"Little Alien": Jung, aber geflüchtet

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Sie sind nicht von einem anderen Stern. Aber Behörden und Gesellschaft behandeln Flüchtlinge so: Nina Kusturica berührt mit „Little Alien“.

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Sie sind nicht von einem anderen Stern. Aber Behörden und Gesellschaft behandeln Flüchtlinge so: Nina Kusturica berührt mit „Little Alien“.

Sie sind eh keine Jugendlichen mehr, sondern behaupten ja nur, unter 18 zu sein … So die landläufig abfällige Meinung über minderjährige unbegleitete Flüchtlinge, die es nach Österreich geschafft haben. Nina Kusturica berichtete kürzlich in einem Interview von einem Oberen des Flüchtlingslagers Traiskirchen, der sich über die jungen Asylwerber mokierte: Er habe schon einen Grauhaarigen gehabt, der behauptet hätte, er sei 17. Kusturica entgegnete dem: „Ich selbst bin bei Ausbruch des Kriegs in Bosnien ergraut. Damals war ich 17, und seither färbe ich meine Haare. Dieser Zynismus hat mich bestärkt, dieser Film muss gemacht werden.“

Die Filmemacherin weiß also, wovon sie redet. 1992 ist sie selber nach Österreich geflüchtet. Und seit 2003, als ihr Spielfilm „Auswege“ die Diagonale eröffnete, gehört sie zu den denen in der heimischen Filmszene, mit der man auch künstlerisch rechnen muss. Kusturicas Dokumentarfilm „Little Alien“, der sich mit jugendlichen Flüchtlingen auseinandersetzt, ist aber vor allem mit Herzblut geschrieben, der eigenen Erfahrung, ein „Alien“ in einer Gesellschaft zu sein, die sich für Asylsuchende allzu oft als unmenschlicher Wahnsinn mit Methode entpuppt.

Ein heikles Thema, eine Beschämung für Österreich: Das legistische Wirrwarr (die Politik hat ja schon die nächste „Verschärfung“ des Asylrechts angekündigt) macht es sehr schwer, einen Film wie diesen zu drehen – die Betreuer der Flüchtlinge wollen verständlicherweise wenig Rampenlicht, um die fragile Situation ihrer Schützlinge nicht zu torpedieren. Und die Behörden haben Kusturica alles Mögliche in den Weg gelegt – oder standen für den Film schlicht und einfach nicht zur Verfügung.

Dennoch gelang es Kusturica, „Little Alien“ zu Ende zu drehen. Monatelang begleitete die Regisseurin ihre jungen Protagonist/inn/en aus Afrika oder Zentralasien. Es gelingt ihr in diesem Streifen, unbefangen von Jugendlichen zu erzählen, die schon Dramatisches hinter sich haben, und die, obwohl sie nicht volljährig sind, eine Lebensentscheidung nach der anderen treffen müssen.

Zwei der Teenager haben versucht, unter dem Fahrgestell eines Lkw nach Europa zu kommen, vier haben die Zäune an der EU-Außengrenze überwinden können, zwei leben schon eineinhalb Jahre in Österreich und hoffen, bleiben zu können. Der Film begleitet die Schicksale von Juma oder Nura, Achmad oder Asha, Jawid oder Alem. Und zeigt beklemmend die Mühlen einer unmenschlichen Bürokratie, die erfunden wurde, um andere abzuschrecken, nach Österreich zu kommen.

Diese Abschreckung tritt Menschlichkeitsstandards und zivilisatorische Mindestanforderungen mit Füßen. Das ist das eine.

Aber die jungen Flüchtlinge sind genauso Menschen wie du und ich – trotz allem auch voller Lebensmut und Lebensfreude. Vielleicht haben es ja diese Eigenschaften zuvorderst ermöglicht, sich bis nach Österreich durchzuschlagen. Auch und gerade davon erzählt dieser berührende Film.

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