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VIENNALE DER HEITERKEIT

Nachdem nun Wien jahrelang auf dem Gebiet des Films geradezu einen „Dornröschenschlaf“ gehalten hat, scheint diese einer Kulturstadt unwürdige Situation — denn wer würde heute noch bezweifeln, daß der Film zum Kulturgut gehört? — seit dem Herbst des Vorjahres mit einem Schlag in ein anderes Extrem umgewandelt zu sein: Seit einigen Monaten entwickelt sich eine plötzliche Aktivität im Veranstalten von Filmsonderführungen, -zyklen und -wochen, die in einer Hinsicht schon beängstigend ist.

Es kann nicht oft genug betont werden, daß jede Initiative, die dazu dient, den Film aus der unwürdigen Enge des Unterhaltungskommerzes herauszuführen, begrüßenswert und förderungswürdig ist — doch sollte dies unbedingt in koordinierter und planvoller Form geschehen, da ansonsten die Gefahr besteht, den am Film Interessierten (und bei den wirklich Interessierten ist die Zahl gegenwärtig noch durchaus mit einer vierstelligen Ziffer, maximal gerechnet, zu umgrenzen) durch eine Überfülle an Gebotenem zu erschrecken, zu verwirren und zu überfordern, wodurch jede positive Absicht in ihr Gegenteil verkehrt wird.

Wir haben an dieser Stelle schon oft genug auf das Beispiel der internationalen Filmfestspiele (in Cannes, Berlin, Locarno, Moskau, Venedig und so weiter, und so weiter) hingewiesen, deren ursprüngliches Ziel — der Wettstreit des künstlerischen Films — die kulturell-künstlerische Absicht bald verwässerte. Dem Filmfreund in Wien dürfte bald die Situation drohen, daß er nicht mehr imstande ist, die Übersicht zu bewahren, und er — vor die Qual der Wahl gestellt — lieber gänzlich resigniert: Die Entscheidung, etwas überhaupt nicht zu tun, fällt leichter als zwischen zwei Faktoren zu wählen.

Betrachten wir einen filmischen Wochenkalender: Wir haben da die Veranstaltungen des österreichischen Filmarchivs, der Gesellschaft der Filmfreunde Österreichs, des Wiener Filmklubs, der historischen Filmzyklen in der Wiener Urania, des Museums des XX. Jahrhunderts, der Technischen Hochschülerschaft, des Wiener Jugendfilmklubs (wobei wir von den daneben laufenden ständigen Kinovorführungen, den Filmvorführungen an den Volkshochschulen und den von politischen und gewerkschaftlichen Organisationen veranstalteten Filmvorführungen gar nicht reden wollen) und schließlich noch, schön auf ein Jahr verteilt, drei Filmfestwochen: die in ihrer Konzeption einmalige und thematisch geschlossene „Internationale Festwoche des religiösen Films“, eine „biennal“ stattfindende Veranstaltung, der in ihrer Art eminente Bedeutung zukommt, ebenso wie der (ebenfalls alle zwei Jahre abgehaltene) „Internationalen Filmwissenschaftlichen Woche in Wien“, die 1954 initiiert wurde und heuer vom 22. bis 29. Mai ihre stolze sechste Wiederkehr begeht —t diesen beiden Wiener Festivals gesellte sich vor vier Jahren ein drittes hinzu, eine „Filmfestwoche, veranstaltet vom Verband österreichischer Filmjournalisten“, die damals der Not abhelfen sollte, die dem künstlerischen Film durch kommerziellen Ungeist auferlegt war.

Heute hat sich die Situation in jeder Hinsicht gewandelt; man bekommt künstlerisch, historisch oder experimentell wertvolle und bedeutende Filmwerke in quantitativ wesentlich höherem Maß in Österreich zu sehen, als dies zur Zeit der Gründung dieser Festwoche der Fall war. Nicht nur die vorhin aufgezählten Institutionen und Vereinigungen pflegen ihn (in umfangreicherer Form denn je), sondern auch die Filmverleiher — vielleicht eben durch den Erfolg dieser Sonderveranstaltungen angeregt — scheinen die wachsende Bedeutung des niveauvolleren, anspruchsgesteigerten Filmwerkes, auch des historischen, erkannt zu haben: Bergman ist in Österreich bekannt geworden, Resnais und Antonioni — von den Verleihern sogar effektvoll angekündigt —, eine hoffnungsvolle Lage, an die vor vier Jahren noch kaum zu denken war. Man wagt sich sogar an die Wiederaufführung — offiziell, durch einen regulären Verleih — historischer Filmwerke, wie der Stummfilm Keatons, Lloyds, der Frühwerke Fellinis, Kazans, Chabrols und so weiter: Die Filmkulturstadt Wien beginnt sich auf ihren Ruf zu besinnen ...

Die Arbeit der österreichischen Filmjournalisten, dokumentiert durch den Protest der 1. Filmfestwoche, hat ihre Früchte gezeitigt. Doch dadurch ist sie gleichzeitig als kulturelle Aufgabe hinfällig geworden — und die späteren Veranstaltungen dieser Art, durch den offiziellen Antrag des Kulturamtes der Stadt Wien erneuert, gefördert und bestätigt, mußten versuchen, neue Wege zu finden, neue Kreise zu erschließen, sowohl rahmen- als auch publikumsmäßig. So stand die vorjährige, dritte Wiener Filmfestwoche unter dem Motto „Festival der Heiterkeit“, weil man zu glauben schien (und noch scheint), daß durch ein Versprechen der Erheiterung ein größerer Publikumskreis angesprochen würde. Eine etwas unsichere Motivation — wie sich vermutlich nach der Bilanz der diesjährigen Festwoche, die abermals unter dem Zeichen der „Heiterkeit“ stand, herausstellen wird...

Wie schwierig es ist, eine Veranstaltungsreihe unter ein bestimmtes Thema zu stellen und dabei den Faktor des künstlerischen Niveaus ebenso zu berücksichtigen wie die Einschränkung einer bestimmten Zeitspanne (in diesem Falle in bezug auf Herstellungsjahr der Filme), davon wissen genug Festivalleiter ihr Lied zu singen und Leid zu klagen; wenn das Motto noch dazu auf ein ohnedies kaum vorhandenes Filmgebiet, wie das des Lustspiels, der Komödie oder Groteske — also der Heiterkeit — begrenzt wird, ist die Aufgabe von vornherein kaum befriedigend lösbar. Wo gibt es heute noch einen Lubitsch oder Clair, einen Chaplin oder Keaton (Tati dreht nur alle paar Jahre einen Streifen)? Die Slapstick-Groteske ist bei Jerry Lewis, das Lustspiel bei Billy Wilder und die Komödie bei Kurt Hoffmann angelangt; darüber liegen dann jene wenigen Ausnahmen, deren man sich — wie der ersten Schwalben — erfreut, die aber noch immer zusammen keinen Sommer des Lachens ausmachen. Sie sind dann auf das ganze Jahr verteilt und erscheinen mitunter oft überraschend und unvorbereitet, hervorgeholt aus dem Reservoire der Verleiher — doch keinesfalls aufgehoben für eine Filmfestwoche in Wien:..'',' ■ m* jBiifl (-niiiV.v>j, tiutmuadatiX *)

In so ein „Festival der Heiterkeit“ eingereiht zu werden^ (von wirklich anspruchsvoll-künstlerischem' Niveau), würde dem Schreiber dieses Artikels auf Anhieb kaum ein Film der letzten sechs Monate einfallen — weder „Eine total verrückte Welt“ noch „Schloß Gripsholm“, weder „Futter für süße Vögel“ noch „Das Mädchen Irma la Douce“ hätten für ein „Festival“ die entsprechende Qualität. Die Veranstalter sahen sich bei der Filmfestwoche vor dieselbe schwierige Situation gestellt — und versuchten, mit redlichem Bemühen das Beste herauszuholen.

Sie trugen zusammen, was die Festivals des Jahres Iii. nur halbwegs an Vergnüglichem zu bieten hatten: „Lt Soupirant“ (Auf Freiersfüßen) aus Nizza und Berlin, aus Berlin ebenfalls „II Diavolo“ (Amore in Stockholm), aus Venedig „Tom Jones“ (Zwischen Bett und Galgen), „Dragees au Poivre“ (Bonbons mit Pfeffer) und Berlangas „El Verdugo“ (Der Henker) — dieser zynischeste aller heiteren Filme kam nun im letzten Augenblick doch nicht in Wien an — und aus Locarno „Hallelujah the Hills“; vier dieser Filme haben bereits einen österreichischen Verleih und laufen teils noch in dieser Woche, teils wenig später in den Wiener Lichtspieltheatern an.

Dazu kamen dann noch Beiträge aus Holland, „Fanfare“

(mit dem bezeichnenden deutschen Titel.....und die Musik

bläst dazu“), aus der Tschechoslowakei „Kral Kralu“ (Genosse Sultan — wörtlich übersetzt „König der Könige“), aus der Sowjetunion „Abschied von den Tauben“ und der italienische Beitrag „I Basiiischi“ (Die Leute aus der Basilicata), ein genauso wenig heiterer Film wie das letzte Werk des japanischen Meisterregisseurs Ozu, „Ein Herbsttag“ — ein Monsterprogramm für sieben Tage, zu dem noch die Retrospektivveranstaltungen in der Wiener Urania, wirkliche Perlen des heiteren Filmschaffens von Frank Capra über Sacha Guitry bis zu Rene Clair, und drei „Informativveranstaltungen“ zu zählen sind.

Im einzelnen auf die Filme einzugehen, ist aus Platzmangel kaum möglich — dazu kommt, daß sie (soweit sie von den Filmfestspielen des Vorjahres herstammen) im Rahmen verschiedener Festivalberichte ohnedies gewürdigt wurden, beziehungsweise in der nächsten Zeit bei ihrem Anlaufen in Wien besprochen werden. Es gilt hier also nur einen Gesamtüberblick über die Veranstaltung zu geben und das über sie festzustellen, was grundlegend ist — die Einmaligkeit der Vorführung läßt eine Retrospektivkritik als ebenso unsinnig erscheinen wie die nachhinkende Besprechung eines einmal gezeigten Fernsehprogrammes.

So muß also zunächst festgestellt werden, daß das Programm zu umfangreich war. Eine Beschränkung auf weniger, dafür dem Charakter der Veranstaltung entsprechendere Filme hätte der Festwoche nur gut getan. Für die Zukunft wäre — wie bei anderen Filmwochen — eine Beschränkung auf ein Programm von sieben Filmen für sieben Tage, täglich in drei Vorführungen, in jeder Hinsicht zu empfehlen.

Weiter wäre ratsam, sich bei der Auswahl Beschränkungen aufzuerlegen: Bei dem ohnedies so geringen Angebot von qualitativ anspruchsvollen Filmen (unter einem gewissen Themenkreis) sollte die Auswahl nach strengeren Gesichtspunkten erfolgen — weder die pathetische, scheinbar so „lyrische“ Komsomolzenballade „Abschied von den Tauben“ paßt in den Rahmen eines (künstlerischen) Heiterkeitsfestivals, noch die großartigen „Basiiischi“ von Lina Wertmuller, dessen Gehalt an „Fröhlichkeit“ dem Kinobesucher, der zum Lachen kommen will, angesichts eines Selbstmordes, sozialkritischer Debatten und trister Verhältnisse nicht recht klar werden will — was ebenso auf den japanischen Beitrag zutrifft. Im ersten Falle war es wohl ein diplomatischer Grund, in den beiden restlichen der Ehrgeiz, eine lückenlose Länderübersicht zu bieten. Auch die Retrospektivveranstaltungen wären ratsam auf sieben für eine Woche einzuschränken; bei einer Wahl zwischen 13 angebotenen Meisterwerken, die Seltenheitswert besitzen (zusätzlich zu elf normal im Programm angebotenen Filmen), muß man verzagen.

Der Absicht, in jährlichem Abstand eine derartige Wiener Filmfestwoche, von den Veranstaltern als „Viennale“ bezeichnet, abzuhalten, sollen mit dieser Einschränkung keineswegs Schwierigkeiten hinzugefügt, sondern ein positiver Weg für die Zukunft aufgezeigt werden. Angesichts der schon eingangs ausführlich aufgezeigten Probleme und der Problematik der Festlegung durch eine bestimmte Richtliniensetzung hat eine Festwoche des Films — auch, und erst recht in Wien — letzten Endes nur dort eine Chance, wo sie Außerordentliches und Einmaliges bietet. Das war mit der Viennale schon einmal der Fall, und es wird — wir hoffen es fest — wieder der Fall sein.

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