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Auf der Suche nach Regelmäßigkeiten

Jahrtausendwende steht vor der Tür. Und mehr denn je ist die zeitgenössische Kunst zwischen zwei Polen hin- und hergerissen. Sie befindet sich in einem ständigen Spannungsfeld zwischen subjektiv-expressivem Chaos und harmonisie-. render Ordnung. Künstlerisches Schaffen bedeutet seit der Moderne Zerstören von gesellschaftlich relevanten Regeln und zugleich unaufhörliches Suchen nach neuen Ordnungen und Harmonien. So lautet zumindest die These der spannenden Sommerausstellung in der Kunst. Halle.Krems mit dem Titel „Chaos, Wahnsinn - Permutationen zeitgenössischer Kunst".

Als Gastkurator wurde der bekannte Schweizer Ausstellungsmacher Johannes Gachnang geladen, der 1989 mit seiner Großausstellung „Bilder -streit" für heftige Diskussionen innerhalb der Kunstszene sorgte. Gachnang, der selbst bildender Künstler ist, vertrat in der Kölner Kunstschau die These von der „Unteilbarkeit der Kunst". Unterschiedlichste Kunstrichtungen stellte er einander gegenüber. Gachnang zeigte, daß sich das apollinische und das dionysische Prinzip in der Kunst nicht so unversöhnlich gegenüberstehen, wie es in den ideologischen Auseinandersetzungen der sechziger Jahre erschien: Minimal Art wurde direkt neben wilder, gestischer Malerei präsentiert.

Für die Kremser Ausstellung hat der Schweizer, der seine Kurator-Rolle mehr als „ Andeuter" denn als „Ausdeuter" versteht, über 200 Werke internationaler, zeitgenössischer Künstler ausgewählt. Gemeinsam ist den Arbeiten die Suche nach Regelmäßigkeiten innerhalb der Regellosigkeit. „Wege" (1992) heißt ein Objekt von Herbert Kiecol, das als Leitmotiv der

Ausstellung gesehen werden kann. Gleichförmige Treppenabschnitte sind zu einem chaotischen Haufen aufgetürmt. Im Gegensatz zu einer Treppe, die von unten nach oben führt, hat das Treppenobjekt Kiecols keinen Anfang und kein Ende. Die Wege führen in alle Richtungen -beginnen und hören plötzlich wieder auf. Ähnlich ergeht es dem Resucher der Ausstellung. Denn die Schau gibt keine „didaktischen" Hinweise, will nichts wissenschaftlich dokumentieren. Gachnang ist Künstler - er überläßt die Kunst ihrer eigenen Sprache. Höchst sensibel setzt er die Werke zueinander in Reziehung und läßt doch vieles offen. Erfreulich ist die einfühlsame Gestaltung, die genauso bewußt wie zufällig wirkt. Kein Raum ist überfüllt, jeder Saal hat eine eigene Atmosphäre.

Im großen Oberlichtsaal der Kri-schanitzschen Kunsthalle kommunizieren großformatige Malereien von Georg Raselitz, Per Kirkeby und Günther Förg. Sie alle bringen subjektive Regeln in das malerische Chaos. Der Däne Kirkeby organisiert seine Rilder nach einem organischen Ordnungsprinzip, während Förg und Federle geometrische Systeme aufstellen, die zugleich wieder hinterfragt werden. Georg Raselitz hat für seine Malerei eigene Gesetzmäßigkeiten entworfen. In seiner „verkehrten Welt" stehen die Figuren Kopf.

Aufwühlend ist die Stimmung in einem kleinen Saal, den sich zwei Künstler aus dem angelsächsischen Raum teilen. Reide zeigen sich als Re-obachter des Unmenschlichen und Zwanghaften: Geradezu belanglos reiht Damien Hirst, Jungstar der Lon -doner Kunstszene und Riennale Teilnehmer, in einem Kasten ausgedrückte Zigarettenstummel oder setzt

Farbmuster der chemischen Industrie teilnahmslos nebeneinander. Im selben Raum dreht sich unaufhörlich Rruce Naumanns Skulptur „Karussell der verstümmelten Tiere". Die „Tiere" können dem kreisförmigen Irr-( lauf ! nicht entkommen — bei jeder Drehung „verletzen" sie sich aufs neue. Es ist wohl eines der beeindruckendsten Objekte der Ausstellung, das einem genauso wenig aus dem Kopf geht wie Naumanns Video

„Double" mit den zwei sich anschreienden Clowns. Die Arbeiten des Amerikaners vermitteln ein beklemmendes Gefühl der Ohnmacht. Letzter Ort der Freiheit scheint die Kunst zu sein.

Von der obsessiven Ordnungssuche in Zusammenhang mit Geisteskrankheit zeugen die berührenden und sublimen Farbstiftzeichnungen des 1930 verstorbenen, schizophrenen Künstlers Adolf Wölffli. Unter den Österreichern fällt vor allem der junge Künstler Peter Kogler mit seiner Sieb -druck-Installation auf. Die auf die

Wände und Decken des Stiegenhauses tapezierten Röhrensysteme erzeugen eine „kafkaeske" Atmosphäre - auf welcher Ebene der Kunsthalle man sich auch befindet, den bedrohenden „Röhren" Koglers entkommt man nicht. Der in New York lebende österreichische Architekt Raimund Abraham hat einen 15 Meter hohen Turm aus geometrischen Grundformen vor die Kunsthalle gestellt. Im Inneren des Gebäudes ist der imaginäre Turm-Schatten zu sehen. Gebändigte Wildheit findet sich in den minutiös gezeichneten Partituren von Hermann Nitsch und den Kreuzbildern Arnulf Rainers. Franz West hingegen spielt in seiner Arbeit „Curacao" ironisch mit der „Ordnung" der Kunstbetrachtung, indem er zum Renutzen seiner Kunstwerke auffordert.

Reim Gang durch die Kunsthalle entdeckt man neben Zeitgenössischem auch Arbeiten von Avantgarde-Klassikern wie Kurt Schwitters oder Richard Paul Lohse. Schwitters darf natürlich in einer Schau, in der es um „Ordnungsbrüche" geht, nicht fehlen. Mit dem Prinzip der Collage erfand er das entsprechende Ausdrucksmedium für unser Jahrhundert: Aus Fragmenten wird eine neue Ordnung hergestellt.

Eine zentrale Gestalt für die Gegenwartskunst ist der „Kunstmagier" Marcel Rroodthaers. Ihm ist ein eigener Raum gewidmet. Der den Sur-

realisten nahestehende Relgier war ursprünglich Dichter. Im Zentrum seiner Arbeit steht die Erkenntnis der Relativität der Redeutungen und die spielerische Umsetzung dieser Erkenntnis in gedichtähnliche Wort-Rild-Embleme.

Künstlerinnen sind in der Kremser Schau nicht sehr zahlreich vertreten. An die Avantgarde der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts erinnern die fein-linigen, geometrischen Kompositionen Sophie Taeuber-Arps. Für die Österreicherin Hilde Absalon heißt Ordnungsuche „Penelopesche" Handarbeit. Fotorealistische Alltagsbilder setzt die Künstlerin mit mühsamer Goblin-Technik ins ordnende Gewebe um. Im textilen Bereich zu Hause ist auch die junge Schweizerin Marie Sacconi. Auf Stoffe stickt sie regelmäßige Muster, die in ihrer minimalen Präsenz erst bei genauem Hinsehen erkennbar werden.

„Viele Menschen fürchten sich vor der zeitgenössischen Kunst, wie man sich vor einem Alptraum fürchtet, der doch in Beziehung zur Bealität steht" meint die französische Philosophin Julia Kristeva im Katalog zur Ausstellung. Auf dem Heimweg von dem „geordneten, künstlerischen Chaos" in Krems zurück im alltäglichen Verkehrschaos geht es einem umgekehrt, und man sehnt sich wieder nach dem regelmäßigen System farbiger Pinselabdrücke eines Niele Toroni... (Bis 27. Oktober)

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