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Pariser Kunstfrühling

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Wer gegenwärtig in Paris künstlerische Impulse sucht, kommt voll und ganz auf seine Rechnung. Vor wenigen Tagen wurden zwei großartige Ausstellungen dem Publikum übergeben. — Im Grand-Palais der Champs- Elysees zeigt die jugoslawische Völkergemeinschaft acht Jahrtausende künstlerischer Geschichte. Für die Südslawen bedeuten ihre Kunstwerke eine behändere Fitrih de« Vfiderstandes.-IMcse Resistenz war, wie Professor Milan Prelog vön der Universität Agram ausführt, die ,selbstverständr liehe Bedingung der völkischen Behauptung. Jugoslawien mußte in Raum und Zeit seine Orientierung finden, um zahlreiche Invasionen abzuwehren. Die militärischen Eroberungen brachten die Serben, Kroaten und Slowenen mit anderen Regionen und Gemeinschaften in Kontakt. Die künstlerischen Anregungen kamen aus dem Ausland und begegneten der Opposition, die aus der Tiefe der eigenen Bevölkerung ersproß.

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Wer gegenwärtig in Paris künstlerische Impulse sucht, kommt voll und ganz auf seine Rechnung. Vor wenigen Tagen wurden zwei großartige Ausstellungen dem Publikum übergeben. — Im Grand-Palais der Champs- Elysees zeigt die jugoslawische Völkergemeinschaft acht Jahrtausende künstlerischer Geschichte. Für die Südslawen bedeuten ihre Kunstwerke eine behändere Fitrih de« Vfiderstandes.-IMcse Resistenz war, wie Professor Milan Prelog vön der Universität Agram ausführt, die ,selbstverständr liehe Bedingung der völkischen Behauptung. Jugoslawien mußte in Raum und Zeit seine Orientierung finden, um zahlreiche Invasionen abzuwehren. Die militärischen Eroberungen brachten die Serben, Kroaten und Slowenen mit anderen Regionen und Gemeinschaften in Kontakt. Die künstlerischen Anregungen kamen aus dem Ausland und begegneten der Opposition, die aus der Tiefe der eigenen Bevölkerung ersproß.

Noch niemals, selbst im Heimatland, wurde eine derartige Fülle von Ausstellungsgegenständen jugoslawi- s’cher Kunst an einem Ort vereinigt. Hervorragende Experten der europäischen Kunstgeschichte gestehen, daß sie vom Gezeigten tief und angenehm überrascht sind. Die Ausstellung ist technisch hervorragend organisiert. Mehr als 600 Gegenstände in sechs Sektionen vermitteln die Synthese des Themas. Die eindrucksvollste Abteilung wird unter dem Titel „Archäologie“ mit 170 Einheiten geboten. Die verschiedenen Zivilisationen, von der Steinzeit bis in das hohe Mittelalter, als die Südslawen eine historische Rolle zu spielen begannen, werden plastisch illustriert. Französische Sachverständige bewundern die vorzeitlichen Skulpturen, welche kürzlich am Ufer der Donau gefunden wurden. Die Goldmasken aus Mazedonien des 5. Jahrhunderts v. Chr. bezeugen die griechische Kolonisation der adriatischen Küste. Bemerkenswert erscheint der künstlerische Ausdruckswille des kaiserlichen Rom, angereichert durch Impulse der Bevölkerung. Der Einfluß von Byzanz auf die jugoslawische Kunstentwicklung ist vielfältig. Leider konnte die Vollendung einer solchen Kunstrichtung, ausgedrückt in Mauerfresken, im Rahmen dieser Ausstellung kaum zum Ausdruck gelangen. Nach einem eisernen Prinzip wurden nur echte Stücke selektio- niert. Im Mittelpunkt der Exposition stehen Ikonen des 13. bis zum 17. Jahrhundert, welche durch Intensität und Qualität das religiöse Leben eines Zeitabschnittes bezeugen.

Die ausgestellten Werke der Gotik und Renaissance wirken auf den Betrachter gegenüber dem Reichtum des frühen Mittelalters eher ärmlich. Von eigenartigem Reiz dürfte die Begegnung mit der islamischen Kultur sein, die im jugoslawischen Raum kaum zur vollen Entfaltung gelangt, aber einzelne bemerkenswerte Schöpfungen gestaltet hat. In einer besonderen Abteilung sieht man wuchtige Grabsteine, „stechaks“ genannt, aus Bosnien und der Herzegowina. Die Ursprünge dieser mittelalterlichen Monumente sind umstritten. Solche Grabsteine werden erstmals im Ausland gezeigt. Die jugoslawischen Kunstsachverständigen beurteilen sie als das Sonderbarste, was die wechselvolle Geschichte des Landes hervorbrachte. Der fünfte Ausstellungsbereich ist der Kunst des Barocks und des 19 Jahrhunderts gewidmet. Die Einflüsse des süddeutsch-österreichischen Gebietes sind unverkennbar. Schließlich gelangt man in die Säle, welche dem 20. Jahrhundert gewidmet sind. Der Versuch der Jugoslawen, westeuropäische Kunstrichtungen zu erfassen und durch Eigeninitiative zu komplettieren, wird klar. Die Malerei der Nachkriegszeit zeichnet sich durch einen ästhetischen Nichtkonformismus aus, der im strikten Gegensatz zum „sozialistischen Realismus“ aller Staaten steht, die nach dem zweiten Weltkrieg das kommunistische Gesellschaftsregime annahmen oder denen es aufgezwungen wurde. Die expressionistischen und surrealistischen Tendenzen der Maler Grohar, Jama, Kregar und Popovic beeindruckten ebenso wie die Naiven, welche aus dem Bauernstand stammen, wie Rabuzin und Generalic („Der gekreuzigte Hahn“), authentische Vertreter einer ungebrochenen Volkskunst.

Mercedes-Benz-France überraschte die Liebhaber der Malerei mit einer Übersicht moderner Gemälde, wie man sie in dieser Geschlossenheit in Paris selten sieht. Die Initiative geht auf eine Stiftung der Firma zurück, die damit erstmalig eine originelle Form des industriellen Mäzenates beweist. In den stilvollen Pariser Hallen der Stuttgarter Gesellschaft werden 51 Gemälde von 26 lebenden Malern exponiert. —Die französische Mercedes-Benz-Stiftung wird in Zukunft in regelmäßigen Abständen weitere derartige Ausstellungen organisieren, die nicht nur der Malerei, sondern auch Plastiken, Gobelins und anderen Kunstgegenständen gewidmet sein werden. Im Prinzip ist eine solche Aktion drei- bis viermal jährlich geplant.

Die Vernissage hat sich als Motto einen Satz des genialen Dichters und Vertrauten General de Gaulles, Andrė Malraux, gewählt: „Jede Schöpfung ist zu Beginn ein Kampf der Formen in ihrer Ausdruckskraft gegen eine nachgeahmte.“ Der Mensch der Gegenwart soll also an einem Ort und durch einen einzigen Besuch Bilder entdecken, die in vielen Galerien und zahlreichen Privatarten verstreut sind. Die ausgewählten Gemälde, unter denen wir glanzvolle Signaturen, wie Buffet, Hartung und van Velde, finden, gehören zum Stolz großer Museen und bedeutender Sammlungen. Die von Octave Negru ausgewählten Werke sollen den Beschauer mit spezifischen Ausdrucksformen einer festumrissenen Epoche konfrontieren. Mercedes-Benz hofft zuversichtlich, daß andere Industriefirmen diesem Beispiel folgen. Die Herren der Stiftung entwickelten eine besondere Philosophie, deren Grundzüge von Octave Negru dem Korrespondenten der „Furche“ am Tag der Ausstellungseröffnung dargelegt wurden: „Die Zeit der privaten Mäzene scheint vorbei zu sein. Es handelt sich nicht mehr darum, einigen Privilegierten nach subjektiven Kriterien Unterstützung zu gewähren, sondern die Aufmerksamkeit der Kenner und Laien für die moderne Kunst zu erwecken. Das Haus Mercedes-Benz sieht es als seine vornehmste Aufgabe an, alle Tendenzen der modernen Malerei vorzustellen, mögen sie noch so zahlreich und gegensätzlich sein. Freilich ist es schwierig, neben den bekannten Namen der Gegenwart die Talente von morgen zu entdecken. Wir wollen natürlich nicht mit amtlichen Ausstellungen und Galerien wetteifern. Die Stiftung verteilt weder Preise noch Titel. So haben wir einen Leitsatz gefunden: Wir vereinen, was früher durch Unverständnis verraten wurde. Denn unser Jahrhundert riskiert, manches durch Einseitigkeit und Parteiengeist zu verlieren. Der Zeitgenosse möge Kontakt mit der Gegenwart nehmen, ja noch viel wichtiger, es soll ihm eine Begegnung ermöglicht werden, um seine Ideen mit anderen zu vergleichen. Es erscheint notwendig, verschiedene Persönlichkeiten und Kunstwerke mannigfaltiger Art zu sammeln, die dann einen bereichernden Austausch gestatten. Bei unserer Initiative handelt es sich um einen kühnen Versuch, die lebenden Kräfte der zeitgenössischen Kunst mit den Bedingungen der modernen Industrie zu versöhnen. In den folgenden Ausstellungen hoffen wir, die Sicht zu vervollständigen und die Gegenwartskunst in ihren charakteristischen Linien zu illustrieren.“

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