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Abschied für Jahre von Egon Schieies Werken

Das „Kniende Mädchen in orangerotem Kleid” war erst einmal, in Japan, ausgestellt. Es stellt Egon Schieies jüngere Schwester Gertrude dar, Schiele schuf das Blatt 1910 als Zwanzigjähriger - mit seiner hinreißenden Verbindung zeichnerischer und malerischer Qualität bereits ganz der reife Schiele.

Es ist dem Band „Egon Schiele -Die Sammlung Leopold” entnommen. Zwar ist dieser ein Geschenk und eine Fundgrube für jeden Kunstfreund, weshalb das als Katalogbuch zur Ausstellung in Tübingen, Düsseldorf und Hamburg erschienene Werk entsprechende Verbreitung finden wird. Vor allem aber sollten es sofort alle jene Politiker durchblättern, die das obligate Gesichtsbad bei der Eröffnung dieser Ausstellungen versäumten. Damit sie wissen, welchen Schatz die Schiele-Werke der Sammlung Leopold verkörpern und was es bedeutet, nun auf alle Fälle für Jahre Abschied von ihnen nehmen zu müssen - so kurz, nachdem sie, mit der Ausstellung „Österreichische Malerei und Zeichnung von 1900 bis 1930 -Aus der Sammlung Leopold”, als geschlossener Bestand so richtig ins Blickfeld der österreichischen Kulturpolitik getreten sind.

Bekanntlich hat der Bund die Sammlung Leopold angekauft, bekanntlich soll sie bald ein Haus bekommen (im Messepalast), bekanntlich wird Rudolf Leopold diese Sammlung nicht nur leiten, sondern, zu einem beträchtlichen Teil mit eigenen Mitteln, auch weiter ausbauen.

Jede Verzögerung dieses Bauvorhabens wäre ähnlich folgenschwer wie die vorübergehende Schließung irgendeines der bestehenden bedeutenden Wiener Museen. Man hat einen Teil der von Leopold gesammelten Werke aus Abbildungen gekannt, ohne so richtig wahrzunehmen, wieviel von Schieies Werk (aber natürlich nicht nur von ihm) da im Lauf von Jahrzehnten in einer Hand zusammengekommen war - als gewaltige Chance für Österreich.

Viele große Privatsammlungen gingen irgendwann in staatlichen Besitz über. Das Einmalige dieser Sammlung liegt im Zusammentreffen des erstrangigen Stellenwertes der von ihm zusammengetragenen Werke in der Weltkunst - und andererseits ihres Stellenwertes für Österreich. Amerikanische Mäzene verfrachteten Weltkunst in die USA. Zur Bewahrung eines singulären Lebenswerkes für das Land des Künstlers im lebenslangen Alleingang eines Sammlers fällt mir kein Gegenstück ein.

Damit ist eigentlich schon das Wesentliche über ein Katalogbuch gesagt, das nun für ebendieses, wie üblich nicht durchgängig dankbare Land diesen geschlossenen Block von Werken Egon Schieies für Jahre, hoffentlich nicht viele, ersetzen muß.

Das Museum für die Sammlung wird für Österreich eine Bereicherung bedeuten, bestenfalls vergleichbar mit den Picasso-Schätzen in Paris. Allerdings gibt es in Frankreich und Spanien mehrere Picasso-Sammlungen, an größeren Schiele-Beständen außerhalb Österreichs gibt es lediglich zahlenmäßig bedeutende Graphikbestände in privater Hand. Leopolds Sammlung von Schiele-Gemäl-den istsingulär. Eine schönere Repräsentanz eines großen Malers in einer Stadt kann man sich nicht wünschen.

Schiele war freilich nicht nur Maler, er war einer der bedeutendsten Zeichner und Aquarellisten, die jemals gelebt haben. Auch hier ist dank Leopold wieder zusammengekommen, was nach Schieies frühem Tod durch so manche Hand ging - er wurde ja bereits zu Lebzeiten von den Kundigen hoch geschätzt. Der „Stehende Junge mit Hut” (ganz oben Mitte), ebenfalls aus dem Jahre 1910, war nur 1919, im Jahr nach Schieies Tod, öffentlich zu sehen. Es war Eigentum von Koloman Moser und wurde von Leopold 1971 in einer Auktion von Sotheby's in London erworben.

Da die Redeutung Schieies für Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg zwar einer ganzen Anzahl von Kunstfreunden längst klar, von den für die öffentliche Ankaufspolitik Verantwortlichen aber offenbar völlig verschlafen worden war, gab es nur eine Alternative zu Leopold - und die hieß: Zprst.reiinner in alle Wplt

Der Band ist voll von ganz selten ausgestellten Bildern, hauptsächlich Graphiken, von solcher Qualität, daß ihr Schattendasein nur mit der langen Unterschätzung Schieies einer- und dem Reichtum seiner Produktion andererseits zu erklären ist. Auch die 1915 entstandene „Selbstdarstellung mit gestreiften Ärmelschonern” als Clown und Außenseiter der Gesellschaft (ganz oben rechts) ist ein Beispiel dafür (gezeigt lediglich 1949 in Linz und 1991/92 in Japan), die Studie eines rassischen Kriegsgefangenen (oben rechts) war mehrmals zu sehen. Ebenso das 1912 mit Aquarell- und Deckfarben gemalte „Deuring Schlößchen” (rechts neben dem Titel).

Ein wichtiges Gemälde ist „Mutter und Kind” aus dem Jahr 1912 (links oben). Es war des öfteren ausgestellt, in aller Welt, und wurde aus Zürich zurückgeholt. Aber fast alle, die Schiele lieben und bewundern, kennen ihn hauptsächlich dank Reproduktionen. Bis zur Eröffnung des Museums müssen wir uns weiter mit dem „musee imaginaire” zwischen Buchdeckeln begnügen.

Das hier vorgestellte Buch wird dieser Aufgabe in der besten möglichen Weise gerecht, Leopolds Kommentar zu jedem Bild zeugt von der in jahrelanger intensiver Beschäftigung gewonnenen Kennerschaft.

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