A Northern Soul - © Bild: Crossing Europe Filmfestival Linz
Film

Wahlverwandtschaften eines Kontinents

1945 1960 1980 2000 2020

Das Crossing Europe Filmfestival Linz, das Ende April in der oberösterreichischen Landeshauptstadt stattfindet, widmet sich einmal mehr den filmischen Beobachtungen der gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen in Europa.

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Das Crossing Europe Filmfestival Linz, das Ende April in der oberösterreichischen Landeshauptstadt stattfindet, widmet sich einmal mehr den filmischen Beobachtungen der gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen in Europa.

Ein englischer Lagerarbeiter, eine belgische Industriestadt oder eine greise Bäuerin und ihre Tochter: Das sind einige von unzähligen Protagonisten, mit denen Crossing Europe ab kommendem Donnerstag aktuellen gesellschaftspolitischen Tendenzen nachgeht. Vom 25. bis zum 30. April angesetzt, lotet das Linzer Filmfestival heuer immer wieder den vielschichtigen Begriff der Identität aus.

Ein englischer Lagerarbeiter, eine belgische Industriestadt oder eine greise Bäuerin und ihre Tochter: Das sind einige von unzähligen Protagonisten, mit denen Crossing Europe ab kommendem Donnerstag aktuellen gesellschaftspolitischen Tendenzen nachgeht. Vom 25. bis zum 30. April angesetzt, lotet das Linzer Filmfestival heuer immer wieder den vielschichtigen Begriff der Identität aus.

Kleinteilig zu denken ist er zum Beispiel in Mark Jenkins Wettbewerbsbeitrag „Bait“, dessen Hauptfigur Martin mit Leib und Seele Fischer aus Cornwall ist. Der strukturelle Wandel in seinem Küstendorf setzt ihm zu: Mit dem väterlichen Boot führt der Bruder Ausflugstouristen, das elterliche Haus haben Großstädter als Feriendomizil gekauft und Respekt für sein Tagewerk ist dünn gesät.

Das Wort Brexit fällt in diesem neorealistischen Schwarz-Weiß-Werk kein einziges Mal. Die Ursachen für die Misere gehen auch tiefer. Noch greifbarer wird die britische Sozialkrise in „A Northern Soul“, einem Dokumentarfilm, der Sean McAllister in seine Heimatstadt Hull zurückführt. Er begleitet den Lagerarbeiter Steve, der im Rahmen eines Kulturhauptstadtjahrs an Schulen Hip-Hop-Workshops gibt, um das Selbstvertrauen der Kinder zu stärken. Obwohl hochoffiziell von der Firma unterstützt, wird er im Job für sein Engagement bestraft, sinkt die eigene Zuversicht gegen Null. Das Versprechen eines guten Lebensabends, wie ihn die Arbeiterklasse-Eltern des Filmemachers haben, bleibt für Steve, den zwei Generationen später geborenen Working Poor, ein Traum; Realität ist die Schuldenfalle.

Crossover mit bildender Kunst

Der Gastgeberstadt stellt der Film zehn Jahre nach Linz09 eine ganz andere Frage: Was bleibt von einem Kulturhauptstadtjahr? Vor allem im Crossover-Bereich mit der bildenden Kunst finden sich im Festival Bezüge, etwa die Kooperation mit dem Ars Electronica Center oder die Neuaufstellung
von „Standing, Waiting“, eines Kunstwerks im öffentlichen Raum. Seiner Schöpferin hat Joerg Burger einen Dokumentarfilm gewidmet, der als Preview noch vor seiner
Fertigstellung den Filmreigen miteröffnet: „Elfie Semotan, Photographer“.

Von Dingen im Wandel erzählen auch viele der oberösterreichischen Beiträge. In Joachim Isenis Film ‚Fleischwochen‘ zum Beispiel steht die Zukunft eines Bauernhofs in Frage.

Aber nochmals zurück nach Hull und zur eigentlichen Kraft von Crossing Europe, dem Herstellen von Verbindungen. Nach Zuversicht wird in der Stadt, mit der es jahrzehntelang bergab ging, gesucht, ihre Unverwüstlichkeit beschworen. Es sind exakt dieselben Worte, die auch hunderte Kilometer weiter fallen: „Charleroi, the Land of 60 Mountains“ ist ein höchst experimentierfreudiger Essay des Belgiers Guy-Marc Hinant, der sich mit Geschichte und Identität ebenso beschäftigt wie mit dem postindustriellen Wandel: Die einstige Stahlstadt mit ihren Kühltürmen und Abraumhügeln hat sich als Kulturmetropole wiedererfunden.

Konnexe wie dieser ziehen sich durch das Programm. Sie bieten eine europäische Familie auf Grundlage gemeinsamer Erfahrungen und Probleme an – auch wenn manche diesen Verband nicht sehen möchten. Einige davon finden sich als pöbelnde Zwischenrufer in „Sylvana, Demon or Diva“. Zwischen den beiden Ds gespalten ist die öffentliche Wahrnehmung der Ex-TVModeratorin Sylvana Simons, die für den Amsterdamer Stadtrat kandidiert. Vorbei an politischen Schmutzkübeln, Morddrohungen, aber auch Zuspruch baut die niederländische Regisseurin Ingeborg Jansen zumindest filmisch jene Distanz ab, die für ihre Prot agonistin Schutz und Hindernis darstellt.

Vom 25. bis zum 30. April angesetzt, lotet das Linzer Filmfestival heuer immer wieder den vielschichtigen Begriff der Identität aus.

Auch hier wählt das Festival aus dem europäischen Kinoschaffen Verwandtes, um den Komplex genauer zu betrachten: „Hungary 2018“ lässt eine Wahlschlacht, „First Campaign“ die Feuertaufe einer Fernsehreporterin während der Präsidentschaftskampagne von Emmanuel Macron durchleben. Weiter zurück geht der russische Regie- veteran Witali Manski, der in „Putin’s Witnesses“ jenes Material verarbeitet, das er 1999 dank uneingeschränktem Zugang dre- hen konnte; heute sitzt er im lettischen Exil. Von Dingen im Wandel erzählen auch viele der oberösterreichischen Beiträge. In Joachim Isenis Film „Fleischwochen“ zum Beispiel steht die Zukunft eines Bauernhofs in Frage. Die Mutter ist 81, die Tochter kann ihre Arbeit nicht mehr schultern. Markus Kaiser-Mühlecker wiederum zeichnet in „Atomlos durch die Macht“ den andauernden Kampf gegen eine Energieform und für Alternativen nach. Architektur steht heuer oft im Interesse der Local Artists. Damit schlagen sie auch einen Bogen zur Schiene Architektur und Gesellschaft, wo wohl nicht rein zufällig „Lost Reactor“ drei Menschen porträtiert, die in der Bauruine eines AKW auf der Halbinsel Krim Unterschlupf gefunden haben.

Es ist eine Schicksalsverwandtschaft; beim Festival selbst sind es eher gewählte, auch institutionell: Mit sechs weiteren europäischen Filmschauen wurde das Netzwerk „Moving Images – Open Borders“ gegründet, das 2019 Fahrt aufnehmen soll. Programmatisch ist es eine Neuerung: Die Schiene YAAAS! soll ein ganzheitliches Angebot darstellen, in dessen Rahmen fünf Jugendliche Filme auswählten und sie bei Crossing Europe präsentieren werden – ein kleiner Wandel, vielleicht auch ein großer.

Crossing Europe Festival 2019 - © Poster: Crossing Europe Filmfestival Linz
© Poster: Crossing Europe Filmfestival Linz
Festival

Crossing Europe Filmfestival Linz

25. bis 30. April

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