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Männliche Frauenbilder

Ambivalenzen einer interessanten Schauim Leopold Museum.

Müssen Frauen nackt sein, um ins Metropolitan Museum zu kommen? Weniger als fünf Prozent der Künstlerinnen in der Abteilung Moderne Kunst sind Frauen, aber 85 Prozent der Nackten sind weiblich." Dies fragten die "Guerilla Girls" Ende der 1980er Jahren auf riesigen Plakatwänden in New York. Mit ihren provokanten Statements traf die feministische Künstlergruppe einen heiklen Punkt in der Museumslandschaft. Während Frauen als Bildmotive überdurchschnittlich oft in Museen vertreten sind, ist deren Präsenz als Kunst-Produzentinnen in renommierten Häusern nach wie vor verschwindend klein. Diese eklatante Kluft hat sich in den letzten Jahrzehnten zwar verringert, wie Ausstellungen von Gegenwartskunst zeigen, das ändert aber nichts an der prinzipiellen Gültigkeit der Plakataussagen.

Die Darstellung von Frauen gehört zu den spannendsten Themen der Kunstgeschichte, denn seit den frühesten bekannten Frauendarstellungen wie der Venus von Willendorf spiegeln die Kunstwerke immer die gesellschaftspolitische Struktur und die Rollenbilder einer Zeit. Vor allem geben sie den männlichen Blick auf die Frau preis, denn "das Bild der Frau ist ein Bild des Mannes von der Frau", so der Doyen der österreichischen Kunstwissenschaft Werner Hofmann. Wenig verwunderlich also, dass sich Projekte zum Thema "Frau" größter Beliebtheit erfreuen, während das Bild des Mannes kaum ein Museum zu einer Ausstellung inspiriert. Man kann dieses Interesse an Frauen - ob als Thema oder Produzentin von Kunst - als kompensatorische Leistung für jahrhundertelang Versäumtes würdigen. Seltsam erscheint es dennoch, dass Frauen zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch immer als die "andere Spezies" einer isolierten Betrachtung wert sind - das Verhältnis der Geschlechter hingegen vergleichsweise selten zur Sprache kommt.

Das "andere" Geschlecht?

Zweifelsohne positiv waren die Beweggründe von Elisabeth Leopold, die in ihrer ersten eigenhändig kuratierten Ausstellung zur Feministin gegen den eigenen Willen wurde, wie sie selbst erklärte. Durch die ständige Konfrontation mit der Sammlung Leopold kam sie auf die Idee, den zahlreichen Frauenbildern in einer Ausstellung besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Schließlich entschloss sie sich aber dazu, die hauseigenen Bestände durch ausgewählte Leihgaben aus nationalen und internationalen Museen zu ergänzen.

Heraus kam eine zeitlich wie thematisch weit gespannte Schau mit 150 Frauendarstellungen vom 16. bis ins 21. Jahrhundert. Dass letztendlich dennoch Rudolf Leopold bei der Hängung selbst Hand anlegte, gibt genauso zu denken wie der Titel "Körper - Gesicht - Seele". Frauen werden durch ihn zwar nicht wie so oft auf ihren Körper reduziert, die drei Begriffe wiederholen dennoch tradierte Klischees - nämlich, dass Frauen vor allem mit dem Äußeren und dem Gefühlsbereich zu tun haben, während Intellekt, Ratio oder Geist zur Sphäre des Mannes gehören.

Eine Augenweide ist der Rundgang durch die visuell reizvoll gehängte Schau mit großteils erstklassigen Exponaten auf jeden Fall. Nach Bereichen wie "Porträts", "Akte", "Kindheit und Pubertät" oder "Die rebellische Frau" gegliedert, kommt es zu spannenden Gegenüberstellungen von historischen und zeitgenössischen Bildern. So geht es sowohl in Hans von Aachens Ölbild "Tarquinius und Lukretia" (um 1600) als auch in Louise Bourgeois' Skulptur "Femme Couteau" (2002) um Gewalt an Frauen. Beide Male wird die Frau mit einem bedrohlichen Messer konfrontiert. Während Lukretia sich in Aachens Ölbild hingebungsvoll ihrem Vergewaltiger zuwendet, fehlt auf Louise Bourgeois' Objekt das männliche Gegenüber. Das Stahlmesser steckt hier im weichen Stoff-Frauenkörper, zeigt aber wehrhaft vom Körper weg und erscheint daher zugleich als selbstverteidigende Waffe.

Die Frau und das Messer

Die Stärke der Präsentation liegt in deren Buntheit, nicht in der Differenziertheit der Blickwinkel. Bilder von Albrecht Dürer, Ferdinand Waldmüller, Gustav Klimt, Pablo Picasso, Käthe Kollwitz und Marlene Dumas gestalten den Parcours kurzweilig und motivieren zumindest zum Nachdenken über das veränderte Bild der Frau im Laufe der Geschichte. Zu den Highlights gehören seltene Leihgaben wie Thomas Gainsboroughs Bildnis Sarah Siddons (1785) aus der National Gallery London. Der englische Porträt-und Landschaftsmaler stellte die Schauspielerin zwar in traditioneller halbfiguriger Ansicht dar, lockerte die Darstellungsart aber auf und verlieh der Dargestellten einen überraschend selbstbewusst-zielstrebigen Ausdruck. Tatsächlich war Siddons eine Powerfrau des 18. Jahrhunderts: Sie galt damals als größte tragische Schauspielerin Englands, war obendrein noch als Bildhauerin tätig und zog fünf Kinder groß.

Eine Themenausstellung wie diese bringt zwangsläufig eine subjektive Auswahl mit sich, die auch mit der Leihgabenpolitik zusammenhängt. Insofern ist es nachvollziehbar, warum Frida Kahlo als eine der bedeutendsten Selbstdarstellerinnen des letzten Jahrhunderts fehlt. Dass sich in der Schau aber kein einziges von Maria Lassnigs Körpererfahrungs-Bildern findet, Birgit Jürgenssen kein Thema und Valie Export mit nur einem Werk vertreten ist, trübt den Kunstgenuss doch erheblich.

KÖRPER, GESICHT UND SEELE

Frauenbilder vom 16. bis ins

21. Jahrhundert

Leopold Museum

Museumsplatz 1, 1070 Wien

www.leopoldmuseum.at

Bis 2. 10 Mi-Mo 10-19, Do 10-21 Uhr

Katalog im Eigenverlag, e 24,90

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