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Multimedial, eh klar

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Fünf Tage Kommunikation und Interaktivität: die "medien und architektur biennale graz".

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Fünf Tage Kommunikation und Interaktivität: die "medien und architektur biennale graz".

Congress, Wettbewerb, Work-shop, Round Table, Performance, Bar Talks": so oder ähnlich hießen die Veranstaltungen auf der Biennale Graz, die vom 24. bis 28. November zum vierten Mal stattgefunden hat. Zwischen diversen Programmpunkten und Spielorten wie der Thalia oder dem Next Liberty pendelte ein vor allem schwarz gewandetes Publikum interessiert und aufgeregt hin und her, um sich filmischen Stadtszenarien, Gefühlswelten, Internetpages oder der Direktkonfrontation mit Künstlern, Architekten, Filmemachern und Theoretikern zu stellen. Der Art und Weise des Zugangs waren keine Grenzen gesetzt: vom Internetsurfen über die Möglichkeit, eine Schultafel mit Kreide zu bekritzeln bis hin zu Diskussionsrunden und nächtlichen Bargesprächen reichte das Spektrum der Möglichkeiten. Besagte Tafel glich am Ende der Veranstaltung einem Graffiti-Kunstwerk.

"Mir geht es darum, Architektur im Gesamtkontext mit Gesellschaft, Politik und Kultur zu reflektieren. Das Wesentliche ist nicht in erster Linie die Form, sondern die Kommunikation in unterschiedlichen Medien", erklärt Festivalleiterin Charlotte Pöchhacker ihr Konzept. Genau schauen und wahrnehmen war gefragt: verschiedene Botschaften fanden sich überall versteckt. Eine Tischplatte, die mit der Körperwärme des Sitzenden die Farbe veränderte, symbolisierte Interaktivität, wer an einem Stadtspaziergang mit einem Künstler interaktiv teilnehmen wollte, mußte ebenso suchen: die Treffpunkte waren nicht im Programm verzeichnet, sie lagen an diversen Spielorten auf. Geduld, Gelassenheit und Improvisation sollten Besucher haben, um sich auf flexible, notorisch verspätete Programmzeiten, ausfallende oder ausgetauschte Filme einzustellen. Unpünktlich eintrudelnde Flugzeuge internationaler Künstler, eine überforderte Technik, zu lange Diskussionen: Gründe dafür gab es genug, Warten aber zahlte sich aus. Fast 50 von 1.043 zum Wettbewerb eingereichten Arbeiten aus 41 Ländern von Video, Film, über Installationen bis hin zur CDRom wurden gezeigt.

Video Clips in der Thalia Media Lounge thematisierten vor allem die Angst vor Überwachung, Konsumdruck, dem Verlust der Stadt als urbanem Raum für alle. Triste, graue Bilder zeigten die Monotonie austauschbarer Stadtlandschaften. Daß "Rumhängen" in Berlin einem kriminellen Akt gleichkommt, macht Angst, genauso wie die kritische Stellungnahme: "innere Sicherheit heißt Ausgrenzung & Rassismus". "Ich will die ganze Stadt", forderte ein Mädchen in einem Kurzfilm, und begann, einen Platz zu gießen. Das Ei als Bild für das "Ego" ließ Zerbrechlichkeit, Angst, Austauschbarkeit assoziieren. In gekochtem Zustand hatte es dennoch eine abgeschlossene, schützende Hülle. Ein weiterer Beitrag zeigte den Münchner Flughafen, offiziell die optimale Verknüpfung zwischen Sicherheit und Atmosphäre, aus einem anderen Blickwinkel: die Kamera nahm den Terminal ins Visir, auf dem Ausländer abgeschoben werden.

"Das Arbeiten an der Grenze ist mir sehr wichtig. Es geht nicht um Kategorisierung, sondern Grenzüberschreitung, das Aufzeigen von Architektur als gesellschaftliches Sein. Kommunikation gehört zur Urbanität", freut sich Pöchhacker über die rege Anteilnahme an den "Congress"-Vorträgen, sowie das Kommen und Gehen in der Thalia Media Lounge. "Ein Teil der Ausstellung sind auch Wortbeiträge." Die Projekte neuer Ansätze zur Stadtplanung, die im "Haus der Architektur" zu sehen sind, wurden beim "Congress" von ihren Planern erklärt. Auch Filmemacher und CDRom-Entwickler standen Rede und Antwort, stellen sich der Kritik von Kollegen und Kapazitäten anderer Disziplinen.

Wer sich über Pausen hinweg an die 50 Filmbeiträge angesehen hat, wartete gespannt auf die Preisverleihung am Samstag, den 27. November. Das Publikum durfte mitwählen, es entschied sich mehrheitlich für GINGA, eine hypermoderne, multimediale Produktion, die auch den Preis der Architekten als beste, zukunftsweisende Arbeit einheimste. Klassische Architekturdokumentarfilme waren der Jury zu unkritisch erschienen. GINGA stößt das Tor zu einer neuen Welt auf, steht am Schnittpunkt zwischen Gegenwart und Zukunft. Im Internet ist das interaktive Browsing System von Fumio Matsumoto und Shohei Matsukawa unter www.pannet-arch.com/ginga.htm zu finden. Digitale Information wird darin zum Raum. Neun Hauptwelten, Nebula, Ring, Network und ähnliches erscheinen als waldartige Säulen, rasende Bilder, surreale Internetlandschaften, die der User als Avatar durchforschen kann.

Raumelemente sind vielfach visualisierte Informationen, zum Agieren in der Datenwelt und der Interaktion mit anderen Avatars kann sich der Benutzer Hilfskräfte zulegen, um mehrfach im Netz aufzutreten. Die vielen möglichen Zugänge zur Urbanität ließen sich deutlich an den anderen Preisträgern ablesen. "Fishtank" ist das melancholische Dokument einer verfahrenen familiären Situation in sozial tristen Verhältnissen. Richard Billingham hat dafür seine Eltern beim ehelichen Streiten und den Bruder beim Fliegenfangen mit der Kamera festgehalten. Eindrucksvolles Zeugnis dessen, was sich hinter den Fassaden abspielt. Der Spezialpreis der Jury ging an diesen Film. Der ORF-Kunststücke Avard entschied sich für "Arise! Walk Dog Eat Donut". Unterlegt von einem melanscholischen, russischen Lied mit poetischem Text ging der Amerikaner Ken Kobland den täglichen kleinen Dingen nach, die Leben ausmachen: aufstehen, aus dem Fenster sehen, fahren, nachdenken. Das lyrische Einfangen städtischer Lebenssituation ist wunderschön gelungen. Der Hauptpreis der Stadt Graz, "State of the dogs" von Peter Bronsens und Dorjkhandyn Turmunkh erforschte die wesentlichen Fragen des Seins: Sterben, Leben, Tradition. Auch die Architekturstudenten wählten ihren Liebling: "London Brief", von Jon Jost. "Viele Dokumentationen schafften es nicht, das Wesen der Architektur zu zeigen," machten die Studenten Fabian Wahlmüller und Marinus v. Eldik dem Filmemacher ein Kompliment. Das Leben liegt zwischen oder hinter den Mauern, die Kunst spürt es auf.

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