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Sehnsucht nach dem Echten

Vor 30 Jahren starb der Akademikerseelsorger und Kunstförderer Otto Mauer. Was bleibt von seinem Mythos?

Otto Mauer war zweifellos einer der führenden und einflussreichsten Intellektuellen der jungen Zweiten Republik. 1907 geboren, besuchte er 1918 bis 1925 die Bundesrealschule Wien-Waltergasse, war ab 1923 engagiert in den aufblühenden katholischen Jugendbewegungen und bald in der Bundesleitung des legendären Neulandbundes tätig. 1926 bis 1931 Priesterseminar und Theologiestudium, 1931 bis 1938 Kaplan und Lehrer in Industriequartieren wie Schwechat, Ottakring, Floridsdorf und Berndorf, parallel pflegt er intensive Kontakte zu Neuland-Intellektuellen und Künstlern.

1938 bis 1945 übt er mit seinen Bibelabenden und Diskussionszirkeln erheblichen Widerstand gegen das Regime, wird auch mehrmals verhaftet. Nach 1945 nimmt er in der Diözese Wien verschiedenste Ämter wahr, als unbequemem Intellektuellen bleiben ihm aber einflussreiche Positionen verwehrt. Mauer dient als Domprediger, Geistlicher Assistent des Katholischen Akademikerverbandes und der Katholischen Aktion, konzipiert den Katholikentag 1952 - aber vor allem gibt er (mit Otto Schulmeister) die Zeitschrift Wort und Wahrheit heraus und leitet die legendäre "Galerie nächst St. Stephan".

Der Redekünstler

Kaum weniger als die kämpferische und vielschichtige Biografie Mauers fasziniert das lange Nachleben seiner Ideen. Bereits 1983, zehn Jahre nach Mauers Tod, erscheinen die ersten Würdigungen seiner Kunstaktivitäten, die Albertina zeigte seine private Kunstsammlung, die dann unter komplizierten Vertragswerken in die Verwaltung des Dommuseums überging. 1993 erschienen Editionen von Mauers Kunsttexten (Hg. Günther Rombold) und theologischen Arbeiten (Hg. Werner Reiss).

Wenn nun am 2. Oktober die bereits dritte Gesamtausstellung der Sammlung Mauer im Museum am Stephansplatz eröffnet wird (nach einer Präsentation von Rupert Feuchtmüller 1983 und einer vom Autor kuratierten Schau von 1993), dann tritt einmal mehr die Kunst-Figur Otto Mauer in den Vordergrund.

Warum faszinierte gerade das spektakuläre Kunstengagement des Priesters mehr als alle seine anderen intellektuellen und theologischen Leistungen? Die Antwort ist provokant: Weil von allen drei Bereichen, in denen Mauer reüssierte - also Religion, Wissenschaft und Kunst -, heute im Grunde nur mehr die Kunst als öffentliche Sensation übriggeblieben ist, bei aller gesellschaftlichen Prominenz der anderen. Kunst repräsentiert trotz ihrer Ver-Alltäglichung und Kommerzialisierung in unserer Gesellschaft immer noch das Andere, Besondere, Geheimnisvolle und Magische - außerdem ist sie eine bequeme und unterhaltsame Ersatzreligion, die weniger Verantwortlichkeit von ihren "Kunden" einfordert als zeitgemäße, engagierte Religion.

Mauer ist auch deshalb noch prominent, weil die jungen Künstler, die er in seiner Galerie vor vierzig Jahren lancierte, heute zu den bekanntesten zählen. Für viele bedeutete eine Ausstellung bei ihm die Etablierung in den liberaleren Kreisen der immer noch konservativen österreichischen Nachkriegsgesellschaft.

Der Rebell

Arnulf Rainer erinnert sich heute: "Es war schon eine Wucht, wie da ein sehr hoher Geistlicher etwas gegen alles gesetzt hat, was die Gemeinde Wien und das Ministerium gefördert haben. Das war eine kulturpolitische Leistung. Er war ein geistlicher Mensch im höchsten Grad. Über alle Kunst hat er geistlich in einer enthusiastischen Weise reden können. In meiner Generation war man über diese positive Interpretation überrascht, es hat uns schon überzeugt. Er hat es ja nicht auf niedrigem Niveau gemacht, sondern er hat es immer in eine höchste Sprachform gekleidet, sodass ich ihn eigentlich immer auch als Künstler gesehen habe. Als Redekünstler sicher, aber einen, der Begeisterung durch seine Reden und nicht durch Bilder vermittelte."

Eine Otto-Mauer-Nostalgie ist indes weitgehend unangebracht. Denn wer kann sich ernsthaft in die engen gesellschaftlichen Verhältnisse der Nachkriegszeit zurücksehnen, in eine unfreie Zeit voller Konventionen und Zwänge, in der man als Künstler von vornherein verdächtig war? Doch der Österreicher ist sentimental und lässt sich retrospektiv gerne von der Brisanz des damaligen Kunst-Diskurses zwischen den großen gesellschaftlichen Mächten fesseln. Mauer war nämlich eine unangepasste Figur zwischen den großen Blöcken Staat und Kirche - eine Konstellation, die es heute nicht mehr gibt, da funktional der Staat von der globalisierten Wirtschaft und die Kirche von der Kulturszene ersetzt wurde. Mauers rebellische Ansichten waren zeitgebunden und konnten nur in der gegebenen Situation funktionieren - heute wäre seine theatralische Rede der Lächerlichkeit ausgesetzt.

Mauers Sozialisation in der Neulandbewegung der 1920er Jahre hat viel zu tun mit seiner Botschaft der Nachkriegszeit, wie wir sie heute erinnern. Die Kunstformen seiner Jugend waren Expressionismus und Sachlichkeit, die Feinde des Fortschritts waren die autoritäre Repräsentations-Kirche und die anciens régimes, die Ziele hießen Selbstbestimmung und Leben in einfacher Aufrichtigkeit. Wie perfide und exzessiv diese lauteren Sehnsüchte der damaligen Jugendlichen vom Nationalsozialismus missbraucht wurden, ist heute noch atemberaubend. Er kopierte die Bräuche, die Lieder, die Fackeln der kirchlichen Jugendbewegungen und verführte sie von Gott zu Hitler.

Der reine Geist

Mauers Kampf, Mauers Mission ist nur aus diesem Trauma verständlich. Sein Streben war nicht weniger als die Restitution Gottes in der immer noch "repräsentativen" und autoritären Amtskirche nach 1945, die Restitution des Geistes in der von der NS-Ästhetik verdorbenen Kunst. "Geist" war in seinem Kampf Synonym für Gott, für Freiheit und Reinheit. Der puristische Impetus der modernen Rebellen der 1920er Jahre setzte sich (nachdem ihn die Nazis auf die "Rassenlehre" umgelenkt hatten) in Mauers Nachkriegskampf in angestrebten "reinen" Formen religiöser und künstlerischer Praxis fort.

Im Kunstbereich wurde daraus eine Moralität konstruiert, die der damaligen abstrakten Malerei entgegenkam, für die Mauer sich ganz selbstverständlich engagierte. Denn (religiöse) Maler wie Alfred Manessier und (agnostisch/ atheistische) wie Georges Mathieu bedienten sich in ihren abstrakten Gesten und Pinselhieben einer ebenso "reinen" Formensprache wie in seiner Jugendzeit die Neuland-Künstler, die in der sachlich-geometrischen "Bereinigung" der (gegenständlichen) Formensprache ihre Wahrheit erkannten. Was für Mauer eine logische und konsequente Entwicklung war, bedeutete jedoch für weite Gesellschaftskreise, die noch nicht einmal mit den braven Stilisierungsversuchen der Zwischenkriegszeit vertraut waren, fremdes Terrain von der Qualität einer Mondlandschaft.

Brot & Wein

Alle Konflikte mit Tradition und Autorität, die sich aus dem avancierten Wissen Mauers ergaben, folgten diesem einfachen Purifikationsmuster, sei es in der Theologie oder Kunst. Und die heutige Sehnsucht nach den (überholten) Kirche & Kunst-Debatten der Nachkriegsära ist im Kern auch eine Sehnsucht nach Authentizität im Kunstbetrieb. Viele sind die aufgeblasene Eitelkeit der zahllos vermehrten und von einer naiven Politik geliebten Selbstdarsteller im Kunstbetrieb leid, viele spüren die Inhaltsleere, die sich hinter Previews, Charity-Dinners und anderen Rahmenprogrammen heutiger Kunstpräsentation verbirgt. Leider wird sich jedoch die Sehnsucht nach der Unschuld und Reinheit der damaligen Debatten, bei denen man (natürlich!) nur Brot und Wein reichte, kaum in einer neuen Kunst-Kultur materialisieren - denn wir sind alle käuflich geworden.

Der Autor ist Professor an der Universität für angewandte Kunst Wien. 1993 kuratierte er die Schau "Kairos. Die Sammlung Otto Mauer im Wiener Dommuseum", 1994-99 war er Juror des Otto-Mauer-Kunstpreises sowie Kuratoriumsmitglied des O.-Mauer-Fonds.

Metanoia

Zum 30. Todestag von Monsignore Otto Mauer

Werke aus seiner Sammlung

Erzbischöfliches Dom- und Diözesanmuseum, 1010 Wien, Wollzeile 2

Nächste Woche in der Furche: Wilhelm Zauner über den Seelsorger Otto Mauer.

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