Das Innere im Äußeren

Dem nackten Mann widmen sich das Wiener Leopold und das Linzer Lentos Museum jeweils in einer Ausstellung. Zu sehen sind zwei völlig unterschiedliche Annäherungen an das Thema.

Angesichts des medialen Hypes der letzten Wochen könnte man meinen, der nackte Mann in der Kunst sei ein Novum. Mehr als erstaunlich. Ist doch die Kunstgeschichte geprägt durch die Darstellung unbekleideter Männer - sei es der spätklassische Apoll von Belvedere (zwischen 350 und 325 v. Chr.), der David von Michelangelo (1504) oder August Rodins "Das eherne Zeitalter“ (1875/76). Auch der öffentliche Raum in Wien bietet nicht erst seit Ilse Haiders "Mr. Big“ im Museumsquartier den Anblick männlicher Nacktheit. Bereits Raffael Donners "Mehlmarktbrunnen“ am Neuen Markt (1737-1739) zeigt allen Vorbeischlendernden mit dem Flussgott Traun die muskulöse Rückenansicht eines wohlgeformten Männerkörpers, wie er im Buche steht.

Was ist also kulturell geschehen, dass die aktivistische Gruppe von Künstlerinnen "Guerilla Girls“ auf der Biennale von Venedig 2006 feststellen konnte, 83 Prozent der Aktdarstellungen in Museen seien weiblich, aber nur drei Prozent aller Werke stammten von Künstlerinnen? Sind Darstellungen unbekleideter Männer seit der Moderne überhaupt aus der Kunst verschwunden? Und wenn ja: warum? Oder gibt es sie sehr wohl, und sie wurden in den letzten Jahren nur nicht ausgestellt?

"Dichotomie der Geschlechter“

Der Eindruck, vor allem nackte Frauen seien Gegenstand von Kunst, nicht jedoch Männer, wird gehörig relativiert, wenn man weiter zurückblickt. So wurden in der griechischen Antike männliche Figuren nackt dargestellt, Frauen jedoch bekleidet. Während sich der männliche Akt bereits im 5. vorchristlichen Jahrhundert durch die Arbeiten Polyklets zum Inbegriff der klassischen Skulptur entwickelte, erfand Praxiteles den ersten weiblichen Akt in Form einer Venus-Darstellung erst in der Nachklassik. Bereits damals begann sich allerdings ein entscheidender Unterschied zu entwickeln. Männliche Nacktheit wird mit Autonomie, Kraft und Aktivität verbunden - auch mit Schmerz und Opfertum wie in den späteren Darstellungen von christlichen Märtyrern und Heiligen. Den nackten weiblichen Körper zeigen Künstler bevorzugt in Zusammenhang mit Passivität, Begehren und Sinnlichkeit - etwa seit der Renaissance in Form mythologischer Gestalten wie Io, Leda und Danaë oder biblischer Figuren wie Susanna. Ein Unterschied, der sich im Laufe der Jahrhunderte gehörig verschärft und in der Moderne, so die Genderforscherin und Kunsthistorikerin Daniela Hammer-Tugendhat, endgültig zu einer "Dichotomie der Geschlechter“ und schließlich zum Verschwinden des nackten Mannes in der Kunst führt.

Um 1900 kommt es zur ersten Krise männlicher Identität und somit zu einem veränderten Blick auf den männlichen Akt. Österreichische Avantgardisten wie Egon Schiele, Oskar Kokoschka oder Richard Gerstl verwahren sich gegen die Tabuisierung und Schubladisierung. Sie beginnen ihren eigenen verletzlichen männlichen Körper selbsterforschend zu hinterfragen und neue Bilder von Männlichkeit zu kreieren.

Konkurrenz Wien-Linz

Dass die Zeit reif ist, sich nach Jahren der feministisch orientierten Geschlechterforschung nicht nur differenziert mit den Darstellungen weiblicher Körper, sondern auch mit dem Selbst- und Fremdbild von Männern zu befassen, deutete sich in Fachkreisen bereits im letzten Jahrzehnt durch Symposien und Publikationen wie "Männlichkeit im Blick“ (2004) an. Jetzt scheint das Thema auch in der Ausstellungswelt angekommen zu sein. Und zwar massiv. Gleich zwei große Ausstellungen öffneten in den letzten Wochen ihre Tore: "nackte männer“ im Wiener Leopold Museum und "Der nackte Mann“ im Linzer Lentos. Ein Umstand, der bereits im Vorfeld für heftige Diskussionen sorgte. Lentos-Direktorin Stella Rollig hatte gemeinsam mit den Kuratorinnen Sabine Fellner und Elisabeth Nowak-Thaller bereits im Juni 2010 erste Leihansuchen mit dem Titel der Ausstellung gestellt, unter anderem an das Leopold Museum, das daraufhin aufgrund des spannenden Themas eine Kooperation vorschlug. Für Rollig, die bereits das Budapester Ludwig-Museum als Partner gewonnen und eine fertige Exponatenliste vorliegen hatte, sei dies allein schon aufgrund der Genese gar nicht mehr möglich gewesen. Das Leopold Museum will von unfairem Vorgehen allerdings nichts wissen und bedauert die nicht zustande gekommene Kooperation. Sie habe bereits seit drei Jahren ein Konzept zu diesem Thema in der Schublade gehabt, so Elisabeth Leopold. Gemeinsam mit Direktor Tobias Natter kuratierte die Witwe des 2010 verstorbenen Sammlers die Wiener Schau. Als hätte man der nackten Männer nicht genug, wird es schließlich ab Dezember auch in der Albertina eine Ausstellung geben, in der der männliche Körper im Zentrum steht.

Für Ausstellungsbesucher ist die Parallelität kein Nachteil. Im Gegenteil. Bis auf einige Überschneidungen bekommt man ganz unterschiedliche Exponate zu sehen; vor allem wird anhand des Vergleichs wie sonst nur selten deutlich, wie gänzlich unterschiedlich man in einer Ausstellung ein Thema aufbereiten kann. Bleibt zu hoffen, dass viele Kunstinteressierte mobil genug sind, um sich beide Präsentationen anzuschauen und auch den Weg von Wien nach Linz auf sich nehmen, um die dortige, sehr feine Männer-Schau ebenfalls zu sehen.

Im Leopold-Museum geht man es historisch an und setzt dem Rundgang im ersten Untergeschoß einen Prolog in Form von fünf Statuen voran - beginnend mit einer ägyptischen Standfigur aus der späten 5. Dynastie bis zu einer Schaufensterpuppe, die Heimo Zobernig im Jahr 2011 zu einem idealisierten Selbstporträt umwandelte. Dazu Tobias G. Natter: "Die Botschaft ist, wie sehr nackte Männer ganz selbstverständlich die Basis unserer Kunst waren. Diese fünftausend Jahre sind der äußere Bezugsrahmen der Ausstellung. Im engeren Sinne setzen wir mit der Epoche der Aufklärung und der Zeit um 1800 ein.“

Unverhüllt und ungeschützt

Die Präsentation konzentriert sich dann auf drei Schwerpunkte, "Klassizismus und Aufklärung“, "Klassische Moderne“ und "Kunst nach 45“. Entsprechend den Sammlungshighlights überzeugen insbesondere die Werke der klassischen Moderne: die bekannten und dennoch immer wieder überraschenden, radikalen Künstlerselbstbildnisse eines Egon Schiele - auch Richard Gerstls berührende Selbstakte. Sie zeigen, dass männliche Nacktheit über das rein Äußerliche weit hinausgehen und vielmehr auch das Offenlegen innerster Empfindungen meinen kann.

Ein Ansatz, den das Lentos ins Zentrum seiner Ausstellungskonzeption stellt, denn dort wollen die drei Kuratorinnen Nacktheit im erweiterten Sinn verstanden wissen: "Es geht um nackt im Sinne von ungeschützt“, so Rollig. Die Lentos-Schau, mit 300 Werken die bisher größte in der Geschichte des Hauses, ist nicht in erster Linie kunsthistorisch ausgerichtet. Sie setzt um 1900 an und zeigt gut durchgedacht - gruppiert in zwölf Aspekte wie "Adam“, "Ich“, "Herrschaft“ oder "Alter“ - höchst ausgefallene Exponate, denen es gelingt, alternative Männlichkeitsbilder jenseits stereotyper Zuschreibungen zu entwerfen. Berührend etwa Ron Muecks hyperrealistische Skulptur "Mann in Decken“ (2000/01), bei der ein erwachsener Mann wie ein Säugling in Decken gewickelt den Blicken der Besucher ausgeliefert ist.

nackte männer • Leopold Museum

bis 28.1.2012, tägl. außer Di, 10-18, Do bis 21 Uhr

Der nackte Mann • Lentos Kunstmuseum Linz

bis 17.2.2012, Di-So, 10-18, Do bis 22 Uhr

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