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Rückkehr des gerechten Krieges

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Der Krieg als Fortsetzung der Moral mit anderen Mitteln - Das Philosophicum Lech im Zeichen des "Vaters aller Dinge".

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Der Krieg als Fortsetzung der Moral mit anderen Mitteln - Das Philosophicum Lech im Zeichen des "Vaters aller Dinge".

August 1943. Eine Gruppe abgerissener Gestalten auf dem Bahnhof einer kleinen bayerischen Stadt. Flüchtlinge, die das verheerende Bombardement Hamburgs Tage zuvor überlebt haben. Einer Frau fällt ihr Koffer zu Boden, gibt seinen Inhalt Preis. "Spielzeug, angesengte Wäsche, ein Nagelnecessaire. Zum Schluss eine gebratene, zur Mumie eingeschrumpfte Kinderleiche, die das halbirre Weib mit sich geschleppt hat als Überbleibsel einer vor wenigen Tagen noch intakten Vergangenheit." Persönliche Erfahrungen und von Film und Literatur kolportierte Kriegsszenen unbeschreiblichen Leids wie diese, von Friedrich von Reck-Malleczewen in "Tagebuch eines Verzweifelten" 1948 beschrieben, haben spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg zur allgemeinen Einsicht geführt: Krieg bedeutet Leid, Qual und Tod. Krieg ist die Hölle. Krieg ist ein Verbrechen.

Statt dem Verdikt des preußischen Generals und Militärtheoretikers Carl von Clausewitz (1780 bis 1831) - "Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" - galten in den letzten 20 Jahren "Nie wieder Krieg" und "Soldaten sind Mörder". Wer sich mit moralischen Fragen beschäftigte, grob gesagt: die Intellektuellen, kam nicht umhin, den Krieg pauschal zu verdammen, über Krieg wurde nur in Zusammenhang mit seiner Vermeidbarkeit gesprochen. Und wer sich mit dem Führen von Kriegen beschäftigte, ließ die Moral beiseite. Moral und Krieg waren unvereinbar, denn Krieg galt als zutiefst unmoralisch.

Tabubruch In den letzten Jahren ist nicht nur der Krieg nach Europa zurückgekehrt, sondern auch die Moral in den Krieg - eine zutiefst problematische Entwicklung. "Der Krieg hat in einem eigentümlichen Sinn aufgehört, Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln zu sein. Heute ist man eher geneigt, den Krieg als Fortsetzung der Moral mit anderen Mitteln aufzufassen", meint der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann, Leiter des Philosophicums Lech. Unter dem vom griechischen Denker Heraklit entlehnten Titel "Der Vater aller Dinge" diskutierten vorige Woche in dem Vorarlberger Urlaubsort zahlreiche Wissenschaftler über das Phänomen des Krieges - ein Novum, denn das nüchterne Sprechen über den Krieg galt im Europa der letzten Jahrzehnte als Tabu in Intellektuellenkreisen.

Das hat sich geändert. Ehemalige Aktivisten der Friedensbewegung ebenso wie friedliebende Feuilleto-nisten forderten und verteidigten den NATO-Luftkrieg gegen Serbien. Ethnische Säuberungen im Kosovo, drohender Völkermord an den Albanern rechtfertigten einen "humanitären Einsatz", lautete ihre Argumentation. Moralische Imperative, die bislang untrennbar miteinander verknüpft schienen, mussten plötzlich gegeneinander aufgewogen werden: "Nie wieder Auschwitz" wog schwerer als "Nie wieder Krieg". Der Einsatz gegen Serbien hat mit Sicherheit vielen Albanern das Leben gerettet und die Minderheit vor Vertreibung bewahrt. Doch er hat auch Probleme grundsätzlicher Natur aufgeworfen.

"Die klassische und mit guten Gründen etablierte Trennung zwischen Moral, Recht und Politik scheint verwischt und teils aufgehoben zu sein", konstatiert die Wiener Moralphilosophin Herlinde Pauer-Studer. "Die Moralisierung des Krieges führt sehr rasch zu einem fatalen Fundamentalismus, der dem Hollywood-Kino abgeschaut sein könnte: Es geht dann immer gleich um den Kampf des Guten gegen das Böse. Die grausamsten und verlustreichsten Kriege wurden aus Überzeugungen geführt, die im Gegner keinen Gegner, sondern das Böse sahen", nennt Liessmann die Gründe dafür, dass sich die Staatenlenker und -denker vor etwa 400 Jahren vom Konzept des gerechten Krieges verabschiedet hatten.

Im Mittelalter waren zum Beispiel die schändlichen Kreuzzüge und das Fehderecht, das es Rittern sogar gestattete, Krieg gegen den Kaiser zu führen, der Idee des gerechten Krieges verpflichtet. Im Dreißigjährigen Krieg metzelten sich die Gerechten so rigoros gegenseitig nieder, dass im Westfälischen Frieden von 1648 der "gerechte Krieg" endgültig geächtet wurde. Der Krieg wurde verstaatlicht, wie es der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler formuliert. Nur der Staat, das heißt der Herrscher, nicht das Militär, die Kirche oder irgendeine andere gesellschaftliche Gruppierung hatte das Recht, über Krieg und Frieden zu entscheiden. Der Krieg wurde zur Fortsetzung der staatlichen Politik mit anderen Mitteln.

Die in den letzten Jahrzehnten praktizierte Verdammung des Krieges, seine Reduktion auf die Aggressivität des Mannes oder die Profitgier des Kapitals haben den Blick darauf verstellt, dass der Krieg in der selben Zeit seinen Charakter verändert hat. 1999 waren weltweit nur neun Prozent aller militärischen Konflikte klassische Kriege zwischen Staaten, errechnete die Hamburger Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachen, dem gegenüber stehen 41 Prozent Anti-Regimekriege und 32 Prozent Unabhängigkeitskämpfe. Drei Viertel der kriegerischen Handlungen des Vorjahres waren also keine Kämpfe zwischen Staaten und regulären Armeen, sondern so genannte low intensity conflicts, mit konventionellen Waffen geführte, lokal begrenzte Kämpfe zwischen Regierungen und Befreiungsbewegungen, zwischen sozialen, ethnischen oder religiösen Bevölkerungsgruppen.

Diese Kriege haben ihre eigenen Gesetze: Eine Unterscheidung zwischen Kämpfern und Zivilisten ist kaum noch möglich. Warlords, lokale Kriegsherren, die kein Interesse an der Beendigung des Konflikts haben, beherrschen die Szene, die Grenze zur Kriminalität verschwimmt: Schwer zu sagen, ob die Geiselnehmer auf der Insel Jolo nun Rebellen oder einfach Räuber sind. Es entstehen eigene Bürgerkriegsökonomien, in denen der in Friedenszeiten illegale Handel mit Drogen oder Frauen eine wichtige Rolle spielt. "Wir sind Zeitgenossen einer Privatisierung des Krieges, der sich mehr und mehr aus einem Ins-trument politischer Interessen- und Willensdurchsetzung in eine Form privatwirtschaftlich organisierter Einkommenserzielung und Vermögensakkumulation verwandelt hat", resümiert Münkler.

Die westliche Welt wiederum begegnet dieser veränderten Situation nicht mehr staatspolitisch, sondern moralisch - freilich nur dann, wenn ihnen der Konflikt geografisch oder wirtschaftlich nahe geht, wie in jenen Kriegen, die aus dem Zerfall Jugoslawiens resultierten. Statt politische Interessen abzuwägen, wird ein moralischer Maßstab herangezogen. Keine ökonomischen oder machtpolitischen Gründe, allein die Sorge um die Menschenrechte in Europa bewog die NATO, einen Krieg gegen Rest-Jugoslawien zu führen. Das hehre Ziel: ein Ende der ethnischen Säuberungen, Demokratie, Harmonie zwischen den Völkern.

Gerade am Beispiel Jugoslawiens zeigte sich, wie problematisch die Rückkehr der Moral in den Krieg ist. Von moralischen Urteilen beherrschten Köpfen fällt es schwer, zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu unterscheiden. So werden nun im ehemaligen Jugoslawien die moralischen Phantasien des Westens zwangsvollstreckt. Ethnien, die sich spätestens seit den blutigen Schlachten am Balkan abgrundtief hassen, sollen "versöhnt" werden, Vertriebene wieder in ihre Heimat zurückkehren, wo sie auf jene treffen, die sie davongejagt haben. "In Sarajewo haben die Leute vor dem Krieg Tür an Tür gewohnt. Dort gab es tausende Tote. In Skopje waren die Volksgruppen durch einen Fluss getrennt. Dort gab es keine Toten", erteilt der kroatische Philosoph Zarko Puhovski der Utopie des harmonischen Multikulturalismus eine Absage.

Auch sind in den Augen des Zagreber Professors die westlichen Grundwerte Frieden und Freiheit beziehungsweise Demokratie zwei Paar Schuhe: "Die Demokratisierung war eine der Voraussetzungen des Krieges. Die ganze Geschichte Jugoslawiens, zumindest nach dem Zweiten Weltkrieg, hat sich als ein dauernder Waffenstillstand erwiesen. Zuerst herrschte Friede, aber ohne Demokratie. Mit der Demokratie kam das Ende des Friedens."

Zulässige Kriege?

"Kriege schaffen nicht nur Probleme, sondern sie lösen auch welche", widerspricht auch der Wiener Philosoph Rudolf Burger gängigen Meinungen. In einer "Euphorie des moralischen Aktionismus" seien seit dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Kriege durch ein Diktat von Außen gestoppt worden, ohne dass je die Ursachen für die Konflikte beseitigt worden wären. So würden Konflikte im Dauerschwelzustand gehalten ohne je endgültig gelöst zu werden. "In Jugoslawien wäre es zu einer Entscheidung gekommen, ob uns die gefallen hätte oder nicht - und dann zu Frieden", ist Burger überzeugt. Die politischen Eliten sollten daher dem moralischen Impuls widerstehen, in solche Konflikte einzugreifen, fordert der ehemalige Hochschulrektor.

Trotz all dieser Einwände gegen den Krieg als Fortsetzung der Moral mit anderen Mitteln, kann man sich bestimmten Fragen nicht entziehen: Was ist zu tun, wenn irgendwo Völkermord droht? Wenn ein Staat ankündigt oder damit beginnt, einen Teil seiner Bevölkerung auszulöschen, so wie es das Dritte Reich mit den Juden oder die Türkei mit den Armeniern 1915 tat? Zuschauen oder eingreifen?

Für Rudolf Burger stellt sich die Frage so: "Will ich meinen Sohn dorthin schicken?" "Nein", lautet seine Antwort. "Es soll alles getan werden, um einen Krieg zu verhindern, aber ich möchte auf keinen Fall in einen hineingezogen werden. Und sollte einer ausbrechen, dann sage ich: Macht's euch das aus."

Anders Herlinde Pauer-Studer: Die Philosophin glaubt, dass der Krieg, der auf jeden Fall ein Übel darstelle, ein bereits eingetretenes oder mit Sicherheit zu erwartendes größeres Übel abschwächen beziehungsweise verhindern könne. Allerdings lehnt sie den Begriff "gerechter Krieg" ab und möchte "gerecht" durch "zulässig" ersetzt wissen: "Kriege erfüllen nie die Norm der Gerechtigkeit. Kein Krieg kann sich mit Berufung auf einen Begriff des Gerechten in ein Gut oder gar in die moralisch gute Tat verkehren. Und genau dies sollte uns dafür sensibilisieren, dass selbst zulässige Kriege ohne ein bestimmtes Maß moralischer Schuld nicht zu führen sind."

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