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Digital In Arbeit

Revolution in der Zeitungswelt

1945 1960 1980 2000 2020

Noch vor wenigen Jahren schien die Zeitung am Ende ihrer technischen Möglichkeiten zu sein. Doch Elektronik und Telekommunikation schaffen neue, aufregende Bedingungen. Auch zum Vorteil der Leser.

1945 1960 1980 2000 2020

Noch vor wenigen Jahren schien die Zeitung am Ende ihrer technischen Möglichkeiten zu sein. Doch Elektronik und Telekommunikation schaffen neue, aufregende Bedingungen. Auch zum Vorteil der Leser.

Die Zeitungslandschaft ist in Bewegung gekommen. Das gilt mehr oder weniger für alle Länder unserer westlichen Welt - vielleicht aber für Österreich ganz besonders.

Die Gründe dafür sind unterschiedlicher Natur - zu einem nicht geringen Teil aber sind sie sicher in der geradezu revolutionären Entwicklung der Zeitungstechnik in den letzten zehn, zwanzig Jahren zu suchen.

„Revolutionär“ ist ein starkes Wort. Für das, was sich im technischen Bereich abgespielt hat und noch abspielen wird gerade stark genug!

Wenn man Änderungen verstehen will, muß man sich etwas mit dem Status quo ante vertraut machen. Nicht im Detail, aber in einigen grundsätzlichen Überlegungen.

In der traditionellen Zeitungstechnik, gekennzeichnet durch die Begriffe Bleisatz und Hochdruck, war die Erfindung Gutenbergs konsequent zu ihrer höchsten technischen Leistungsfähigkeit durchentwickelt worden; das geschah im wesentlichen im neunzehnten Jahrhundert im Zuge der industriellen Revolution. Die Erfindung der Rotationsmaschine (1836) und der Setzmaschine (1886) waren Meilensteine auf diesem Weg.

Es nötigt Respekt - ab, welche publizistischen Leistungen mit dieser Technik erzielt wurden, noch bis in die zweite Hälfte unseres Jahrhunderts hinein - trotz gewisser verfahrensbedingter Nachteile und Begrenzungen, mit denen man sich abzufinden hatte. Ich will versuchen, die wichtigsten kurz darzustellen.

Der technische Prozeß der Zeitungsherstellung fing beim vorhandenen Manuskript an und hörte beim fertig gedruckten und gefalteten Zeitungsexemplar auf. Was davor lag war Sache der Redaktion, was danach kam Sache des Vertriebs. Die Technik hatte darauf kaum Einfluß.

Der Fixpunkt „fertiges Manuskript“ war verfahrenstechnisch und vomZeitbudget her bedeutsam. Eine ganze Reihe von Arbeitsgängen lagen noch davor: Schreiben im Hause, Eingang durch Fernschreibenoder Post von der Agentur oder von Korrespondenten, Redigieren bis zur endgültigen Fassung.

Das fertig redigierte Manuskript wurde nun an der Setzmaschine „abgesetzt“, also erneut auf einer Klaviatur getastet. Das war Aufgabe hochspezialisierter und hochbezahlter Arbeitskräfte, die eine bestimmte Stundenleistung erbringen konnten, sagen wir vereinfachend und als Durchschnitt 3.000 Buchstaben pro Stunde. Also: teure Maschinen, teure Arbeitskräfte, vergleichsweise niedrige Leistung. Großer Kapazitätsbedarf - für viele

Seiten, für hohe Aktualität - hieß: viele Maschinen, viele Mitarbeiter, viel Platz. Manche Zeitungen hatten riesige Maschinensäle mit 100 und mehr Setzmaschinen. Allein schon die Manuskriptverteilung war ein logistisches Meisterwerk.

Das sichtbare Ergebnis von Satzherstellung und Umbruch war eine bleigewichtige Seite in der Originalgröße des Zeitungsformats. Davon wurden - mit Hilfe von Pappmatern - die halbrunden schweren Druckplatten gegossen - oft buchstäblich „in letzter Minute“ - die dann auf den Zylindern der Rotationsdruckmaschinen befestigt wurden.

Warum erwähne ich das so ausführlich? Weil allein schon in diesem technischen Vorgang die enge räumliche Verbindung zwischen Satzherstellung und Druck begründet lag, die in der Zeitungsproduktion bis vor kurzem die Regel war. Ein Zeitungshaus - möglichst zentral im Verbreitungsgebiet gelegen

- machte alles, von der Redaktion bis zur Auslieferung.

Der Transport der Zeitungsexemplare selbst war - und ist - zeitraubend. Lastwagen, Eisenbahn, selbst das Flugzeug wurden und werden eingesetzt. Aus der Wechselbeziehung zwischen gewünschter Aktualität und Transportzeit ergibt sich die mögliche und sinnvolle Ausdehnung des Vertriebsgebietes, die erforderliche redaktionelle Abdek-kung, der Anzeigenmarkt, die mögliche Leserschaft - das verlegerische Konzept einer Zeitung sowie ihre wirtschaftliche Basis hängen eng mit diesen technischen Grundgegebenheiten zusammen.

Vor diesem Hintergrund sind die technischen Veränderungen zu sehen. Ausgelöst und ermöglicht wurden sie durch zwei eng miteinander verbundene technische Entwicklungen - dem Computer und der Telekommunikation.

Voraussetzung war, daß sich Texte nun nicht mehr nur als Schrift auf Papier, sondern auch als eine Kette elektronischer Impulse - „codiert“

- darstellen ließen. Die Magnetplatte war dafür das ideale Speichermedium, der Bildschirm die ideale Schnittstelle zum Menschen, mit dem Texte lesbar gemacht und -dank ihrer Flüchtigkeit - verändert werden konnten.

Das kreative Schreiben und das elektronische Redigieren am Bildschirm konnten ihren Siegeszug beginnen, der nicht auf die Zeitungsindustrie beschränkt blieb, sondern

inzwischen als „Desk Top Publishing“ zum Massenphänomen geworden ist.

Die gleiche Entwicklung zur bild-schirm- und programmbezogenen Verarbeitung, wie sie im Textbereich stattfand, zeichnet sich nun auch im Bereich Graphik und Bild ab, in Ablösung der konventionellen fotografischen Prozesse.

Neben der Veränderbarkeit und automatischen Verarbeitung elektronischer Informationen wird ihre Telekommunikationsfähigkeit immer wichtiger. Zunächst mit analoger Faksimiletechnik, später mit digitaler Datenübertragung, kann Information - praktisch ohne zusätzlichen Arbeitsaufwand -überallhin übertragen werden, ist „allgegenwärtig“ geworden.

Diese Entwicklungen sind keineswegs abgeschlossen. Um wenigstens einen Eindruck von den künftigen Möglichkeiten zu vermitteln, will ich einen Ausspruch sinngemäß zitieren, der von Professor Gert Lorenz, Philips, beim Euromedia-Kongreß in Wien im Mai dieses Jahres getan wurde: die Informationstechnologie geht mit Riesenschritten einer Zeit der unendlichen Verfügbarkeit wichtiger Ressourcen entgegen: elektronische Verarbeitungsgeschwindigkeit, digitale Speicherkapazität und telekommunikative Transportleistung.

Technisch heißt das: Rechnerleistungen von 10 MIPS (10 Millionen Instruktionen pro Sekunde), on-line Speicherkapazität in der Größenordnung eines Gigabytes (das entspricht 400.000 Schreibmaschinenseiten) und Glasfaserübertragung von einem Giga-Bit pro Sekunde und mehr (das wäre rund 20.000 mal schneller als die im ISDN geplanten 64 Kbit Leistungen). Das wäre, anders ausgedrückt, die Bewältigung eines siebenstündigen Transatlantik-Fluges in einer Sekunde.

Wirtschaftlich heißt das: zu drastisch niedrigeren Preisen, die eine weitverbreitete und völlige Ausschöpfung dieser Möglichkeiten

erlauben werden.

Genug der Technik-Euphorie! Was bedeutet die Verbindung von Computertechnik und Telekommunikation - auch mit heute gegebenen Möglichkeiten - für die Tageszeitungsproduktion und damit für die publizistisch/wirtschaftliche Gesamtsituation der Zeitung?

Das Manuskript hat seine zentrale Rolle ausgespielt. Endergebnis des schöpferischen redaktionellen Prozesses ist nicht mehr ein beschriebenes Blatt Papier, das als Ausgangspunkt für den reproduktiven Fertigungsprozeß dient, sondern ein „Datenbestand“ an elektronischen Informationen, der direkt für die Textspalten - oder Seitenherstellung Verwendung findet.

Das heißt: Das mehrmalige Abtasten von Texten entfällt! Allein diese Tatsache hat bei den Zeitungen einen Rationalisierungsschub ausgelöst, der manchem defizitären Blatt das Leben gerettet hat!

An die Stelle großer Batterien von teuren Setzmaschinen tritt nun ein System von Bildschirmgeräten oder Personalcomputern für kreatives Schreiben, Texteingabe und Redigieren, ein handelsüblicher Mini-Computer und eine Hochleistungs-Laser-Ausgabenmaschine, die eine fertige Zeitungsseite pro Minute ausgibt - zu vielleicht einem Zehntel der früheren Kosten.

Die Redaktion schickt als Ergebnis ihrer Arbeit die fertige Seite vom Bildschirm in den Satzcomputer -in nicht allzuferner Zukunft gleich mit allen schwarz-weißen oder mehrfarbigen Bildern.

Vor allem unter dem Einfluß des Personal Computers und seinem durch die Massenproduktion möglichen niedrigen Preis hat sich die Informationsverarbeitung wesentlich verbilligt. Es war noch nie so einfach und preiswert, Zeitungsseiten technisch herzustellen.

Durch die Telekommunikation, in Verbindung mit Faksimiletechnik oder mit direkter Datenübertragung, ist es heute möglich, diese

(Europaverlag)

Seiten innerhalb weniger Minuten von einer Zentrale (dem Sitz der Redaktion) an einen oder mehrere entfernte Druckorte zu übertragen.

Das hat eine ganze Reihe von Konsequenzen: Man kann die Redaktion in der ereignisreichen Innenstadt, im Zentrum des Geschehens, belassen und mit der Druckerei in die verkehrstechnisch und kostenmäßig günstigeren Außenbezirke gehen.

Man kann auf einer Rotationsmaschine verschiedene Zeitungen druk-ken, die vom jeweiligen Redaktionsstandort ohne Zeitverlust übertragen werden. Das verbessert die Auslastung der teuren Rotationsmaschine und senkt damit die Produktionskosten. (V orausgesetzt, das Format stimmt überein!)

Man kann ein weitgespanntes nationales und übernationales Verbreitungsgebiet durch ein Netz von Außendruckorten erschließen, die nicht nur die Produktion verkehrsgünstig in die entfernten Verbreitungsgebiete legen, sondern auch noch genügend Flexibilität bieten, um die regionalen Ausgaben auch inhaltlich (Redaktion, Anzeigen) geographisch zu differenzieren.

Die bessere Auslastung der Rotationsmaschinen erlaubt es, sie auf größere Umfange und mehr Farbigkeit auszulegen, was wiederum der Attraktivität des Produktes zugute kommt - wobei neuere und bessere Maschinen, unter Einsatz moderner Druckverfahren, zu qualitativ deutlich besseren Druckergebnissen führen werden.

Die einfache, schnelle und billige Verarbeitung von Grafiken und Bildern wird es ermöglichen, die Zeitungen bildlich-visuell zu bereichern.

Die zunehmende globale Vernetzung von Informationsquelle (Datenbanken, elektronischen Archiven) wird eine bessere redaktionelle Aufarbeitung des angebotenen Materials auch in der zur Verfügung stehenden kurzen Zeitspanne ermöglichen.

Kurz gesagt: Man kann bessere Zeitungen billiger herstellen und man kann sie bei unverminderter Aktualität und unter verbesserter Berücksichtigung regionaler Belange in einem größeren Verbreitungsgebiet anbieten.

Das ist schon nicht wenig - aber es ist sicher noch nicht das Ende des Vorstellbaren.

Der Autor ist Managing Director der IFRA (Forschungsinstitut für Zeitungsindustrie in aller Welt) in Darmstadt.

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