Digital In Arbeit

Pflichttermin für Kunstinteressierte

1945 1960 1980 2000 2020

Sehenswerte österreichische Gegenwartskunst in den Kunsthallen in Wien und in Krems.

1945 1960 1980 2000 2020

Sehenswerte österreichische Gegenwartskunst in den Kunsthallen in Wien und in Krems.

Nicht zufällig sieht der Katalog zur Ausstellung "lebt und arbeitet in Wien" wie ein Straßenplan aus: Manfred Erjautz erklärt die Kunsthalle Wien durch einen Schranken und andere subtile künstlerische Eingriffe zur "Nation of Art". Er ist einer von 26 Kunstschaffenden, die von drei "Weisen" der Kunstszene, Paulo Herkenhoff aus New York, der Finnin Maaretta Jaukkuri und Rosa Martinez aus Barcelona ausgewählt wurden, um mit ihrer Arbeit eine künstlerische Topografie Wiens abzustecken. Sie ist vielfältig, kritisch, witzig, oft spezifisch österreichisch. "Wollen auch Sie mich abhören?" lädt Julius Deutschbacher unter Angabe einer Telefonnummer auf einem seiner Plakate ein.

Er reflektiert so die Politik und Klischees Österreichs. Die Forderung der Regierung, als Künstler auf die Wirtschaft zuzugehen, erfüllt er mit einem Video, das die Brauunion fördert: In kariertem Hemd kostet er in verfremdetem Werbeclipstil diverse Biersorten durch. Seine "Bibliothek der ungelesenen Bücher", fixer Bestandteil Wiener Stadttopografie, ist während der Ausstellung in die Kunsthalle übersiedelt. Das ungelesenste Buch dürfte die Bibel sein, ein katholisch-österreichisches Spezifikum. "Lomo liebt Wien" verkündet die Lomografische Gesellschaft und steuert skurril-dokumentarische Momentaufnahmen des Stadtlebens bei.

Werner Reiterer thematisiert in Zeichnungen den Kunstort: "Nehmen Sie eine Bleikugel und werfen Sie sie auf das Dach der Kunsthalle. Die 35.673ste Kugel wird das Dach zum Einsturz bringen", steht darauf. Ein anderer Beitrag Reiterers greift ins Stadtbild ein: Besucher können Luftballons beschriften, und ihre Botschaft über den Himmel Wiens blasen, 50 km weit fliegt er angeblich.

Kunst sprengt den Ausstellungsraum oder holt die Außenwelt hinein, wie Fridolin Schönwiese, dessen ergreifende Videodokumentation die Situation von vier behinderten Kindern und ihre Entwicklung zwischen 1996 und 2000, erfassbar macht. Ruth Kaaserer spürt mit der Kamera Jugendliche im öffentlichen Spielraum auf, der Türke Bülent Sangar dokumentiert hintergründig sympathisch die Situation von "Gastarbeitern", er geht dabei von realen Menschen und realen Orten aus. Lois Renner hingegen baut seinen eigenen Modellraum, um ihn theaterhaft zu inszenieren, wie auch Gregor Zivic mit diversen kleinbürgerlichen Versatzstücken seine eingefrorenen Action-Szenen im Foto stellt.

Elke Krystufek sucht das Exil in Rotterdam, teilt es mit Wien als Lebensort in der Nähe des Westbahnhofs, immer aufbruchsbereit. Eine schräge Ebene führt an Fotos und Collagen zu einem Video durch die Installation ihrer Welt. Für sie ist die Kunst "heute der einzige Ort, an dem politische und gesellschaftliche Skandale kompromisslos angegangen werden können".

Krems: "Strategien" Elke Krystufeks strahlende Marylin bildet das Plakat zu "Milch vom ultrablauen Strom" in der Kunsthalle Krems, wo sie mit Malerei und dem Video ihrer Aktion "Blue Moods of Spain" in Frankfurt vertreten ist. "Strategien österreichischer Künstler 1960-2000" werden hier erforscht. Anna Jermolaevas Videoarbeiten, Gelatin, seit ihrem Expo-Beitrag Fixsterne im heimischen Kunstgeschehen, und Edgar Honetschläger sind auch in Wien zu sehen. Er schlägt in seinen Filmen den Bogen zwischen Ost und West, Japan und Österreich. In Krems erzählt er in elf Minuten eine köstliche "History of chocolate". Peter Kubelka, Pionier der Kunstform Film steuert Grundsätzliches bei: Die Partitur zum Film Arnulf Rainer, einer minimalistischen Arbeit, die auf schwarz-weiß Kontrasten und dem Gegensatz Ton-Stille beruht, ist ein autonomes Kunstwerk, eine Filmspule von einer Minute Länge wird zur Skulptur an der Wand, 72 Kader, also drei Sekunden, bilden eine Welle.

Begnadet fürs Obszöne Arnulf Rainer himself ist mit Übermalungen, den Automatenfotos und "Fis" vertreten. Malerische Strategien verfolgen konsequent Großmeisterin Maria Lassnig, Alfred Klinkan, Siegfried Anzinger, Alois Moosbacher, Hubert Schmalix, Herbert Brandl, Max Boehme oder Maja Vukoje. Sie bannt die Dramatik des Films auf Leinwand. In stummer Qual blicken ihre Puppenbilder unschuldig wissend aus dunklen, großen Augen, lassen Missbrauch und Drama assoziieren und sprechen unmittelbar emotional an.

Die Aktionisten sind mit Rudolf Schwarzkoglers "3. Aktion" von 1965 und einem Video des "Orgien Mysterientheater" 1998 zu sehen. "Den Zugang zum Unbewussten" will Hermann Nitsch freilegen, das Tragische ins großangelegte Lebensfest wandeln. Er bedient sich neben alten Mythen stark der religiös-katholischen Tradition. Auf die künstlerischen Wurzeln des Landes blicken Heinz Cibulka und Hanno Millesi in ihrem zwölf Meter langen Bildepos "Geschichtes Gedicht": Gerstl, Schiele, Klimt, Mahler, Schönberg, Kafka, Rainer, Hundertwasser, Lassnig und andere Bezüge finden sich hier in ein Gesamtkunstwerk integriert. Aktionist und Selbstbemaler Günter Brus zeigt Tusche-Papierarbeiten unter folgendem Titel "Austria-Heimat, bist du großer Schwestern, ihre Söhne sind von gestern", sowie "Austria-Heimat, bist du großer Söhne, Volk begnadet fürs Obszöne."

Die in beiden Schauen gezeigten Arbeiten sind in der Lage, den Wahrheitsbeweis anzutreten. Zeichnung, Malerei, Objektkunst, Installation oder Film: Genreübergreifend präsentiert sich die junge heimische Kunstszene auf hohem Niveau. Sie hat dabei etwas auszusagen. Es lohnt sich, ihre Topografie zu erforschen.

Bis 4. März 2001.

Lebt und arbeitet in Wien. Kunsthalle Wien. 1040 Wien, Treitlstraße 2.

Bis 26. November 2000.

Milch vom ultrablauen Strom. Kunsthalle Krems, 3500 Krems-Stein, Steiner Landstraße 8.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau