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Bilder gegen Bilderflut

"Fällt der Kunst in Zeiten der Bilderflut nichts Besseres ein als Bilder zu produzieren? Diese Rückfrage drängt sich beinahe automatisch auf. Die Antwort hängt an den Wänden: Die Kunst produziert bessere Bilder als die Bilderflut."

Der bisherige Verlauf der menschlichen Kulturgeschichte könnte auf einem einfachen Prinzip beruhen: Wiederholen, ohne es ganz gleich zu machen, dem Vorgegebenen verpflichtet sein und ihm gleichzeitig eine neue Wendung geben. Auf diesem Weg kann man die frei umherschwirrenden Laute der Vorfahren in Sprache und die viel besungenen Spuren im Sand in gekonnte Zeichnungen transferieren. Man kann die Laute und die Bilder verbinden und daraus Schrift entstehen lassen und mit der Gerichtetheit der Schrift auch ein lineares Verständnis von Geschichte erzeugen, das jeden ihrer Augenblicke aufzeichnungswert macht. Man kann den "linguistic turn" ausrufen und mit Ludwig Wittgenstein die "Grenzen meiner Sprache" philosophisch zu den "Grenzen meiner Welt" erklären. Man kann, wenn einem das Gerede zuviel wird, genauso gut den "iconic turn" propagieren und sich der Erforschung der "Logik" der Bilder hingeben. Und selbstverständlich, weil es ja in Wirklichkeit diese theoretische Trennung nie dermaßen glatt gibt, kann man die beiden, Sprache und Bild, wieder vereinen zu einer polymedialen Botschaft.

Darfs ein bisserl mehr sein?

Die Ausstellung im Museum Moderner Kunst schließt sich der grundsätzlichen Frage einer der Exponate von Louise Lawler an: Why pictures now? Auch wenn der Ausstellung in ihrem Titel das Fragezeichen abhanden kommt - nach dem Motto: Wiederholen, ohne es ganz gleich zu machen -, umkreist ein guter Teil der Arbeiten die eigene Existenzberechtigung. Fällt der Kunst in Zeiten der Bilderflut nichts Besseres ein als Bilder zu produzieren? Diese Rückfrage drängt sich beinahe automatisch auf. Die Antwort hängt an den Wänden: Die Kunst produziert bessere Bilder als die Bilderflut.

Die bislang umfangreichste Schau im Museum Moderner Kunst bildet den Abschluss des "Jahres des Sammelns" und präsentiert mit den gut 200 Arbeiten von insgesamt 73 Künstlerinnen und Künstlern einen Teil der Neuzugänge in die eigene Sammlung aus dem Bereich Fotografie, Film und Video. Edelbert Köb, Direktor und Mitkurator, fasst die Strategie des Unterfangens zusammen: "Die Fragestellungen zentrieren sich dabei auf die Rolle der Institutionen als Kontexte eines gesellschaftsbezogenen Kunstbegriffes, auf die Strukturen und Folgen der Globalisierung, auf einen damit verknüpften Diskurs über Identität, auf unterschiedliche soziale Szenen und Milieus, auf Strategien der Archivierung, Inszenierung und Mediatisierung sowie auf das Spannungsfeld Modell und/als Wirklichkeit, wobei diese Themenblöcke auf vielfältige Weise miteinander verflochten sind."

Bilder, insbesondere mit dem technischen Hilfsmittel Kamera produzierte Bilder, fungieren dabei als Aufschreibsysteme, die einerseits eine hohe Präzision und Übereinstimmung mit dem abgelichteten Motiv aufweisen. Insofern sind sie jeder sprachlichen Beschreibung des gleichen Motivs immer überlegen. Umgekehrt muss den Betrachtern aber der Kontext bekannt sein oder durch sprachliche Vermittlung bekannt gemacht werden, ansonsten werfen die Bilder mehr Fragen auf als sie Antworten geben. Umgekehrt bedeutet aber die richtige Frage zu stellen wesentlich mehr, als eine schlampige Antwort zu geben.

Gerade jene Arbeiten der Ausstellung, die ein dokumentarisches Ziel verfolgen, die schlicht schildern wollen, entpuppen sich als Schwindel erregende Anfragen. Wenn die Atlas Group auf 100 Tafeln Anschläge mit Autobomben im Libanon zwischen 1975 und 1991mit Bild und Beschriftung in ein kleines Archiv verwandeln, garantieren sie damit nicht, dass sich nicht auch nichtauthentisches Material darunter gemischt hat, dass unsere Geschichte, trotz aller harter Fakten, eine konstruierte Geschichte ist.

Andrea Fraser zeigt auf 82 Fotografien "Weiße Menschen in Westafrika", die dort als Touristen unterwegs sind. Feldforschung und Urlauberschnappschüsse überschneiden sich zu einer Studie über Kolonialismus und Neokolonialismus. Die Bahn der in einer Reihe gehängten Bilder schlängelt sich über jede Raumkante hinweg und erreicht jeden Winkel: als eine Zuschreibung an die weißen Menschen, der auch den gesamten geografischen Raum für sich beansprucht? Lisl Ponger lässt in den "Wild Places" die Genealogie der kolonialen Weltaneignung als die eigene Ahnenreihe der Künstlerin in den Unterarm eines Protagonisten tätowieren. Nach den Missionaren, den Söldnern, den Ethnologen und den Touristen kommen jetzt die Künstler.

Das Dokumentarische kann aus der zeitlichen Distanz auch ein nostalgisches Flair bekommen. Die in den Jahren 1977 bis 1984 von Leo Kandl abgelichteten Stammgäste aus Wiener Bahnhofsgaststätten und billigen Cafés erzählen längst die Märchen aus einer verflogenen Zeit. Spätestens jetzt wird klar, dass jeder aufrichtige Dokumentationsversuch nicht ohne Inszenierung auskommen kann.

Endgültig im Zwischenbereich positioniert sich die Iranerin Ghazel, die in ihrem Video-Tagebuch "Me 200-2003" mit Witz und Ironie das männlich konditionierte Frauenbild in ihren kurzen Performances ad absurdum führt.

Neben der Frage nach der authentischen Zuschreibung an einen spezifischen Ort ist der überlegt gewählte Ausschnitt ein herausragendes Mittel, um innerhalb einer optischen Reizflut auf ein Aha-Erlebnis zu fokussieren. Zineb Sedira dokumentiert in der zwölfteiligen Serie "Das Haus meiner Mutter" nordafrikanische Innenarchitektur: weißes, mit Spitzen verziertes oder gehäkeltes Tuchwerk, das beim Betrachten augenblicklich in die eigen Kindheit zurückwandern lässt: Was sind denn die eindrücklichsten Details aus dem Haus meiner Mutter?

Die Arbeiten von Lois Renner zeigen Innenräume auf derartig großen Fotografien, dass man sie beinahe betreten könnte. In Wirklichkeit sind diese Räume aber Modelle aus dem Atelier des Künstlers, so werden Größenverhältnisse und die damit verbundenen Gewichtungen auf den Kopf gestellt. Auch die Zeit lässt sich trefflich überspannen. Shadafarin Ghadirian zeigt eine im Vorjahr entstandene Serie von Frauenbildern, die den Anschein von historischen Fotografien erwecken - würden sich nicht da und dort kleine Hinweise auf unsere Zeitgenossenschaft verstecken.

Diskrepanzen treten aber auch im Zusammenspiel von Ton und Bild auf. Josef Dabernig zeigt zwei Fußballtrainer, die in einem Stadion in Krakau ein wichtiges Spiel verfolgen. Den Ton dazu liefert allerdings ein Spiel aus Udine.

Ähnlich disparat inszeniert Jeff Wall mit "Man with a Rifle" den Fotografen als Jäger, der ein Foto einer Vorstadtszene schießt. Bloß dem Mann ist die Büchse abhanden gekommen, so kippt seine Angriffshaltung in eine Schutzbewegung angesichts der Szene vor ihm um.

Thomas Struth stellt sich in Museen und fängt Kunstliebhaber dabei ein, wie sie sich dem Kunstgenuss hingeben. Sich selbst beim Beobachten zu beobachten ist wohl die erkenntnistheoretisch pointierteste Form scheinbarer Schnappschüsse.

Mit Bildern Welt erfinden

Foto, Film und Video beanspruchen im Gegensatz zu Zeichnung und Malerei nach wie vor eine größere Nähe zum Motiv. Ganz gleich, ob es sich um den Versuch einer Dokumentation handelt, ob eine Geschichte erzählt wird oder ob bereits die Vorlage eine reine Inszenierung darstellt, die Übertragung ins Bild funktioniert vergleichsweise unmittelbar. Und dennoch drückt sich hier nicht einfach die Wirklichkeit als direkte Spur in den Bildträger ab.

Mit vielfältigen Strategien versuchen die Künstlerinnen und Künstler auf einen ganz bestimmten Umstand in der Wirklichkeit zu fokussieren, schneiden ihn gleichsam aus dem Drumherum heraus und laden ihn durch kompositorisches Geschick zu einer Botschaft auf. Dabei stellt sich nicht nur heraus, dass Medium und Botschaft untrennbar miteinander verbunden sind, sondern auch, dass dieses Stück Wirklichkeit so vorher gar nicht existiert hat. Die Weltaneignung ist auch mit den scheinbar unmittelbaren Bildererzeugern Foto, Film und Video eine Welterfindung.

Why Pictures Now

Fotografie, Film, Video heute

Museum Moderner Kunst

Museumsplatz 1, 1070 Wien

www.mumok.at

Bis 1. 10. Di-So 10-18, Do 10-21 Uhr

Überblicksführungen Sa und So 14 Uhr

Künstlergespräche im September:

14. 9. mit Thomas Struth

21. 9. Bernhhard Blume / Edelbert Köb

28. 9. Ghazel / Christian Kravagna

(jeweils Donnerstag 19 Uhr)

Katalog: Museum Moderner Kunst (Hg.), Why Pictures Now. Fotografie, Film,

Video heute, Nürnberg 2006,

200 Seiten, e 29,80

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