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Feuilleton

Otto Mauer – die Kunst als Prophetie

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Otto Mauer (1907–1973) schuf mit der Galerie St. Stephan ein künstlerisch-kirchliches Forum. Ihm widmete Trautl Brandstaller ihre Eröffnungsrede zu einer Gedenkschau im Kloster Pernegg.

Kunst, insbesondere die bildende, hatte für Otto Mauer prophetischen Charakter. Sie war für ihn Gegenentwurf zur bestehenden Gesellschaft. Die Künstler erhob er fast in den Rang von Heiligen, von Menschen mit spiritueller Begabung, die ein neues Welt- und Menschenbild entwarfen: „Vielleicht sind die Propheten in diese Künstler abgewandert, in die Goya, Daumier, George Grosz, weil die Kirche keine Propheten mehr geduldet hat, weil die Kirche kein Interesse hatte, ihr aeternales unerschütterliches Gebäude durch Propheten, die sich nicht nur nach außen an die böse Welt wenden, vielleicht beunruhigen oder gar erschüttern zu lassen“, schrieb er zur Funktion gesellschaftskritischer Künstler.

Erstmals entdeckt hatte er diese Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus. Mauer, aus der Gruppe „Neuland“ kommend, hatte zunächst ein konservatives Kunstverständnis; sieht 1941 in seiner „Theologie der bildenden Kunst“ diese in der Tradition der Scholastik noch als Wegweiser zum Glauben, die geforderte „Schönheit“ als Glanz der Wahrheit, als „splendor veritatis“. Gleichzeitig entdeckt Mauer, der immer wieder von der Gestapo verhaftet wird und als entschlossener Gegner des NS-Regimes gilt, das Widerstandspotenzial in Künstlern wie Hans Fronius und Alfred Kubin.

Der Kaplan entdeckt das Revolutionäre

Die eschatologische Stimmung, die diese beiden Künstler vermittelten, faszinierte den jungen Kaplan. Er studierte Kunstgeschichte und entdeckte das revolutionär-visionäre Potenzial aller großen Kunst. Mauers Rhetorik zur bildenden ändert ihren Charakter: Aus „Manifestation göttlicher Herrlichkeit“ wird Kunst als „Tummelplatz für Dämonen“ („Die verfallenen Altäre werden von Dämonen bewohnt“, heißt ein Fronius-Blatt). Kunst wird für Mauer zum Psychogramm einer Gesellschaft, in der das Gute und das Böse in ständigem Kampf liegen. Dieser metaphysisch-ethische Zugang zur Kunst wird alle ästhetischen Moden der Nachkriegszeit überlagern und überdauern. Während des Kriegs, als junger Kaplan, begann er, Kunst zu sammeln.Von Max Weiler aus dem Bund Neuland und Herbert Boeckl, den er in seinen Bibelstunden kennen gelernt hatte, von sogenannten „entarteten Künstlern“ wie Max Beckmann, George Grosz und Lovis Corinth.

Publizistische Vorbereitung von Reformen

1945 wird für den österreichischen Katholizismus die Stunde des Aufbruchs – die Katholische Aktion wird neu gegründet, Mauer wird deren geistlicher Assistent, gemeinsam mit Otto Schulmeister und Anton Böhm gründet er „Wort und Wahrheit“, eine Zeitschrift für Religion und Kultur, wie sie sich programmatisch nennt. Er und seine Mitstreiter Karl Strobl und Ferdinand Klostermann bereiten jene Reformen vor, die im Zweiten Vatikanischen Konzil verwirklicht wurden: Gespräch mit dem Protestantismus, Mitbestimmung der Laien, Öffnung zur Welt der Wissenschaft und Kultur.

Mauers Engagement für die moderne Kunst war ein Teil des umfassenden Modernisierungsprozesses der österreichischen Kirche. Die große Kluft zwischen Kirche und Kunst, die seit der Aufklärung aufgebrochen war, wollte Otto Mauer überwinden. Er verstand sich als Brückenbauer zwischen Kunst und Kirche. Seine Aktivitäten stießen weder in der Kirche noch in der Gesellschaft auf große Zustimmung. Dass er für die Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft an Bertolt Brecht plädierte, war in Zeiten des Kalten Kriegs ein Tabubruch. Einer von vielen.

Im kirchlichen Bereich berief sich Otto Mauer auf die beiden Vordenker einer modernen Seelsorge in Österreich, Michael Pfliegler und Karl Rudolf. Im Kultur, Kunst und Architektur war es das „renouveau catholique“, die Erneuerung des französischen Katholizismus, die ihn faszinierte. Dort erfolgte seine „Bekehrung zur Avantgarde“ (Robert Fleck). 1954 gründete Otto Mauer in der Wiener Grünangergasse, wo 1922 Otto Kallir seine Galerie eröffnet hatte, mit einer Herbert Boeckl gewidmeten Ausstellung die Galerie St. Stephan. Diese war gedacht als Ort der Begegnung, des Dialogs zwischen Künstlern und Intellektuellen.

Bald öffnete Mauer seine Galerie der internationalen Avantgarde, die damals auf Abstraktion setzte. Informel und Tachismus kamen aus Paris und den USA nach Wien.

Durch Mühl und Nitsch unter Druck geraten

1956 formierte sich die Gruppe jener vier Maler, die für 15 Jahre die „Gruppe St. Stephan“ bilden sollten und unter diesem Markenzeichen ihre internationalen Karrieren starteten: Arnulf Rainer, Markus Prachensky, Josef Mikl und Wolfgang Hollegha.

Mauers Galerie hatte in den 5oer Jahren das Monopol für moderne Kunst in Österreich. Er wollte die besten Architekten, Bildhauer und Maler für die Kirche gewinnen.Der Kalte Krieg, in den späten 50ern, frühen 60er Jahren am Höhepunkt, prägte auch die kulturelle Szene. Die neue Gruppe des österreichischen Informel, die jungen Abstrakten, kämpften gegen die Wiener Schule des „Phantastischen Realismus“, deren Vertreter als altmodische Dekorkünstler abgetan wurden, und gegen die Realisten Alfred Hrdlicka, Georg Eisler, Fritz Martinz und Rudi Schönwald, die ihnen zumindest als Kryptokommunisten galten.

Als Mitte der 60er Jahre der Wiener Aktionismus die Szene betrat, kam Otto Mauer samt seiner Galerie unter gehörigen Druck. Mühl lehnte er wegen seiner pornografischen Tendenzen ab, dennoch fand in der Galerie nächst St. Stephan (so musste Mauer die Galerie 1963 umbenennen, weil konservative Kirchenkreise „anstößige Kunstwerke“ kritisierten) ein Otto-Mühl-Konzert statt. Hermann Nitsch wollte seine Aktionen in der Galerie inszenieren. „Also meinetwegen: Hühner rupfen und Lämmer schlachten, das geht gerade noch – aber bitte keine nackten Weiber in der Galerie.“

Solche Rücksicht hinderte Otto Mauer nicht, Frauen zu fördern – Maria Lassnig und Kiki Kogelnik hatten bei ihm ihre ersten Ausstellungen. 1965 wird Oswald Oberhuber künstlerischer Berater der Galerie und öffnet deren Pforten für Pop Art und Op Art, worauf die Vierergruppe auszieht.

Otto Mauer zieht sich zurück, ohne seine Vortragstätigkeit aufzugeben. Längst gilt er international als Kenner der europäischen Nachkriegskunst. Otto Mauers Rolle als Förderer, Vermittler und rhetorisch brillanter Interpret der Ära nach 1945 bleibt unbestritten. Ein Nachfolger, der mit ebenso großer Wirkung diese Rollen übernimmt, hat sich bis heute nicht gefunden.

Otto Mauer (1907–1973) schuf mit der Galerie St. Stephan ein künstlerisch-kirchliches Forum. Ihm widmete Trautl Brandstaller ihre Eröffnungsrede zu einer Gedenkschau im Kloster Pernegg.

Kunst, insbesondere die bildende, hatte für Otto Mauer prophetischen Charakter. Sie war für ihn Gegenentwurf zur bestehenden Gesellschaft. Die Künstler erhob er fast in den Rang von Heiligen, von Menschen mit spiritueller Begabung, die ein neues Welt- und Menschenbild entwarfen: „Vielleicht sind die Propheten in diese Künstler abgewandert, in die Goya, Daumier, George Grosz, weil die Kirche keine Propheten mehr geduldet hat, weil die Kirche kein Interesse hatte, ihr aeternales unerschütterliches Gebäude durch Propheten, die sich nicht nur nach außen an die böse Welt wenden, vielleicht beunruhigen oder gar erschüttern zu lassen“, schrieb er zur Funktion gesellschaftskritischer Künstler.

Erstmals entdeckt hatte er diese Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus. Mauer, aus der Gruppe „Neuland“ kommend, hatte zunächst ein konservatives Kunstverständnis; sieht 1941 in seiner „Theologie der bildenden Kunst“ diese in der Tradition der Scholastik noch als Wegweiser zum Glauben, die geforderte „Schönheit“ als Glanz der Wahrheit, als „splendor veritatis“. Gleichzeitig entdeckt Mauer, der immer wieder von der Gestapo verhaftet wird und als entschlossener Gegner des NS-Regimes gilt, das Widerstandspotenzial in Künstlern wie Hans Fronius und Alfred Kubin.

Der Kaplan entdeckt das Revolutionäre

Die eschatologische Stimmung, die diese beiden Künstler vermittelten, faszinierte den jungen Kaplan. Er studierte Kunstgeschichte und entdeckte das revolutionär-visionäre Potenzial aller großen Kunst. Mauers Rhetorik zur bildenden ändert ihren Charakter: Aus „Manifestation göttlicher Herrlichkeit“ wird Kunst als „Tummelplatz für Dämonen“ („Die verfallenen Altäre werden von Dämonen bewohnt“, heißt ein Fronius-Blatt). Kunst wird für Mauer zum Psychogramm einer Gesellschaft, in der das Gute und das Böse in ständigem Kampf liegen. Dieser metaphysisch-ethische Zugang zur Kunst wird alle ästhetischen Moden der Nachkriegszeit überlagern und überdauern. Während des Kriegs, als junger Kaplan, begann er, Kunst zu sammeln.Von Max Weiler aus dem Bund Neuland und Herbert Boeckl, den er in seinen Bibelstunden kennen gelernt hatte, von sogenannten „entarteten Künstlern“ wie Max Beckmann, George Grosz und Lovis Corinth.

Publizistische Vorbereitung von Reformen

1945 wird für den österreichischen Katholizismus die Stunde des Aufbruchs – die Katholische Aktion wird neu gegründet, Mauer wird deren geistlicher Assistent, gemeinsam mit Otto Schulmeister und Anton Böhm gründet er „Wort und Wahrheit“, eine Zeitschrift für Religion und Kultur, wie sie sich programmatisch nennt. Er und seine Mitstreiter Karl Strobl und Ferdinand Klostermann bereiten jene Reformen vor, die im Zweiten Vatikanischen Konzil verwirklicht wurden: Gespräch mit dem Protestantismus, Mitbestimmung der Laien, Öffnung zur Welt der Wissenschaft und Kultur.

Mauers Engagement für die moderne Kunst war ein Teil des umfassenden Modernisierungsprozesses der österreichischen Kirche. Die große Kluft zwischen Kirche und Kunst, die seit der Aufklärung aufgebrochen war, wollte Otto Mauer überwinden. Er verstand sich als Brückenbauer zwischen Kunst und Kirche. Seine Aktivitäten stießen weder in der Kirche noch in der Gesellschaft auf große Zustimmung. Dass er für die Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft an Bertolt Brecht plädierte, war in Zeiten des Kalten Kriegs ein Tabubruch. Einer von vielen.

Im kirchlichen Bereich berief sich Otto Mauer auf die beiden Vordenker einer modernen Seelsorge in Österreich, Michael Pfliegler und Karl Rudolf. Im Kultur, Kunst und Architektur war es das „renouveau catholique“, die Erneuerung des französischen Katholizismus, die ihn faszinierte. Dort erfolgte seine „Bekehrung zur Avantgarde“ (Robert Fleck). 1954 gründete Otto Mauer in der Wiener Grünangergasse, wo 1922 Otto Kallir seine Galerie eröffnet hatte, mit einer Herbert Boeckl gewidmeten Ausstellung die Galerie St. Stephan. Diese war gedacht als Ort der Begegnung, des Dialogs zwischen Künstlern und Intellektuellen.

Bald öffnete Mauer seine Galerie der internationalen Avantgarde, die damals auf Abstraktion setzte. Informel und Tachismus kamen aus Paris und den USA nach Wien.

Durch Mühl und Nitsch unter Druck geraten

1956 formierte sich die Gruppe jener vier Maler, die für 15 Jahre die „Gruppe St. Stephan“ bilden sollten und unter diesem Markenzeichen ihre internationalen Karrieren starteten: Arnulf Rainer, Markus Prachensky, Josef Mikl und Wolfgang Hollegha.

Mauers Galerie hatte in den 5oer Jahren das Monopol für moderne Kunst in Österreich. Er wollte die besten Architekten, Bildhauer und Maler für die Kirche gewinnen.Der Kalte Krieg, in den späten 50ern, frühen 60er Jahren am Höhepunkt, prägte auch die kulturelle Szene. Die neue Gruppe des österreichischen Informel, die jungen Abstrakten, kämpften gegen die Wiener Schule des „Phantastischen Realismus“, deren Vertreter als altmodische Dekorkünstler abgetan wurden, und gegen die Realisten Alfred Hrdlicka, Georg Eisler, Fritz Martinz und Rudi Schönwald, die ihnen zumindest als Kryptokommunisten galten.

Als Mitte der 60er Jahre der Wiener Aktionismus die Szene betrat, kam Otto Mauer samt seiner Galerie unter gehörigen Druck. Mühl lehnte er wegen seiner pornografischen Tendenzen ab, dennoch fand in der Galerie nächst St. Stephan (so musste Mauer die Galerie 1963 umbenennen, weil konservative Kirchenkreise „anstößige Kunstwerke“ kritisierten) ein Otto-Mühl-Konzert statt. Hermann Nitsch wollte seine Aktionen in der Galerie inszenieren. „Also meinetwegen: Hühner rupfen und Lämmer schlachten, das geht gerade noch – aber bitte keine nackten Weiber in der Galerie.“

Solche Rücksicht hinderte Otto Mauer nicht, Frauen zu fördern – Maria Lassnig und Kiki Kogelnik hatten bei ihm ihre ersten Ausstellungen. 1965 wird Oswald Oberhuber künstlerischer Berater der Galerie und öffnet deren Pforten für Pop Art und Op Art, worauf die Vierergruppe auszieht.

Otto Mauer zieht sich zurück, ohne seine Vortragstätigkeit aufzugeben. Längst gilt er international als Kenner der europäischen Nachkriegskunst. Otto Mauers Rolle als Förderer, Vermittler und rhetorisch brillanter Interpret der Ära nach 1945 bleibt unbestritten. Ein Nachfolger, der mit ebenso großer Wirkung diese Rollen übernimmt, hat sich bis heute nicht gefunden.