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DEM NEUEN EINE CHANCE

Rund 50 der bemerkenswertesten von fast 400 Einsendern auf den Gebieten der Literatur und Malerei, unter ihnen auch sechs Preisträger, eine zwölfköpfige Jury, um sie herauszufinden, eine Handvoll Ideen und ebenso viele organdsations-eiprobte Leute, um sie verwirklichen zu können, weiters ein neues, ziemlich günstig gelegenes „Haus der Begegnung“, um das alles unter einem Dach zu haben, und schließlich der finanzielle Segen von „oben“ — das war die Konstellation, unter der die 18. österreichische Jugendkulturwoche in Innsbruck starten konnte.

Der beste Erfolg war ihr von vorneherein zu wünschen. Man kann nämlich diese vom „Kulturring Tirol“ im Auftrag des Landesjugendreferates (dessen Leiter, Stadtrat Arthur Haidl, diese Initiative zu verdanken ist) veranstaltete und vom Geschäftsführer Gerhart Engelbrecht tadellos organisierte Woche nicht hoch genug einschätzen. Geht es doch nicht allein darum, bei mehr oder weniger jungen, mehr oder weniger großen „Talenten“ mit den 4000-Schilling-Preisen ein wenig ausgleichende Gerechtigkeit und Literaturschicksal zu spielen, sondern es geht um den persönlichen Kontakt. Und zwar nicht nur mit Leuten, die man als künstlerische „seinesgleichen“ empfindet, sondern vor allem auch mit bereits arrivierten Schriftstellern. Natürlich nur solchen, die selbst in ihren Werken jung, das heißt progressiv geblieben sind. Erleichternd für diesen Vorgang wirkt auch das auf 35 hinaufgesetzte zulässige Alter. Das läßt keine unüberbrückbare Kluft entstehen (Artmann zum Beispiel ist 46, der Prosapreisträger 31, der jüngste Teilnehmer 21) und keine Atmosphäre jenes peinlich gönnerhaften Schulterklopfens, die sonst so häufig entsteht, wenn man die Jugend sogenannte Talentproben ablegen läßt...

Wie sah das also in Innsbruck aus, was ging hier während dieser sechs Tage vor sich?

1. TAG — Es begann mit einem Höhepunkt. Er wurde programmatisch für das literarische Niveau, war ein Manifest für Qualität und gleichzeitig die eigentliche Eröffnung vor der offiziellen: Der bedeutende Darmstädter Lyriker Karl Krolow (er spricht sich übrigens ohne w) las aus seinem „Poetischen Tagebuch“ und eine Reihe von neuen Gedichten. Krolow las präzise, mit wohldosierter Souveränität und war auch sonst auf Grund seiner Mittel- und Mittlerstellung zwischen Tradition und Experiment für den Auftakt der Woche glücklich gewählt.

Am Nachmittag folgte die offizielle Eröffnung und mit ihr auch die Eröffnung der Ausstellung „die jungen“, in der neben den Preisträgem {Manfred Ebster — Telfs, Armin Pramstaller — Dornbirn, Robert Zeppel-Sperl — Wien) auch eine Auswahl aus den gesamten Einsendungen der Malerei und Graphik gezeigt wurden. Das, was hier zum Großteil an den Wänden hing, war nach Meinung so mancher Fachleute und einer Reihe von Malern nicht gerade umwerfend. Besseres wäre vorhanden gewesen und nicht berücksichtigt wofo den... Das Problem wurde aber für den nicht tiefer iri die Jurorenproblematik eindringenden Betrachter bald insoferne gelöst, als bereits die nächste Ausstellung eröffnet werden konnte: Konzeptionelle Malerei — vertreten durch Werke von Albers, Calderara, Girke und Jochims. Ein wenig Verständnisnachhilfe für diese am ehesten noch mit „Op-Art“ zu vergleichende Malerei bot in Form von einführenden Worten Peter Weiermair, der auch die Buchausstellung besorgte. Sie wurde anschließend als Raritätenkabinett ganz besonderer Art eröffnet. Hier konnte man die Produkte von Klein-und Privatverlagen besichtigen, Handpressen, Kunst- und Diteraturzeitschriften in kleiner Auflage und experimentelle Dichtung. Hier sah man die neuesten Irrtümer neben den interessantesten Abwegen und gelungensten Experimenten. Hier bestaunte man das Museum der Gegenwart und das Mahnmal dessen, was eine allzu behäbige Kulturmentalität au ignorieren imstande ist.

Am Abend las H. C. Artmann aus seiner „grünverschlossenen botschaft“ einige der „90 träume“. Mit großem Erfolg. Daß Artmann ein verständiges und dankbares Publikum vorfinden würde, war vorauszusehen.

2. TAG — Nach dem eröffnungsfreudigen Vortag begann nun das Arbeiten im „kleinen“ Kreis. Der Autor György Sebestyen sprach über „Das Abenteuer des zweisprachigen Schriftstellers“; womit keineswegs ein bodenständiges Abenteuer Tiroler Dichter gemeint war, wie der eine oder andere Ostösterreicher vielleicht vermuten mochte ...

Nach einer Anzahl experimenteller Kurzfilme (darunter auch der preisgekrönte „In-SSde-Out'“-Streifen des Berliner Literarischen Colloquiums), die mit einigen Ausnahmen mehr interessant als gut waren, folgte der nächste Höhepunkt: eine Lesung junger Dichter aus Deutschland und der Schweiz. Über die beiden Schweizer Brigitte Meng und Hans Ulrich. Christen sei der Mantel kritischer Barmherzigkeit gebreitet. Aber nach dem Hauch von Dilettantismus kam eine steife Brise aus Richtung Berlin auf. Nicolas Born las aus seinem neuen Gedichtband „Marktlage“ (bestechend durch die virtuos gehandhabte Simplizität, durch eine lapidare Sprachgestaltung), und Peter O. Chotjeuntz „rezitierte“ als grandioser Interpret seiner selbst aus seinem in Kürze bei Rowohlt erscheinenden Roman „Letzte Tage auf dem Bärenauge“. Die Lesung wurde Anlaß zu etwas getrübter Heiterkeit. Verdutzte Teilnehmer lasen nämlich am nächsten Tag in einem Innsbrucker Lokalblatt folgende als Kritik getarnte Emotion: „Tempora mutantur! So kaltschnäuzig sollten wir älteren einmal gewesen sein: zigarettenrauchend, im roten Rollkragenpulli das Podium zu betreten, grußlos in gänzlicher Mißachtung des Publikums Platz zu nehmen und paffend seine .Dichterlesung' zu halten...“

Von Dichtung verstand der Tiroler Kollege nicht ganz so viel wie von Kinderstube. So lobte er zwar die beiden Schweizer, dafür hatte er für die „Ordinärität, Frivolität...“ u. ä. ein negatives, wenngleich feines Ohr. Denn das zu hören war den anderen Sterblichen (einschließlich den Kritikern) versagt, sie mochten noch so angestrengt lauschen. Die Tiroler waren auf alle Fälle die ersten, die sich über dieses heimische Kuckucksei geärgert haben... Uber das Ganze wären an sich gar nicht so viele Worte zu verlieren, würde es nicht auf die Problematik der Berichterstattung ein bezeichnendes Licht werfen. Größtenteils nimmt man es nur lokal zur Kenntnis (nur wenige Zeitungen außerhalb Innsbrucks nahmen davon gebührend Notiz; als einzige „Ring“-Sendung des Rundfunks hatte das „Magazin für Teens und Twens“ die Initiative, sich mit diesem Ereignis auseinanderzusetzen), und selbst da läßt man Berichte drucken, die vor offensichtlicher Ahnungslosigkeit neuerer Dichtung — und damit der Veranstaltung — gegenüber nur so strotzen...

3. TAG — Zwei Arbeitskreise und eine Lesung standen auf dem Programm. Dr. Hans Rudolf Hilty und Dr. Oskar Holl: „Literatur und Gesellschaft'“; Dipl.-Ing. DDr. Werner Koenne: „Grenzen mathematisch-logischer Sprachkritik und Schreibweise“. Am Abend las die aus Ostdeutschland nach München geflüchtete Dichterin Christa Reinig aus den „Sternbildern“; hintergründige, hervorragende Lyrik, die von ihren Prosaerzählungen noch überboten wurde.

4. TAG — Er stand ganz im Zeichen des Abends der Preisträger für Dramatik im kleinen „Theater 107.“ Der Preis war für Drama und Hörspiel geteilt worden. Ersteren bekam der Linzer Hons Heinrich Formann für sein Stück „Etagenvögel“, zweiteren der Wiener Horst Lothar Renner für seine „Veränderungen“. In den anfangs vielversprechenden „Etagenvögel“ stößt ein nicht näher bezeichnetes Monstrum („Der Bart“) vor Menschen und der eigenen Schuld auf ruhige Dächer flüchtende Pensionisten von dort hinunter, um schließlich das gleiche Schicksal zu erleiden. Der in Notwehr handelnde Pensionist wird verhaftet, weil man ihn für den Mörder der anderen hält. Das Stück entpuppt sich mit diesem reichlich mageren Gag und trotz einiger Qualitäten als bloße Kriminalgroteske. Die recht mittelmäßige Regie von Volkmar Parschalk vermochte nicht zu helfen, ebensowenig das noch mittelmäßigere Bühnenbild von Fritz Berger. In den „Veränderungen“ verzichtet Renner weitgehend auf eine Fabel, er zeigt Zustände auf, deutet Situationen an; sein Hörspiel bleibt aber letztlich unverständlich und in seiner mangelnden Konsequenz unbefriedigend. Trotzdem ist es ein interessanter Versuch, dessen Mängel — ebenso bei den „Etagenvögel“ — reparabel sein müßten.

5. TAG — Was man aus seinen Möglichkeiten machen kann, zeigte nun die Hörspielabteilung des Bayerischen Rundfunks, vor allem Chefdramaturg Hansjörg Schmithenner, auf dem neuesten Terrain. Man hätte gern einige Herren aus der Argentinierstraße dabei gehabt...

Außer Programm lasen dann noch zwei bekannte Vertreter der österreichischen Avantgarde, die an der ganzen Woche mit großem Interesse teilgenommen hatten: Friederike May-röcker und Ernst Jandl. Von letzterem hatte man zuvor auch hervorragende Tonmontagen einiger seiner Gedichte von BBC gehört.

Schließlich kamen aber am Abend die Preisträger für Lyrik und Prosa zu Wort beziehungsweise zu Ohr und einige ausgewählte Arbeiten von Humbert Fink, Michael Kuscher, Hermann Gail, G. F. Jonke und Herbert Rosendorfer. Daneben sind auch noch Georg Decristel und Elfriede Jelinek in der Lyrik vielversprechend, Werner Thuswaldner, Johannes Twaroch und vor allem Inge Dapunt auf dem Gebiet der Dramatik. Den Lyrikpreis erhielt der Oberösterreicher Rudolf Weilhartner für seine „Zehn Genesis-Meditationen“ und Horst Lothar Renner aus Wien (er bekam ja auch den halben Dramatikerpreis) den Preis für Prosa. Er war die unangefochtenste Entscheidung der Jugendkulturwoche, seine „Pausentexte“ waren das beste Stück Prosa, das man während der ganzen Tage hörte. Die Lesung gestaltete sich zu einem eindrucksvollen Abend, der für manche der geladenen Gäste nur noch durch das Festessen beim anschließenden Empfang überboten werden konnte.

6. TAG — Sanftes Ausklingen, das bloß noch einmal gestört wurde, als sich die Juroren den Teilnehmern zur „Aussprache“' stellten. In der Dramatik: Maria Fuss (München), Dr. Werner Schneyder (Salzburg), Dr. Volkmar Parschalk (Innsbruck); Lyrik: Ingeborg Teuffenbach (Innsbruck), Doktor Hans Rudolf Hilty (Zürich), Dr. Roman Rocek (Wien); Prosa: Ernst Kein (Wien), Dr. Oskar Holl (Freiburg), György Sebestyen (Wien). Den Malern stellte sich allerdings nur Dozent Dr. Mackowitz aus Innsbruck — die beiden anderen Juroren (Daniel Keel aus Zürich und Dr. Klaus Demus aus Wien) fehlten. Und gerade in der Malerei ging es nicht immer sanft zu. Vom Vorwurf, daß kein Juror dagewesen wäre, um mit den Malern über ihre Werke zu reden, bis zur Vermutung, in Innsbruck habe anscheinend der Sommer noch nicht begonnen, weil die Eissalonmalerei noch ausgestellt sei, wurde alles „ausgesprochen“, was auszusprechen war. Schließlich sah man aber den Mut der Juroren ein, sich überhaupt als Delinquenten herzugeben und schied zuletzt in relativem Frieden...

Wollte man an der im großen und ganzen sehr geglückten Jugendkulturwoche Kritik üben, dann müßte sie allerdings beim Kapitel Malerei beginnen: Bei der nichtvorhandenden Jury, den fehlenden Gesprächen, Diskussionen und Vorträgen, den mangelnden Aktionsmöglichkeiten. Die Maler waren zwar vorhanden, „liefen mit“, wunden beim Essen geduldet und an ihren Barten erkannt, hatten aber keinerlei Funktion. Zweifellos wird man sich da für das nächste Mal etwas einfallen lassen müssen. Wie es überhaupt sinnvoller wäre, die Malerei zu jener, der Musik gewidmeten Woche zu nehmen. Hier liegen die Grundprobleme durch die Art der „Materialien“ näher, die zum Material der Sprache eine nicht unüberwindliche, doch deutliche Trennung aufweisen. Die Ausgangsposition bei gemeinsamen Diskussionen wäre bedeutend günstiger.

Bei der Literatur hatte man über den Mangel an Veranstaltungen nicht zu klagen. Es waren im Gegenteil deren fast ein wenig zu viele. Aber auch hier wäre mehr eine Diskussion als Dozieren zu wünschen gewesen (was sicherlich nur zum Teil an den Veranstaltern lag). Vielleicht wird man auch in dieser Richtung neue Wege suchen. Denn ein unübersehbares Positivum — neben allen andern — hat die Kulturwoche immer schon gehabt: sie war nie festgefahren, konventionell und einfallslos. Sie war und ist eine der wenigen wirklich progressiven Veranstaltungen für die schöpferische Jugend Österreichs — sie wird es hoffentlich bleiben.

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