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75 Jahre DIE FURCHE

DISKURS
Lampedusa im Winter - © Filmladen

Unheilbare Wunden - Flucht und Vertreibung im österreichischen Film

1945 1960 1980 2000 2020

Von Karl Breslauers Stummfilm „Die Stadt ohne Juden“ aus 1924 bis zu den aktuellen Flüchtlingskrisen: Wie Österreichs Film versucht, das Thema Flucht und Vertreibung begreifbar zu machen.

1945 1960 1980 2000 2020

Von Karl Breslauers Stummfilm „Die Stadt ohne Juden“ aus 1924 bis zu den aktuellen Flüchtlingskrisen: Wie Österreichs Film versucht, das Thema Flucht und Vertreibung begreifbar zu machen.

Die zeitgenössische heimische Filmgeschichte ist voll von Beispielen, wie sehr der Themenkomplex Migration, Flucht und Vertreibung auf die inhaltliche Ausgestaltung des Filmschaffens eingreift. Man kann sagen, es handelt sich um einen immanenten Bestandteil der heimischen Filmkultur, die ja schon von ihrer Genese her Vertreibung und Flucht thematisierte. In dem 1924 von Hans Karl Breslauer gedrehten Stummfilm „Die Stadt ohne Juden“ , der auf Hugo Bettauers zwei Jahre zuvor erschienenem Roman basiert, der wiederum die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus Wien beschreibt, ist ebendiese Vertreibung noch eine Dystopie; kaum vorstellbar war damals, dass sie einmal Realität werden sollte, wiewohl die Stimmung gegen Juden in Wien schon um die Jahrhundertwende einen Höhepunkt erreicht hatte.

„Die Stadt ohne Juden“, der 90 Jahre lang als verschollen galt und 2015 in großen Teilen auf einem Flohmarkt wiederentdeckt wurde, ist wie die Visitenkarte des aufkommenden Terrors, der schon hinter der nächsten Ecke lauerte. Es war der erste Film überhaupt, der den zuhauf vorhandenen Alltagsrassismus abbildete und daraus in zugespitzter, aber – wie sich später herausstellen sollte – keineswegs übertriebener Manier ein grausamer Vorbote sein sollte, für das, was dann kam. Eine Wirtschaftskrise ist Auslöser dafür, dass das Volk die Ausweisung der Juden verlangt, denen man die Schuld daran gibt. Die Politik gibt nach, die Juden müssen gehen, und wer sich weigert, dem drohen scharfe, radikale und überaus brutale Konsequenzen. Der Film zeigt am Ende, wie die jüdische Bevölkerung zurückkehren kann, die Realität, die kaum zehn Jahre später herrschte, sah freilich anders aus.

Eines der aktuellen Filmthemen

Flucht und Vertreibung, das ist nicht nur in der Zeit vor dem Nationalsozialismus ein Thema im österreichischen Film. Vor allem in der Gegenwart arbeiten sich viele Regisseure und Regisseurinnen daran ab, was auch daran liegen mag, dass die Künstler und Künstlerinnen oftmals selbst Migrationshintergrund haben und in ihren Filmen teilweise auch eigene Erfahrungen verarbeiten. Vor allem die Filme des im Iran geborenen Filmemachers Arash T. Riahi sind emotionale Studien zu Abschiebung, Angst und dem Fremdsein. Riahis jüngster Film, „Ein bisschen bleiben wir noch“ (2020), erzählt von den tschetschenischen Flüchtlingskindern Oskar und Lilli, die nur deshalb in Österreich bleiben dürfen, weil ihre Mutter einen Selbstmordversuch begangen hat und in diesem Fall eine Abschiebung unmöglich ist. Stattdessen werden die Kinder getrennt zu Pflegefamilien gegeben. Der Film schildert die Zerrissenheit der Kinder in eindringlichen Bildern. Für Riahi, der im Alter von acht Jahren mit seinen Eltern nach Österreich floh, ist Vertreibung ein Lebensthema, das er bereits in einigen seiner Filme, darunter „Ein Augenblick Freiheit“ (2008) oder im auto­biografischen Dokumentarfilm „Exile Family Movie“ (2006) verarbeitet hat. „Dieses Thema ist wie eine Pflanze durch mein Werk gewachsen“, sagt Riahi im Gespräch. „Ich will mit meinen Filmen immer Einblick geben in eine Welt, die man so nicht kennt, und dieser Einblick soll die Klischees, die darüber bestehen, und die Erwartungshaltungen so ehrlich wie möglich brechen.“

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