Viennale - © Filmladen
Film

Unheimliches etc.

1945 1960 1980 2000 2020

Im Jahr zwei der Viennale-Direktion von Eva Sangiorgi wird die neue Linie des größten österreichischen Filmfests klar: Vorrang für Arthaus, Abschied vom Glamour.

1945 1960 1980 2000 2020

Im Jahr zwei der Viennale-Direktion von Eva Sangiorgi wird die neue Linie des größten österreichischen Filmfests klar: Vorrang für Arthaus, Abschied vom Glamour.

Frankreich, 20 Jahre vor der Revolution: Eine Malerin soll ein Porträt einer Adeligen für deren künftigen Bräutigam anfertigen. In der gemeinsam verbrachten Zeit kommen sich die Frauen, die sich jede auf ihre Art ihrer vorbestimmten gesellschaftlichen Rolle verweigern, näher. „Portrait de la jeune fille en feu – Porträt einer jungen Frau in Flammen“ (Regie: Céline Sciamma), eine Liebesgeschichte mit historischem und kunsttheoretischem Hintergrund, ist der Eröffnungsfilm der diesjährigen Viennale, die am 24. Oktober anläuft.

Mehr als 300 Filme aus über 40 Ländern bieten einen Überblick über das aktuelle Filmschaffen weltweit, das Wiener Filmfestival erlaubt mit diversen Retrospektiven und Specials wie immer aber auch einen Blick in die ­cineastische Vergangenheit.

Roter Faden „Geister und Monster“

Im zweiten Jahr der Direktion von Eva Sangiorgi – deren Vertrag kürzlich bis 2026 verlängert wurde – kristallisiert sich heraus, was sich schon im Vorjahr abgezeichnet hat: eine noch stärkere Konzentration auf kleines, abseitiges Arthaus-Kino. Kaum große Produktionen, kaum wirklich große Namen – und wenn, dann wird kein großes Ding daraus gemacht. Der neue Woody-Allen-Film „A Rainy Day in New York“ wird zwar gezeigt, allerdings wurde er bei der Progammpräsentation nicht einmal erwähnt. Auch große Stars – und damit der mit ihnen verbundene Glamour – werden nicht extra herausgestellt, obwohl etwa in „The Lighthouse“ (Regie: Robert Eggers), einem halluzinatorischen Kammerspiel, Willem Dafoe und Robert Pattinson glänzen, oder in „Marriage Story“ (Regie: Noah Baumbach) Scarlett Johansson und Adam Driver eine schmerzhafte Trennungsgeschichte durchlaufen.

Frankreich, 20 Jahre vor der Revolution: Eine Malerin soll ein Porträt einer Adeligen für deren künftigen Bräutigam anfertigen. In der gemeinsam verbrachten Zeit kommen sich die Frauen, die sich jede auf ihre Art ihrer vorbestimmten gesellschaftlichen Rolle verweigern, näher. „Portrait de la jeune fille en feu – Porträt einer jungen Frau in Flammen“ (Regie: Céline Sciamma), eine Liebesgeschichte mit historischem und kunsttheoretischem Hintergrund, ist der Eröffnungsfilm der diesjährigen Viennale, die am 24. Oktober anläuft.

Mehr als 300 Filme aus über 40 Ländern bieten einen Überblick über das aktuelle Filmschaffen weltweit, das Wiener Filmfestival erlaubt mit diversen Retrospektiven und Specials wie immer aber auch einen Blick in die ­cineastische Vergangenheit.

Roter Faden „Geister und Monster“

Im zweiten Jahr der Direktion von Eva Sangiorgi – deren Vertrag kürzlich bis 2026 verlängert wurde – kristallisiert sich heraus, was sich schon im Vorjahr abgezeichnet hat: eine noch stärkere Konzentration auf kleines, abseitiges Arthaus-Kino. Kaum große Produktionen, kaum wirklich große Namen – und wenn, dann wird kein großes Ding daraus gemacht. Der neue Woody-Allen-Film „A Rainy Day in New York“ wird zwar gezeigt, allerdings wurde er bei der Progammpräsentation nicht einmal erwähnt. Auch große Stars – und damit der mit ihnen verbundene Glamour – werden nicht extra herausgestellt, obwohl etwa in „The Lighthouse“ (Regie: Robert Eggers), einem halluzinatorischen Kammerspiel, Willem Dafoe und Robert Pattinson glänzen, oder in „Marriage Story“ (Regie: Noah Baumbach) Scarlett Johansson und Adam Driver eine schmerzhafte Trennungsgeschichte durchlaufen.

Kaum große Produktio­nen, kaum große Namen – und wenn, dann wird kein großes Ding daraus gemacht.

Wenn ein Filmfestival die – natürlich aus subjektiver Sicht – besten Produktionen eines Filmjahres versammelt, ergibt sich daraus nicht unbedingt ein roter Faden. Dennoch sind in der Auslese im Nachhinein Schwerpunkte auszumachen. Einer, auf den San­giorgi hinweist, könnte man mit „Geister und Monster“ umschreiben. In Zusammenhang mit Filmen wie „Atlantique“, in dem sich Unheimliches, Flüchtlingskrise und senegalesisches Frauenbild vermischen (Regie: Mati Diop), oder „Zombi Child“, der sich um Voodoo im Haiti zu Beginn der 1960er Jahre und in einem Mädchengymnasium im Paris von heute dreht (Regie: Bertrand Bonello), spricht die Direktorin von „lebenden Toten, die aus den Kolonien und den Überseeländern kommend, ihre Ansprüche erheben“. Es handelt sich natürlich um typische Arthaus-Zugänge zum Phantastischen und zum Horror. Wer dieses Genre in seiner puren Form vorzieht, ist mit dem Wiener „/slash“-Filmfestival, das immer rund einen Monat vor der Viennale stattfindet und das heuer sein zehnjähriges Jubiläum feierte, freilich besser bedient.

Unausgesprochen, gleichwohl massiv ins Auge fallend, setzt die diesjährige Viennale einen Frauenschwerpunkt. Bereits der Eröffnungsfilm, in dem eine weibliche Utopie in die Vergangenheit projiziert wird, weist in diese Richtung. Auch zahlreiche weitere Filme fügen sich in diesen Fokus ein, etwa der österreichische Beitrag „Die Dohnal“: Regisseurin Sabine Derflinger entwirft darin ein dokumentarisches Porträt der Ikone der österreichischen Frauenbewegung Johanna Dohnal, die als Politikerin verantwortlich war für Meilensteine wie die strafrechtliche Verfolgung von Vergewaltigung in der Ehe, die Gründung des ersten Frauenhauses oder die Anrechnung von Kinderzeiten für die Pension.

Louise Kolm-Fleck, Partisanenfilm

Ein Special ist der Wiener Filmpionierin Louise Kolm-Fleck (1873–1950) gewidmet, die den seinerzeit größten Atelierkomplex Europas gründete, mindestens zwei Dutzend Drehbücher verfasste und an die hundertmal Regie führte. War bisher vor allem ihr Œuvre aus den 1910er Jahren bekannt, so hat das Filmarchiv Austria bislang als verschollen gegoltene Werke aus der Spätzeit des Stummfilms aufgetrieben (und restauriert), die sich sowohl in formaler wie auch in inhaltlicher Hinsicht als überraschend modern erweisen. „Mädchen am Kreuz“ (1929), den sie gemeinsam mit ihrem Mann Jakob Fleck in Szene gesetzt hat, etwa beginnt als urbane Liebeskomödie, kippt dann unvermittelt in ein Drama um sexuelle Gewalt und Täter-Opfer-Umkehr.

Massiv ins Auge fallend setzt die Viennale Frauenschwerpunkte. Schon der Eröffnungsfilm, wo eine weibliche Utopie in die Vergangenheit projiziert wird, weist in diese Richtung.

Das klassische französische Genre „Und immer lockt das Weib“ ist bei der Viennale mit einer feministischen Variante vertreten: In „Une fille facile“ geht es um eine atemberaubend attraktive junge Frau, die ihre Weiblichkeit selbstbewusst und ganz selbstverständlich einsetzt. Die französische Filmemacherin Rebecca Zlotowski zertrümmert in dieser Coming-of-Age-Geschichte – der Film wird aus der Perspektive der jüngeren Cousine des „leichten Mädchens“ erzählt – gekonnt althergebrachte Klischees. Als zum Beispiel die Prot­agonistin – genial besetzt mit Zahia Dehar – zum Zweck der Erniedrigung in ein Gespräch über Kultur verwickelt wird, schüttelt das vermeintlich dumme Flittchen eine ebenso flammende wie kluge Abhandlung über Marguerite Duras aus dem Ärmel.

Wer es männlicher haben möchte, dem sei die Retrospektive im Filmmuseum ans Herz gelegt. Diese widmet sich dem zwischen den 1940er und 1980er Jahren sowohl im Westen als auch in den kommunistischen Ländern durchaus populären Partisanenfilm, der für Filmmuseum-Direktor Michael Loebenstein „so etwas wie das Gründungsgenre des europäischen Nachkriegsfilms“ darstellt.

Fakt

Überflüssiges Remake

Hautnah war die Dänin Susanne Bier 2006 in ihrem für den Oscar nominierten Drama „Nach der Hochzeit“ an den Figuren und übertrug so deren Gefühle direkt auf den Zuschauer. Nichts davon ist leider in Bart Freundlichs Remake zu spüren, obwohl er sich inhaltlich ziemlich genau ans Original hält und sich darauf beschränkt, die beiden männlichen Protagonisten durch zwei Frauen auszutauschen. Im Zentrum steht die Amerikanerin Isabel (Michelle Williams), die in Indien ein Waisenhaus leitet. Um von der Unternehmerin Theresa (Julianne Moore) eine große Spende zu erhalten, reist sie nach New York, wird dabei aber bald mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert.

Großes Potenzial bieten zwar die Themen, die angeschnitten werden. Es geht nämlich nicht nur um die globale soziale Ungerechtigkeit, sondern auch um Mutterschaft, um Verantwortung fürs eigene Kind und für die Welt und um Kapitalismus auf der einen und soziales Engagement auf der anderen Seite, doch in der gepflegten, aber zahnlosen Inszenierung Freundlichs gewinnt nichts an Dringlichkeit, sondern alles bleibt papieren und blutleer. Nicht einmal Julianne Moore und Michelle Williams, die gewohnt stark spielen, aber keine Chance bekommen, wirklich packende und bewegende Charaktere zu entwickeln, können diesem überkonstruierten Drama emotionale Kraft und Leben einhauchen. (Walter Gasperi)

Film

After the Wedding

USA 2019.

Regie: Bart Freundlich.

Mit Michelle Williams, Julianne Moore.

Filmladen. 113 Min.