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Entdeckung einer Filmnation

Österreichischer Film der Gegenwart aus amerikanischer Sicht.

Nicht nur Michael Hanekes "Klavierspielerin" oder Barbara Alberts "Nordrand" und die darauf folgenden Festival-Erfolge markierten für Amerikas Cineasten und Kritiker das Wiederauftauchen Österreichs in der internationalen Filmszene, sondern auch die neue Frische österreichischen künstlerischen Selbstbewusstseins. In seiner Bewertung des Neubaus des Österreichischen Kulturforums in New York, das vom austro-amerikanischen Architekten Raimund Abraham gestaltet wurde, meinte Architekturkritiker Herbert Mushamp in der New York Times: "Seit dem Ende des Kalten Kriegs wird es zunehmend offenbar, dass Wien - in der Vergangenheit wie in der Gegenwart - eine Schlüsselrolle beim Entwickeln eines neuen kosmopolitischen Blicks spielt." Das 2002 eröffnete Österreichische Kulturforum in New York zeigt die Verbindung mit der Postmoderne auf, die sich derzeit in Österreich entfaltet.

Film - Österreichs Identität

Film ist ein wesentlicher Aspekt dieser neuen künstlerischen Energie: Der österreichische Film der letzten Jahre hat die postmodernen Ideen international eingefangen, oft auf eine verstörende Weise. Mit der Öffnung Osteuropas, der Rückkehr Wiens als Knotenpunkt der mitteleuropäischen Kultur und der Zunahme kontroversieller Politik in Österreich gab es genug Stoff für künstlerische Auseinandersetzung. Laura Heon, Kuratorin einer Ausstellung über neue Wiener Kunst im Museum of Contemporary Art in Massachusetts, stellt fest, dass "zum ersten Mal seit 75 Jahren Künstler aus Osteuropa nach Wien in die Kunstschulen kommen".

Ihr Kommentar - wie viele andere, die Österreichs neue Präsenz in der internationalen Kunstszene begrüßen - zeichnet ein Land, das allzu lange das Fehlen einer weltweiten Imagepflege vor allem bei den bildenden Künsten und der Medienkunst hingenommen hat. Das bedeutet auch, das sich die nationale Identität Österreichs leicht gewandelt hat: Das "neue Europa" hat die - oft nervöse - Rückkehr von Vielsprachigkeit, Multikulturalität und auch der Konflikt-Politik nach Österreich ermöglicht. Dies inspiriert und treibt Österreichs bildende Künstler; keine andere Kunstform aber kann die postmoderne "Krise der Vernunft" und Österreichs kulturelle Vielschichtigkeit besser in die breite Öffentlichkeit bringen als der Film.

Seit den späten 90ern geht der österreichische Experimental- und Dokumentarfilm oft in Richtung einer Mischform, die die Autorität des nichtnarrativen Films untergräbt und die abstrakten Vorstellungen einer kantigen filmischen Ausdrucksweise bevorzugt. In Analogie zur Literaturtheorie, kann man das "neues historizistisches Kino" nennen, weil es das Augenmerk auf eine persönliche Geschichte/Mythologie als eine Form greifbarerer Wirklichkeit oder wahrgenommener Wahrheiten legt, anstatt auf vorgefasste oder "offizielle" Konzepte. Filme, die in dieser Konstellation entstehen, verstören den Zuschauer oft, indem sie die Hässlichkeit der Banalität einfach einrahmen ohne einen vorrangigen ideologischen oder moralischen Standpunkt; so macht es etwa Ulrich Seidl in seiner kühl abgehobenen Filmerzählung "Hundstage" vor.

Immer noch kein Oscar

Während bedeutende Festivals und Filmpreise der Welt den neuen österreichischen Film schon 2002/03 wahrgenommen haben und viele amerikanische Independent-Filmer auf den österreichischen Einfluss hinweisen, ignoriert der "Oscar" in seiner Kategorie "Bester fremdsprachiger Film" weiterhin österreichische Produktionen. Zuerst wurde das als Reaktion auf die damaligen eu-Sanktionen gegen Österreich interpretiert, aber es hat sich seither herausgestellt, dass, während österreichischer Film an der Ostküste bekannt ist und bei Festivals im Mittleren Westen der usa reüssiert, die Westküste einer österreichischen Repräsentanz (analog dem Kulturforum in New York) entbehrt, die direktere Verbindungen mit der Filmindustrie Hollywoods eingehen könnte. Die lange Beziehung zwischen Hollywood und Wien, die so viele Filme des Goldenen Hollywood-Zeitalters geschaffen hat, müsste - von Österreich her - aktiv wiederbelebt werden.

Neuer österreichischer Stil

Dass österreichische Spielfilm-Projekte auf internationalen Festivals Schlagzeilen machen, so undenkbar dies vor einigen Jahren noch war, ruft Erwartungen hervor - etwa bei Barbara Alberts "Böse Zellen": Alberts Film zerstört dieselben Kontroll-Illusionen über die auch Barbara Gräftner in "Mein Russland" herzieht oder die Ruth Mader in "Struggle" denunziert.

Der Kritiker Ed Halter von der Village Voice spricht von einem "neuen österreichischen Filmstil" und entdeckt diesen besonders unter den Regisseurinnen: "Leise, kühl und subjektiv entwickeln (diese Filme) eine entrückte, kontemplative Atmosphäre, wie es das überkompensierende amerikanische Kino so selten versucht; sie vermitteln eine bittersüße Schönheit durch einfaches Hervorholen des Innenlebens."

Substanz zurück ins Produkt

Direkt, symbolisch oder allegorisch haben die Filmemacher in der Mitte der Dekade auf den Wertewandel bei der nationalen Identität durch Herausstellen und Zurückweisen künstlicher Darstellungen reagiert. Ihr Angriff fokussiert sich darauf, was Slavoj Zizek als "gegenwärtige Redefinition der Politik als Kunst der Experten-Administration, das heißt, als Politik ohne Politik - bis zum heutigen tolerant-liberalen Multikulturalismus als eine Erfahrung des Anderen beraubt von seiner Andersheit" bezeichnet.

Die Virtual Reality des Kinos verallgemeinert diese Prozedur einfach, indem sie ein Produkt, das seiner Substanz beraubt ist, anbietet. Es scheint heute das Ziel der meisten österreichischen Filmemacher zu sein, die Substanz - wie widersprüchlich oder unbequem diese auch ist - wieder ins "Produkt" zurückzubringen. Das Anpreisen von Österreichs multikulturellem Erbe und die Bewerbung der Nation als neu-alter Knotenpunkt Mitteleuropas in der eu wird durch Bilder gebrochen, die zwischen Fremdenfeindlichkeit und Selbsthass schwanken, und die Darstellung des breiten sozioökonomischen Erfolges wird durch eine individuelle Reaktion abgeschwächt, die von unterschwelliger Unzufriedenheit bis zu Verzweiflung reicht. Dieser neue sozialkritische Film ist schnell zum allgemeinen Genre geworden, das mit österreichischem Gegenwartskino assoziiert wird.

Hollywood hält zwar weiterhin einen Großteil der Kinobesucher (und der Filmkritiker) gefangen, wie sonstwo in Europa auch, aber der Erfolg des neuen österreichischen Films und die Rückkehr des Publikums ins Kino sollte nicht über die Mega-Einnahmen an den Kinokassen gemessen werden, sondern am Enthusiasmus und an der Sichtbarkeit, mit denen die Kunst in die nationale Auseinandersetzung dringt.

Modell für andere Länder

Die Diagonale-Krise 2003 war da die Probe aufs Exempel: Der Zusammenschluss österreichischer Filmemacher, Schauspieler und Techniker zu einer politisch engagierten Front wäre noch vor einigen Jahren für unmöglich gehalten worden. Österreichweite Aufmerksamkeit - und dadurch auch internationale Sichtbarkeit sowie die Niederlage der Filmpolitik der Regierung sind eindrucksvolle Zeichen dafür, dass Österreich sich selbst als Filmnation wiederentdeckt hat.

Ein wichtiger Faktor für den Film wie für die nationale Identität bleibt dennoch der Blick auf die Traditionen, Innovationen und Talente, die Österreichs Film hervorgebracht und so großzügig anderen Filmnationen weitergegeben hat. Nach dem Niedergang der traditionellen Formen in den 60er Jahren, der langwierigen Wiederentdeckung von Produktion und Verleih in den 70ern bis 90ern und durch die Heranbildung seines Publikums könnten die Wirklichkeiten der gegenwärtigen Filmindustrie Österreichs letztlich ein gutes Modell für andere (wieder) auftauchende Filmnationen sein.

Der Autor ist Professor für German Language Studies und für Film Studies an der University an der University of Colorado. Er ist Gründungspräsident der Austrian American Film Association und hat die erste englischsprachige Monografie über den österreichischen Film verfasst (siehe unten). Aus dem Amerikanischen von Otto Friedrich.

BUCHTIPP:

Austrian Cinema - A History

Von Robert von Dassanowsky. McFarland, Jefferson NC 2005. 312 Seiten, 50 Abb., geb., e 54,90

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