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Entente cordiale: Belgien-Österreich

Daß man am 7. Februar dieses Jahres die Fahne Österreichs auf dem Brüsseler Rathaus hißte, wurde hierzulande kaum vermerkt. Anlaß war eine Ausstellung „Natur und Kunst im Donauland — Niedetösterreich“, die damals im Hotel de Ville in Brüssel eröffnet wurde. Seither wurde sie in Antwerpen und Lüttich gezeigt, und am 5. Mai in Gent eröffnet. Ausgezeichnet aufgebaut und ausgewählt, zeigt sie die historischen Verbindungen zwischen Österreich und dem heutigen Belgien und gibt in wirklich schlagenden Beispielen eine Kultur- und Naturgeschichte Niederösterreichs. Die Urgeschichte ist ebensowenig vergessen worden wie die moderne industrielle Entwicklung, die Fauna und Flora ebensowenig wie die Jagd. Daß die Ausstellung, die Herzen der Belgier ergriffen har, zeigt die erstaunliche und immer wachsende Besucherzahl, die beweist, daß altes gemeinsames Schicksal nicht vergessen wurde. Ihr Zustandekommen ist der dynamischen Persönlichkeit des österreichischen Kulturattaches an der Botschaft in Brüssel. Dr. Erich Hochleitner, zu danken, der auch hei einer anderen Manifestation österreichischer Kultur entscheidend mitgewirkt hat: der Ausstellung „Österreichische Kunst im 2 0. Jahrhundert“, die derzeit im Palais des Beaux-Arts in Brüssel zu sehen ist. Anders als vor einem Jahr in London entfaltet sich diese Schau österreichischer Kunst in schönen Räumen und in erweitertem Umfang. Tritt nian, vom königlichen Palast her kommend, in sie ein, so wird man von einem sehr klar gegliederten Überblick über die österreichische Architektur empfangen, in dem Wagner, Loos, Hoffmann, Olbricht, Holzmeister, Rainer, Schwänzer, Uhl, Gsteu und die Arbeitsgruppe 4 vertreten sind. Der nächste Saal ist Klimt, Schiele und Gerstl gewidmet, wobei Klimt — ein glücklicher Gedanke — mit den Kattons für den Speisesaal des Palais Stodet die Verbindung mit Brüssel betont. Von Schiele ist besonders eine Landschaft aus dem Besitz von Fritz Wotruba zu erwähnen, die größeren malerischen Reichtum als seine anderen Bilder aufweist. Gerstl ist schlecht gehängt, ein Faktum, das sich aus der Kritik ablesen läßt. Die etwas höher gelegenen anderen Ausstellungsräume zeigen Graphiken von Schiele und Klimt und stellen Kubin und Kokoschka gegenüber, wodurch sich merkwürdige Berührungspunkte ergeben. Ein Saal ist den Bildern Oskar Kokoschkas gewidmet, der diesmal London gegenüber wenigstens die zahlenmäßige Überlegenheit besitzt. Sein stärkstes Werk ist wahrscheinlich das Porträt Karl Kraus’ (das für das Moderne Museum in Wien erworben wurde), gefolgt vom „Trancespieler" des Brüsseler Museums, dem „Louvre" und „Monte Carlo“ auf dem die Taube besonders realisiert erscheint. Die „Macht der Musik“ wirkt durch ihre dekorativen Qualitäten und die sonore Farbe, die zur Form in reinem Widerspruch steht. Neben diesen Arbeiten verblassen das „Theater in Bordeaux“ und so schwache Bilder wie die „Staatsoper" und das „Bildnis Israel Sieff“. die „Riesenschildkröte“, die „Algerienne“ und das ..Fischstilleben“.

Die belgische Presse ist sich einig in der Würdigung der historischen Bedeutung Oskar Kokoschkas für den Expressionismus österreichischer oder deutscher Prä gung. Neben Kokoschka wird von der belgischen Presse besonders Herbert Boeckl hervorgehoben, der mit acht Arbeiten vertreten ist. „Le Peuple“, der ihm eine besondere Vorankündigung widmete, stellt anläßlich der ausgestellten „Toten Krähe“ fest: „Wo ist die Neuheit jener, die man heute bewundert?“ „Le Soir" nennt ihn „brillant“, und „Het Volk“ und „Nieuwe Gids“ widmen ihm gesonderte Absätze, die seine Überwindung des Dekorativen in einer eigenen, persönlichen Welt feststellen. Die Surrealisten werden von den bunt kolorierten Dekorationen Fritz Hundertwassers überschattet, Rudolf Hausner von einem einzigen Werk Rudolf Wackers, das größere zeichnerische und räumliche Qualitäten aufweist und zwanzig Jahre früher entstand. Am schlechtesten schneiden laut „Le Soir“ und anderer Zeitungen unsere jungen ungegenständlichen Expressionisten ab, denen man einen unverbindlichen Internationalismus vorwirft, ein Resultat, das sich mit dem von London deckt. Lediglich Hundertwasser wird hervorgehoben, kraft seiner Originalität, die allerdings „zur Manie entartet“ und nicht mehr als „Epoche eines Künstlers“ zu bezeichnen sei. In der Plastik stellt die belgische Presse die eindeutige Überlegenheit Fritz Wotrubas fest, bedauert aber sehr, daß er nicht stärker vertreten ist. Fritz Leinfellner, Avramidis, Pilihofer und Knesl werden lobend erwähnt.

Im allgemeinen ist festzustellen, daß die österreichische Ausstellung eine freudige, um nicht zu sagen enthusiastische Aufnahme fand, die sich, wenn auch diesmal die Akzente vielleicht zu eindeutig verteilt waren, wie in London auf die ältere Generation und die Vergangenheit bezog: Klimt, Schiele, Gerstl, Kokoschka, Boeckl und Wotruba erscheinen als die Botschafter österreichischer Kultur und Kunst.

Im Gebäude des Stadtschulrates Wien sind im Rahmen einer kleinen Ausstellung über die „Musikerziehung in der Pflichtschule“ einige hervorragende Beispiele zu sehen, wie mit der Methode der „Musikalischen Graphik“ bei Kindern in der Volks- und Hauptschule die bildnerischen Kräfte der Phantasie und der Erfassung des Wesentlichen befreit und angeregt werden können Sie zeigen die ..musikalische Graphik" als wesentlichen Faktor zur musischen Erziehung des Kindes.

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