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75 Jahre DIE FURCHE

DISKURS
Schach - © Foto: Pixabay

Friedrich Heer: Begegnung mit dem Feind

1945 1960 1980 2000 2020

Friedrich Heer über die Schule der Erziehung, den ständigen militärischen Kampf nach innen und außen und Ressentiments.

1945 1960 1980 2000 2020

Friedrich Heer über die Schule der Erziehung, den ständigen militärischen Kampf nach innen und außen und Ressentiments.

Der Staat, die Gesellschaft ist das große Feld der Begegnungen mit den Gegnern, mit dem Gegner. Er ist als solche die Schule der Wirklichkeit, des Leidens, der Selbstüberwindung, die irdische Form des Kreuztragens. In diesem Sinn ist Staat immer „Hakenkreuz“, das seine Klammern und Klauen in unser Fleisch schlägt: die höchste Schola caritatis, die Schule der Erziehung zum eigenen Christsein, zum Ausreifen zur christlichen Persönlichkeit. Dies betrifft die eine personale Seite, dann aber gilt es noch die andere, die gesellschaftliche Seite zu beleuchten. In Ps. 113, 25 heißt es: Coelum est coelum Domini, terram autem dedit filiis hominum.

Der Himmel ist der Himmel des Herrn, die Erde aber gab Gott den Söhnen der Menschen – die unerhört wichtige Scheidung, die im Mittelalter zum erstenmal Dante in seinen Staatsschriften in ihrer ganzen Tragweite erkannt hat. Die Erde, das Arbeitsfeld des Menschen – cultura agri und cultura Dei – ehrfürchtige Pflege des Bodens und des Göttlichen, beides aber in der Civitas humana, in der Gesellschaft des Menschen.

Der Staat, die Gesellschaft ist das große Feld der Begegnungen mit den Gegnern, mit dem Gegner. Er ist als solche die Schule der Wirklichkeit, des Leidens, der Selbstüberwindung, die irdische Form des Kreuztragens. In diesem Sinn ist Staat immer „Hakenkreuz“, das seine Klammern und Klauen in unser Fleisch schlägt: die höchste Schola caritatis, die Schule der Erziehung zum eigenen Christsein, zum Ausreifen zur christlichen Persönlichkeit. Dies betrifft die eine personale Seite, dann aber gilt es noch die andere, die gesellschaftliche Seite zu beleuchten. In Ps. 113, 25 heißt es: Coelum est coelum Domini, terram autem dedit filiis hominum.

Der Himmel ist der Himmel des Herrn, die Erde aber gab Gott den Söhnen der Menschen – die unerhört wichtige Scheidung, die im Mittelalter zum erstenmal Dante in seinen Staatsschriften in ihrer ganzen Tragweite erkannt hat. Die Erde, das Arbeitsfeld des Menschen – cultura agri und cultura Dei – ehrfürchtige Pflege des Bodens und des Göttlichen, beides aber in der Civitas humana, in der Gesellschaft des Menschen.

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Diese Gesellschaft der Menschen ist immer politisch, immer staatlich, das heißt, sie fordert uns auf zur Auseinandersetzung, zur Begegnung mit dem Gegner. Der vieltausendjährige Bürgerkrieg der Menschheit sollte es uns doch lehren, daß der Kampf aller gegen alle, der ständige militärische Kampf nach innen und außen nicht fruchtbringend, nicht christlich ist.

Wir wissen es aber gerade als Christen, daß das ganze irdische Leben ein „Kampf“ ist. Militia est vita hominum, militia christiana – ein Ringen mit den Mächten des Bösen. Germanische und keltische Fürstensöhne und Adelige haben vor tausend Jahren, seit den Tagen Leos IX., des Grafen von Egisheim, diesen Kampf aus der Brust des Christen in die Welt hinausprojiziert. Kreuzzug, Krieg gegen die „Heiden“ in Spanien, Ketzerkrieg, Kreuzzug gegen die Albigenser, später gegen slawische Völker, gegen die Hussiten, gegen die Protestanten, gegen die Proleten. Tausend Jahre „christlicher“ Kriege. Wir glauben, daß es Zeit ist, an der Wende der Zeit hier und heute diesen Kampf wieder endgültig dorthin zu projizieren, wo er seinen Platz hat, in die Brust des Menschen, des Christen, ihn dort aber zu ganz neuer Heftigkeit zu entfachen, in Entsprechung der Worte des Herrn: Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen, und was will ich anderes, als daß es brenne!

Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger als das Ende eines vielhundertjährigen christlichen Schlafes, denn unser Inneres muß sich in Brandherde, in Vulkane verwandeln, wenn wir den Haß, den Mord, den Neid , das Ressentiment, alles das, was wir so billig und leicht nach außen hin abreagieren, in Aversion gegen unsere persönlichen Gegner, auf uns, in uns aufnehmen und neu zu bewältigen, zu verarbeiten trachten. Bedenken wir konkret, was das bedeuten würde: die Katholiken hätten bis 1945 ihren Haß gegen die „Nazis“ und andere Gegner innerlich verarbeitet und aufgearbeitet, statt auf die Erlösung von Radio Straßburg und London zu hoffen. Es wäre seit 1945 ein ganz neuer Raum entstanden.

Bedenken wir, die Christenheit würde heute ihren Haß gegen den Kommunismus, aber auch gegen den Sozialismus und Marxismus usw. innerlich verarbeiten, es müßte morgen bereits eine neue Welt entstehen. Zu dieser neuen Aufarbeitung, zu dieser echten Verwandlung des äußeren Kampfes in einen inneren Kampf genügt aber nicht die Individualmoral und Individualseelsorge altes Stils. Ich kann täglich zu den Sakramenten gehen und alle möglichen persönlichen Frömmigkeitsübungen mitmachen und nicht ein Gramm Haß und Ressentiment gegen meine politischen Gegner niederkämpfen, einfach weil ich das nicht begreife.

Wir müssen uns die Erkenntnis erzwingen, erkämpfen, daß wir den Gegner, den Feind brauchen, weil er oft unser zweites Ich verkörpert, immer einen nicht nur furchtbaren, sondern auch fruchtbaren Gegenpol zu uns darstellt.

Friedrich Heer

Ich binde den Stahlhelm mit dem Kreuz fester, wie die spanischen Falange und Requetes und krieche in den Schützengraben oder, hier an Ort und Stelle, stürze ich mich in den politischen Kampf, in das gesellschaftliche Leben und bilde daselbst weiterhin eine feste Burg des Eigenen, des Eigenwillens und des Hasses und Unverständnisses, eine geschlossene Welt. Nein, hier bedarf es zäher denkerischer, geistiger und geistlicher Arbeit von Theologen und Wissenschaftlern, von Ärzten vor allem, welche die Furcht-, Neid- und Haßkomplexe zu untersuchen haben, von Psychologen, um die Notwendigkeit der Feindesliebe als realistische Form der Nächstenliebe und ihr Wesen, ihre Eigenart, ihre Wirkform aufzuzeigen und sie in das Kraftfeld des Täglichen, 1948/49, zu überführen. Wir sprechen immer von Feindesliebe im Zusammenhang mit der Nächstenliebe, denn, ganz real und konkret genommen: Nächstenliebe ist für den, der sie ganz ernst nimmt, bereits Feindesliebe.

Aber: wenden wir uns zur schärfsten und expressivsten Form der Nächstenliebe, zur Feindesliebe. Wir müssen uns die Erkenntnis erzwingen, erkämpfen, daß wir den Gegner, den Feind brauchen, weil er oft unser zweites Ich verkörpert, immer einen nicht nur furchtbaren, sondern auch fruchtbaren Gegenpol zu uns darstellt, im Hin- und Herschwingen zu dem erst unser eigenes Wesen seine volle Ausfaltung und Spannkraft entfalten kann, immer eine Möglichkeit, ein Spiegelbild unseres eigenen Selbst. Zudem, überlegen wir einen Augenblick und betrachten wir die Landschaften Europas, die, geistig verödet, seelisch brachliegen, weil die Gegner ausgerottet wurden: die Provence und weite Landstriche Frankreichs durch Albigenser- und Hugenottenverfolgung, Innerösterreich, Salzburg durch Austreibung der Protestanten, ebenso Spanien und manch andere Landstriche Europas! Welch ungeheure Fruchtbarkeit ging diesen und anderen Ländern verloren, welche Furchtbarkeit geht aber auch der Einzelpersönlichkeit verloren, wenn sie einen Gegner, einen Feindpol unterdrückt, nicht wirklich bewältigt.

Das Ressentiment, die dürre Linearität, die Härte vieler christlicher Persönlichkeiten legt Zeugnis dafür ab, daß der große Kampf zwar gekämpft, aber nicht auf christliche Weise bewältigt wurde. Denn dies ist der große Unterschied zwischen echter Militia christiana und dem Kampf dieser Welt. Aus letzterem erwachsen nur Wunden. Alle Wüsten der Welt sind Gräber hoher Kulturen. Aus dem christlichen Kampf allein erblüht neues Leben!

Zurück zur Feindesliebe: Dieses gilt es also zuerst einzusehen: wir brauchen den Gegner, den Feind, unser zweites Ich, unseren Gegenpol, unser Spiegelbild, deshalb müssen wir ihn hüten und pflegen als den kostbarsten Schatz, den wir auf dieser Erde besitzen. Dieses Korrektiv, das uns unerbittlich unsere Fehler aufzeigt, diesen einzigen Freund, der ganz ehrlich zu uns ist – mag er auch einer erschreckend im Relativismus versunkenen Christenheit zum erstenmal wieder das Absolute des Christlichen klarmachen und offenbaren im Absoluten seiner Volksgerichte und Tribunale, die wieder die Wahrheitsfrage an uns stellen: Wozu bekennst du dich? Zu deinem Direktorposten in diesem Staat oder zu deinem Gotte?...

Aus Friedrich Heer: „Gespräch der Feinde“, Europa-Verlag, Wien-Zürich 1949.

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