedivision in Fort Campbell (Kentucky) wissen. "Wir werden das Böse in den kommenden Jahren in der ganzen Welt bekämpfen, und wir werden siegen", rief er unter dem Jubel Tausender Soldaten. Wo, blieb offen, aber immer näher rückt der Irak als nächstes Ziel in den Vordergrund.

Selten nimmt die aktuelle Weltpolitik das menschliche Wissen und Gewissen so sehr in Anspruch wie in diesen Wochen und Monaten. Dies gilt auch für all jene, die ihre Sicht und ihre Positionen der Öffentlichkeit vorstellen.

Wir in Österreich streiten uns da lieber um ganz andere Dinge. Wie gut, dass wir neutral sind! Oder? Zwar haben sich heimische Politiker auch zur Solidarität im Kampf gegen den Terrorismus bekannt. Aber die Stunde der Wahrheit hat für uns noch nicht geschlagen.

Schwierige Rolle

"Die Anschläge vom 11. September waren die monströse Visitenkarte einer aus den Fugen geratenen Welt. Die Botschaft könnte, wer weiß, von Osama Bin Laden stammen und von seinen Kurieren übermittelt worden sein, aber sie könnte durchaus unterzeichnet worden sein von den Geistern der Opfer von Amerikas alten Kriegen" schrieb sie Ende September in der FAZ. Das sind schreckliche Argumente. Bin Ladens Terrorbotschaft, unterzeichnet von den Opfern aus Amerikas unfriedlicher Vergagenheit. Solche Sätze sind eine Zumutung, keine Frage. Man mag sie moralisch ablehnen - aber sie präsentieren uns eine Sichtweise, die es (wohl nicht ohne Grund) eben auch gibt. Sie zeigen, dass Menschen aus dieser ganz anderen Perspektive heraus dann auch völlig andere Gefühlsregungen verspüren, wenn sie vor CNN-Bildern sitzen. Die Konfrontation mit dieser Sicht ist aber zumutbar, weil sie zum Nachdenken zwingt.

"Die Ermordeten werden erst erlöst sein, wenn die Täter bestraft sind" rief doch auch George Bush in der ersten Gefühlsaufwallung nach dem 11. September seinen Landsleuten zu (Peter Huemer in einer Hörfunksendung, unter Berufung auf CNN). Sind solche Sätze weniger schrecklich? Afghanistan sei erst der Anfang, ließ uns der Präsident kürzlich wissen, ausgerechnet zu "thanksgiving". "Wir werden das Böse in den kommenden Jahren in der ganzen Welt bekämpfen, und wir werden siegen". Wo, blieb offen, aber immer näher rückt der Irak als nächstes Ziel in den Vordergrund.

Es ist lange her, dass die Weltpolitik das menschliche (Ge-)Wissen so sehr in Anspruch genommen hat wie jetzt. Da ist es verführerisch, sich in ein Schwarz-Weiß-Denken hineinfallen zu lassen. Jene, die ihre Sicht und ihre Positionen der Öffentlichkeit dazu vorstellen, sind sichtlich davor auch nicht gefeit. Und wir? Zwar haben sich heimische Politiker zur Solidarität mit den USA im Kampf gegen den Terror bekannt. Aber die Stunde der Wahrheit hat für uns auch noch nicht geschlagen.