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Staatsstreich

100 Jahre österreichische Kunst in der Sammlung Essl.

Österreich leistet sich als Kulturnation gleich mehrere Museen, die zwei grundsätzliche Aufgaben zu erfüllen haben: Nämlich den Aufbau einer repräsentativen Sammlung von Kunstwerken, die einen historischen Überblick gewährleisten, und die Präsentation von Einzelausstellungen, die aktuelle Tendenzen unters Volk bringen. Das Museum erfüllt damit einen öffentlichen Auftrag. Die Entwicklung der letzten Jahre hat in unserer Kulturnation Österreich gezeigt, dass zwar der Auftrag aufrecht geblieben ist, die Finanzierung desselben aber zusehends auf Mittel aus anderen Quellen angewiesen ist. Ein Phänomen, das wir mit anderen Ländern teilen und das zu unterschiedlichen Lösungsansätzen geführt hat. Ein Aspekt war die Besinnung auf die Wurzeln der meisten großen Museen: dass eine Privatperson mit einer Sammlung begonnen, diese zu einem großen Volumen geführt und schließlich einem öffentlichen Museum für die Präsentation zur Verfügung gestellt hat.

Privates Museum

Das Sammlerehepaar Essl will sich aber nicht auf irgendeinen Staat verlassen und erfüllt die beiden Aufgaben im eigenen Museum. Und wenn sich dieses private Museum nun daran macht, eine Überblicksdarstellung der Kunstentwicklung in Österreich im 20. Jahrhundert zu präsentieren, was keine der staatlichen Kunstinstitutionen bisher angegangen ist, dann kommt das einem Staatsstreich gleich. Der Staat wird daran wahrscheinlich nicht zugrunde gehen, aber die Besucher freut der Gang durch ein geballtes Jahrhundert spannender Werke.

Die beiden Kuratoren, Wieland Schmied und Silvie Aigner, haben 270 Arbeiten von insgesamt 111 Künstlerinnen und Künstlern ausgewählt und durchkreuzen in einer Schau Kontinuitäten aufeinander folgender Generationen mit den ebenso vorhandenen Brüchen und Abgrenzungen zu den Vorgängern. Fünf Zeitabschnitte bringen Struktur in die Werkansammlung: Nach 1900 (1900- 1918), die Zwischenkriegszeit (30er Jahre), nach 1945 (1945- 1965), neue Tendenzen (1965- 1995) und zeitgenössische Positionen (1995-2005). Für die Arbeiten bis 1945 gelang es, hochkarätige Leihgaben aus anderen Sammlungen zu bekommen, wie selten gezeigte Bilder von Klimt, Schiele und Gerstl. Spannend erweist sich dabei die Gegenüberstellung der Auffassung von Porträt, wie sie Oskar Kokoschka und sein Konterpart Max Oppenheimer auf die Leinwand gebannt haben. Auf einen Blick wird klar, wie zweiterer im bloßen Gestalten einer Oberfläche stecken blieb, während ersterer die Oberfläche als Welt und Leben vibrieren ließ.

Die Zwischenkriegszeit widmet sich vor allem den Impulsen aus Kärnten, den Arbeiten aus dem Nötscher Kreis, besonders von Anton Kolig, Franz Wiegele und dem früh aus dem Leben gerissenen Jean Egger. Man sieht daran vor allem einen typischen österreichischen Weg einer Halbmoderne, die sich nicht dazu entscheiden konnte, den Zusammenbruch der Wertegemeinschaft von vor 1918 radikal als zukunftsträchtige Chance zu nutzen - und die trotzdem wunderbare Arbeiten hervorgebracht hat.

Ganz anders die Entwicklung ab den späten 50er Jahren. Zunächst prallt die ungegenständlich arbeitende Gruppe rund um Otto Mauer mit Josef Mikl, Wolfgang Hollegha und Markus Prachensky auf die Phantastischen Realisten Rudolf Hausner, Anton Lehmden und Arik Brauer. Arnulf Rainer, eigentlich mit den ersteren verbandelt, nimmt eine Vermittlerposition ein, bedient er sich doch beider Elemente, des fotografischen Abbildes und der semantisch bedeutungslosen Bildnerei, um sie zu inhaltlicher Überfülle zu führen. Daneben ist der Aktionismus prominent vertreten, der genauso mit den exaltierten Posen eines Egon Schiele operiert wie mit einer barocken orgiastischen Inszenierung.

In den zeitgenössischen Positionen bilden figurale Malerei und erweiterte Skulptur den Schwerpunkt. Spätestens jetzt wird klar, dass Kontinuität und Konfrontation nicht immer als bloßes Gegensatzpaar aufzufassen ist. Gerade im Frontalangriff auf das Vorgegebene gelingt dessen beste Fortsetzung. Kakanien hat noch lange nicht ausgedient.

Kunst und Ökonomie

Die meisten Arbeiten aus der Zeit nach 1945 stammen aus der Sammlung Essl, ein Umstand, der nochmals auf die Sammlermotivation blicken lässt. Neben der Befriedigung so mancher Leidenschaften der Sammler oder auch nur der Unterstützung ihrer Geldanlagen erfüllt die Sammlung auch einen klassischen Weg der Aufklärung: sich dem Selbstverständlichen zuwenden, so dass es als eigentlich unverstanden sichtbar wird; und es dann neu beleuchten, um damit unser Verständnis zu steigern. Dies geschieht hier durch Kunstwerke, was zu einem interessanten Gegensatz für unsere Zeit führt: auf der einen Seite tut sich der Abgrund einer Ökonomie des Verschwindens auf, auf der anderen Seite wird dieser durch eine Ästhetik des Bewahrens aufzuwiegen versucht.

Österreich: 1900-2000

Konfrontationen und Kontinuitäten

Sammlung Essl, An der Donau-Au 1, 3400 Klosterneuburg

Bis 21. 5. Di-So 10-19, Mi 10-21 Uhr,

Katalog: 480 Seiten, E 39,-

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