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75 Jahre DIE FURCHE

Soldaten - © Foto: Pixabay
Politik

Friedrich Heer: Worte an junge Soldaten

1945 1960 1980 2000 2020

Worte zum Nationalfeiertag, vom österreichischen Kulturhistoriker und Schriftsteller Friedrich Heer.

1945 1960 1980 2000 2020

Worte zum Nationalfeiertag, vom österreichischen Kulturhistoriker und Schriftsteller Friedrich Heer.

Tag der österreichischen Fahne. Ein halbes Jahrhundert nach dem Beginn des ersten Weltkrieges, dreißig Jahre nach der Ermordung des Bundeskanzlers Dr. Engelbert Dollfuß, des Offiziers des ersten Weltkrieges, fünfundzwanzig Jahre nach dem Beginn des zweiten Weltkrieges stehen wir hier in Österreich, Überlebende des ersten und zweiten Weltkrieges, Kinder des zweiten Weltkrieges, des 20. Jahrhunderts.

1914, 1934, 1939 – das sind die Jahre, in denen sich der europäische Bruderkrieg und Bürgerkrieg zu einem Weltbürgerkrieg weitete. Das unterscheidet ja bereits die Kriege des 20. Jahrhunderts von früheren. Jeder Krieg in unserer Zeit ist auch Bürgerkrieg, gekämpft wird nach außen und nach innen. An beiden Fronten kämpfen und fallen nicht nur Soldaten, sondern auch Männer, Frauen, junge Menschen, Mädchen, Studenten, Schüler im Bombenhagel als Opfer des Luftkrieges, und sie fallen wie die erwachenden Söhne eines jungen Österreich und eines jungen Deutschland, wie ein Karl Roman Scholz in Wien, wie die Geschwister Scholl in München. An der inneren Front im Kampf für die Freiheit von morgen.

Tag der österreichischen Fahne. Ein halbes Jahrhundert nach dem Beginn des ersten Weltkrieges, dreißig Jahre nach der Ermordung des Bundeskanzlers Dr. Engelbert Dollfuß, des Offiziers des ersten Weltkrieges, fünfundzwanzig Jahre nach dem Beginn des zweiten Weltkrieges stehen wir hier in Österreich, Überlebende des ersten und zweiten Weltkrieges, Kinder des zweiten Weltkrieges, des 20. Jahrhunderts.

1914, 1934, 1939 – das sind die Jahre, in denen sich der europäische Bruderkrieg und Bürgerkrieg zu einem Weltbürgerkrieg weitete. Das unterscheidet ja bereits die Kriege des 20. Jahrhunderts von früheren. Jeder Krieg in unserer Zeit ist auch Bürgerkrieg, gekämpft wird nach außen und nach innen. An beiden Fronten kämpfen und fallen nicht nur Soldaten, sondern auch Männer, Frauen, junge Menschen, Mädchen, Studenten, Schüler im Bombenhagel als Opfer des Luftkrieges, und sie fallen wie die erwachenden Söhne eines jungen Österreich und eines jungen Deutschland, wie ein Karl Roman Scholz in Wien, wie die Geschwister Scholl in München. An der inneren Front im Kampf für die Freiheit von morgen.

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Tag der österreichischen Fahne 1964. Wir wollen hier als erstes den frommen Wunsch aussprechen und den nüchternen Willen bekunden: Möge dieser österreichische Tag in seiner Art der letzte sein, ein Tag, wie es scheinen mag, bestimmt nur dazu, jungen Menschen zur Besinnung in Österreich, zur Besinnung auf Österreich zu führen. Können junge Menschen an einem Tage, in einer Stunde glauben lernen an den guten Sinn, in Österreich, für Österreich zu leben, zu sterben, nachdem so viele alte das in einem ganzen langen Leben nicht zu lernen und deshalb nicht zu lehren vermochten?

Möge endlich dieser Tag der österreichischen Fahne ein Tag der österreichischen Fahne ein Tag des ganzen Österreich werden, aller Menschen, aller Generationen, aller Farben, aller religiösen und politischen Konfessionen in Österreich. Drei Fragen stellen sich uns da.

Was ist Krieg, was ist Friede, gestern, heute, morgen?

Was ist Österreich, gestern heute, morgen?

Was heißt Leben, was heißt Sterben, gestern, heute, morgen? Wie lerne ich recht leben, recht sterben?

Die erste Frage visiert die grundlegende Frage des Menschen seit Kain und Abel an. Sigmund Freud erinnert uns daran, daß der Mensch der Sprößling vieler Geschlechter von Mördern ist. Nun, der alte Krieg in Alteuropa war nicht Mord. Er war auf dem Kriegstheater im Jahrhundert des Prinzen Eugen und noch bis in die Tage von Clausewitz, der mit seiner Gattin Marie das Wesen der „Kriegskunst“ bedenkt, ein Werk der Kunst. Diese Kriegskunst sah es, auf ihrem Höhepunkt, im Zeitalter des Kaiser Karls V. (und dann wieder im Zeitalter des Prinzen Eugen), als ihre vorzügliche Aufgabe an, durch ein Ausmanövrieren den Gegner zu ermatten, schachmatt zu setzen. Man führte ein ganzes Jahrhundert hindurch – so das 16. Jahrhundert – Krieg, schlug aber nur wenige Schlachten.

Dieser alte Krieg ist im ersten Weltkrieg bei Verdun, in den Materialschlachten, als den Generalstäblern nichts mehr einfiel, und der Mensch verheizt wurde, gestorben. Der zweite Weltkrieg demonstriert, zumal anfangs, noch einmal klassische Operationen, gleitet dann in Mischformen über und faltet sich im Ostraum in einen Vernichtungskrieg aus. Ein dritter Weltkrieg würde das sein, was im Nürnberger Gerichtshof erstmals namhaft gemacht wurde: Genocid. Völkermord, Volksmord.

Ein dritter Weltkrieg würde das sein, was im Nürnberger Gerichtshof erstmals namhaft gemacht wurde: Genocid. Völkermord, Volksmord.

Und was ist Friede? Friede wurde in Alteuropa im Zeitalter der klassischen Politik und Kriegskunst durch einen Friedensschluß, durch einen Friedensvertrag geschlossen. Die Friedensverträge nach dem äußerlichen Ende des ersten Weltkrieges verlagerten den Krieg von außen nach innen. Mit den Waffen des ersten Weltkrieges, mit Beständen der alten Armee treten sich Soldaten nun an der inneren Front gegenüber, in den Arbeiterwehren, den Vorläufern des Schutzbundes, in den Frontkämpferverbänden, dann in der Heimwehr. Der kalte und heiße Bürgerkrieg explodiert in der Ersten Republik Österreich, in den Kämpfen des Februar und Juli 1934.

Was ist Friede nach 1945? Mit Deutschland ist bis heute kein Friede geschlossen worden. Auch an anderen Orten dieser Erde gibt es keine Befriedung durch Verträge, so rund um Israel, Vietnam, die beiden Korea, Kuba. Leben wir heute im Krieg? Wir leben in einer Phase des Weltbürgerkrieges, in dem es den Verantwortlichen der größten Weltmächte mehr als den Repräsentanten von Mittel- und kleinen Mächten klar geworden ist: Die Konflikte sind so groß, daß sie mit den alten Waffen, vom Faustkeil bis zur Atombombe, nicht mehr ausgefochten werden können. Weltfriede heute und Weltfriede morgen heißt in und mit Konflikten leben. Eine Reihe von Konflikten kann gelöst werden, eine andere Reihe nicht, sie kann wohl nur die Zeit lösen.

In Frieden leben, bedeutet also heute und morgen für den wachen Menschen, wach die großen Konflikte unserer Zeit sehen und mitarbeiten an der Lösung der zeitlich lösbaren Konflikte und an der Aufhellung jener, die wir bei Lebzeiten nicht lösen können. Hier stehen wir bereits mitten in der zweiten Frage: Was ist Österreich gestern, heute, morgen?

Österreich hat 1955 den Staatsvertrag erhalten und ist damit zu einem Versuchsraum für den künftigen größeren Frieden geworden. Nicht mehr so, wie es Karl Kraus lange vor 1914 ausgesprochen hat, als „Versuchsstation für Weltuntergänge“, sondern al eine Versuchsstation für das Ausbalancieren großer gegnerischer Kräfte“, die hier aufeinanderstoßen. Mit dieser Wahl Österreichs als eines Testraumes, in dem östliche und westliche Kräfte sich treffen, erproben, versuchen und begegnen, ist es Österreich zugefallen, große Aufgaben aus der Vergangenheit mit neuen Mitteln, neuen Methoden zu erfüllen.

Mutig und verantwortungsbewußt haben Bund und Länder, Staatsregierung und Landesregierung und die Hauptstädte den Modellraum Österreich als einen Gastraum zu aktivieren. Die Welt kennt heute die Salzburger Festspiele, das Mozarteum, die Salzburger Hochschulwochen; sie wird morgen die Salzburger Universität zur Kenntnis nehmen.

Das aber bedeutet, daß wir für diese innere Aufrüstung Österreichs, für diese Mobilisierung aller guten, gesunden Kräfte mobile, bewegliche Menschen; innerlich junge Menschen brauchen, Spannungsmenschen, Menschen, die Freude an gesunden Auseinandersetzungen haben, Menschen, die mit sich selbst kämpfen können.

Die Mobilisierung der schöpferischen Kräfte in Österreich erfordert ein Bündnis zwischen jungen Menschen aller Altersklassen. Billiger ist die Öffnung in eine gute Zukunft nicht zu haben. Wir alle wissen ja: Österreich, ja, wohl ganz Europa, braucht diese innere Mobilisierung, die John Kennedy der amerikanischen Nation vorschlug und wofür er als ein Testmodell neben anderen das Friedenskorps gründete.

Die Mobilisierung der schöpferischen Kräfte in Österreich erfordert ein Bündnis zwischen jungen Menschen aller Altersklassen.

Hand aufs Herz: Wie viele unter den Achtzehn-, den Zwanzig-, den Dreißigjährigen sind wirklich jung? Wie viele zeigen früh Ermüdung und Ermattung, ein Verholzen im Herzen, eine Versteinerung im Gehirn! Manchmal will es scheinen, es finden sich unter Fünfzig-, Sechzig-, Siebzigjährigen relativ mehr junge Menschen als unter kalendarisch jungen Leuten. Unsere Jugend sollte das als Herausforderung auffassen, jung zu werden, nach der Schulzeit, in der Schule der Lebens.

Die Frage „Österreich gestern, heute, morgen“ mündet also organisch in die Fragen: Wie lerne ich, ein Österreicher, recht leben? Wie lerne ich jung werden? Wie lerne ich sterben? Sterben? Hier ist nicht der Tod auf dem Schlachtfeld gemeint; in deinem Krieg der Zukunft kommt für die allermeisten Menschen ein Dahinsterben, mit Ein- und Ausatmen, mit Schmerz und Erinnerung und letzter Begegnung und Abschied nicht mehr in Betracht. Nicht ein Sterben geschieht da, sondern eine Veraschung.

Was hier gemeint ist, als ein Erlernen des rechten Lebens und des rechten Sterbens, kann man an Grabinschriften auf dem Friedhof St. Peter in Salzburg lesen. Hier wird immer wieder, in Inschriften vor allem des 18. und noch frühen 19. Jahrhunderts, an die alte österreichische Lebensweisheit erinnert, die den Prinz Eugen und seine besten Offiziere mit dem Landrichter und landesfürstlichen Beamten hier in Salzburg und mit der Marschallin im „Rosenkavalier“ verbindet: die Kunst des Lebens, des Liebens, des Sterbens, gehören zusammen.

Echter Mut, österreichisch erfahren, ist ein Lebensmut, der es wagt, den anderen so zu lassen, wie er ist. Dieses österreichische Geltenlassen ist nicht Feigheit und nicht Charakterlosigkeit, sondern Toleranz, eine Kraft, zu stehen und die eigene Schwere und die Schwere des Nächsten zu tragen. Diese Tragfähigkeit hat naturgemäß nur ein Mensch, der innerlich stark ist, der sich freut, wenn seine Fahne, die Fahne seines eigenen Lebens, neben den Fahnen anderer Völker in allen Winden Gottes weht.

Da hängen sie an der Hofburg in Wien – Fahnen von Nationen, die sich hier auf Kongressen, auf der Bühne der Weltgeschichte befehden. Neben den vielen Fahnen hängt da die österreichische Fahne. Verstehen wir den Sinn dieses Nebeneinander, das heute vielfach noch kein Miteinander ist?

Freilich die Freude an der Farbigkeit, an der Andersfarbigkeit des anderen gewinnen wir nur, wenn wir unser eigenes Leben vielfärbig gestalten, wenn wir nach innen hineinwachsen. Werden wir in diesem Sinne täglich etwas mehr Mensch, etwas mehr Österreicher. Tragen wir die Fahne nicht im Knopfloch, sondern in uns.

„Tag der österreichischen Fahne 1964.“ Ihr jungen Menschen, wagt es doch, tragt die Fahne in euer Leben! Und fürchtet euch nicht davor, die österreichischen Farben zu bekennen. Die große Welt rund um uns achtet und ehrt den Österreicher, der Farbe bekennt, ja sie kennt und ehrt nur diesen Österreicher.

Diese Worte hat Friedrich Heer am Tag der Fahne bei dem Festakt des Militärkommandos und des Landesschulrates Salzburg in Siezenheim, an dem 1000 Mittelschüler und über 2300 Jungmänner teilnahmen, gesprochen. Die FPÖ hatte ihre Teilnahme an dem Festakt unter Hinweis auf die Person des Festredners abgesagt. Das sind also die Worte, die die FPÖ nicht hören wollte.

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