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MANNHEIM IST EINE REISE WERT

annheim, am Zusammenfluß von Rhein und Neckar ge-1VJ. legen, der Mittelpunkt des kurpfälzischen Raumes, ist ebenso reich an kultureller Tradition wie an wirtschaftlicher Tatkraft. Die nordibadische Metropole, in der heute mehr als 300.000 Einwohner leben, wurde im zweiten Weltkrieg zu 70 Prozent von Bomben zerstört; dennoch bietet sie dem Fremden, der für kurze Zeit in dem geschäftig-großstädtischen Bild der Industriestadt weilt, einen kaum gebrochenen, lebensfrohen Anblick: breite und moderne Straßen, große Geschäftshäuser und schönangelegte Parks und Rasenflächen haben die zahlreichen Ruinen und leeren Plätze überdeckt und die Narben des Krieges zum Verschwinden gebracht. Der Wasserturm, das schon von weitem sichtbare Wahrzeichen der Stadt, hat ein neues Dach bekommen, das weithin über den Friedrichsplatz mit seinen berühmten Wasserspielen leuchtet; das Nationaltheater, eine der klassischen Stätten deutscher Bühnenkunst, wurde nach seiner völligen Zerstörung in modernem Stil wiederaufgebaut und ist heute Zentrum des badischen Kulturlebens. Und daneben findet auch noch alljährlich in Mannheim eine internationale Kurzfilmwoche statt...

Dieses Mannheimer Filmfestival, jeweils im Oktober stattfindend, ist das letzte des Jahres, der Abschluß einer Reihe ähnlicher Veranstaltungen, die von Oberhausen (im Februar) ausgehend ihren mehr oder weniger bedeutungsvollen Bogen über Cannes, Berlin, Karlovy Vary, Locarno und Venedig spannen. Und in Mannheim rundet sich der Kreis, wieder zum Ausgang zurückkehrend, zum Kurz- und Dokumentarfilm... Es würde den Rahmen dieser Seite sprengen, auf die Bedeutung des vielfach geschmähten, vielerorts fast unbekannten und meist kaum genügend beachteten kleinen Bruders des Spielfilms hinzuweisen, der älter ist als sein lärmender, größerer Epigone. Die Geburtsstunde der Kinematographie, der berühmte 28. Dezember 1895, schlug mit einer Vorführung von Kurzfilmen, die kaum Minuten dauerten und Titel wie „Arbeiter verlassen die Fabrik“, „Die Ankunft eines Zuges“ und ähnliche trugen. Der Dokumentarfilm erblickte das Licht der Leinwand, bevor er noch als solcher gekennzeichnet war — das Wort „documentary“ wurde zum erstenmal in einem Aufsatz von John Grierson für die „New York Sun“ im Jahre 1926, also 31 Jahre später, verwendet. Und immer stand der Kurzfilm — zu Unrecht — im Schatten des abendfüllenden Aktionsfilms; eT galt als Lückenbüßer, als notwendiger Füller zur Erzielung der vorgeschriebenen Vorstellungsdauer, später vom Reklamefilm und mancherorts von einer Modeschau abgelöst — weil für derartige Werbemittel der Kinobesitzer zusätzlich Geld erhält, anstatt es für „Kultur“ auszugeben. Dennoch ist der Kurzfilm unausdenkbar mit der Geschichte, der Filmkunst verbunden, sei es nun in seiner Bedeu- . tung als Selbständiges Wesk.-sin seiner Beeinflussung, mancher, Spielfilmgattüngen (die französische „Nouvölle vague' ebenso wie der neue englische soziale Realismus haben ihren Ursprung im Dokumentarfilm) oder auch als Anfangsmöglichkeit, als Erst-, lingserprobung mancher heute bedeutender Regisseure,

Die Fachwelt hat die Bedeutung des Kurzfilms längst erkannt und würdigt sie auch dementsprechend; in Frankreich, England, ja selbst in Deutschland läuft kein Spielfilm ohne Beiprogramm, und zwar nicht als Lückenbüßer, sondern in der Erkenntnis seiner künstlerischen Eigenständigkeit; man veranstaltet auch schon seit Jahren Filmfestspiele, die nur dem Kurz- und Dokumentarfilm gewidmet sind und in sachverständigen und interessierten Kreisen höchste Beachtung finden — wenn auch in der Masse und Reklame der sonstigen Festivalrummel die Sensationspresse wenig Notiz von ihnen nimmt. Mannheim ist nur eine der Festwochen, die sich mit diesem Sektor des Filmschaffens auseinandersetzt; Oberhausen, Annecy, Trient, selbst die Biennale von Venedig und Bergamo haben ihre eigenen Kurzfilmfestspiele. Hier, in diesen Festivals des Kleinen, kann man dann Kunstwerke sehen, die in Form und künstlerischer Aussagekraft keineswegs den abendfüllenden Filmen nachstehen.

Von der Filmkrise — mit der ja auch notwendigerweise eine Festivalkrise verbunden ist — wurde im Rahmen der großen Festspiele von Cannes, Berlin und Venedig an dieser und anderer Stelle schon genug gesprochen; es ist allerdings betrüblich zu bemerken, daß diese Krise nun auch schon das bisher noch nicht betretene Gebiet des Kurz- und Dokumentarfilms zu erfassen scheint. Von den bei der diesjährigen XI. Internationalen Filmwoche in Mannheim gezeigten 44 Kurzfilmen, zu denen sich in Ergänzung des Programms noch sieben abendfüllende Filme (Dokumentarfilme und Erstlingswerke junger Regisseure) gesellten, war ein erschreckendes Absinken des künstlerischen Niveaus festzustellen, das auch am letzten Tag, bei der Preisverteilung, die Jury zu folgender Formulierung veranlaßte:

„Die Jury... drückt ihre Genugtuung darüber aus, daß die Mehrzahl der vorgeführten ersten abendfüllenden Spielfilme von Dokumentär- oder Kurzfilmregisseuren und die Mehrzahl der langen Dokumentarfilme ein beachtliches Niveau zeigte. Im Gegensatz dazu erschien das Niveau der Kurzfilme im allgemeinen etwas bescheiden. Wenn die in Mannheim gezeigte Auswahl wirklich repräsentativ sein sollte für die internationale Kurzfilmproduktion, so müßte man daraus schließen, daß sich der Kurzfilm gegenwärtig in der ganzen Welt in einer Krise befindet. Die Jury sah sich daher gezwungen, die Mannheimer Golddukaten ausschließlichen abendfüllende Filme zu verleihen ...“

Die Ursache dieses künstlerischen Absinkens ergründen zu wollen, dürfte wohl ein vergebliches Unterfangen sein — dazu ist die Situation auf dem Gebiete des Kurzfilms in den ver-, schiedenen Ländern zu unbekannt und würde auch wohl eine ausführliche und tiefergehende Untersuchung erfordern, als sie einem Nichteinheimischen möglich ist In Fachzeitschriften und -büchern wird dieses Gebiet auch viel zuwenig behandelt, als daß man grundlegende Thesen aufstellen könnte: einzig auf dem Sektor des deutschen Dokumentär- und Kurzfilms — bei dem

ziemlich ähnliche Produktionsverhältnisse wie in Österreich vorherrschen — sind Studien greifbar, die, zusammengerafft, die prekäre Lage dieses Filmzweiges als Folge von ungenügender Förderung und Subventionierung, mangelndem Interesse von seiten der Produzenten und Verleiher, geringer Absatzmöglichkeit und unzureichender steuerlich-kultureller Begünstigungen bezeichnen. Dieselben Gründe dürften wohl auch in den anderen westlichen Ländern die Ursache des Rückganges bedeuten; in den Oststaaten, wo die Privatproduktion gänzlich ausgeschaltet ist und die Filme ohnedies nur höherem Auftrag und zumindest mit höherer Genehmigung entstehen können (daher die Herstellungskosten keine Rollen spielen), ist das Niveau unverändert geblieben, ja sogar im Steigen begriffen. Dies zeigten wiederum die von der Mannheimer Jury ausgesprochenen Anerkennungspreise für Kurzfilme, von denen zwei auf Ungarn und die Tschechoslowakei fielen, für einen Jugendproblemfilm, „Wer hält länger durch?“, mit tragikomödiantischem Hintergrund und einen bezaubernden Puppenfilm, „Kurs für Ehemänner“.

Geradezu peinlich und erschütternd war das Angebot der Filme, die die deutsche Bundesrepublik im Reigen der Nationen-vertreten sollten; nach dem in Oberhausen im heurigen, ;Frühjahr von einer Gruppe zorniger junger deutscher Männer herausgegebenen Manifest, in dem viel von dem Schlagwort „Fapas Kino ist tot!“ zu hören war, und der Forderung, den jungen Talenten den Weg frei zu machen, war man doppelt neugierig, was also diese viel von sich reden machenden Leute nun in Wirklichkeit zu bieten hätten. Man hatte nämlich, wie erwartet, von soviel Elan und ernsthaftem Bemühen erschreckt, einigen von ihnen die Möglichkeiten geboten, ihre Absichten zu realisieren. Und was kam heraus? Krampf („Campo Santo“ — italienische Grabplastiken zur Musik von Schuberts „Unvollendeter“!), Peinlichkeit („Doppelter Saldo“ — Kritik am deutschen Wirtschaftswunder), Geschmacklosigkeit („Ein Mann ist ein Mann“ — eine abgrunddumme und geistlose Persiflage auf die „Neue Welle“), Dilettantismus („Die Prämie“ — eine unfreiwillig komische Auseinandersetzung über den Sinn des Arbeitseifers), gesuchte Originalität („Die Schleuse“ — ein Experimentalfilm über mobile Plastiken) und Schwulst („Hongkong — gepachtete Freiheit“ und „Algerische Partisanen“ — mit einem verlogen-sentimentalen Text, der berechtigt im Pfeifkonzert de Publikums unterging)... .Nein, meine Herren, Sie sollten wissen, daß man Wellen zwar in einem Hallen- oder Freiluftbad künstlich erzeugen kann, nicht aber künstlerische „neue Wellen“ durch Kopieren und Revoltieren, wenn dahinter keine eigent Kraft und Aussage steckt! Der einzige Lichtblick unter so vielen Versagern war ein von Kurt Bernard gestalteter Dokumentarbericht über zwei Altersheime in Straubing, „Die letzte Station“, der zwar an einiger Überlänge litt, aber wirklich eindringlich ge staltete und sozial anklagende Momente von makabrer satirischer Schockwirkung aufwies.

Daß man aber auch in Deutschland grandiose Filme zu machen versteht, ohne laut von sich Reklame zu machen und ohne mit einem Bart herumzulaufen, bewies Hugo Niebeling mit seinem abendfüllenden Dokumentarbericht „Alvorado — Aufbruch in Brasilien“, der wirklichen künstlerischen Sensation der Filmwoche; im Auftrag und für Werbezwecke einer deutschen Stahlfirma (Mannesmann!) gedreht, gelang hier dem heute 31 Jahre alven Regisseur — früher Schauspieler, seit 1955 als Kurzfilmschaffender in Industrieaufträgen tätig — ein wirkliches Meisterwerk, das in prachtvoller optischer und thematischer Gestaltung einen umfassenden Überblick über Brasilien, seine verschiedenartigen Landschaften und Menschen und die wirtschaftliche Er-^c^Heßung des Lärmes toejeö^Die: Kühnhei^ dp Schnittes ist itonr faszinierender Einprägsamkeit/die Äiffihme'technik Von bisher kaum gesehener künstlerischer Konzeption; wie hier der Wechsel der Farben und alle sonstigen Möglichkeiten einer entfesselten Filmtechnik eingesetzt sind, erweckt atemloses Staunen und Bewunderung — wie in einem Rausch ziehen Bilder von vollkommener Harmonie in Form und Aussage über die Leinwand, ein abgerundeter Bogen kunstvoller Ausdruckskraft. Es ist allerdings zu hoffen, daß einige auftragsbedingte Längen (die dem Auftraggeber, nicht dem Gestalter zu Lasten fallen) noch eliminiert werden, um den Eindruck vollkommen zu erhalten. Diese Perle der Dokumentarfilmkunst nach Österreich zu bringen (die jede „Traumstraße“ weit in den Schatten stellt), wäre die verdienstvolle Aufgabe jedes Volksbildungshauses, jedes Filmkunsttheaters, jedes Filmklubs in Wien; hier ist die Anschrift: Filmproduktionsgemeinschaft der Mannesmann AG, Düsseldorf, Thomasstraße 6 — bitte sich zu bedienen!

- ^^ährend auch die Kurzfilme der anderen Nationen, mit Aus-“ nähme zweier englischer Trickpersiflagen („The piain man's guide to Advertising“ — eine Parodie über die Kinowerbung — und „Love me, love me, love me“ — eine hintergründige Untersuchung über Lieben und Geliebtwerden) höchstens durch Mittelmaß auffielen, bestachen die abendfüllenden Erstlingswerke junger Regisseure durch bewußtes Können und zeitnahe Problematik; der mit dem Großen Preis der Stadt Mannheim ausgezeichnete dänische Spielfilm von Henning Carlssen etwa, „Dilemma“, der das Rassenproblem in Südafrika in ebenso eindringlicher wie aussagekräftiger und effektvoller Weise behandelte, oder der von Susumu Hani gestaltete japanische Dokumentarfilm „Bad Boys“ über die kriminellen Verirrungen junger Leute und die Verhältnisse in einer japanischen Besserungsanstalt (wobei nur die ungenügenden Untertitel das Verständnis des Geschehens sehr erschwerten). Einen erschütternden Höhepunkt des Festivals bot das französische Filmdokument von Fredreric Rossif, „Le Temps du Ghetto“ („Die Zeit des Ghettos“), ein ernster und sachlich-nüchterner Bericht über die Liquidierung des Warschauer Ghettos, durch authentische Dokumente, Filme und Photographien und Zeugenaussagen Überlebender zu einer grausigen Wirklichkeit objektiviert. Nach der Vorführung dieses mit dem Internationalen-Filmkritik-Preis ausgezeichneten Werkes senkte sich das Schweigen der Beklemmung über den Saal...

Osterreich war im Reigen der Nationen nicht vertreten; kein einziges Mal sagte die Stimme der Ansagerin „Österreich zeigt. ..“. Dabei hätten wir uns bei dieser Filmwoche nicht zu schämen gebraucht. Wenn schon unsere Spielfilmproduktion so in den Tiefen marktgängiger Stadthallenprodukte darniederliegt, so ist unr r Kurzfilm doch noch eines der wenigen würdigen Re-•jräsentationsmittel, die von Österreichs vergangener Kinoherr-ichkeit Zeugnis abzulegen imstande sind. Unsere Selbstbe-;cheidung ist zwar ehrend, in diesem Fall aber übertrieben. Im Reigen der heurigen Mannheimer Filmvorführungen hätten wir bestimmt ein entscheidendes Wort mitzureden gehabt; und vielleicht wäre einer der Golddukaten auch in die Truhe eines heimischen Kurzfilmherstellers gewandert — denn so schlecht ist es um unsere Filme gar nicht bestellt. . . Und um dies zumindest zu erkennen, war Mannheim doch eine Reise wert...

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