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Gute Jahrgänge

Nicht nur Alfred Hrdlicka wird 80: Einflussreiche Jubilare regieren Österreichs Kunst.

Hans Staudacher machte den Anfang. Sein 85. Geburtstag im Jänner (siehe Furche 1, Seite 20) eröffnete eine Reihe von Jubiläen, die 2008 in ungewöhnlich großer Anzahl Geschichte und Gegenwart der bildenden Kunst in Österreich betreffen. Die zahlreichen Gedenktage - siehe Kasten - sind eine Gelegenheit, die gegenwärtige Situation der Malerei, Plastik, Objektkunst und Grafik inklusive aller anderen visuellen Erscheinungsformen zu überdenken. Zu sehen, ob die Avantgarde von gestern auch im gegenwärtigen Ausstellungsgeschehen, am Markt, in den Museen und Medien präsent ist und Einfluss ausübt, ist allemal interessant.

Angebot und Nachfrage

Aus verständlichen geschäftlichen Interessen ist der Kunsthandel bemüht, sein an Werken der klassischen Moderne bereits sehr knappes Angebot zu erweitern. Es liegt auf der Hand, dass man daher keine Möglichkeit auslässt, neues historisches Material zu bekommen, auch wenn vielfach die Qualität des neu Angebotenen zu wünschen übrig lässt und freudig begrüßte Wiederentdeckungen hinter den Erwartungen zurückbleiben.

In dieser Situation retrospektiver Angebotserweiterung kommt den Museen eine auf höchste Qualität ihrer Angebote ausgerichtete Leitbildfunktion zu. Auch für den Handel ist es vertrauensbildend, von erster Qualität möglichst nur dann zu reden, wenn diese auch tatsächlich abgedeckt werden kann. Schwache Werke gesuchter Künstler zu überhöhten Preisen anzubieten und auf den Bonus des großen Namens zu setzen, ist als Methode in Zeiten guter Konjunktur nicht auszurotten, man könnte jedoch dem Besseres und Interessanteres von möglicherweise auch schwierigeren Künstlern entgegenhalten, die bisher übergangen wurden, in dem großen Reservoir österreichischer Kunst jedoch ausreichend vorhanden sind.

Maler und Zeichner wie Arnulf Rainer, Hans Staudacher, Markus Prachensky, Hans Bischoffshausen, Hermann Nitsch und Günter Brus, die konstant gute Preise am Markt verzeichnen, mussten lange Durststrecken überwinden, ehe sie diese Präsenz erlangten. Heute reicht ihr Aktionsradius weit über Österreichs Grenzen hinaus, wofür internationale Auktionsergebnisse neben Museumsausstellungen und der Teilnahme an den wichtigsten Kunstmessen entscheidende Kriterien sind.

Paradefall für einstiges Verkennen und Ignoranz ist Hermann Nitsch. Sein Beispiel zeigt aber auch, dass selbst schwierigste künstlerische Sachverhalte und Verhaltensweisen dann akzeptiert und vielfach auch verstanden werden, wenn ein Künstler konstant bei der Sache bleibt, als Person mit Charisma zu überzeugen vermag und auch im Medienverbund die entsprechende Aufmerksamkeit genießt. Nitsch wird am 29. August 70 Jahre alt. In Neapel baut ihm sein langjähriger Sammler und Freund Pepe Morra ein eigenes Museum, das im September eröffnet wird. Nach Mistelbach ist dies das zweite Museum für Nitsch innerhalb kürzester Zeit.

Ähnlich wie bei Nitsch liegen auch beim gleich alten Günter Brus nach kurzen Jahren des Informel (1960-63) die kunsthistorisch bestimmenden Anfänge im Wiener Aktionismus, den Fotosequenzen und dazugehörigen, an Schiele orientierten analytischen Körperzeichnungen der Jahre 1965-68. Seine herausfordernde, sezierende Bildsprache steht als existenzielle, direkte Metapher eindeutig in der Tradition der europäischen Kunstgeschichte, beginnend bei Hieronymus Bosch und Goya, setzt aber vor allem in den genau überlegten, radikal zu Ende gebrachten Aktionen neue, völlig ungewohnte Methoden der Inszenierung und Ästhetik ein. In der Fotografie (und deren Abfolgen), die den geschundenen, nassen, ganz mit Weiß übermalten, mit harten, messerscharfen Attacken in Schwarz malträtierten Körper von Brus zeigen, gelang dies mit einer Brisanz und Schlüssigkeit, die einem immer wieder den Atem raubt.

Günter Brus hat sich in späteren Jahren bis in die unmittelbare Gegenwart hinein zu einem eigenwilligen, unverkennbaren Zeichner hohen Anspruchs entwickelt, zu einem Nur-Zeichner, ähnlich wie Kubin, und auch hier durchaus in der Rolle des legitimen Fortführers einer österreichischen Tradition, die in feinsten Verästelungen seismografisch Mensch und Sein umkreist. Zeichnerische Trennschärfe, Poesie, aber auch eine in den 1980er Jahren kulminierende, die Darstellungen einheitlich schließende Farbigkeit sind nicht nur Charaktermerkmale seiner unzähligen Einzelwerke, sondern auch typisch für die Bildgeschichten von Brus und deren nahtlose Integration handschriftlich gefertigter Texte.

Österreichs Bildhauer

Gemeinsam bilden die Angehörigen der Jahrgänge 1928 und 1929 jenes ungewöhnlich große Potenzial, das zur bestimmenden Plattform der österreichischen Kunstszene in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde. Der Bildhauer Andreas Urteil, der 1963 im Alter von nur 30 Jahren an Krebs verstarb, wäre am 19. Jänner dieses Jahres 75 geworden. Das außergewöhnliche Talent des aus dem ehemaligen Jugoslawien stammenden Künstlers (er kam 1945 nach Wien) war schon während seiner Steinmetzausbildung und seiner ersten Studienjahre evident. Später, als Student und Assistent Fritz Wotrubas in dessen Meisterschule für Bildhauerei an der Wiener Akademie der bildenden Künste entwickelte Urteil in kürzester Zeit einen sehr persönlichen, dynamisch-expressiven Stil, der den von seinen Plastiken in Anspruch genommenen Raum spannungsvoll bestimmte. Sein markantes eigenständiges Œuvre umfasst nicht ganz 50 Plastiken, geschaffen in knapp sechs Jahren. Dazu kommt eine größere Anzahl von Zeichnungen und Skizzen meist autonomen Charakters, im Werkverzeichnis von Otto Breicha mit 259 Nummern angeführt.

Die stete, angestrengte, durch langwieriges Kneten an der Figur mit Alberto Giacometti vergleichbare Arbeitsweise verleiht den Arbeiten dieses Ausnahmekünstlers über ihre formale Qualität hinaus den Atem des Existenziellen. Frühe Texte eines Otto Mauer, Werner Hofmann, Otto Breicha, Johannes Gachnang oder Josef Mikl zu Urteil unterstreichen die sinnstiftende, doch nur selten mit derartigem Anspruch erreichte Höhe bildender Kunst, die mit Sicherheit die Zeiten überdauert. (Rasch Entschlossene können noch bis 1. März in der Galerie Ulysses, Opernring 21, eine gut ausgewählte kleinere Retrospektive besichtigen, die neben knapp 15 Bronzen auch einige der expressiven, feinnervigen Federzeichnungen des Künstlers beinhaltet.)

Alfred Hrdlicka

Studienkollege Urteils bei Wotruba war neben Joannis Avramidis, Alfred Czerny, Roland Goeschl, Rudolf Hoflehner, Oskar Höffinger, Josef Schagerl, dem Oberösterreicher Erwin Reiter und anderen auch Alfred Hrdlicka. Mit Ausstellungen in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch-Hall und in der Galerie Hilger in Wien feiert man jetzt ebenso seinen 80. Geburtstag (am 27. Februar) wie mit zwei umfangreichen Büchern, erschienen bei Swiridoff und im Residenz Verlag. Dank aufschlussreicher Beiträge prominenter Autoren mit unterschiedlichsten Standpunkten verdichten sie sich zu einer außergewöhnlichen Hommage für den vielseitigen und unermüdlichen Allrounder.

Hrdlickas Gesamtwerk ist gewaltig. Es deckt sämtliche klassischen Disziplinen bildender Kunst ab, beginnend mit expressiven Zeichnungen und Druckgrafiken (zumeist Radierungen) in allen nur denkbaren Techniken und Kombinationen, über Bühnenbilder und Illustrationen bis hin zu seinem unikaten bildhauerischen Œuvre, über das es nach wie vor die meisten Meinungsverschiedenheiten gibt.

Deutlicher als bei anderen erweist sich bei ihm Kunst als Notwendigkeit, als permanenter Antrieb zu Agitation und Stellungnahme, als Protest und Aufschrei gegen Niedertracht, Unterdrückung und jede andere Form von Unmenschlichkeit. Der Expressionist, der zwischen den Generationen vermittelt und in der Hochblüte von Informel und Action Painting unbeirrt einen von vielen als anachronistisch angesehenen Weg ging, hat sich zeitlebens Kunstmoden und Opportunismen verweigert und statt dessen auf sein außergewöhnliches Talent vertraut, das auf Hochtouren gefordert wurde.

Alfred Hrdlicka ist ein Berserker, ein Unermüdlicher, agierend zwischen der Kräfte raubenden, steten Arbeit am Stein und der elanvollen Lyrik hochsensibler Radierungen und Zeichnungen. Als Nonkonformist mit weitem Interessenshorizont und treffsicherer Rednergabe hat sich der Wiener Künstler mit Wurzeln in den Idealen des Kommunismus und deutlichen Sympathien für das Christentum stets auch politisch engagiert und Konflikte herausgefordert.

Stilistisch völlig anders orientiert als Hrdlicka und vorrangig der Meditation als Appell und geistigem Anstoß verpflichtet ist auch der um fünf Jahre ältere Bildhauer Karl Prantl, einer der großen Einzelgänger der europäischen Szene. Seine konsequent abstrahierten Steine, Stelen und Tische, oft großzügig in die Landschaft gestellt und den Einflüssen der Natur ausgesetzt, sind ein Manifest gegen Ablenkung und Überfluss, eine Rückbesinnung auf zeitgemäß gelenkte Urformen, Archetypen einer Haltung, die sich dem Flüchtigen und Modischen radikal verweigert. Der Gründer der europäischen Bildhauersymposien, deren erstes in St. Margarethen im Burgenland stattfand (ab 1961), vertraut auf die Bildsprache zurückhaltender Symbolik (so z.B. sein bereits 1958 geschaffener "Grenzstein") und die geistige Mitgehbereitschaft eines Publikums, das der Auseinandersetzung mit Kunst auch die nötige Zeit gewährt.

Zur Abdeckung des offensichtlich ungewöhnlich großen und überzeugenden Anteils bildhauerischer Potenzen im Jubiläumsjahr 2008 trägt auch Erwin Reiter bei. Der Künstler, der lange Jahre an der Hochschule in Linz unterrichtete und mit seiner Großplastik "Strömung" 1977 eine markante Arbeit dem an der Donau situierten "Forum Metall" beisteuerte, schaffte den entscheidenden Durchbruch zu Beginn der 1970er Jahre mit Plastiken aus Chromnickelstahl, vereinzelten Bronzen und feinnervigen Bleistift- beziehungsweise Federzeichnungen, die, als "Astronauten" betitelt, menschliche Figur und Körperumrisse zu konsequent abstrahierten, eigenwilligen Konfigurationen verdichteten.

Der unter dem Pseudonym IRONIMUS schon lange zu einer österreichischen Institution gewordene Karikaturist, Zeichner und international renommierte Architekt Gustav Peichl wird am 19. März 80 Jahre alt. Das von ihm erbaute Karikaturenmuseum in Krems zeigt aus diesem Anlass eine Retrospektive. Gleichfalls 80 werden noch heuer der Maler Wolfgang Hutter sowie der Zeichner und Holzschneider Rudolf Schönwald. Der Doyen der Textilkunst und modernen Tapisserie in Österreich, Fritz Riedl, wird 85 und somit gleich alt wie Magnum-Fotograf Erich Lessing.

Unter den bereits Verstorbenen, die hier ebenso wie ihre noch lebenden Kollegen keineswegs vollständig aufgelistet sind, sei an den großartigen Holzschneider Johannes Wanke, an Georg Eisler, Johann Fruhmann, den Zeichner und Free-Jazzer Karl Anton Fleck, an Fritz Hundertwasser und den exzessiven Ausnahmezeichner Othmar Zechyr erinnert. Auf sie wird in Einzelfällen aus gegebenem Anlass ebenso einzugehen sein wie z.B. auch auf den eigenwilligen, gerne in Zyklen arbeitenden Zeichner und Illustrator Kurt Moldovan, dessen Geburtstag sich heuer zum 90. Mal jährt, oder auf Walter Eckert, Jahrgang 1913. Als Maler, Akademielehrer und langjähriger Secessionspräsident war er vorwiegend in den 1960er Jahren am Erstarken der österreichischen Moderne im Kontext eines stärker international ausgerichteten Ausstellungsbetriebs beteiligt.

Jubiläumsjahr 2008

Hans Staudacher 85 Jahre

Andreas Urteil † 75 Jahre

Alfred Hrdlicka 80 Jahre

Johannes Wanke † 85 Jahre

Gustav Peichl 80 Jahre

Georg Eisler † 80 Jahre

Johann Fruhmann † 80 Jahre

Othmar Zechyr † 70 Jahre

Karl Anton Fleck † 80 Jahre

Kurt Moldovan † 90 Jahre

Rudolf Schönwald 80 Jahre

Erich Lessing 85 Jahre

Hermann Nitsch 70 Jahre

Walter Eckert † 95 Jahre

Erwin Reiter 75 Jahre

Günter Brus 70 Jahre

Karl Prantl 85 Jahre

Wolfgang Hutter 80 Jahre

Friedensreich Hundertwasser+ 80 Jahre

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