Mit einem Tiger schlafen, Maria Lassnig - © Foto: Albertina, Wien – Dauerleihgabe der Oesterreichischen Nationalbank © Maria Lassnig Stiftung
Ausstellung

Unbeirrbar der Zeit voraus

1945 1960 1980 2000 2020

Maria Lassnigs Anspruch, Körperempfindungen zu malen, war bahnbrechend. Die Albertina rückt dies zum 100. Geburtstag der Künstlerin in den Fokus der Ausstellung „Ways of Being“.

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Maria Lassnigs Anspruch, Körperempfindungen zu malen, war bahnbrechend. Die Albertina rückt dies zum 100. Geburtstag der Künstlerin in den Fokus der Ausstellung „Ways of Being“.

„Physische Empfindungen kann jeder haben, weil sie für mich Wirklichkeit sind, male ich sie.“ Mit diesem Satz brachte Maria Lassnig auf den Punkt, was ihr gesamtes Werk stark geprägt hat: Für die österreichische Künstlerin, deren Geburtstag sich vor Kurzem zum 100. Mal jährte, galt zeitlebens das Bestreben, ihre Körperempfindungen auf die Leinwand zu bannen. Welches Thema auch immer sie in ihren Bildern wiedergeben wollte, ob Sexualität, (gesellschaftliche) Unterdrückung, Gewalt, Krieg oder die Mondlandung, stets ging sie von ihren Gefühlen und ihrer innersten Wahrnehmung aus.

Wer in die Basteihalle der Albertina ­hinunterfährt, wo der 2014 verstorbenen Jubilarin eine Ausstellung mit 80 großformatigen Arbeiten gewidmet ist, bekommt schon bei der Rolltreppe ein Gefühl für diesen Fokus, zeigt man hier doch ein Foto Lassnigs, die auf dem Boden liegend malt – wollte sie doch direkt auf die Leinwand übertragen, was ihr Körper ausstrahlte. Damit war sie, wie Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder beschreibt, „auf schmerzhafte Weise ihrer Zeit voraus. Doch sie betrieb ihren Weg unbeirrbar weiter.“ Unbeirrbar und stark wie die nackte, King-Kong-gleich durch Manhattan schreitende Riesin in „Woman Power“, welche die Besucher am Ende der Rolltreppe empfängt und in eine Ausstellung eintauchen lässt, die von Genre-sprengenden Selbstporträts geprägt ist.

Späte Anerkennung

Da man in der Albertina erst 2017 eine Schau zum zeichnerischen Werk präsentierte, beschränkt man sich nun auf das malerische Œuvre. Die Ausstellung, die in Kooperation mit dem Stedelijk Museum Amsterdam entstand, wo 250 Werke gezeigt wurden, setzt außerdem zu dem Zeitpunkt ein, als Lassnig keine Suchende mehr im Dialog der Kunstströmungen war, sondern ihre innovative Bildsprache bereits gefunden hatte. Die Umsetzungen sind dennoch, auch je nach Entstehungsort, höchst unterschiedlich. Lassnig, die in Paris und im zur damaligen Zeit von Pop Art, Minimal Art und Konzeptkunst dominierten New York arbeitete, bevor sie 61-jährig als Professorin nach Wien zurückkehrte und nun durch Staatspreis und Biennale-Auszeichnung schlussendlich doch noch die lang ersehnte Anerkennung bekam, veränderte ihre Palette und ihre Ästhetik immer wieder, was durch die chronologische Hängung der Schau offensichtlich wird.

„Physische Empfindungen kann jeder haben, weil sie für mich Wirklichkeit sind, male ich sie.“ Mit diesem Satz brachte Maria Lassnig auf den Punkt, was ihr gesamtes Werk stark geprägt hat: Für die österreichische Künstlerin, deren Geburtstag sich vor Kurzem zum 100. Mal jährte, galt zeitlebens das Bestreben, ihre Körperempfindungen auf die Leinwand zu bannen. Welches Thema auch immer sie in ihren Bildern wiedergeben wollte, ob Sexualität, (gesellschaftliche) Unterdrückung, Gewalt, Krieg oder die Mondlandung, stets ging sie von ihren Gefühlen und ihrer innersten Wahrnehmung aus.

Wer in die Basteihalle der Albertina ­hinunterfährt, wo der 2014 verstorbenen Jubilarin eine Ausstellung mit 80 großformatigen Arbeiten gewidmet ist, bekommt schon bei der Rolltreppe ein Gefühl für diesen Fokus, zeigt man hier doch ein Foto Lassnigs, die auf dem Boden liegend malt – wollte sie doch direkt auf die Leinwand übertragen, was ihr Körper ausstrahlte. Damit war sie, wie Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder beschreibt, „auf schmerzhafte Weise ihrer Zeit voraus. Doch sie betrieb ihren Weg unbeirrbar weiter.“ Unbeirrbar und stark wie die nackte, King-Kong-gleich durch Manhattan schreitende Riesin in „Woman Power“, welche die Besucher am Ende der Rolltreppe empfängt und in eine Ausstellung eintauchen lässt, die von Genre-sprengenden Selbstporträts geprägt ist.

Späte Anerkennung

Da man in der Albertina erst 2017 eine Schau zum zeichnerischen Werk präsentierte, beschränkt man sich nun auf das malerische Œuvre. Die Ausstellung, die in Kooperation mit dem Stedelijk Museum Amsterdam entstand, wo 250 Werke gezeigt wurden, setzt außerdem zu dem Zeitpunkt ein, als Lassnig keine Suchende mehr im Dialog der Kunstströmungen war, sondern ihre innovative Bildsprache bereits gefunden hatte. Die Umsetzungen sind dennoch, auch je nach Entstehungsort, höchst unterschiedlich. Lassnig, die in Paris und im zur damaligen Zeit von Pop Art, Minimal Art und Konzeptkunst dominierten New York arbeitete, bevor sie 61-jährig als Professorin nach Wien zurückkehrte und nun durch Staatspreis und Biennale-Auszeichnung schlussendlich doch noch die lang ersehnte Anerkennung bekam, veränderte ihre Palette und ihre Ästhetik immer wieder, was durch die chronologische Hängung der Schau offensichtlich wird.

Selbst wenn sie darunter litt, dass ihre Selbstporträts Hohn ernteten, blieb sie bei ­ihrer Überzeugung, dass in der Abstraktion die eigentliche Realität liege.

„Bei all ihrer Konzentration auf die Körperempfindungsbilder war ihr doch wichtig, sich nicht zu wiederholen“, sagt Kuratorin Antonia Hoerschelmann. „Sie wollte sich immer wieder neu herausfordern. Dass sie nicht gleich den ihr zustehenden Bekanntheitsgrad erreichte und langsam voranschritt, war für ihre Entwicklung durchaus wichtig. Die Basis blieb stets, gegen den Strom zu schwimmen und die Ikonografie der Kunstgeschichte für ihre nach innen spürende und nach innen schauende Herangehensweise zu adaptieren.“

Ob sich Lassnig nun im zeitlichen Umfeld der Mondlandung als Astronautin porträtierte, ob ihre „Atommütter“ Explosives in den Schößen halten, ob sie sich an ihre tote Mutter schmiegt, aus deren Körper schon Gras wächst: Stets reflektiert sie große Themen und Probleme, indem sie hinterfragt, wie sich diese auf ihren Körper auswirken. Ihre Geräuschempfindlichkeit setzt sie als Selbstporträt mit Telefonkabel um den Hals um. Als sie sich in New York isoliert fühlt, verpackt sie ihr Gesicht in Zellophan, als sie spürt, dass Krieg in der Luft liegt, lässt sie ein rotes Kissen von einer Kartoffelpresse zerquetschen. Ein besonders starkes Statement ist mit der Hängung der Bilder gelungen, in denen sich Lassnig mit vermeintlich verpassten Chancen ihres Lebens beschäftigt: „Illusion von der versäumten Mutterschaft“ und „Illusion von den versäumten Heiraten“, wobei sie in Letzterem einen Mini-Mann anstelle eines Babys auf dem Schoß hält. Ihre Selbstporträts mit Tieren haben nie eine gemeinsame Realität, während der Tiger von außen gezeigt wird, ist die pastelligere, menschliche Figur weiterhin von Empfindungen geprägt. Selbst wenn sie darunter litt, dass ihre Selbstporträts als Knödel und Farbhaufen Hohn ernteten, blieb sie bei ihrer Überzeugung, dass in der Abstraktion die eigentliche Realität liege – bis hin zu den finalen Bildern, die schonungslos den körperlichen Verfall zeigen.

Ausstellung

Maria Lassnig – Ways of Being

Albertina,
bis 1. Dez.
tägl. 10–18 Uhr, Mi u. Fr 10–21 Uhr
www.albertina.at