Zeichen an den Wänden

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Das Wiener Leopold-Museum zeigt eine vielseitige Schau aus seinen Beständen an Zeichnungen, die bei zahlreichen Künstlern unbekannte Seiten entdecken lässt.

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Das Wiener Leopold-Museum zeigt eine vielseitige Schau aus seinen Beständen an Zeichnungen, die bei zahlreichen Künstlern unbekannte Seiten entdecken lässt.

Zeichnung von 1900 bis heute aus der eigenen Sammlung: Das breit gefasste Thema der Ausstellung "Linie und Form" im Leopold-Museum würde durchaus die Gefahr der Beliebigkeit mit sich bringen, ja, das Risiko, aus jedem Dorf einen Hund und doch nichts Ganzes zu zeigen. Das Gegenteil ist der Fall. Durch Vielseitigkeit hat man es ebenso geschafft, eine interessante, abwechslungsreiche Ausstellung zu kreieren, wie durch die Möglichkeit, von zahlreichen Künstlern neue Seiten kennen zu lernen. Kleine Entdeckungen, die während der Vorbereitung gemacht wurden, bringen zusätzlichen Reiz.

Kubin zum Einstieg

"Die Schau soll ein rundes Bild dessen erzeugen, was wir an Zeichnungen, egal ob Bleistift-, Kohle- oder Buntstift-Zeichnungen, haben", sagt der interimistische Leiter des Leopold-Museums, Franz Smola, der gemeinsam mit Fritz Koreny kuratiert hat, zur FURCHE. "Dabei wollten wir nicht jene Werke zeigen, die man sowieso kennt, sondern interessante Namen und abwechslungsreiche Themen."

So sind rund 40 Künstler in der chronologisch angelegten Ausstellung vereint, darunter so berühmte wie Schiele, Kokoschka und Klimt, aber auch wenig bekannte. Am Anfang stehen grausige Arbeiten von Alfred Kubin, die durch die Technik ebenso faszinieren wie durch die Thematik. Im nächsten Raum startet man mit Zeichnungen im Dienste der Wiener Werkstätte. "Nur weil sie vorbereitende Arbeiten für Kunstgewerbe sind, heißt das ja nicht, dass sie nicht trotzdem eigenständige, gute Arbeiten sein können", sagt Smola. "Von der Technik her sind sie oft bravourös gemacht." So kann man einen Entwurf für eine Vignette von Kolo Moser betrachten, der wie gedruckt scheint, aber doch von Hand gezeichnet ist. Neben einen Entwurf für den Purkersdorfer Sessel hat man ebendiesen gestellt. Die Entwicklung der Wiener Werkstätte lässt sich anhand der Zeichnungen unterschiedlichster Künstler schön verfolgen: "Während Moser und Hoffmann klarere Formen bevorzugten, arbeitete man später manieristischer", so Smola. Auch bei Klimt kann man etwas weiter in der Schau Entwicklungen seines Zeichenstils sehen. "Während er anfangs präziser und kontrollierter in den Umrissen arbeitete, werden diese später fahriger, er will sich nicht festlegen", erklärt Smola. Unter den Höhepunkten der Schau sind auch Entwürfe für die Fakultätsbilder von Klimt, das Beethovenfries und das Stoclet-Fries.

Barlach als Zeichner

Während man beobachten kann, wie Kokoschka zuerst im Medium Zeichnung mit dem Expressionismus experimentiert hat, lernt man von zahlreichen Künstlern, die man eigentlich für Malerei, Skulptur oder anderes kennt, eine neue Seite kennen. Der vor allem als Bildhauer bekannte Barlach wird beispielsweise als Zeichner vorgestellt. Nicht nur die großen Namen aber sind es, die beeindrucken. Ein in vielen Details genau herausgearbeiteter Affe von Jungnickel mag ebenso das Auge zu fesseln wie ein Akt von Wiegele, der durch Wischungen wie ein Foto wirkt.

Das Leopold-Museum hat sich auferlegt, für diese Schau ausschließlich aus dem eigenen Bestand zu arbeiten - es gibt keine einzige Leihgabe. "Somit kann man natürlich objektiv gesehen vorwerfen, dass für eine Übersichtsausstellung der Zeichenkunst im 20. Jahrhundert Werke 'fehlen', andererseits sind jene, die wir zeigen, alle von höchster Qualität, da Rudolf Leopold keine Konvolute oder Nachlässe kaufte, sondern alle einzeln auswählte", sagt Direktor Smola. Stolz ist er auf kleine Entdeckungen, die im Rahmen der Vorbereitungen gelungen sind: "Weder wusste man bisher, dass eine Zeichnung aus der Sammlung Leopold eine Vorstudie zu Ferdinand Hodlers Eurythmie ist, noch, dass eine ebensolche zu einem verlorenen Werk von Lovis Corinth vorhanden ist."

Um eine Brücke zur Gegenwart zu schaffen, hat man Hannes Mlenek mit einem Entrée beauftragt. Eine Riesenhand zückt den Zeichenstift, Mlenek hat direkt auf die Wände der Ausstellungsräume gezeichnet. "Dies soll direkt in die Thematik führen und doch für sich selbst stehen." Das Medium Zeichnung wird somit in die Gegenwart gezogen.

Linie und Form

100 Meisterzeichnungen aus der Sammlung Leopold

bis 20. Oktober, tägl. 10-18, Do bis 21 Uhr

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