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Digital In Arbeit

Der Rechner wird gezähmt

1945 1960 1980 2000 2020

Öde Bildschirmarbeit in unpersönlichen Büros, Roboter verdrängen die Menschen - das sind gängige Visionen zum Verhältnis Mensch und Elektronik. Sieht die Zukunft so aus?

1945 1960 1980 2000 2020

Öde Bildschirmarbeit in unpersönlichen Büros, Roboter verdrängen die Menschen - das sind gängige Visionen zum Verhältnis Mensch und Elektronik. Sieht die Zukunft so aus?

Die hierin aufgerissene Problematik „Werden wir uns an die Elektronik gewöhnen oder umgekehrt?“ gerät immer mehr in den Mittelpunkt von Überlegungen. Die Amerikaner haben bereits den Begriff der „Domestication of Computers“ geprägt. Domestication, das im Wörterbuch mit Zähmen übersetzt Wird, “gibt uns ein recht einprägsames Bild von dem, was wir letzten Endes von Rechnern erreichen wollen. Der Begriff Zähmen war schon für unsere Vorfahren mit dem Zähmen von wilden Bestien zu nützlichen Haustieren verbunden; und das ist es genau, was am Ende unseres Jahrhunderts mit den Computern erreicht werden soll.

Der Wendepunkt im Computerbereich, den wir nun zu erkennen glauben, hat sich in vier Schritten vollzogen: ^

• Rechner waren zuerst experimentelle und labormäßige Rarität;

• später ein exotisches Werkzeug beziehungsweise Spielzeug zur Verwendung für eine kleine Gruppe von Experten;

• dann entstand die Massenfertigung mit weiter Verbreitung, wobei aber immer noch Training nötig ist, und sich „Kasten“ von Spezialisten bildeten;

• Computer werden ein integrierender Teil des täglichen Lebens, von allen verwendet. Und als wesentliches Kriterium gilt: eine Abwesenheit oder besser ein Nichtvorhandensein würde unangenehm auffallen.

Viele Beispiele zeigen uns diese vier Technologieabläufe, wie Auto, Fernsehenj Eisenbahn, wobei aber zugegeben werden muß, daß gerade im Computerbereich noch einige wesentliche Hindernisse zu überwinden sind.

Trotz allem ist auch der Computer nicht wirklich zahm, um wieder bei unserem Büd der gezähmten Tiere zu bleiben. Einer der Gründe dafür mag sein, daß Rechner noch immer von Ingenieuren entwickelt werden, die Kostenleistungsverhältnisse optimieren und nicht von Psychologen und Soziologen, die hauptsächlich den Menschen in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen stellen. Das erkennen Sie auch an der Software, die nicht auf die Eigenarten eines Benutzers einzugehen imstande ist, sondern von einem abstrakten, also nicht existenten Benutzer ausgeht.

Der Trend liegt nun in Richtung dieser gezähmten Technologie, in einer Optimierung für den individuellen Benutzer; das heißt zum Beispiel, in der Verwendung einer natürlichsprachlichen Umgebung und nicht in einer Verwendung von formalen Sprachen, deren Vokabular auf etwa 40 Terme beschränkt ist, und die in einer starren Grammatik eingebettet sind. Anders formuliert, mit Hilfe von Methoden der künstlichen Intelligenz-Forschung und der wissensbasierten Expertensysteme soll es gelingen, in den Rechner nicht nur mathematische und streng logische Formeln einzubringen, sondern menschliches, und damit fehleranfälliges, aber auch „phantastisches“ Wissen.

Im folgenden soll ein kleiner und unvollständiger Uberblick über existierende Expertensysteme aus verschiedenen Gebieten gegeben werden:

• Wissenschaft und Technik

Im Bereich der analytischen Chemie existieren Expertensysteme, die über elektronische Bibliotheken von chemischen Strukturabbildungen verfügen und über Regeln zur Identifikation chemischer Substanzen.

• Medizin

Medizinische Diagnose ist ein Gebiet, wo Erfahrung eine große Rolle spielt, aber viele Experten nicht immer greifbar sind. In diesem Bereich existieren bereits sehr viele, auch praktisch verwendete Systeme, die der Diagnose von verschiedenen Krankheiten auf Grund von Symptomen“ dienen.

• Industrie-Automatisation

Die Industrie-Automatisation hat uns bis heute automatische Maschinen, Werkzeuge und Roboter gebracht, die unintelligent sind und auf Grund ihrer technischen Einsatzgegebenheiten immer noch Produktionen in großen Serien verlangen. Nehmen wir zum Beispiel die Autoindustrie mit Schweißrobotern, die nichts anderes können, als zwei Bleche zusammenzuschweißen, wenn die Bleche an exakten Positionen angeordnet sind, und wenn die Koordinaten des Schweißroboters exakt vorgegeben sind.

Die intelligenten Roboter zusammen mit Expertensystemen werden imstande sein, über Fühler ihre Umwelt zu erkennen, sei das über Bildsysteme, akustische Systeme oder sonstige Sensorsysteme. Wir können uns heute schon Fabrikationsanlagen vorstellen, bei denen es möglich ist, daß eine individuelle Produktion nach Kundenwünschen durchgeführt wird und trotzdem die größte Ökonomie bei der Verwendung der eingesetzten Produktionsmittel erreicht wird.

• Büroinformation

Hier gelten ähnliche Überlegungen wie für den Bereich der Industrie-Automatisierung. Gegenwärtig verwenden wir bereits Textverarbeitung, wir verwenden elektronische Arbeitsblätter und elektronische Post. Was uns fehlt, sind Expertensysteme, die es gestatten, Adressaten aus fehlerhaften Anschriften zu erraten, oder die es erlauben, Texte, die wir in unseren elektronischen Informationssystemen gespeichert haben, nach verschiedenen Kriterien wiederzufinden. Dazu gehören aber intelligente Arbeitshelfer, die stilistische Fehler in unseren Briefen erkennen können und Alternativen vorschlagen.

• Dienstleistungsbranche

In den Dienstleistungsbereichen werden uns Expertensysteme helfen, Informationen dort zu suchen, wo sie gerade konzentriert sind. Es Wird also praktisch verteilte weltweite Bibliotheken von Experten geben, und es wird Expertenbibliothekare geben, die uns helfen, die jeweilige Information zu suchen, ohne daß wir uns selbst über die Lokalisierung Gedanken machen müssen. Das setzt natürlich sogenannte „Wissensnetzwerke“ voraus.

Letztendlich werden die aufgezeigten Möglichkeiten, die im wesentlichen aus einer Zähmung von Technologien bestehen, für uns selbstverständlich werden, zu einer Erweiterung unserer menschlichen Möglichkeiten führen. So wie das Telefon eine Erweiterung unserer Fähigkeit des Sprechens und Hörens, das Fernsehen eine Erweiterung unseres Sehsinnes, so wie das Auto eine Erweiterung unserer Möglichkeiten zu gehen war.

Der Autor ist Generaldirektor der Hewlett-Packard GmbH. Der Beitrag ist ein Auszug aus seinem Referat „Wohin entwickeln sich die elektronischen Möglichkeiten bis zum Jahr 2000?“ vor der International Ad-vertising Association in Wien.

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