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Widersprüchliches Kunstschaffen

Das Museum auf Abruf (MUSA) der Stadt Wien zeigt mit „Die 50er Jahre: Kunst und Kunstverständnis in Wien“ über 3000 Werke aus dem ersten Nachkriegsjahrzehnt. Die Zusammenstellung der Arbeiten wirft viele Fragen auf und macht die Ausstellung besonders sehenswert.

Österreich war gerade fünf Tage „frei“. Da formierte sich am 20. Mai 1955 in der Kärntnerstraße ein spontaner Protestmarsch gegen die „Wiederbewaffnung Österreichs“. Die Mini-Demonstration unter der Prämisse „Ohne uns“ endete wie alle progressiven Kundgebungen im Wien der fünfziger und sechziger Jahre auf dem Polizeirevier. Bereits drei Tage davor hatten 25 Literaten und Künstler das „Manifest“ des Dichters H. C. Artmann unterschrieben. Darunter auch Friedrich Achleitner, Konrad Bayer, Gerhard Rühm und Oswald Wiener, die später als Kern der österreichischen literarischen Avantgarde der fünfziger Jahre angesehen wurden. Mit dem Protest bekennen die Bohémiens, dass sie mit dem kleinbürgerlich sich wieder installierenden Österreichertum nichts zu tun haben möchten. Vielmehr versuchen sie, der provinziellen Enge Wiens und der konservativen Kulturpolitik zu entkommen und ziehen sich ins „Exil“ zurück, wie sich eine 1954 gegründete Vereinigung progressiver Künstler nannte.

Der Dichter und Architekturkritiker Friedrich Achleitner charakterisiert die Stimmung rückblickend: „Die Zustände waren gezeichnet durch die postnazistische und ständestaatliche Kulturpolitik. Die Generation der damals Dreißig- bis Fünfzigjährigen hat die dreißiger und vierziger Jahre voll miterlebt und in irgendeiner Form waren alle beteiligt – ob als Widerstandskämpfer oder Nazis. Typisch für die Zeit war, dass alle vergessen wollten. Über das, was war, ist nichts geredet worden. Sowohl die Opfer als auch die Täter haben neu angefangen. Es gab nur eine Zukunft. Dies war für uns sehr prägend.“

Die schwierige kulturpolitische Situation spiegelt sich in der Kunstproduktion der fünfziger Jahre, die ungemein heterogen war. Da gab es zum Einen ausgesprochen innovative Tendenzen wie die „literarischen cabarets“ der wiener gruppe (1958/59), die heute als Vorreiter der österreichischen Performancekunst gelten. Oder die abstrakt gestische Malerei von Arnulf Rainer und Maria Lassnig, die Avantgardetendenzen von ihren Reisen nach Paris ins verstaubte Wien trugen. Sie wurden genauso wie Hans Staudacher, Wolfgang Hollegha, Markus Prachensky oder Josef Mikl von dem kunstsinnigen Priester und Domprediger Otto Mauer gefördert. Die von ihm im Jahr 1954 gegründete „Galerie nächst St. Stephan“ wurde zur Heimstätte der malenden Avantgardisten.

„Skandal“ um Hausner-Gemälde

Zugleich erfreuten sich konservative, großteils mittelmäßige Landschaftsbilder oder wenig verfängliche Tierskulpturen größter Beliebtheit. Dass ein altmeisterlich gemaltes, surreales Gemälde des Phantastischen Realisten Rudolf Hausner mit dem Titel „Die Arche des Odysseus“ (1957) für einen riesigen Skandal sorgte und sogar im Parlament darüber debattiert wurde, scheint heute nur noch schwer nachvollziehbar.

Wie widersprüchlich heimisches Kunstschaffen in den fünfziger Jahren war, lässt sich jetzt in einer Ausstellung des MUSA (Museum auf Abruf) der Stadt Wien anschaulich nachvollziehen. Denn diese widmet eine Ausstellung samt schwergewichtiger erkenntnisreicher Begleitpublikation dem Wien der Nachkriegszeit. Die vom langjährigen Kulturreferenten der Stadt Wien, Wolfgang Hilger, und dem derzeitigen Leiter des MUSA, Berthold Ecker, kuratierte Schau stellt den Beginn einer Ausstellungsfolge dar, die einen nach Jahrzehnten gegliederten Einblick in die Kunstsammlung der Stadt Wien geben will. Zugleich ist es ein Anliegen, „die von den politischen Kräften getragenen ästhetischen Kriterien und Vorstellungen zu untersuchen“, so Hilger.

Aus über 3000 Werken von 650 Künstlern und Künstlerinnen, die die Stadt aus jenem Jahrzehnt besitzt, haben die Kuratoren eine spannende Präsentation zusammengestellt. Sie ist vor allem sehenswert, da sie wenig überzeugende Werke genauso enthält wie kunsthistorisch bedeutsame. Zugleich wirft sie aus gegenwärtiger Sicht viele Fragen auf. So fragt man sich etwa beim Rundgang, warum die Stadt Wien so ein großes Konvolut an Werner-Berg-Arbeiten besitzt. Oder warum sich die Ankaufspolitik gegenüber den abstrakten Avantgardisten rund um Otto Mauer so zurückhaltend verhielt. Eine herausragende frühe Arnulf-Rainer-Arbeit, „Zentralgestaltung“ (1951), sticht als Glanzlicht hervor. Nachdenklich stimmt auch die Tatsache, dass so wenige Künstler die Gräueltaten des Kriegsgeschehens und dessen Folgen thematisierten und kaum zur Politik ihrer Zeit Stellung bezogen.

Besonders beachtenswert ist der Bereich vor dem eigentlichen Beginn der Schau. Um dem für die Epoche so wichtigen Feld „Kunst am Bau“ entsprechende Aufmerksamkeit zu geben, wurden erstmals die Arkaden vor dem Museum miteinbezogen. Hier erinnern Skulpturen von Bildhauern wie Karl Prantl oder Josef Pillhofer daran, dass ein Großteil der Stadt-Gelder nicht für Papier- oder Leinwandarbeiten ausgegeben wurde, sondern für Kunst, die in Zusammenhang mit der Wiederaufbautätigkeit und den neu errichteten Gebäuden in Wien stand.

Die 50er Jahre: Kunst und Kunstverständnis in Wien

Museum auf Abruf, 1010 Wien

Felderstraße 6–8

bis 6. Feb. 2010 Di–Fr 11–18 Uhr, Do 11–20 Uhr, Sa 11–16 Uhr

Katalog hg. von Berthold Ecker und Wolfgang Hilger, Wien, New York 2008,

431 S.,€ 39,95.

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