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FILMFESTIVAL MIT ASTRONAUTEN

“En Filmfestival bietet zunächst Gelegenheit, Filme und deren Schöpfer und Stars zu sehen. In dieser Hinsicht sind sich alle großen Festivals der Welt gleich.

Aber ein Filmfestival in Moskau, einer Stadt, die in jeder Hinsicht eine ganz andere Ausstrahlung und eine weit größere Bedeutung hat als Cannes, Venedig und selbst Berlin, bietet dar-

über hinaus Möglichkeiten zur Information nicht nur über filmkulturelle Probleme.

Das Programm bestand aus drei Teilen. Die am Wettbewerb teilnehmenden Spielfilme wurden im Kongreßpalast im Kreml gezeigt, die Kurzfilme im Zentralkino, wo gleichzeitig eine filmhistorische Ausstellung stattfand, und die außerhalb des Wettbewerbs gezeigten Filme in den Kinos Rossia, Kosmos und im Sportpalast, der 12.000 Zuschauer faßt. Während das Programm des Wettbewerbs, in drei Sprachen gedruckt, bereits vor Beginn des Festivals vorlag,' konnte man in den ersten Tagen das Programm der iiiefit am Wettbewerb teilnehmenden Filme nicht-erfahren. Es bedurfte zahlreicher Proteste und Interventionen, ehe dieses Programm veröffentlicht wurde.

Es erschienen zwar täglich der „Festivalsputnik“, ein in Zeitungsformat gedrucktes Magazin in Russisch und abwechselnd in Französisch oder Englisch sowie die abgezogenen „Festivalnachrichten“ in drei Sprachen, aber beide Publikationen reichten nicht zur Information der vielen hundert Kritiker aus allen Ländern aus.

Leider war das Programm eher schwach. Dies lag nicht daran, daß eine Reihe von neuen Filmnationen, wie Kuba, Nord-vietnam, Ceylon, Iran, die VAR, der Libanon, die Türkei, die Mongolei mit Spielfilmen, und Chile, Island, Zypern, Kuweit, Tunis, Syrien, Sudan und andere, mit Kurzfilmen teilnahmen, sondern an der Schwäche der meisten westlichen Filme. Zwar erhielt schließlich Fellinis in Cannes außer Konkurrenz gezeigter Film „8/4“ den Großen Preis des Festivals, aber dieses Werk ragte wie ein Mount Everest über die mehr oder minder hohen sonstigen künstlerischen Leistungen heraus.

Die Mehrzahl der Filme befaßte sich mit dem Widerstandskampf gegen den Nazismus. So sah man gleich am ersten Abend nach dem sowjetischen Eröffnungsfilm „Gestatten, Balujew“ den italienischen Streifen „Die vier Tage von Neapel“, eine aus Wahrheit mit viel Dichtung bestehende Episode aus den Tagen der Alliiertenlandung bei Neapel. Wenn man diesen Film sieht, muß man glauben, daß die Neapolitaner, die eher als leichtlebig und nicht sehr kriegerisch gesinnt bekannt sind, allein die deutsche Armee vertrieben hätten. Tatsächlich zogen sich die Deutschen vor den einrückenden Alliierten zurück und wurden dabei von einigen Neapolitanern beschossen, wogegen die Nazis Repressalien ausübten. Man hat diese Episode kurz und dort offenbar wahrheitsgemäß im Film „Der Weg zurück“ („Tutti a casa“) des Regisseurs Luigi Comencini gesehen und war dort viel stärker beeindruckt als in diesem sehr melodramatischen Werk von Nanni Loy. Es ist verständlich, daß die Italiener mit diesen Filmen eine historische Tradition schaffen wollen, aber „Die vier Tage von Neapel“ eignen sich nur für den Inlandskonsum. Sie halten keinen Vergleich mit den großen italienischen Widerstandsfilmen, wie „Rom, offene Stadt“ und „In Frieden leben“, aus. Die Tschechoslowakei, Norwegen, die Niederlande, die DDR und Jugoslawien zeigten ebenfalls Filme aus dem Themenkomplex des Widerstandes. Den jugoslawischen Film „Kosara“ habe ich nicht gesehen, die anderen konnten mich bei aller Sympathie für das Thema nicht befriedigen.

Der DEFA-Film „Nackt unter Wölfen“ nach dem gleichnamigen erfolgreichen Roman von Bruno Apitz schildert die letzten Tage im Konzentrationslager Buchenwald vor dessen Befreiung. Ein polnischer Häftling schmuggelt in einem Koffer ein aus dem vernichteten Ghetto von Warschau gerettetes kleines Kind in das Lager. Wenn die SS es findet, wird sie es töten und mit ihm alle, die es verbergen. Aber es nicht verbergen, würde bedeuten, daß man ein Kind, einen Menschen, seinen Mördern ausliefert. Darüber entsteht nun zunächst ein Konflikt in der kommunistischen Zelle des Lagers, der durch das Eingreifen der

SS derart gelöst wird, daß den Häftlingen nun keine andere Wahl bleibt, als das Kind zu verstecken. Die Amerikaner nähern sich dem Lager, dennoch haben die SS-Funktionäre keinen anderen Gedanken, als des Kindes habhaft zu werden. Gleichzeitig wollen sie in diesen letzten Tagen oder Stunden des SS-Staates die geheime kommunistische Leitung aufdecken.

Soweit erscheint alles glaubwürdig. Nicht glaubwürdig ist es, wenn der Film bloß die Kommunisten unter den Gefangenen zeigt und sonst gar keine der zahlreichen Gruppen, die Eugen Kogon in seinem mit Recht berühmten Buch über den „SS-Staat“ dargestellt hat. So sieht man weder Katholiken noch, Juden, weder Sozialisten noch bürgerliche Demokraten. Mit dem Mangel an Wahrheit verliert dieser Film auch die Wirkung. Er endet damit, daß die ausgemergelten, verhungerten Gefangenen, nachdem sie die seit Jahren verborgenen Waffen ausgegraben haben, wie die Achtzehnjährigen mit jugendlichen Kräften die Wachtürme stürmen. Es mag sein, daß man in Ostdeutschland diese Legende eines bewaffneten Widerstandes im KZ gegen den Nazismus braucht, aber sie konnte jene Zuschauer, die keine Kommunisten waren, nicht überzeugen.

Glaubwürdiger, aber leider undramatisch waren der niederländische, vom bekannten britischen Dokumentarfilmregisseur Paul Rötha mit dokumentarischer Treue inszenierte Film „Der Überfall“ und der norwegische, von Arne Skouen gedrehte Film „Kalte Spuren“. Wir haben vor einigen Jahren Skouens Film „Neun Leben“ gesehen, der vom Anfang bis Ende mit steigender Spannung erfüllt war, während man bei „Kalte Spuren“ nach 20 Minuten das Interesse verlor. Auch der tschechoslowakische Film „Denn auch wir vergeben nicht“ hat infolge eines zuviel mit Rückblenden arbeitenden Drehbuchs nicht die Wirkung, die die Inszenierung von Jan Kadar und Elmar Klos verdienen würde.

Polen und Rumänien zeigten Filme, die den Klassenkampf in der Vorkriegszeit behandeln. („Schwarze Flügel“ unter der Regie von Ewa und Czeslav Petelski und „Lupeni 29“ unter der Regie von Mircea Dragan.) Beim rumänischen Film wurde betont, daß die Hauptdarstellerin, Lica Gheorghiu, die Tochter des rumänischen Staatschefs Gheorghiu Dej ist. Sie würde sonst wohl kaum auffallen.

Auch Kuba, Nordvietnam und Indonesien entsandten Filme, die sich mit dem Krieg oder dem Befreiungskampf gegen koloniale Unterdrückung befassen.

Der kubanische Beitrag „Die zwölf Stühle“ verlegt die Handlung des gleichnamigen satirischen Romans von Ilf und Petrow aus dem Rußland der Nep-Zeit der zwanziger Jahre in die nach-i evolutionäre Gegenwart Kubas, doch geht dabei die Satire verloren. Immerhin bietet der Film dem unbefangenen Zuschauer einen gewissen Einblick in das leben auf der Zuckerinsel. Kuba, war auch mit einem Dokumentarfilm, „Die Geschichte eines Kampfes“ vertreten, der allerdings unter viel zuviel Propaganda litt.

Die Sowjetunion zeigte zwei Filme. Das Festival wurde eröffnet mit „Gestatten, Balujew“, einem eher unterdurchschnittlichen Film um das Leben einer Überlandgasleitung. Der Held ist ein Bauleiter, der bemüht ist, das Vertrauen seiner Mitarbeiter zu gewinnen. Damit erregt er das Mißtrauen seines Vorgesetzten, eines stalinistischen Relikts. Der Film leidet vor allem unter zuviel Dialog, obwohl darin manches wichtige Wort fällt. So er-fähit man. daß „vor zehn Jahren in jedem Baubüro ein Staatsanwalt saß (so hieß es zumindest in der deutschen Simultanübersetzung), und daß man infolgedessen alles nur auf Befehl tat“. Der Durchfall dieses Films veranlaßte die Veranstalter, das

Programm zu ändern und einen eindeutig kritischen Film „Fahrt ohne Landung“ als zweiten sowjetischen Beitrag zu zeigen. Dabei kam es zu einem kleinen Zwischenfall, indem, zum Unterschied von den sonstigen Vorstellungen, nicht die gesamte russische Delegation, sondern nur der Regisseur dem Publikum vorgestellt wurde. Es gibt also in der Sowjetunion antistalinistische Filme, aber noch immer Stalinisten, zumindest unter den Filmschaffenden.

England zeigte einen ernsten Film des bekannten Lustspielregisseurs Alexander Mackendrick, „Sammy reist nach dem Süden“; die unwahrscheinliche Geschichte eines zehnjährigen Buben (dargestellt von Fergus Mc Clelland), der in fünf Monaten von Port Said in Ägypten nach Durban in Südafrika marschiert.

Die deutsche Bundesrepublik enttäuschte sowohl mit „Flying Clipper“ wie mit dem Beitrag außer Programm, „Liebe will gelernt sein“ von Erich Kästner und Kurt Hoffmann.

„Flying Clipper“ kam natürlich' auf der riesigen Leinwand (28 X 10 m) des Kongreßpalastes gut zur Geltung, aber es waren nicht die Russen allein, die sich Gedanken darüber machten, warum die Bundesrepublik ausgerechnet einen mit aktiver Hilfe der 6. amerikanischen Flotte hergestellten Film nach Moskau entsandt habe.

Der heiterste Film des Festivals war der schon von Nizza und von Berlin her bekannte „Soupirant“, den Pierre Etaix als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller gestaltet hat. Im übrigen hatte das Festival einen durchaus ernsten Charakter.

Der Kongreßpalast, in dem der Wettbewerb der Spielfilme stattfand, wurde 1961 zur Eröffnung des historischen XXII. Parteitages erbaut. Er ist ein moderner, sehr eleganter Bau mit hochragenden Glaswänden. Er verträgt sich durchaus mit den viel älteren Bauten des Kreml. Seine Einrichtung ist zweckmäßig und prachtvoll: im Saal ein grauer Fußbodenbelag, bequeme rote Sitze und hellbraun getäfelte Wände, die gemeinsam eine gute Akustik ergeben, in der fünf Stock hohen Halle Marmor, Glas und Rolltreppen. Im sechsten Stock befindet sich ein Restaurant. Zu jedem der 6150 Sitze führen Leitungen, über die die Übersetzung in 14 Sprachen möglich ist. Ich weiß nicht, ob beim Festival alle 14 Kanäle ausgenützt wurden, aber sechs oder sieben Sprachen habe ich selbst gehört. Wie man uns stolz erzählte, sind 3000 Arbeiter, Techniker und Angestellte damit beschäftigt, den Betrieb in Gang zu halten.

Wir hatten Gelegenheit, das Mosfilmstudio zu besuchen, das vom früher in Wien tätigen Generaldirektor Surin geleitet wird. Die Ateliers, soweit wir sie sahen, schienen uns veraltet. Jedenfalls glaubten wir ohne weiteres die Mitteilung über die lange Dauer aller Dreharbeiten.

In der Nähe des Kreml war gerade Sergej Bondartschuk mit den Dreharbeiten an einer neuen Fassung von „Krieg und Frieden“ beschäftigt. Wir sahen eine vielfach geprobte Einstellung, 3 die den Rückzug russischer Truppen zeigte. .gnusiwsV

In einer Hinsicht glich das Moskauer Filmfestival allen anderen: es gab dort einen ebensolchen Starrummel wie etwa in Cannes, Berlin oder Venedig. Die anwesenden Stars, die ebenso wie die Journalisten und Delegierten im fünfzehnstöckigen Hotel Moskwa wohnten, wurden vor dem Hotel, und — wenn man sie erkannte — auf der Straße bejubelt und um Autogramme gebeten. Gegenüber Simone Signoret, Francoise Arnoul, Antonella Lualdi, Lea Massari, Susan Strasberg, Yves Montand, Jean Marais (Mitglied der Jury), Peter Ustiniov oder Tony Curtis wurden die russischen Stars wie etwa Tatjana Samoilowa kaum beachtet. Vielleicht war dies der Grund, daß zur Preisverteilung die Astronauten aufmarschierten. Simone Signoret busselte sie namens aller Ausländer ab.

So schloß das Moskauer Festival in derselben guten Laune, die die ganzen zwei Wochen trotz der Hitze und trotz mancher organisatorischer Fehler geherrscht hatte.

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