6679863-1961_38_14.jpg
Digital In Arbeit

Das Festival fand am Nachmittag statt

Nach dem vorjährigen Direktionsinterregnum der Veneziani- sehen Filmfestspiele trat heuer eine neue Leitung auf den Plan, die, getreu dem Motto „Neue Besen kehren gut“, schon beim Eröffnungscocktail am ersten Tag des traditionellen Festivals am Lido eine frische Brise ankündigte. Dr. Domenico Meccoli begrüßte die anwesenden italienischen und ausländischen Journalisten und versäumte nicht, mit stolzer Bescheidenheit darauf hinzuweisen, daß auch er noch vor wenigen Jahren in ihrem Kreis als Vertreter einer römischen Zeitung gestanden sei und daher um die Sorgen und Nöte dieses ältesten, bedeutendsten und letzten (großen) Festivals des Jahres wohl Bescheid wisse. Seine Bemühungen gingen dahin, aus der Filmbiennale von Venedig wieder das Treffen der Filmkunst zu machen, als das es viele Jahre einen würdigen und repräsentativen Ruf besaß Und dann gab er das Programm bekannt, das diese Versprechungen in die Tat umzusetzen schien: Glänzende Namen warfen ihre bedeutenden Schatten voraus, Namen von Regisseuren, die im Buch der Filmkunst mit goldenen Lettern eingetragen sind: Vittorio de Sica, Akira Kurosawa, Roberto Ros- sellini, Andrzej Wajda, Renato Castellani. Claude Autant-Lara, Ba.sil Dearden, Alain Resnais Und er wies darauf hin, daß auch den jungen Filmschöpfern Platz gegeben sein würde, ihre Werke mit denen der Meister zu vergleichen: Filme der Regieneulinge Vittorio de Seta, Jean-Gabriel Albicoco, denen ein guter Ruf vorausging, standen ebenso in der Liste der vielversprechenden Abendfilme.

In der Nachmittagsschau, der „informativen Sektion“, sollten Filme gezeigt werden, die „den Überblick über das aktuelle Filmschaffen der Welt vervollständigen“ sollten — wobei, im Gegensatz zu früheren Jahren, nicht auf Filme zurückgegriffen wurde, die schon von anderen Filmfestspielen her bekannt waren und dort mit Preisen ausgezeichnet wurden —, und die retrospektive Schau am Vormittag (diese Dreiteilung des Programms ist eine bewährte venezianische Tradition, die auch vorbehaltlos heuer übernommen wurde) war dem Lebenswerk des am 5. November 1960 verstorbenen „Königs der Komödie“, Mack Sennett, dem Begründer des Groteskfilms, gewidmet und gab in der zweiten Woche einen historischen Überblick über das tschechoslowakische Filmschaffen von 1898 bis 1961.

Ein wahrhaft großes Vorhaben, ein künstlerisches Versprechen, das zu den schönsten Hoffnungen berechtigte …

Wie sah nun aber die Wirklichkeit aus? Es schien der neuen Direktion tatsächlich gelungen zu sein, die störenden Elemente von vornherein auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Es gab keine ;,Manager, keine Verleiher und Produzenten, deren geschäftstüchtiges Treiben — .wie. . erlin “äSj’.Bild beherrschte, keine Stars und Starlets — wie in Cariįfę v—, !3e?£Ä Auffälligkeit durch immer neue Skandale den Sinn der „Festspiele“ zu trüben vermochten. Der Name des Regisseurs war der Gesprächsstoff, nach dem die Filme gewertet wurden — es hieß nicht, die Mangano spielt in diesem oder jenem Streifen, sondern „dies ist ein Film von de Sica“ —, und in diesem Sinn war man gespannt, begeistert, erwartungsvoll. Ungetrübte Vorfreude herrschte am Lido — denn die Nichtteilnahme Deutschlands (und der darauffolgende Boykott westdeutscher Filmpatrioten mit seinen überaus gehässigen Ausfällen gegen die venezianische Festspielleitung) vermochte weder die Stimmung der Teilnehmer noch das strahlend-hochsommerliche Badewetter zu verdunkeln. Überhaupt war das Wetter das einzige Element, das nicht ganz in das so hochgespannte Konzept zu passen schien: es war so wunderschön, kein einziger Regentag, als ob es einem mit Absicht den Kinobesuch schwer machen wollte …

Japan hatte die Ehre, die glanzvolle Eröffnung der Filmkunstschau zu bilden. Akira Kurosawa, der 1951 mit seinem indessen klassisch gewordenen „Rashomon“ nicht nur die Tore des Westens für den japanischen Film geöffnet hatte, sondern auch seither ständiges Teilnehmeras in Venedig ist, zeigte sein neuestes Opus, „Yojimbo“ (was ungefähr mit „Die Leibwache“ übersetzt werden könnte). Eine großartige Ouvertüre, ein effektvoller Auftakt, der von neuem die technische Meisterschaft und vollendete Beherrschung des Bildformates dieses Meisters bewies - der aber keinen ganz befriedigte: Kurosawa hatte seine unzweifelhafte Meisterschaft an ein nicht adäquates Thema verschwendet; in der Erkenntnis, daß der in „Rashomon angewendete Stil immer mehr und mehr gesteigert werden müsse (wie er dies bereits in „Die 7 Samurais". „Thron des Blutes“ und „Die verborgene Festung“ tat), um seinen großen Ruf im Westen neu zu untermauern, hatte er eine effektvolle Wild-Ost-Ballade in das Gewand seiner Kunst gekleidet — die, wenn man sie auf ihren inneren Gehalt prüfte, reißerisch-aussagelos dastand Diesem faszinierenden Thriller einen aktuellen Wert zu geben, blieb eifrigen Kritikern Vorbehalten, die in „Yojimbo“ eine „ewige Deutung des Konfliktes unserer zweigespalteten Welt, zwischen der auf verlorenem Posten ein Mittler steht“, sehen wollten Claude Autant-Lara wieder versuchte am nächsten Abend, in „Du sollst nicht töten“ der Problematik eines Militärdienstverweigerers aus Gewissensgründen die Schuld eines Priesters gegenüberzustellen, der im Krieg gezwungen wird, einen französischen Widerstandskämpfer zu erschießen. Beide werden vor Gericht gestellt — der Priester wird freigesprochen, der andere verurteilt Hier sind die Fronten eindeutig falsch, die Fragestellung bewußt verfälscht; der zwiespältige Film (als jugoslawischer Beitrag angekündigt, obwohl sich Jugoslawien von ihm distanziert hatte, wobei die antireligiöse Tendenz eindeutig auf Kosten dieses Landes ging) wurde ebenso heftig angegriffen wie verteidigt. Einig war man sich nur über die bezwingende schauspielerische Leistung von Suzanne Flon als Mutter des Kriegsdienstverweigerers, die auch mit Recht mit dem Preis als beste weibliche Darstellerleistung ausgezeichnet wurde.

Nach dem ebenso eindeutigen Durchfall des neuesten Ros- sellini-Films „Vanina Vanini“ - einer schlechten Verdi-Oper ohne Musik —, der ausgezeichneten Aktualisierung des biblischen ‘ „Samson“-Stoffes durch Andrzej Wajda, der seinen Stil des „ästhetischen Horrors“ zu ebenso poetischen wie schockie renden Bildsequenzen verwendete, und der leichten Enttäuschung über den mit zu großem Reklameaufwand angekündigten de-Sica- Film „Das Jüngste Gericht“ (einem klugen und sicher interessanten Werk, das aber an der Überfülle der Einfälle und der mehr als dreißig mitwirkenden Stars, die in keine einheitliche Form zu gießen waren, scheitern mußte) wandte sich das an den Abendveranstaltungen erlahmende Interesse den Vorführungen der „Informativa“ zu, von der sich schnell der Ruf verbreitete, hier könnte man das eigentliche Festival suchen…

Und hier war auch die Bedeutung und der eigentliche Sinn des Festivals zu sehen. Kleine Länder und unbedeutende Produktionsfirmen waren auf den Plan getreten, um zu beweisen, daß die Filmkunst eine Blume ist, die nicht nur klangvolle Namen besitzt, sondern auch in den bescheidensten Gärten zu blühen vermag, wenn die begabte Hand des Gärtners sie erweckt. Die Außenseiter waren die Sieger des Festivals: Mexiko, kaum beachtet, zeigte in einer spärlich besuchten Vier-Uhr-Vor- führung einen Film, von dem am nächsten Tag alle Zaungäste und Journalisten sprachen: Haben Sie „Yanco“ gesehen? Ja, wer konnte wissen, daß gerade dieser unbekannte Film Und die Vorführung mußte wiederholt werden, in einem anderen Großkino am Lido, das dann übervoll war. Eine unscheinbare Indianerlegende, in Schwarzweiß und Normalformat, war der Favorit geworden: Mit den Mitteln reiner Bildkunst, mit kaum fünf gesprochenen Sätzen (in Originalsprache ohne Untertitel), hatte der junge Servando Gonzales in seinem Erstlingswerk ein Kunstwerk geschaffen, das die klassische Größe Eisensteins und Flahertys Ausdruckskraft in sich vereinigt. Oder „Of Stars and Men“ von John Hubley, jenem wohl begabtesten und modernsten aller Zeichenfilmschöpfer, der — von Disneys Kunstgewerbe enttäuscht — einen ebenso eigenwilligen wie künstlerischen Stil des Zeichenfilms in den USA schuf; Hubley — heuer Mitglied der Spielfilmjury in Venedig — zeigt in diesem 63 Minuten währenden Experiment die Entwicklung des Menschen, die Bedeutung von Zeit, Energie und Universum und weist neue Wege des Films auf, wissenschaftliche Erkenntnisse (der Film basiert auf dem Buch von Prof. Harlow Shapley) einem großen Publikumskreis zu vermitteln und verständlich zu machen. Amerikas unabhängige Filmproduzenten traten mit fünf interessanten Werken auf, halbdokumentarische Streifen, am italienischen Nepverismo und der englischen „Free-cinema“-Bewegung geschult, von denen der ebenso stilistisch-faszinierende wie inhalt- lich-schockierende Film über die Reaktionen Rauschgiftsüchtiger „Connection" Beachtung verdient. Auch der neueste Film des bekannten argentinische Regisseurs Leopold Torre-Nilsson, „Die Sommefhäüt , wurde im Rahmen der informativen Schau gezeigt)

1 ein merkwürdig breiter und äußerlich handlungsarmer Film, der in seiner Gestaltung weder die skandinavische Herkunft seines Schöpfers noch das Studium vieler Bergman-Filme zu verleugnen vermag

Kein Wunder, daß in diesem Rahmen Tschuchrais bei den Filmfestspielen in Moskau mit dem höchsten Preis bedachtes Tendenzwerk „Klarer Himmel“ fehl am Platz war; dieser als „antistalinistisch“ gerühmte Film scheint formal gerade aus der Epoche zu stammen, die er anzugreifen versucht. Die Holz- . hammersymbolistik plump-billiger Effekte (nach Stalins Tod beginnt das Eis eines gewaltigen Flusses tosend und krachend zu schmelzen!) erzielte ungewollte Heiterkeitserfolge …

Es ist leicht — und gleichzeitig ebenso schwer — aus diesen Erscheinungen ein Fazit, einen Schluß zu ziehen; nach dem Filmfestival in Venedig scheint es sich ergeben zu haben, daß die Träger großer Regisseurnamen ihre führende Position im heutigen Filmschaffen nicht mehr zu behalten imstande sind. Die Preise dieses künstlerischen Wettbewerbs — so umstritten auch Bewertungen und Premiierungen bei Filmfestspielen immer sein mögen — fielen auch weder Rossellini noch de Sica noch Kurosawa zu, sondern jungen Regisseuren, mehr oder weniger Neulingen oder Anfängern, die in ihren Werken den Mut zum Experiment, zu neuen Wegen beweisen. Der „Goldene Löwe“ wurde an Alain Resnais ebenso interessanten wie schwierigen

Film „Das letzte Jahr in Marienbad“ vergeben (der in Kürze auch in Wien gezeigt und dann ausführlich gewürdigt werden soll), ein zweiter Regiepreis an den 37jährigen Vittorio de Seta, der mit seinem Erstlingswerk „Die Banditen von Orgosolo“ — einem neoveristisch stark beeinflußten und von Laiendar,Stellern interpretierten sozialkritischen Drama aus der kargen Landschaft Sardiniens — eine beachtliche Probe eines Talentes abgab, das für die Zukunft sehr viel versprechen dürfte.

Die großen Regisseure sind vor den Wagen ihres Ruhmes, ihrer Erfolge gespannt. Sie können es sich nicht leisten, die abgetretenen, aber sicher erscheinenden Pfade zu verlassen, die ihnen in den Jahren durch Publikumsgunst und Kasseneinnahmen geschaffen wurden. Sie sind verpflichtet, für eine große Produktionsfirma und bedeutende Kapitalinvestitionen Filme zu machen, die dem FJersteller noch mehr Geld zurückbringen. Sie müssen mit Stars arbeiten, mit todsicheren Chancen rechnen — denn der Name, der Ruf verpflichtet Der junge Künstler, der unbekümmert und (mehr oder weniger) unbelastet und sorglos sein erstes Werk schafft (wozu ihm der vorsichtige Produzent weder Geld noch Starnamen zur Verfügung stellt), hat nichts zu verlieren — nur zu gewinnen: so experimentiert er, improvisiert er, von seinen künstlerischen Eingebungen inspiriert —, und so kommen dann jene erstaunlichen Filme junger Talente zustande,’ die däs’ticht düf ‘Großen zu Verdunkeln imstande sind …

Es wäre falsch, den Standpunkt jener Festivalteilnehmer anzunehmen, die abends in Smoking und Abendkleid im festlichen Palazzo del Cinema saßen und nachher snobistisch-verächtlich von der Sinnlosigkeit und dem schlechten Niveau des Festivals sprachen Wo waren sie tagsüber? Nicht bei der Retrospektive, nicht bei der Informativa — sie mußten sich von den Mitternachtsempfängen und dem anschließenden Kasinobesuch ausschlafen und am Strand erholen Der aufmerksame Besucher der Filmfestspiele von Venedig, der über die Freuden und Verlockungen der zauberhaften Lagunenstadt nicht den Sinn seiner Anwesenheit vergaß, nämlich an einer künstlerischen Übersicht, einem Querschnitt über den Stand des heutigen Filmschaffens teilzunehmen, kann trotz mancher Fehlgriffe in der Auswahl der Filme (wir sind alle nur Menschen, auch die Auswahlkommission), trotz störender Organisationsmängel (sie wurden durch südländische Gastlichkeit und Liebenswürdigkeit wettgemacht) und der Überfülle des Gebotenen (Filmjournalist sein, ist kein so leichter Beruf, wie es scheint!), dennoch nur abschließend bestätigen, daß die neue Direktion ihre Aufgabe erfüllt hat: Die XXII. Internationale Filmkunstschau in Venedig 1961 hat ihre Verpflichtung erfüllt — sie war tatsächlich eine Schau internationaler Filmkunst…

Das Filmfestival ist tot (zum wievielten Male?) — es lebe das Filmfestival!

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau