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Blitzlichtgewitter und Alltagsatmosphäre

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Stars und Schickeria, Medienrummel und Spektakel - was eben so zu Filmfestivals gehört -das gab es im Wiener Apollo-Kino und rundherum vom 17. bis 27. Oktober. Bei der Viennale.

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Stars und Schickeria, Medienrummel und Spektakel - was eben so zu Filmfestivals gehört -das gab es im Wiener Apollo-Kino und rundherum vom 17. bis 27. Oktober. Bei der Viennale.

Wenn auch klingende Namen wie Gina Lollobrigida, Peter Greenaway, Sean Penn oder Werner Herzog das Publikum in den Kinosaal oder zu den zahlreichen Begleitveranstaltungen lockten, die Hauptrolle spielten bei dem Festival nicht sie, sondern das Kino und der Film.

Der Film, der auf ganz besondere Art und Weise präsentiert wurde, nämlich so facettenreich und vielfältig, daß einem plötzlich zu Bewußtsein kam, was das eigentlich ist, Kino, wie viele unterschiedliche Aspekte das eigentlich umfaßt, wie viele verschiedene Arten von Filmen es eigentlich gibt. Und wie viele unterschiedliche Arten von Filmen wir eigentlich meinen, wenn wir so allgemein vom „Film" reden.

Deutlich wurde das, wie gesagt, an der außerordentlich bunten Zusammenstellung des Programmes. Da gab es Filme aus bekannten Kulturen (Europa, Amerika) und aus unbekannten (unter dem Motto „Filmland China"), Filme von gestern (etwa den Orson Welles-Klassiker „Citizen Kane" oder die Streifen mit der Lollobrigida aus den fünfziger und sechziger Jahren) und heute. Und es gab Filme für große und kleine Zuschauer. Für letztere wurden Beiträge aus dem italienischen Jugendfilmfestival Giffoni gezeigt.

In gewisser Weise war es eine

Qberraschung, zu sehen, wie anspruchsvoll und bemerkenswert Kinder- und Jugendfilme sein können. Es gibt gute, sehr gute Jugendfilme, auch abseits vom legendären „Krieg der Knöpfe" oder den bekannten Astrid Lind-gren-Verfilmungen. Und: sie packen teilweise mutig heiße gesellschaftspolitische oder zeitgeschichtliche Eisen an.

Der italienische Film „Mut zum Sprechen", der das Thema organisierten Verbrechens in Süditalien behandelt, oder „Alan und Naomi", wo es um die Erlebnisse von Kindern im Amerika der frühen vierziger Jahre geht, mit Antisemitismus und

Zweitem Weltkrieg, seien nur als zwei Beispiele für viele genannt.

Gesellschaftspolitische und zeitgeschichtliche Themen waren aber auch in vielen der Filme des „Internationalen Programmes" zu finden. Das „Internationale Programm", das ist eine Zusammenstellung von zwanzig Filmen aus ganz verschiedenen Ländern, die allesamt ihre österreichische Uraufführung bei der Viennale erlebten.

Auffällig dabei war, wie viele der Filme entweder zur Gänze oder teilweise in Osteuropa produziert worden waren.

„Homo Novus" ist soein Film, eine russisch-ungarische Koproduktion unter der Regie des Ungarn Pal Erdöss. Der Schwarz-Weiß-Streifen erzählt unspektakulär und langsam eine Geschichte aus dem Leben einer russischen Lehrerin, die irgendwo in einer öden Industriestadt Mathematik unterrichtet. Als sie eines Tages gegenüber einem Schüler, dem Sorgenkind der Klasse, die Beherrschung verliert und ihn ohrfeigt, verbünden sich dessen Klassenkollegen gegen sie und machen ihr das Leben schwer.

Was den Film so besonders macht, ist, daß er unaufdringlich und - wie es scheint -ehrlich Einblick bietet in das Alltagsleben in der Sowjetunion, und zwar gleichermaßen in das Alltagsle-. ben Jugendlicher und Erwachsener. Die Spannung dazwischen, das Unvermögen beider Seiten, einander zu verstehen, wird im Laufe der Geschichte langsam deutlich, dargestellt wird sie ebenso glaubhaft wie bedrückend.

Eine andere Alltagsgeschichte erzählt der australische Film „A Woman's Tale" („Die Geschichte einer Frau", Regie Paul Cox). „Kein großes aber ein bewegendes Stück Kino", so bezeichnete der Regisseur selbst seinen Film, in dem es um die letzte Zeit im Leben einer außergewöhnlichen alten Frau geht. Jung im Geist, den Kopf voller unkonventioneller Ideen und Ansichten leidet sie unter der Gebrechlichkeit und Vergänglichkeit ihres alten Körpers. Ihre Freundin

Malinka, eine junge, lebenslustige Frau begleitet sie durch ihre Schwierigkeiten hindurch, bis zuletzt. Und so ist es eigentlich die Geschichte zweier Frauen...

Zwei Frauen - wenn auch in ganz anderer Form - stellt uns auch Krysz-tof Kieslowski vor, in seinem neuen Film „Das doppelte Leben der Veronika". Der polnische Regisseur, der bei uns vor allem mit seinem Filmzyklus „Dekalog" bekannt geworden ist, stieß damit auf einhellige Begeisterung des Publikums.

Wärme der Zuneigung

Die Handlung ist geheimnisvoll, fast ein bißchen märchenhaft: zwei junge Frauen, eine Polin und eine Französin, sind auf seltsame Art miteinander verbunden. Obwohl sie einander im wirklichen Leben (aber was ist schon wirklich?) nie begegnen, fühlt jede der beiden, daß da „jemand" ist. An einem entscheidenden Punkt ihrer Leben gehen die beiden trotz vieler Gemeinsamkeiten, die sie haben, ganz unterschiedliche Wege.

Vielleicht ist es aber gar nicht so sehr die Geschichte, die beeindruckt, mindestens genauso wichtig sind die Bilder und Atmosphären, die Kieslowski auf die Leinwand zaubert. Sie sind in warmen Farben gehalten und strahlen Zuneigung, Geborgenheit und Ruhe aus. Dadurch wird auch das Traurige und Schwere, das in dieser Geschichte ebenso vorkommt wie das Glücklichsein, erträglich und annehmbar. Weil es harmonisch eingebettet ist in die Ganzheit des Geschehens. So wie das Leben ist dieser Film nicht entweder - oder, sondern sowohl - als auch.

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