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Krise des Films, schön verpackt

50 Jahre „Mostra d'Arte Cine-matografica” am Lido von Venedig. Meilensteine der Filmkunst waren mit diesem Festival verbunden, das lange das erste, größte und beste seiner Art war, diesen Rang aber längst an Cannes verloren hat.

Das heurige Jubiläumsfestival, lange von einer Finanzkrise bedroht und daher sicher auch mit Programmierungsschwierigkeiten belastet, zeigte, daß nach den in Cannes ausgezeichneten Spitzenfilmen („Missing”, „Yol” auch diesmal gegen Saisonende künstlerisch nicht mehr viel zu holen war.

Deutlich wie nie zuvor bei einem Filmfestival zeichnete sich die intensive Kooperation von Film und Fernsehen ab. Italien mit sechs und die Bundesrepublik Deutschland mit vier Streifen hatten quantitativ am meisten zu den insgesamt 28 Filmen im Wettbewerb um die „Goldenen Löwen” beigesteuert, und in acht dieser zehn Fälle handelte es sich um Koproduktionen mit Fernsehanstalten. Dabei darf man sich in .Erinnerung rufen, daß die italienische Rundfunkgesellschaft vor Jahren an der Herstellung von Filmkunstwerken wie „Padre Pa-drone” und „Der Holzschuhbaum” maßgeblich beteiligt war.

Diese starke Dominanz des auch.fernsehgerechten Films mag dazu geführt haben, daß einerseits auf dem Festival keine Exzesse der Brutalität und Sexualität zu beobachten waren, man anderseits aber nur mehr selten jener künstlerischen Bildkomposition begegnete, die ein Spezifi-kum des guten Kinofilms darstellt.

Daß diese „recherche de l'image” aber auch in der Sparte des Fernsehfilms möglich ist, bewies am deutlichsten der deutsche Beitrag „Letzte fünf Tage” von Percy Adlon, dem man schon die großartige „Celeste” verdankt. Aus einem Guß war hier das tragische Schicksal der Münchner Widerstandsgruppe „Weiße Rose” mit der Studentin Sophie Scholl im Mittelpunkt, die im Fe-ber 1943 unter dem Fallbeil der NS-Henker endete, gestaltet. Die tiefe Gläubigkeit, die Menschen bis zum Opfertod führen konnte, bildete einen wesentlichen Akzent. Der Film war, „nur” mit dem Preis der „Internationalen Katholischen Filmorganisation (OCIC)” ausgezeichnet, sicher unterbewertet.

Gerade das Gegenteil ist von dem mit dem „Goldenen Löwen” ausgezeichneten Streifen „Der Stand der Dinge” zu sagen, in dem Wim Wenders wieder einmal bedeutungsschwer Langeweile zelebrierte. Dieser Film war ebenso international realisiert und besetzt wie der durch philosophische und theologische Reflexionen mehr überfrachtete als überzeugende Streifen „Imperative” des polnischen Kosmopoliten Krzysztof Zanussi oder Rainer Werner Fassbinders letzte, leider durch einen starken Hang zur sexuellen Perversion gekennzeichnete Arbeit „Querelle”. Somit blieb Adlons Film die bei weitem beste und daneben einzige wirklich deutsche Produktion.

Unter den italienischen Filmen beschäftigten sich zwei mit dem sicher brennenden Thema Terrorismus: „Colpire al coure” (Ins Herz treffen) von Gianni Amelio als psychologisches Familiendrama und „Grog” von Francesco Laudadio als bissige Satire auf das italienische Privatfernsehen, das auch tragische Ereignisse kommerziell ausschlachtet. Daß daneben das italienische Filmschaffen in einer beträchtlichen künstlerischen Krise steckt, dokumentierte eindeutig die umfassende Schau „Cinema Italiano 82”.

Daneben gab es — im Wettbewerb — noch einiges, was man wenigstens „gutes Kino” nennen konnte, etwa „Ingenieur Andrees Luftfahrt” des ausgezeichneten Schweden Jan Troell sowie Paul Mazurskys aufwendiger und groß besetzter Film „Tempest”, frei nach Shakespeares „Sturm”. In diesem Zusammenhang wäre — als einziger Beitrag aus der „Dritten Welt” im Wettbewerb — noch der recht originelle, witzige, auch technisch gekonnte Streifen „Eine ägyptische Geschichte” zu nennen. Daneben überließ man Beiträge aus den Entwicklungsländern großzügig dem für diese Sparte spezialisierten Festival von Pesaro.

Rechnet man alle Sektionen des Festivals zusammen, so kam man auf etwa 150 Filme im Gesamtprogramm, woran auch eine umfassende Retrospektive unter dem Motto „50 Jahre Film in Venedig” ihren Anteil hatte.

Österreich war auch heuer in Venedig nicht vertreten. Mag sein, daß die vorgesehenen neuen Filme nicht rechtzeitig fertig oder von mangelnder Qualität waren; Venedig-Preisträger früherer Jahre wie „Maskerade”, „Episode” und „Der Prozess” hätten wenigstens in der Retrospektive sicherlich ihren Platz verdient.

Der Filmfreund konnte in Venedig diesmal zwar vieles aus der Vergangenheit und Gegenwart des Films sehen, aber von „Arte Cinematografica” wurde ihm leider nur wenig geboten.

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