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Kommerziell - na und?

Neben cineastischer Kunst kann das Filmland Österreich durchaus auch breitenwirksames Kino brauchen. Zum 10. Mal in Graz öffnet vom 19. bis 25. März die Diagonale die Pforten. Mit Stefan Ruzowitzkys "Die Fälscher" und "Kurz davor ist es passiert" von Anja Salomonwitz war österreichischer Film zuletzt auch auf der Berlinale präsent. In Graz dokumentiert die kleine Branche, wie vital und vielfältig heimisches Filmschaffen ist. Eröffnet wird das Filmfestival heuer mit "42plus" von Sabine Derflinger. Auch in vielen anderen Festivalbeiträgen - nicht zuletzt in der Sparte Dokumentarfilm - wird offenbar, wie rasant Frauen als Filmerinnen hierzulande an Terrain gewinnen. Redaktion: Otto Friedrich, Matthias Greuling

Da staunte das Publikum nicht schlecht, als im September des Vorjahres mit In 3 Tagen bist du tot der erste österreichische Horrorfilm in die Kinos kam - mit einem vergleichsweise mickrigen Budget realisierte Regisseur Andreas Prochaska einen sowohl visuell als auch darstellerisch einwandfreien Horror-Trip, der sich vor seiner Konkurrenz aus den USA nicht zu verstecken brauchte. Dass In 3 Tagen bist du tot das Genre nicht neu erfand, war klar: Die Geschichte um einige Teenager, die mit Todesdrohungen via SMS konfrontiert wurden, ist nicht sonderlich originell.

Horror im Salzkammergut

Neu war nur das Setting: Der Film spielt nämlich im Salzkammergut - und dort verursachen dunkle Seen und mächtige Berge einen ganz eigenen Gruselschauer. Regisseur Andreas Prochaska: "Filme wie diesen gibt es schon seit 20 Jahren, und auch die Geschichte hat nicht den Anspruch, das Genre neu zu erfinden. Aber durch die Anbindung der Story an einen real existierenden Ort, nämlich Ebensee im Salzkammergut, und durch die authentischen Schauspieler hat diese Transformation des Grauens nach Österreich funktioniert." Und zwar so gut, dass der Film bei seiner Premiere beim Festival von Locarno vergangenen August auf der randvollen Piazza Grande frenetischen Applaus erntete.

In Österreich hatte der Film bis dato 84.000 Zuschauer - ein respektables Ergebnis, wiewohl das Zuschauerpotenzial ob fehlender Marketing-Gelder wohl nicht vollends ausgeschöpft werden konnte.

In 3 Tagen bist du tot ist nur einer von etlichen neuen österreichischen Spielfilmen, die sich dem Kommerz verschrieben haben. So startete 2006 etwa die internationale Koproduktion Der Henker (32.000 Besucher) im Kino, Lapislazuli (12.900 Besucher), Karo und der liebe Gott (12.100 Besucher) oder der fast ausschließlich privat finanzierte Ainoa (1.400 Besucher) sind ebenfalls Spielfilme mit eindeutig kommerzieller Ausrichtung - wenngleich die Besucherzahlen eher mager ausfielen. Aber das liegt natürlich auch an den finanziell schwachen Marketing-Budgets.

Filme für junge Leute!

In 3 Tagen bist du tot-Regisseur Prochaska bringt diese neue Ausrichtung auf den Punkt: Gemeinsam mit Produzent Helmut Grasser (Allegro-Film) führte Prochaska eine Bedarfserhebung in den eigenen vier Wänden durch. "Unsere Kinder sind genau in dem Alter, in dem man jede Woche ins Kino geht. Dummerweise bietet der österreichische Film dieser Gruppe von jungen Leuten keinerlei Filme an." Prochaska, der an etlichen Filmen von Michael Haneke mitwirkte (er schnitt u. a. Hanekes Horrortrip Funny Games), hält nichts von elitärer Filmkunst: "Ich bin nicht so sehr der Kunst-Typ. Ich will, dass meine Filme von möglichst vielen Menschen gesehen werden."

Auch bei manchen Filmförderungsinstitutionen scheinen sich die Prioritäten zu ändern: Kunst und Kommerz werden wieder mehr voneinander getrennt - erst kürzlich gab die steirische Filmkommission "Cine Styria" bekannt, in Hinkunft in einem dualen System einerseits künstlerische, andererseits kommerzielle, tourismusfördernde Filmprojekte mit Steiermarkbezug fördern zu wollen. Beide Sparten werden strikt voneinander getrennt.

Auch 2007 stehen kommerziell orientierte Projekte an: Neben dem Diagonale-Eröffnungsfilm 42 plus (Regie: Sabine Derflinger), eine leicht zugängliche Geschichte um die Liebesbedürfnisse einer Frau in mittleren Jahren, kommt auch Stefan Ruzowitzkys KZ-Drama Die Fälscher recht massentauglich daher: Trotz des ernsten Themas um geldfälschende KZ-Häftlinge bietet Die Fälscher auch Unterhaltung - was bei der Berlinale im Februar vor allem bei der US-Presse ankam: Variety, Hollywood Reporter & Co. feierten den Film in hymnischen Kritiken.

Haneke in Hollywood

Letztlich ist auch Michael Haneke - trotz seines Rechts auf den "Final Cut" und auch wenn er gegen diese Behauptung protestieren würde - in der Kommerzwelt der Amerikaner angekommen. Mit dem von ihm inszenierten US-Remake seines eigenen Films Funny Games arbeitete der Filmemacher erstmals in den USA. Und natürlich mit massenkonformer Starbesetzung: Naomi Watts (King Kong) spielt die Hauptrolle, gemunkelt wird über eine Premiere in Cannes kommenden Mai.

Ein paar Schwalben machen freilich noch keinen Sommer, und von einer Kommerzialisierung der österreichischen Filmszene zu sprechen, wäre wohl unpassend. Denn die Welt der Filmkunst ist hierzulande nach wie vor intakt. Das zeigt auch das Programm der Diagonale: Dort sind Arbeiten von Michael Glawogger, Anja Salomonowitz, Jakob M. Erwa, Antonin Svoboda, Barbara Albert, Nino Leitner, Kurt Mayer, Martin Krenn, Elisabeth Scharang, Mirjam Unger oder Udo Maurer zu sehen, die man nicht unbedingt als Kommerz-Ware einstufen kann.

Fakt ist aber, dass der Wunsch nach mehr Publikum (und damit der Wunsch nach Kommerzialisierung) längst auch bei der Kunst-Fraktion unter den Filmemachern angekommen ist. Leider gibt es immer wieder heimische Spielfilme, die nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Kino laufen. Barbara Alberts neuen Film Fallen wollten gerade 21.000 Zuschauer sehen, Michael Glawoggers Slumming lockte gar nur 7000 in die Kinos. Die Tiefpunkte des vergangenen Kinojahres: David Schalkos Nitro (953 Besucher) und Eva Urthalers Keller - Teenage Wasteland (531 Besucher).

Thema: Filmverwertung

Bei der späteren Fernsehausstrahlung geht es diesen Filmen nicht viel besser - zumal der ORF sie zu schlaftrunkener Stunde rund um Mitternacht programmiert. Man darf gespannt sein, ob sich da unter Alexander Wrabetz in diesen Belangen etwas ändert.

Nicht umsonst veranstaltet die Diagonale daher heuer erstmals eine Diskussionsreihe zum Thema Filmverwertung. Die zentrale Frage soll lauten: "Wie kommt ein österreichischer Film zu seinem Publikum?" Die gesamte Verwertungskette eines Films steht zur Debatte - vom Kinostart über den Verleih bis hin zum Verkauf auf DVD. Aber auch neue Trends sollen in Graz diskutiert werden: Nämlich, inwieweit sogenannter "Mobile Content", also etwa Kurzfilme fürs Handy, die ästhetische, erzählerische und auch wirtschaftliche Struktur des Filmschaffens beeinflussen wird. Neue Medien verlangen selbstredend nach medial neu aufbereiteten Inhalten - und da ist der "Film für unterwegs" derzeit einer der meistdiskutierten Wirtschaftsfaktoren für die Film-und Telekommunikationsbranche der Zukunft.

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